Bin ich gegenwärtig, wenn ich mein Gehirn beschäftige?: Eine philosophische Untersuchung des Bewusstseins

Einführung

Das Bewusstsein ist eines der faszinierendsten und rätselhaftesten Phänomene des Universums. Es ist das, was uns zu dem macht, was wir sind, unsere Individualität als Person, unsere komplexe Interaktion mit unserer Umwelt wären ohne Bewusstsein undenkbar. Die Frage, was Bewusstsein ist und wie es funktioniert, beschäftigt Philosophen und Wissenschaftler seit Jahrhunderten. Dieser Artikel untersucht verschiedene philosophische Perspektiven auf das Bewusstsein, insbesondere die Frage, ob wir gegenwärtig sind, wenn wir unser Gehirn beschäftigen.

Was ist Bewusstsein?

Bewusstsein ist ein vielschichtiger Begriff, der sich auf verschiedene Aspekte des Erlebens beziehen kann. Prof. Dr. Kay Herrmann forscht und lehrt am Institut für Pädagogik der Technischen Universität Chemnitz. Kürzlich ist sein Sachbuch „Was außerhalb meines Geistes ist und was ich davon wissen kann“ erschienen, in dem es um das Verhältnis von Subjektivität und Objektivität geht - oder ganz einfach gesagt um die Frage: Wie kann ich mir gewiss sein, dass es eine Realität gibt, die außerhalb von mir selbst existiert? Im Interview für TUCaktuell vertieft er wesentliche Aspekte seiner Forschungsarbeit und gibt persönliche Einordnungen und Einschätzungen zu aktuellen Herausforderungen wie dem zunehmenden Druck auf die demokratische Debattenkultur durch u. a.

Thomas Metzinger von der Universität Mainz entfaltet im Eintrag „Bewusstsein“ in der „Enzyklopädie Philosophie“ fünf verschiedene Wortbedeutungen. So kann sich der Begriff darauf beziehen, ob jemand bei (vollem) Bewusstsein ist oder eben nicht - etwa weil er gerade schläft, unter Vollnarkose steht oder im Koma liegt. Diese Bewusstseinszustände kann man objektiv definieren und neurobiologisch zumindest teilweise erklären. Schwieriger wird es mit dem Bewusstsein, das sich auf einen Gegenstand, eine andere Person, eine Tatsache oder welches Objekt auch immer richtet: Wenn ich mir eines Fehlers bewusst bin oder mir bewusst werde, dass ein unangenehmer Geruch in der Luft liegt, dann ist das ja ein höchst subjektiver geistiger Vorgang.

Ein bekanntes Erklärungsmodell ist die „Global Workspace Theory“, die das Bewusstsein als zentralen Arbeitsraum auffasst: Was sich dort abspielt, ist für alle die vielfältigen, größtenteils unbewussten Prozesse im Gehirn verfügbar.

Der US-amerikanische Psychologe und Philosoph William James (1842-1910) charakterisierte in seinen „Principles of Psychology“ das Bewusstsein als etwas Kontinuierliches, das sich nicht aus Einzelteilen zusammensetze: „Es fließt.“ Deshalb wählte er den Fluss, den Strom als Metapher für all die wechselvollen Gedanken, Wahrnehmungen, Emotionen und Gefühle, die uns beschäftigen, und prägte so den Ausdruck „stream of consciousness“, den er als den „ultimativen Fakt für die Psychologie“ ansah. Aus diesem Konzept entwickelte sich später die Theorie des globalen Arbeitsraums. Allerdings besteht unter den Experten kein Konsens darüber, dass es den Bewusstseinsstrom tatsächlich gibt: So kritisiert die britische Forscherin und Schriftstellerin Susan Blackmore diese Vorstellung als Illusion.

Lesen Sie auch: Umfassender Ratgeber: Ganglion geplatzt

Ned Block von der New York University unterscheidet zudem zwischen dem Bewusstsein als phänomenalem Erleben, also unserer subjektiven Erfahrung, während wir beispielsweise eine Blume ansehen oder eine Berührung genießen, und „bewusst“ im Sinne von „für unser Denken und unsere Verhaltenskontrolle verfügbar“. Das letztere nennt er auch „zugriffsbewusst“, und dieses Konzept verbindet sich direkt mit einer Modellvorstellung vom Bewusstsein, die als Theorie vom globalen Arbeitsraum bekannt ist. Dieser „Global Workspace Theory“ zufolge ist das Bewusstsein so etwas wie eine Bühne im Scheinwerferlicht: Nur was sich auf der Bühne abspielt, ist für die im Dunkeln sitzenden Zuschauer - die vielen unbewussten Prozesse im Gehirn - zu sehen und zu hören und steht ihnen somit als Information für ihre Zwecke zur Verfügung.

