Das Gefühl, dass die Beine beim Gehen oder Stehen plötzlich nachgeben, ist ein beängstigendes Erlebnis. Es kann viele Ursachen haben, von harmlosen Verspannungen bis hin zu ernsthaften Erkrankungen. Dieser Artikel soll einen umfassenden Überblick über die möglichen Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten geben, um Betroffenen und Interessierten ein besseres Verständnis zu ermöglichen.
Einführung
Das Wegsacken der Beine ist ein Symptom, das verschiedene Ursachen haben kann. Es beschreibt das plötzliche Gefühl von Schwäche oder Instabilität in den Beinen, das dazu führen kann, dass man das Gleichgewicht verliert oder stürzt. Dieses Phänomen kann sowohl junge als auch ältere Menschen betreffen und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
Ursachen für das Wegsacken der Beine
Die Ursachen für das Wegsacken der Beine sind vielfältig und können in verschiedene Kategorien eingeteilt werden:
Neurologische Ursachen
- Bandscheibenvorfall: Ein Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule (LWS) entsteht, wenn Teile einer Bandscheibe verrutschen und auf Nervenwurzeln oder das Rückenmark drücken. Dies kann zu stechenden Schmerzen im unteren Rücken, Taubheitsgefühl oder Kribbeln im Bein und Kraftverlust führen, der das Bein „wegknicken“ lässt. Besonders häufig ist der Bandscheibenvorfall zwischen dem 4. und 5. Lendenwirbel (L4/L5) oder am Übergang zur Kreuzbeinregion (L5/S1).
- Spinalkanalstenose: Eine Verengung des Wirbelkanals, durch den die Nervenfasern entlang der Wirbelsäule verlaufen, kann Druck auf die Nervenbahnen ausüben. Dies betrifft überwiegend Senioren und kann die beschwerdefreie Gehstrecke stark einschränken.
- Polyneuropathie: Schädigungen peripherer Nerven führen häufig zu Missempfindungen, Taubheitsgefühlen und verminderter Muskelkontrolle. Patienten berichten oft von Gangunsicherheiten und subjektivem Kraftverlust.
- Schlaganfall: Ein Schlaganfall kann zu Muskelschwäche oder Lähmungen auf einer Körperseite führen, was das Wegsacken der Beine verursachen kann.
- Multiple Sklerose (MS): MS ist eineAutoimmunerkrankung, die das zentrale Nervensystem betrifft und zu verschiedenen neurologischen Symptomen führen kann, darunter Muskelschwäche und Koordinationsprobleme, die das Wegsacken der Beine begünstigen.
- Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): ALS ist eine degenerative Erkrankung des Nervensystems, die zu fortschreitender Muskelschwäche und Lähmungen führt.
Vaskuläre Ursachen
- Periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK): Die pAVK ist eine Verkalkung der Schlagadern in den Gliedmaßen, die zu einer Durchblutungsstörung führen kann. Typischerweise sind die Beine betroffen. Im Anfangsstadium (Stadium I nach Fontaine) bestehen Gefäßverkalkungen, die noch keine Beschwerden verursachen. Im Stadium II macht sich die Erkrankung im Sinne der sog. „Schaufensterkrankheit“ (Claudicatio intermittens) bemerkbar. Dabei treten je nach Verschluss oder Stenose (Engstelle)-Lokalisation nach einer bestimmten Gehstrecke Muskelschmerzen in Wade, Oberschenkel oder Gesäß auf, die durch Stehenbleiben wieder verschwinden. Der Schmerz ist Ausdruck des Sauerstoffmangels der Muskulatur unter Belastung. Im Stadium III bestehen Schmerzen auch in Ruhe, die klassischerweise im Fuß oder den Zehen auftreten, nachts stärker sind und oft durch Herabhängen des Beines aus dem Bett gelindert werden. Hier ist der Schmerz Ausdruck der schweren Durchblutungsstörung mit drohendem Absterben von Gewebe. Im Stadium IV ist bereits Gewebe untergegangen, was sich durch schwarze Stellen meist den Zehen oder sonstigen Bereichen des Fußes erkennen lässt, im Volksmund auch „Raucherbein“ genannt.
Muskuläre Ursachen
- Muskelschwäche: Muskelschwäche kann verschiedene Ursachen haben, darunter Bewegungsmangel, Mangel an Nährstoffen oder bestimmte Erkrankungen wie Muskeldystrophie.
