Confirmation Bias: Wie unser Gehirn unsere Überzeugungen bestätigt

Der Confirmation Bias, auch Bestätigungsfehler oder Voreingenommenheit genannt, ist eine unbewusste Wahrnehmungsverzerrung, die unser Denken und unsere Entscheidungen maßgeblich beeinflusst. Es handelt sich um die Tendenz unseres Gehirns, Informationen so zu suchen, zu erinnern und auszuwerten, dass sie unsere bestehenden Überzeugungen eher bestätigen, anstatt sie in Frage zu stellen. Dieser Artikel beleuchtet, was Confirmation Bias bedeutet, warum er auftritt, wie er sich äußert und wie man ihm entgegenwirken kann.

Was ist Confirmation Bias?

Confirmation Bias wirkt unbewusst und liegt vor, wenn wir unsere eigenen Annahmen durch die selektive Auswahl, Erinnerung und Interpretation von Informationen bestätigen, ohne diese kritisch zu überprüfen oder tiefergehend zu hinterfragen. Diese Voreingenommenheit kann zu einer verzerrten Wahrnehmung der Realität, zur Ablehnung neuer Informationen und zu Fehlentscheidungen führen.

Wie äußert sich Confirmation Bias konkret?

Confirmation Bias beeinflusst Entscheidungen und Bewertungen auf Makro- und Mikroebene. Er prägt, welchen Informationsquellen wir Glauben schenken und welche wir ausschließen. Er beeinflusst die Wahl von Politikerinnen ebenso wie die Einschätzung neuer Kolleginnen.

Einige Beispiele für Confirmation Bias im Alltag:

  • Ärztliche Diagnosen: Zwei Ärztinnen stellen bei identischen Patientinnen unterschiedliche Diagnosen.
  • Gerichtsurteile: Zwei Richter*innen verurteilen Menschen mit demselben Hintergrund, die dasselbe Verbrechen begangen haben, völlig unterschiedlich.
  • Wirtschaftsprognosen: Zwei Wirtschaftsweise werden mit denselben Wirtschaftsdaten konfrontiert und erstellen völlig unterschiedliche Prognosen für das BIP.
  • Klimawandel: Menschen leugnen trotz wissenschaftlicher Evidenz den Klimawandel.
  • Verschwörungsmythen: Menschen zweifeln unter Rückgriff auf Verschwörungsmythen die Wirkung von Impfungen an.

Ein weiteres Beispiel: Zwei Personen fahren nachts auf einer Landstraße. Eine schwarze Katze überquert die Straße und verursacht beinahe einen Unfall. Die eine Person interpretiert den Vorfall als Versuch des „Teufels“, das Auto von der Straße zu holen, während die andere Person glaubt, die Katze sei womöglich vor einem Hund geflohen. Beide interpretieren die Information auf der Grundlage ihrer bestehenden Annahmen über die Welt.

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Das Stanford-Experiment zur Todesstrafe

Ein viel beachtetes Experiment zum Confirmation Bias wurde 1979 in Stanford durchgeführt. Studierende mit gegensätzlichen Meinungen zur Todesstrafe wurden gebeten, auf zwei Studien zu antworten. Die eine Studie lieferte Daten, die das Abschreckungsargument stützten, die andere lieferte Daten, die es in Frage stellten. Beide Studien waren so angelegt, dass sie objektiv betrachtet gleichermaßen überzeugende Statistiken präsentierten.

Diejenigen, die ursprünglich die Todesstrafe befürwortet hatten, bewerteten die Daten, die für eine Abschreckung sprachen, als sehr glaubwürdig und Daten, die gegen die Abschreckung sprachen, als nicht überzeugend; bei den Studenten, die ursprünglich gegen die Todesstrafe waren, war es umgekehrt. Am Ende des Experiments wurden alle noch einmal zu ihren Ansichten befragt. Diejenigen, die ursprünglich für die Todesstrafe waren, befürworteten sie nun noch mehr. Diejenigen, die sie ablehnten, waren sogar noch entschiedener dagegen.