Das Leib-Seele-Problem

Für die Philosophie kristallisiert sich im Bewusstsein das alte „Leib-Seele-Problem“: Wie hängen geistige und materielle Welt, die doch offensichtlich nach ganz verschiedenen Gesetzmäßigkeiten funktionieren, zusammen? Wie viel Wirklichkeit kommt dem Geistigen aus objektiver Sicht überhaupt zu? Zwar hat die Vorstellung einer Seele, die unabhängig vom Körper existieren kann, in der Wissenschaft wohl seit dem 1997 verstorbenen John Eccles niemand mehr vertreten. Zudem kann als erwiesen gelten, dass die physikalisch-​neuronalen Prozesse im Gehirn eine notwendige Voraussetzung für alles Geistige sind. Ob das Geistige damit aber auch hinreichend bestimmt ist, ist eine ganz andere Frage.

Die Philosophie bietet grundsätzlich zwei unterschiedliche Lösungsansätze für das Körper-Geist-Problem an: Dem Dualismus zufolge sind materielle und geistige Dinge zwei vollkommen unterschiedliche Phänomene. Der Monismus hingegen geht davon aus, dass es nur physische Dinge und Prozesse gibt.

Dualismus

René Descartes (1596−1650) hat das so genannte Leib-​Seele-​Problem aufgeworfen. Descartes selbst ging von zwei wesensmäßig vollkommen verschiedenen Substanzen aus. Auf der einen Seite gibt es die körperlich ausgedehnten Dinge, die res extensa. Auf der anderen Seite einen immateriellen Bereich, die res cogitans, die sich durch das Denken auszeichnet. Trotz der wesensmäßigen Verschiedenheit nimmt Descartes an, dass die beiden Substanzen interagieren. Mentale Phänomene wie etwa Willensakte können Aktivitäten im Gehirn beeinflussen. Umgekehrt wirkt sich Physisches, etwa Reizungen der Sinnesorgane, auf das Bewusstsein aus.

Der interaktionistische Dualismus hat den Vorzug, dass er unserer Intuition entspricht: Zwar ist für uns das bewusste Erleben etwas gänzlich anderes als die unbeseelte Materie. Dennoch glauben wir beispielsweise, dass Schmerzempfindungen unser körperliches Verhalten beeinflussen, etwa uns aufschreien lassen. Doch genau dieses Einwirken „von außen“, des immateriellen Geistes auf die materielle Welt, bringt die interaktionistischen Dualisten in die Bredouille. Denn es würde die Gesamtenergie der in sich geschlossenen physischen Welt verändern.

Lesen Sie auch: Schlaganfall-Überlebenstipps für Alleinstehende

Um dem Dilemma zu entkommen, behaupten einige Philosophen, kausales Wirken verlaufe nur in eine Richtung. Dem so genannten Epiphänomenalismus zufolge ist Bewusstsein lediglich eine Begleiterscheinung, ein Epiphänomen von Hirnprozessen. So wären etwa Schmerzen, die wir empfinden, zwar von Schmerzzentren im Gehirn verursacht. Unser vor Leiden verzerrtes Gesicht wäre aber nicht von den empfundenen Schmerzen hervorgerufen, sondern wiederum von körperlichen Prozessen.

Der englische Zoologe Thomas H. Huxley (1825−1895) hat in einem berühmten Vergleich das Bewusstsein mit der Pfeife einer Lokomotive verglichen. Die Dampfmaschine bringe zwar den Pfeifton hervor. Dieser wirke aber seinerseits nicht auf die Maschine zurück.

Rückenwind scheint diese Position von der modernen Hirnforschung zu erhalten. So kam etwa der amerikanische Neurophysiologe Benjamin Libet (1916−2007) in Experimenten zu einem auch ihn überraschenden Ergebnis: Ein Bereitschaftspotenzial, das im Gehirn im Vorfeld von willkürlichen Bewegungen auftritt, ließ sich sogar einige hundert Millisekunden vor der bewusst erlebten Absicht von Probanden messen, eine Hand zu bewegen. Der Willensakt scheint demnach abhängig zu sein von neuronaler Aktivität und selbst kausal ohne jeden Belang.

