Schützende Einrichtung Demenz: Definition und Gestaltung

Die Betreuung von Menschen mit Demenz stellt eine wachsende gesellschaftliche Herausforderung dar. Dabei geht es nicht nur um medizinische Aspekte und Altenpflege, sondern auch um die Schaffung einer Umgebung, die den besonderen Bedürfnissen dieser Personengruppe gerecht wird. Dieser Artikel beleuchtet die Definition einer schützenden Einrichtung für Menschen mit Demenz und gibt konkrete Hinweise zur Gestaltung solcher Einrichtungen, um den Betroffenen ein Höchstmaß an Lebensqualität und Sicherheit zu gewährleisten.

Definition: Schützende Einrichtung Demenz

Eine schützende Einrichtung für Menschen mit Demenz ist eine speziell konzipierte Umgebung, die darauf abzielt, den Bedürfnissen und Einschränkungen von Menschen mit Demenz gerecht zu werden. Ziel ist es, eine sichere, komfortable und anregende Umgebung zu schaffen, die Orientierung bietet, Ängste reduziert und die Selbstständigkeit so lange wie möglich erhält.

Hilfe vor Ort: Wohnformen und Betreuungsangebote

Da sich Menschen mit Demenz in ihrer vertrauten Umgebung am sichersten fühlen, ist die Betreuung zu Hause oft die erste Wahl. Allerdings kann die Betreuung und Beaufsichtigung von Angehörigen überfordern und eine professionelle 24-Stunden-Betreuung ist kostspielig. In solchen Fällen bieten sich verschiedene Alternativen an:

  • Tagespflege: Die demenzkranke Person wird tagsüber in einer Tagespflegeeinrichtung betreut und abends wieder nach Hause gebracht. Dies entlastet die Angehörigen und bietet der betroffenen Person Abwechslung und soziale Kontakte.
  • Kurzzeitpflege: Die demenzkranke Person wird für eine begrenzte Zeit in einem Pflegeheim oder einer Senioreneinrichtung betreut, beispielsweise zur Vorbereitung auf einen späteren Umzug in eine solche Einrichtung. Die deutsche Pflegeversicherung bezuschusst die Kurzzeitpflege.
  • Wohngemeinschaften mit ambulanter Pflege: Mehrere Demenzkranke teilen sich eine Wohnung und werden von einem ambulanten Pflegedienst betreut.
  • Betreutes Wohnen: Demenzkranke leben in ihren eigenen Wohnungen innerhalb eines Wohnhauses oder Gebäudekomplexes und können je nach Bedarf Pflege, Mahlzeitendienst und hauswirtschaftliche Unterstützung in Anspruch nehmen.

Gestaltung von Heimen und Tagespflegen

Bei der Gestaltung von Heimen und Tagespflegen für Menschen mit Demenz sind verschiedene Aspekte zu berücksichtigen:

Allgemeine Gebäudestruktur

  • Übersichtlichkeit und Einfachheit: Eine übersichtliche und einfach zu erfassende Gebäudestruktur erleichtert die Orientierung.
  • Geschützte Stationen: Geschützte Stationen (segregativer Ansatz), idealerweise in Form von Wohngruppen, bieten eine sichere Umgebung.
  • Eindeutige Wegeführung: Eine eindeutige Wegeführung mit wiederkehrenden Hinweisen hilft den Bewohnern, sich zurechtzufinden.
  • Sichtbeziehungen nach außen: Sichtbeziehungen nach außen erleichtern das "Orten".
  • Markante Gestaltung: Eine markante, spezifische Gestaltung wichtiger Orte (z.B. Speisesaal, Aufenthaltsraum) bietet Handlungssicherheit.
  • Vermeidung von Symmetrien und Wiederholungen: Symmetrien und Wiederholungen können verwirrend wirken.
  • "Sprechende" Architektur: Eine "sprechende" Architektur, die Handlungssicherheit bietet, ist von Vorteil.
  • Unbewusst wirkende Orientierungshilfen: Unbewusst wirkende Orientierungshilfen wie Handläufe, Lichtführung und Bodenbeläge unterstützen die Orientierung.