- Muskelerkrankungen: Seltene Muskelerkrankungen, welche die proximalen Muskeln (die nahe am Rumpf gelegenen Muskeln) betreffen, können Muskelschwäche in Beinen und Hüfte verursachen. Eine Muskelerkrankung wie Muskeldystrophie Duchenne kann Schwäche in diesen Bereichen bereits ab dem Alter von drei Jahren hervorrufen. Andere Muskelerkrankungen führen jedoch erst deutlich später zu fortschreitender Muskelschwäche. Beispielsweise kann bei Morbus Pompe bereits sehr früh eine Schwäche vorliegen. Man bemerkt sie möglicherweise aber erst im Erwachsenenalter, weil sie sehr langsam fortschreitet.
Andere Ursachen
- Bewegungsmangel: Verbringt man längere Zeit sitzend oder liegend, baut der Körper Muskeln, die nicht beansprucht werden, ab.
- Mangel an Nährstoffen: Ein Mangel an wichtigen Nährstoffen wie Eiweiß kann zu Muskelschwäche führen.
- Psychische Ursachen: Depressionen oder chronisches Erschöpfungssyndrom können mit Antriebslosigkeit und einem Gefühl von Abgeschlagenheit einhergehen, was sich als Muskelschwäche äußern kann.
- Nebenwirkungen von Medikamenten: Statine oder einige Antibiotika können als Nebenwirkung Muskelschwäche verursachen.
- Alter: Im Alter nimmt die Muskelmasse ab und die Muskeln werden schwächer. Zugleich bewegen sich ältere Menschen oft weniger und essen zu wenig, um ihre Muskulatur mit ausreichend Nährstoffen zu versorgen.
- Fehlhaltungen: Das Stehen mit dem Gewicht auf einem Bein kann zu Instabilität und Schwächegefühl führen.
- Angst: Akute Angst kann zu zittrigen Knien führen, während chronische Angst mit dauerhaftem Knieschlottern einhergehen kann.
Symptome
Die Symptome des Wegsackens der Beine können je nach Ursache variieren. Häufige Symptome sind:
- Plötzliches Gefühl von Schwäche oder Instabilität in den Beinen
- Schwierigkeiten beim Gehen oder Stehen
- Das Gefühl, dass die Beine „versagen“
- Schmerzen im unteren Rücken, Gesäß oder Bein (bei Bandscheibenvorfall)
- Taubheitsgefühl oder Kribbeln im Bein (bei Bandscheibenvorfall)
- Muskelschwäche in den Beinen oder Hüften
- Eingeschränkte Gehstrecke (bei pAVK oder Spinalkanalstenose)
- Gangunsicherheit
- Schwindel
- Erschöpfung
Diagnose
Die Diagnose der Ursache für das Wegsacken der Beine beginnt mit einer gründlichen Anamnese und körperlichen Untersuchung. Der Arzt wird nach den genauen Symptomen, Vorerkrankungen und eingenommenen Medikamenten fragen. Anschließend wird er verschiedene Tests durchführen, um die Muskelkraft, Reflexe, Sensibilität und Koordination zu überprüfen.
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Je nach Verdacht können weitere Untersuchungen erforderlich sein:
- Bildgebende Verfahren: MRT (Magnetresonanztomographie), CT (Computertomographie) oder Röntgenaufnahmen können helfen, die Ursache der Beschwerden zu identifizieren, z. B. einen Bandscheibenvorfall, eine Spinalkanalstenose oder andere strukturelle Veränderungen der Wirbelsäule.
- Neurologische Tests: Messung der Nervenleitgeschwindigkeit bei Verdacht auf Nervenschäden.
- Vaskuläre Untersuchungen: Ultraschalluntersuchung oder Angiographie zur Beurteilung der Durchblutung der Beine.
- Blutuntersuchungen: Zur Überprüfung auf Entzündungen, Stoffwechselstörungen oder andere Erkrankungen, die Muskelschwäche verursachen können.
- Ganganalyse: In spezialisierten Kliniken kann eine Ganganalyse durchgeführt werden, um die Defizite quantitativ zu erfassen und einer Diagnose zuzuordnen.
Behandlung
Die Behandlung des Wegsackens der Beine richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Es gibt verschiedene Therapieansätze, die einzeln oder in Kombination eingesetzt werden können:
Konservative Therapie
- Schmerzmittel: Nichtsteroidale Antirheumatika (z. B. Ibuprofen) oder Muskelrelaxanzien können Entzündungen und akute Schmerzen reduzieren.
- Physiotherapie: Gezielte Übungen stärken die Muskulatur, verbessern die Haltung und fördern die Beweglichkeit.