Der australische Philosoph David Chalmers kritisiert sowohl die Identitätstheorie als auch den Funktionalismus. Alle Versuche, Bewusstsein auf physische Grundlagen zurückzuführen, seien gescheitert. Für ihn besteht die Konsequenz in der Rückkehr zum Dualismus. Allerdings vertritt er keinen Dualismus von Substanzen, wie ihn Descartes proklamierte, sondern einen Dualismus von Eigenschaften, physischen und phänomenalen. Nach Chalmers wäre es sogar denkbar, dass Bewusstsein - im eingeengten Sinne von Qualia - ein fundamentaler Baustein einer physisch verstandenen Welt sein könnte. Wenn Bewusstsein eine nicht weiter reduzierbare Größe wäre, ähnlich wie Masse oder Energie, dann stecke vielleicht in jedem Lebewesen oder sogar in jedem unbelebten Gegenstand mehr oder weniger Bewusstsein, abhängig von der Komplexität des betreffenden Wesens oder Dings. Es wäre dann „irgendwie“, ein Grashalm zu sein.

Monismus

Noch einen radikalen Schritt weiter geht der Eliminative Materialismus. Er spricht dem Bewusstsein nicht nur jegliche kausale Kraft ab. Er eliminiert den Bereich des Mentalen gleich ganz. Als monistischer Ansatz glaubt er nur an die Existenz von physischen Dingen und Prozessen. Für den kanadischen Philosophen Paul Churchland von der University of San Diego sind Bewusstseinszustände letztlich nichts als Artefakte einer vorwissenschaftlichen Theorie, die uns in die Irre führt.Um das Verhalten anderer Menschen erklären und vorhersagen zu können, hätten wir irgendwann im Laufe der Evolution begonnen, eine Alltagspsychologie zu entwickeln: Wir hätten angefangen, unseren Mitmenschen Bewusstseinszustände wie Gefühle, Wünsche, Überzeugungen und Absichten zuzuschreiben. Dass wir den Eindruck haben, diese mentalen Zustände bei uns selbst direkt zu erleben, liege nur daran, dass wir uns vollständig an diese Alltagspsychologie gewöhnt hätten und uns auch unser eigenes Verhalten damit erklären. Paul Churchland geht gar so weit zu behaupten, dass wir eines Tages ganz auf das mentale Vokabular verzichten werden! Dann nämlich, wenn uns neurowissenschaftliche Theorien das Verhalten anderer Menschen genauer erklären als die Alltagspsychologie.

Lesen Sie auch: Die Symptome eines Schlaganfalls verstehen und Leben retten

Etwas weniger radikal ist die Identitätstheorie. Ihr zufolge existiert Mentales wie Gefühle und Empfindungen durchaus. Es sei aber identisch mit physischen Ereignissen im Gehirn, auch wenn es sich uns auf zwei verschiedene Weisen darbiete, als subjektives Erleben und als objektiv messbarer Gehirnvorgang.

Manche Materialisten betrachten Bewusstsein und andere geistige Phänomene als reine Funktionen, die auf unterschiedliche Weise realisiert werden können. Sobald man die Funktion des Herzens ermittelt hatte, konnte man auch künstliche Herzen entwickeln. Ähnlich könnte man, wenn Bewusstsein kein biologisches Phänomen wäre, prinzipiell auch künstliches Bewusstsein schaffen, so der Gedankengang, indem man zum Beispiel einen Computer auf die richtige Weise programmiert. Ein solcher Funktionalismus stellt eine flexible Alternative zum biologistischen Ansatz dar.

Aufmerksamkeit und Bewusstsein

In unserer Alltagserfahrung richten sich Aufmerksamkeit und Bewusstsein in der Regel auf denselben Gegenstand. Trotzdem ist beides nicht dasselbe und auch nicht automatisch deckungsgleich. Das zeigen trickreiche Experimente zum Sehsystem, in denen mittels unterschiedlicher Bilder für linkes und rechtes Auge gezielt manipuliert werden kann, was die Probanden bewusst sehen und welches Bild zwar auf ihre Netzhaut fällt, aber nie im Bewusstsein ankommt. Davon unabhängig lässt sich die Aufmerksamkeit durch bestimmte Anweisungen an die Versuchspersonen steuern.

Das Gehirn als Vermittler zwischen Innen- und Außenwelt

Das Gehirn ist arbeitsteilig organisiert. Ein vorüberfahrendes Taxi erregt die Nervenzellen für die Erfassung von Farbe, von Kontur und von Orientierung und Bewegung usw. Das geschieht in getrennten Bereichen des Gehirns. Wie aus diesen Teilrepräsentationen die Repräsentation des Objekts wird, ist eines der großen Rätsel der Neurowissenschaften.