Konkrete Innengestaltung

  • Räumlich differenzierte, helle Flure: Räumlich differenzierte, helle Flure fördern die Orientierung.
  • Keine Sackgassen: Sackgassen sollten vermieden werden, da sie zu Verwirrung führen können.
  • Beschützende Bauteile: Beschützende Bauteile wie Nischen, Alkoven und Pavillons bieten Rückzugsmöglichkeiten.
  • Sichere Treppen und Geländer: Sichere Treppen und Geländer minimieren das Sturzrisiko.
  • Keine Verglasungen bis zum Boden: Verglasungen bis zum Boden können irritierend wirken.
  • Keine verwirrenden Muster oder Spiegeleffekte: Verwirrende Muster und Spiegeleffekte sollten vermieden werden.
  • Keine krassen Farbunterschiede im Bodenbelag: Krasse Farbunterschiede im Bodenbelag können zu Fehlinterpretationen führen.

Technische Details

  • Einfache Bedienungselemente: Einfache Bedienungselemente (z.B. im Sanitärbereich) erleichtern die Selbstständigkeit.
  • Helle Ausleuchtung: Eine helle Ausleuchtung (Minimum 700 Lux in Augenhöhe) ist wichtig für die Wahrnehmung.

Atmosphärische Anregungen

  • Stressarme Umgebung: Eine stressarme, entspannende Umgebung ist essenziell.
  • "Fenster zur Welt": Möglichkeiten zur Wahrnehmung und Teilhabe am allgemeinen Geschehen sind wichtig.
  • Akustisch abgeschirmte Räume: Akustisch abgeschirmte Räume reduzieren die Reizüberflutung.
  • Räume für überschaubare Gruppen: Räume für überschaubare Gruppen (kein "crowding") mit Sichtfenster zum Flur fördern soziale Interaktion.
  • Freundliche Farben und Materialien: Heitere, freundliche Farben und Materialien schaffen eine positive Atmosphäre.

Verringerung der Weg- bzw. Hinlaufgefahr und Selbstgefährdung

  • Grundriss mit visueller Kontrolle: Ein Grundriss, der eine visuelle Kontrolle der Aufenthaltsbereiche und des Ausgangs erleichtert, ist von Vorteil.
  • Unauffälliger Stationsausgang: Ein unauffälliger Stationsausgang kann das unkontrollierte Verlassen der Einrichtung verhindern.
  • Sichere, barrierefreie Gestaltung der Räume: Eine sichere, barrierefreie Gestaltung der Räume minimiert das Sturzrisiko.
  • Beschützter Freibereich: Ein beschützter, gefährdungsarmer Freibereich ermöglicht Bewegung im Freien.

Reaktionen auf Bewegungsbedürfnis und Hyperaktivität

  • Abwechslungsreiche "Wanderwege": Abwechslungsreiche und sichere "Wanderwege" im Haus und im Freibereich, idealerweise als Rundwege angeordnet, ermöglichen es den Bewohnern, ihrem Bewegungsdrang nachzugehen.
  • Angebote für motorische Bedürfnisse: Angebote für motorische Bedürfnisse (z.B. Gymnastik, Tanzen) fördern die körperliche Aktivität.
  • Offenes Regal zum Räumen: Ein offenes Regal mit Dingen, die nach Belieben hin- und hergeräumt werden können, kann dem Bedürfnis nach Aktivität entgegenkommen.