Selektive Wahrnehmung und Interpretation

Der Confirmation Bias zeigt sich in verschiedenen Facetten:

  • Selektive Wahrnehmung: Wir nehmen bevorzugt solche Informationen auf, die in unser bestehendes Weltbild passen, und blenden alles andere aus.
  • Selektive Interpretation: Wir interpretieren Informationen so, dass sie mit unseren Überzeugungen übereinstimmen, selbst wenn sie eigentlich neutral oder gegensätzlich sind.
  • Selektives Erinnern: Wir erinnern uns besser an Ereignisse und Fakten, die unsere Überzeugungen bestätigen, während wir gegenteilige Erinnerungen verblassen lassen oder sie sogar ganz vergessen.

Warum gibt es den Confirmation Bias?

Unser Gehirn neigt dazu, bestimmte Verhaltens- und Erkenntnismuster langfristig ungeprüft zu übernehmen. Neue Informationen werden eher so interpretiert, dass sie bestehende Vorannahmen stützen. Diese Vorliebe nutzen auch soziale Medien und Plattformen zur Meinungs- und Wissensbildung. Algorithmen zeigen uns bevorzugt interaktionsversprechende Inhalte an, die unsere Interessen oder Meinung spiegeln.

In den kognitiven Funktionen Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen arbeitet das Gehirn selektiv und tendenziös, auch aus ökonomischen Gründen. Es ist viel Arbeit (und unbequemer), die eigenen Annahmen stets kritisch zu hinterfragen und sich ein eigenes Bild zu machen. Es ist einfacher, nach Informationen zu suchen, die den aktuellen Standpunkt unterstützen. Selbst in der Forschung wird zu Beginn meist eine Ausgangshypothese formuliert, die dann durch Fakten und Daten bewiesen - und nicht widerlegt - werden soll.

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Sozio-kognitive Verzerrungen und soziale Identität

Die Kognitionswissenschaft geht davon aus, dass das Leben in sozialen Strukturen einer der Schlüssel ist, um die Funktionsweise (inklusive Biases) des menschlichen Gehirns zu verstehen. Es gibt zahlreiche Studien, die sozio-kognitive Verzerrungen belegen, wie die Tendenz, in sozialen Beziehungen die Interaktion mit ähnlichen Menschen zu suchen (Stichwort: die eigene Bubble). Der Confirmation Bias liefert hier zusätzlichen Komfort, denn es ist unbequem, in seinen Überzeugungen oder Meinungen in Frage gestellt zu werden.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass Confirmation Bias trotz seiner Verzerrungstendenz eine gewisse, adaptive Funktion haben muss. Denn die Entwicklung unserer kognitiven Funktionen ist auch durch die Anforderung geprägt, innerhalb einer Gruppe handlungsfähig zu sein und zu bestehen (Stichwort: Soziale Identität). Zwar spricht die Wissenschaft bei Confirmation Bias mitunter von einem „schwerwiegenden Konstruktionsfehler“, auf der anderen Seite wird darauf hingewiesen, dass sich das Festhalten an Annahmen und Überzeugungen im Zusammenleben in Gruppen mit anderen als erfolgreich erwiesen hat.

Weitere Denk- und Wahrnehmungsfehler

Confirmation Bias ist nur einer von vielen Denk- und Wahrnehmungsfehlern, die uns unterlaufen können. Einige weitere Beispiele sind:

  • Halo-Effekt: Eine als positiv bewertete Tatsache oder Eigenschaft überstrahlt alles andere.
  • Horn-Effekt: Eine als negativ markierte Eigenschaft oder Zuordnung einer Person oder Sache überstrahlt alle anderen Attribute.
  • Dunning-Kruger-Effekt: Menschen schätzen sich deutlich fähiger ein, als sie eigentlich sind, und werten die Leistung kompetenterer Mitmenschen herab.
  • Ostrich-Effekt: Menschen verleugnen, dass ein Problem existiert, wenn sie eine Abneigung gegen die vorgeschlagene Lösung haben.
  • Conservatism Bias: Menschen halten an Informationen fest, mit denen sie vertraut sind, und verlassen sich ausschließlich auf bestehende Daten statt auf neue Daten.
  • Bandwagon-Effekt: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person eine Überzeugung annimmt, steigt mit der Anzahl der Personen, die diese Überzeugung vertreten.
  • Hierarchie-Effekt: Führenden werden bessere Eigenschaften als der Belegschaft zugeschrieben und ihren Vorschlägen in Meetings eher kritiklos zugestimmt.
  • Blind-Spot-Bias: Menschen erkennen die Fehler anderer eher als die eigenen.
  • Sunk Cost Fallacy: Menschen halten allein aufgrund des bereits verwendeten Aufwands an Dingen oder Entscheidungen fest.