Andreas Engel, Peter König und Wolf Singer (1993) sehen das oszillatorische Feuern der Nervenzellen als Bindemittel. Synchronisiertes Feuern hebt die Zusammengehörigen von den übrigen ab - so lautet die Hypothese. Die Teilrepräsentationen können sich so zu einem Gesamtbild fügen. Das aber hebt die Repräsentation nicht über die physikalische und physiologische Ebene hinaus.

Olaf Blanke formuliert die Quintessenz seiner Erkenntnisse: "Die Basis unseres Ich-Bewusstseins gründet in Hirnmechanismen, welche verschiedene Signale unserer Sinnesorgane zu einer stabilen, globalen Körperrepräsentation zusammenfügen". Mit anderen Worten: Der Sinn für den eigenen Körper, der uns so selbstverständlich erscheint, ist das Ergebnis einer permanenten Integration aller verfügbaren Sinnesinformationen - einer Integration, die mitunter sehr ungenau und zudem störanfällig ist.

Die Grenzen der Naturerkenntnis

Emil du Bois-Reymond formulierte damals, was er acht Jahre später in einer Reihe von sieben Welträtseln als das fünfte benannte: Das Entstehen der einfachen Sinnesempfindungen. Er schreibt (du Bois-Reymond, 1882, S. 35 ff.): „Ich fühle Schmerz, fühle Lust, schmecke Süßes, rieche Rosenduft, höre Orgelton, sehe Rot […] Es ist eben durchaus und für immer unbegreiflich, dass es einer Anzahl von Kohlenstoff-, Wasserstoff- Stickstoff-, Sauerstoff- usw. Atomen nicht sollte gleichgültig sein, wie sie liegen und sich bewegen, wie sie lagen und sich bewegten, wie sie liegen und sich bewegen werden.

Weshalb man sich heute scheut, hinter du Bois-Reymonds Ignorabimus ein Ausrufezeichen zu setzen und ein Fragezeichen vorzieht, liegt auch daran, dass man immer besser erfasst, wie die Erregungsmuster im Gehirn mit den vorgefundenen Situationen zusammenhängen. Dieses wachsende Wissen scheint mir aber eher eine Seitwärtsbewegung zu sein. Es sagt uns nach wie vor nichts über das Wesen des Erlebens. Die geistigen Vorgänge sind aus ihren materiellen Bedingungen nicht zu begreifen. Für du Bois-Reymond ist unserer Naturerkenntnis eine harte Schranke gesetzt.

Naturalismus und seine Grenzen

Der Naturalist baut sein Wissen auf die metaphysischen Annahmen, dass es nur eine Welt gebe, dass diese unerschaffen sei und von Gesetzmäßigkeiten regiert. Vor allem soll diese Welt - die Realität - „außerhalb unseres Denkens“ angesiedelt sein (Mahner, 2018, S. 46); sie ist folglich „in ihrer Existenz und ihren Eigenschaften unabhängig von unserem Bewusstsein“ (Vollmer, 2013, S.

Wenn es nur eine Welt gibt, die es zu erkennen gilt, wo finden die Gedanken über diese Welt dann ihren Platz? In der Welt kann ihr Platz nicht sein, denn die Welt soll ja unabhängig vom Bewusstsein und den darin aufgehobenen Gedanken existieren. Irgendwo anders ist auch kein Platz, da es ja nur diese eine Welt gibt. Daraus folgt Gedankenlosigkeit. Der Begriff vom „Bewusstsein“ ist damit hinfällig. Ohne Gedanken aber gibt es keine Philosophie. Der Naturalismus löscht sich selbst aus.

Für beide Welträtsel läuft die Lösung des Naturalisten auf Leugnung hinaus: Bewusstsein gibt es nicht, genauso wenig die Willensfreiheit. Das verstößt so eklatant gegen den gesunden Menschenverstand, dass dieser dem Naturalisten nicht folgen mag.