Alltagsgestaltung

  • Milieutherapeutische Ausrichtung: Eine milieutherapeutische Ausrichtung berücksichtigt die individuellen Bedürfnisse und Vorlieben der Bewohner.
  • Hauswirtschaftliche Betätigung: Möglichkeiten zur hauswirtschaftlichen Betätigung (Wohnküche, Nähzimmer, Gartenarbeit etc.) fördern die Selbstständigkeit.
  • Vertraute Utensilien: Vertraute Utensilien im privaten und allgemeinen Bereich schaffen eine vertraute Atmosphäre.
  • Berücksichtigung biographischer Aspekte: Die Berücksichtigung individueller biographischer Aspekte in der räumlichen Gestaltung und im persönlichen Umgang ist wichtig.
  • Anregung zu körperlicher Aktivität: Anregung zu körperlicher Aktivität (z.B. Spaziergänge, Gymnastik) fördert die Gesundheit.
  • Einbeziehung von Musik: Die Einbeziehung von musikalischen Elementen (z.B. Singen, Musizieren) kann positive Emotionen wecken.
  • Einbeziehung von Tieren: Die Einbeziehung von Tieren (Streicheltiere, Aquarium, Volière) kann beruhigend wirken.
  • Angebote im taktilen und sensorischen Bereich: Angebote im taktilen und sensorischen Bereich (z.B. Fühlboxen, Aromatherapie) regen die Sinne an.
  • Flexibler Umgang mit Essenszeiten und Wach-Schlaf-Rhythmus: Ein flexibler Umgang mit Essenszeiten und Wach-Schlaf-Rhythmus (nach Möglichkeit…) berücksichtigt die individuellen Bedürfnisse.

Betreuungskonzept

  • Beteiligung von Angehörigen und freiwilligen Helfern: Weitestmögliche Beteiligung und Integration von Angehörigen und freiwilligen Helfern ist wichtig.
  • Minimierung von Fixierungen und sedierenden Medikamenten: Minimierung von Fixierungen und sedierenden Medikamenten zugunsten persönlicher Betreuung und Zuwendung.
  • Demenzgerechte ärztliche Versorgung: Kompetente, demenzgerechte ärztliche Versorgung (intern oder extern).
  • Demenzgeschultes Personal: Demenzgeschultes Personal ist essenziell.
  • Erhaltung von Ressourcen ohne Überforderung: Erhaltung von Ressourcen ohne Überforderung - kein Training!

Aspekte der Raumgestaltung

Neben der allgemeinen Gestaltung von Einrichtungen für Menschen mit Demenz spielen auch spezifische Aspekte der Raumgestaltung eine wichtige Rolle:

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Orientierung

  • Türen: Kennzeichnung von Türen mit Schildern. Offene Türen sind besser erkennbar.
  • Fenster: Fenster ermöglichen die räumliche Orientierung, wenn markante Gebäude oder Landschaftsmerkmale sichtbar sind.
  • Geräusche: Geräusche von außerhalb des Raumes können verwirrend sein.
  • Licht: Kaltweißes Licht ist besser sichtbar als warmweißes. LED-Nachtlichter mit Bewegungsmelder helfen bei der nächtlichen Orientierung.
  • Spiegelungen: Spiegelndes Licht sollte vermieden werden.
  • Zeitliche Orientierung: Kalender mit großen Zahlen und Symbolen für die Jahreszeit erleichtern die zeitliche Orientierung.

Farben und Kontraste

  • Farben: Helle und freundliche Farben sind angenehm. Dunkle Töne sollten vermieden werden, da sie negative Gefühle auslösen können.
  • Muster: Großflächige Muster sind problematisch.
  • Kontraste: Kontraste helfen bei der Wahrnehmung von Details.

Sicherheit

  • Sturzprophylaxe: Stolperfallen wie lose Kabel und Teppiche entfernen. Gute Beleuchtung.
  • Schlösser: Schlösser mit Not- und Gefahrenfunktion.
  • Badezimmer: Anti-Rutsch-Matten oder Haltegriffe.
  • Herd: Herdschutzknöpfe installieren.
  • Rauchmelder: Rauchmelder in allen Räumen installieren.

Umgang mit Unruhe

  • Bewegungsdrang: Offenes Regal zum Räumen. Rundwege innerhalb der Wohnung/des Gebäudes/des Grundstücks schaffen.
  • Hinlaufen: Ablenkung des Interesses von der Haustür durch dunkle Farben oder schwache Kontraste. Klingeln an den Ausgängen.