- Wärme- oder Elektrotherapie: Lockert verspannte Muskeln und fördert die Durchblutung.
- Gehtraining: Systematisches Gehtraining kann die schmerzfreie Gehstrecke bei pAVK verbessern.
- Ernährungsumstellung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Eiweiß ist wichtig für den Muskelaufbau und die Regeneration.
- Gewichtsreduktion: Übergewicht kann die Wirbelsäule und die Gelenke zusätzlich belasten.
- Anpassung der Lebensgewohnheiten: Vermeiden Sie langes Sitzen, schweres Heben und Fehlhaltungen.
- Pohltherapie: Diese Therapieform kann bei Gangunsicherheit und Schwächegefühl helfen, die auf sensomotorische Amnesie und myofasziale Dysfunktionen zurückzuführen sind.
Medikamentöse Therapie
- Durchblutungsfördernde Medikamente (Prostaglandine): Können den Krankheitsverlauf bei pAVK verbessern.
- Blutverdünnende Medikamente (z. B. ASS und Clopidogrel): Können den Krankheitsverlauf bei pAVK verbessern.
- Levocarnitin: Kann bei Carnitinmangel eingesetzt werden.
Interventionelle Therapie
- Katheterverfahren (Angioplastie): Bei pAVK kann ein Ballon in die Schlagader eingebracht werden, um eine Engstelle aufzudehnen. Bei Bedarf kann auch ein Gitterröhrchen (Stent) zum Offenhalten der Schlagader eingebracht werden.
- Peridurale Injektionen: Können die Nervenreizung bei Spinalkanalstenose lindern und den Einstieg in die Physiotherapie erleichtern.
Operative Therapie
- Bandscheibenoperation: Bei einem Bandscheibenvorfall kann der vorgelagerte Teil der Bandscheibe minimalinvasiv entfernt werden, um den Druck auf die Nervenwurzel zu beseitigen.
- Dekompression des Spinalkanals: Bei Spinalkanalstenose kann der Wirbelkanal erweitert werden, um die Nerven zu entlasten.
- Bypassoperation: Bei pAVK kann eine „Umleitungsschlagader“ um den verengten oder verschlossenen Schlagaderanteil herum angelegt werden, um die Durchblutung des Beines wiederherzustellen.
Vorbeugung
Einige Ursachen für das Wegsacken der Beine lassen sich durch gezielte Vorbeugung vermeiden:
- Regelmäßige Bewegung: Aktivitäten wie Schwimmen, Yoga oder Walking halten die Bandscheiben elastisch und fördern die Nährstoffversorgung.
- Stärkung der Muskulatur: Kräftigungsübungen für Rücken, Bauch und Gesäß entlasten die LWS.
- Rückengerechtes Heben: Heben Sie schwere Lasten nie aus dem Rücken, sondern aus den Beinen.
- Ergonomischer Arbeitsplatz: Achten Sie auf eine gute Haltung beim Sitzen und Stehen.
- Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Nährstoffen ist wichtig für die Gesundheit der Muskeln und Nerven.
- Vermeidung von Risikofaktoren: Rauchen, Übergewicht, Diabetes und Bluthochdruck können die Entstehung von pAVK und anderen Erkrankungen begünstigen.
- Körperbewusstseinstraining: Lernen Sie, Fehlhaltungen zu vermeiden und Ihren Körper bewusst wahrzunehmen.
Tipps für den Alltag
- Treppensteigen: Stützen Sie sich am Geländer ab und führen Sie das schmerzfreie Bein zuerst nach oben. Beim Abstieg gehen Sie rückwärts oder setzen Sie das betroffene Bein zuerst.
- Bewegung: Kurze Spaziergänge oder Schwimmen lockern verspannte Muskeln im Rücken und beugen chronischen Schmerzen vor.
- Wärme: Nutzen Sie Wärme (z. B. Kirschkernkissen) oder entzündungshemmende Salben, um die gereizten Nervenwurzeln zu beruhigen.
- Belastungen minimieren: Tragen Sie Einkäufe nah am Körper und verteilen Sie das Gewicht auf beide Seiten. Nutzen Sie ergonomische Hilfsmittel wie einen Rollator oder Gehstock bei starken Rückenschmerzen.
- Füße pflegen: Achten Sie auf Ihre Füße und vermeiden Sie Verletzungen. Tragen Sie gutes und nicht drückendes Schuhwerk. Lassen Sie Ihre Füße von ausgewiesenen Fußspezialisten (Podologen) pflegen.
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