Der Naturaliste lehnt 2 ab; also bleiben 1 und 3. Da er nur eine Welt anerkennt, gibt es keine nichtphysikalischen Phänomene. Folglich kann es keine mentalen Phänomene geben. Die Aussage 1 wird damit bedeutungsleer. Das zeigt erneut: Bewusstsein und Willensfreiheit gibt es für den Naturalisten nicht; es handelt sich bestenfalls um Illusionen, die der Körper für uns bereithält (Schmidt-Salomon, 2006, S. 12). Damit lockt uns der Naturalist in eine Denkschleife: Eine Illusion, die niemand wahrnimmt, ist keine. Wir fragen nach dem Adressaten der Illusion und landen wieder beim Anfang unserer Suche, bei der Frage nach dem Wesen des Bewusstseins.

Die Bedeutung der Subjektivität

Manfred Frank argumentiert: "Wir können nicht das Wissen über uns selbst durch objektives Wissen über die Welt ersetzen." Aus seiner Sicht hat die Philosophie daher noch immer allen Grund, "die Fahne der Subjektivität hochzuhalten", auch wenn die Hirnforschung uns nur als deterministische Bio-Maschinen beschreibe. Denn: "Alles Wesentliche, was wir mit den Gedanken der Menschheit verbinden, verknüpfen wir doch mit dem Gedanken der Subjektivität und nicht mit unserer Vorstellung vom Gehirn".

Das Gehirn als Beziehungsorgan

Georg Northoff macht mit Hilfe des streitbaren Kant deutlich: Neurowissenschaftler haben zwar Nervennetzwerke und Kooperationsmechanismen im Gehirn gefunden, die aktiv sein müssen, wenn jemand bewusst einen Gegenstand betrachtet oder über sein Ich nachdenkt. Die zentrale philosophische Frage, für die Immanuel Kant exemplarisch steht, haben sie damit aber noch nicht einmal berührt: unter welchen Bedingungen macht jemand überhaupt als ein Ich bewusste Erfahrungen?

Der Gedanke, dass das Gehirn in allererster Linie „prozessiert“, also ständig arbeitet und verarbeitet, ist Georg Northoffs zentrale Idee. Neuere Forschungen zur sogenannten Ruhezustandsaktivität belegen, dass das Gehirn auch dann hoch aktiv ist, wenn es gar keine bestimmte Aufgabe bearbeiten muss. Das Ausmaß dieser Ruhezustandsaktivität bestimmt dann darüber, wie das Gehirn einen von außen eintreffenden Stimulus verarbeitet.

Diese Ruheaktivität des Gehirns ist für Georg Northoff die Bedingung für bewusste Erfahrung überhaupt. Sie liegt allen möglichen Beziehungen zwischen einem Ich und der Welt zugrunde. Denn zum einen tritt die Ruheaktivität vor allem in Hirnnetzwerken auf, die mit Selbstbezug tun haben. Sie richten den Blick nach innen, zum Beispiel beim Tagträumen. Zum anderen ist die Ruheaktivität immer schon mit der Aktivität verkoppelt, mit der das Gehirn auf Reize der Umwelt und des eigenen Körpers reagiert. Selbst- und Umweltbezug werden also über die Ruheaktivität des Gehirns wie auf einer Wippe immer wieder neu miteinander ausbalanciert. Für Georg Northoff ist daher ins Gehirn eine fundamentale Gehirn-Umwelt-Beziehung eingebaut, die er „Umwelt-Gehirn-Einheit“ nennt. Nur weil diese fundamentale Beziehung im Gehirn existiert, könne der Mensch Objekte und Ereignisse bewusst auf sich selbst beziehen.

Die Rolle der Gefühle

In seinem Sachbuch kommt Prof. Dr. Kay Herrmann unter anderem zu dem Schluss, dass Gefühle einen besonders starken Bezug zum Realen haben. Gefühle sind zweifellos real. Sie können mich beeinflussen und sich meinem Willen entziehen. Obwohl Emotionen subjektiv sind und sich von Person zu Person unterscheiden können, sind sie dennoch real und haben messbare Auswirkungen auf das individuelle Wohlbefinden, das Verhalten und die zwischenmenschlichen Beziehungen. Gefühle sind auf noch wenig verstandene Weise mit physiologischen und neurochemischen Prozessen im Gehirn verknüpft.

Die Erosion des Faktischen

Von den Antworten auf die Frage, was wahr, real oder objektiv ist, hängt viel ab: Welche Interessengruppen sollten unterstützt werden? In welche Projekte lohnt es sich zu investieren?

Die Auseinandersetzung mit diesen Begriffen ist Aufgabe der Philosophie. Und gerade in jüngerer Vergangenheit erleben wir diese Erosion des Faktischen in gravierenden Ausmaßen.

tags: #bin #ich #gegenwartig #wenn #ich #mein