Was hilft gegen Confirmation Bias?

Der Confirmation Bias kann uns daran hindern, Situationen und Erfahrungen kritisch und unter neuen Blickwinkeln zu betrachten. Da alle Menschen zu dieser Bestätigungstendenz neigen, ist es wichtig, Strategien zu entwickeln, um ihm entgegenzuwirken.

Organisierte Skepsis

Organisierte Skepsis ist ein wissenschaftlicher Standard. Wissenschaftliche Studien oder Forschungsarbeiten müssen von anderen Fachleuten durch Peer Review geprüft werden. Organisierte Skepsis bedeutet auch, dass gute Studien ihre eigenen Grenzen nennen.

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Versuchen Sie, wichtige persönliche Hypothesen und Bewertungen auf einen ähnlichen Prüfstand zu stellen. Aus welchen Erfahrungen speisen sie sich? Was haben Sie vielleicht übersehen?

Perspektivenwechsel

Verlassen Sie sich nicht nur auf eine kleine Gruppe von Expertinnen oder Meinungsträgerinnen. Konsultieren Sie Menschen aus einer völlig anderen Expert*innen-Riege.

Institutionen, Organisationen und Unternehmen setzen auf das Tool des Advocatus Diaboli (Anwalt des Teufels), um Entscheidungen zu unterstützen oder zu falsifizieren. Der Advocatus Diaboli argumentiert gegen einen weithin akzeptierten oder vorherrschenden Standpunkt, um eine Fragestellung umfassender zu beleuchten.

Medienkompetenz und kritisches Denken

Nutzen Sie Medien, um Inhalte zu konsumieren, aber hinterfragen Sie diese kritisch.

"Think the Opposite"-Strategie

Beschäftigen Sie sich aktiv damit, ob nicht genau das Gegenteil wahr sein könnte. Fragen Sie sich, warum könnte stimmen, was mein Gegenüber in einem Streitgespräch gerade sagt? Wie würde die gegnerische Mannschaft argumentieren, dass es doch ein Elfmeter war?

Selbstreflexion und offene Kommunikation

Hinterfragen Sie Ihr eigenes Denken kritisch und setzen Sie sich bewusst mit Ihren eigenen Überzeugungen auseinander. Suchen Sie den Dialog mit Menschen, die unterschiedliche Perspektiven haben, und seien Sie bereit, wirklich zuzuhören und neue Einsichten zu gewinnen.

Diversität in Informationsquellen und Perspektiven

Verlassen Sie sich nicht nur auf eine bestimmte Nachrichtenquelle oder ein bestimmtes Medium. Suchen Sie bewusst Informationen aus verschiedenen Quellen und unterschiedlichen Blickwinkeln, auch wenn sie Ihnen zunächst unbequem erscheinen.

Confirmation Bias in der digitalen Welt

In der heutigen digitalen Welt hat der Confirmation Bias eine neue Dimension erreicht. Algorithmen, die das Internet und insbesondere soziale Medien antreiben, sind so konzipiert, dass sie uns Inhalte anzeigen, die unseren bisherigen Interessen und Vorlieben entsprechen. Diese personalisierte Filterung von Inhalten verstärkt den Confirmation Bias, indem sie uns bevorzugt Informationen liefert, die unsere bestehenden Überzeugungen bestätigen, und uns von gegenteiligen Ansichten fernhält.

Fake News und Desinformation nutzen den Confirmation Bias geschickt aus. Da wir dazu neigen, Informationen zu glauben, die unsere bestehenden Überzeugungen stützen, sind wir besonders anfällig für falsche oder irreführende Nachrichten, die genau darauf abzielen.

Wie man den Einfluss des Confirmation Bias in der digitalen Welt mindern kann:

  • Sich der Funktionsweise von Algorithmen bewusst sein und aktiv dagegen steuern.
  • Sich bewusst aus der Komfortzone herausbewegen und gezielt nach verschiedenen Quellen und Meinungen suchen.
  • Förderung von Medienkompetenz: Informationen kritisch hinterfragen, Quellen überprüfen und sich nicht nur auf den ersten Eindruck verlassen.
  • Sensibilisierung für Fake News und Desinformation.

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