Erinnerungen

  • Erinnerungsgegenstände: Wertvolle Anker für lebendige Erinnerungen bewahren. Ruhige Ecke zum Schwelgen in Erinnerungen schaffen.

Veränderungen

  • Behutsames Vorgehen: Veränderungen behutsam und schrittweise einführen. Die betroffene Person an den Veränderungsprozessen teilhaben lassen.

Alltagshilfen und Orientierungshilfen

Neben der Raumgestaltung gibt es zahlreiche Alltags- und Orientierungshilfen, die den Alltag mit Demenz erleichtern können.

Umgang mit Demenz: Tipps für Angehörige

  • Kontakt aufnehmen: Vor dem Ansprechen Kontakt mit der Person aufnehmen.
  • Freundliches Umfeld: Ein stabiles und freundliches Umfeld herstellen.
  • Sprichwörter und Volksweisheiten: Sprichwörter und Volksweisheiten benutzen.
  • Bedürfnisse erkennen: Mögliche Gründe für Unruhe erkennen (z.B. Toilettengang, Schmerzen).
  • Ungewöhnliches Verhalten tolerieren: Ungewöhnliches Verhalten tolerieren.
  • Konflikte vermeiden: Konflikte vermeiden.
  • Rückzugsmöglichkeiten: Rückzugsmöglichkeiten schaffen.
  • Signale erkennen: Außergewöhnliches Verhalten als Signal verstehen.
  • Hilfe holen: Hilfe holen, wenn die Situation zu eskalieren droht.
  • Nicht persönlich nehmen: Das Verhalten einer Person mit Demenz nicht persönlich nehmen!
  • Schlaf: Die Person spät ins Bett bringen. Denken Sie daran, dass alte Menschen nicht mehr so viel Schlaf brauchen, vor allem, wenn sie tagsüber immer wieder mal einnicken.
  • Günstige Gelegenheiten nutzen: Nutzen Sie „günstige Gelegenheiten“ und übereilen Sie nichts (z. B.

Rechtlicher Rahmen der Betreuung

Der Begriff der Betreuung ist juristisch weniger scharf definiert als derjenige der Pflege. Nach § 1896 BGB übernimmt der Betreuer Aufgaben, welche der Betreute nicht selber übernehmen kann und für welche kein Bevollmächtigter zuständig ist. Es ist zu erwarten, dass der rechtliche Rahmen für die Betreuung in Deutschland künftig enger abgesteckt wird.

Pflege vs. Betreuung vs. Assistenz

  • Pflegekräfte: Sind für die Grund- und Behandlungspflege im stationären und ambulanten Bereich zuständig. Sie übernehmen das Verabreichen ärztlich verordneter Medikamente, das Anlegen und Wechseln von Verbänden, aber auch das Waschen und Betten. Sie assistieren bei ärztlichen Untersuchunge oder operativen Eingriffen und überwachen zum Beispiel medizinische Apparate.
  • Pflegeassistenten: Assistieren den Pflegekräften und teilweise den Ärzten durch Übernahme grundpflegerischer und hauswirtschaftlicher Tätigkeiten.
  • Assistenz: Mit Assistenz sind im Zusammenhang mit der Altenpflege Tätigkeiten der Grundpflege gemeint, welche anstelle des Betroffenen und nach seinen Anweisungen ausgeführt werden. Der Assistent ist gewissermassen die rechte Hand des Betroffenen. Diese Betreuungsleistung kann allerhand Handreichungen wie Schreiben und Lesen, Personentransporte, Bedienung des Telefons, Türen öffnen und schließen oder hauswirtschaftliche Unterstützung wie Einkaufen oder Vor- und Zubereitung von Mahlzeiten, usw.
  • Betreuung: In Abgrenzung zu Pflege und Assistenz kann Betreuung als „Fürsorge“ verstanden werden.

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