Binaurale Beats: Studien zu Epilepsie, Wirkung und Anwendung

Binaurale Beats sind ein akustisches Phänomen, das in den letzten Jahren zunehmend an Popularität gewonnen hat. Ihnen werden verschiedene positive Effekte zugeschrieben, darunter die Verbesserung von Schlaf, Aufmerksamkeit, Gedächtnis sowie die Linderung von Stress, Schmerzen und Ängsten. Sogar bewusstseinsverändernde Wirkungen ähnlich einem leichten Drogenrausch werden diskutiert. Doch was steckt wirklich hinter diesem Phänomen? Können binaurale Beats tatsächlich solche Effekte hervorrufen und Symptome lindern? Und was genau sind binaurale Beats eigentlich?

Was sind binaurale Beats?

Binaurale Beats sind eine spezielle Art von Audio-Technologie, bei der zwei leicht unterschiedliche Frequenzen in jedes Ohr gespielt werden. Man könnte sagen, es handelt sich bei den binauralen Beats um einen akustischen Trick des Gehirns, vielleicht sogar eine Art auditive Halluzination. Denn letztlich hört man etwas, das gar nicht da ist. Das Phänomen tritt auf, wenn man sich einen Kopfhörer aufsetzt und links und rechts zwei unterschiedlich hohe Töne auf die Ohren spielt. Die Lautstärke ist nicht so entscheidend. Wichtiger ist, dass sich die Töne in ihrer Höhe, also in der in Hertz gemessenen Frequenz nur ganz leicht unterscheiden. Etwa 10 Hertz Unterschied sind eine geeignete Größenordnung. Dann hört man eine Art Auf- und Abschwellen des Tons, ein hin- und herpendelndes Brummen. Hört man auf dem linken Ohr also einen 400 Hertz hohen Ton und auf dem rechten Ohr 410 Hertz, dann liegt die gehörte Schwingung bei 10 Hertz. Dein Gehirn nimmt die Differenz zwischen diesen Frequenzen wahr und erzeugt daraus eine dritte Frequenz, die als rhythmischer Puls empfunden wird. Diese Frequenzdifferenz wird vom Gehirn verarbeitet und "ausgeglichen". Durch den so entstehenden Höreindruck soll die Entstehung bestimmter Gehirnwellen ausgelöst werden.

Historischer Hintergrund

Das Phänomen binauraler Beats ist schon lange bekannt. Der Physiker Heinrich Wilhelm Dove beschrieb es bereits im Jahr 1839. Lange Zeit fand diese akustische Kuriosität jedoch wenig Beachtung. Das Interesse daran erwachte erst mit der Idee, das Phänomen kommerziell zu vermarkten. Der US-amerikanische Geschäftsmann und Radio-Programmdirektor Robert Allen Monroe gründete 1971 das Monroe Institut, um parawissenschaftliche Dinge wie Energiekörper oder Fernwahrnehmung zu erforschen und nutzbar zu machen. 1993 ließ sich Monroe die Verwendung von in Musik oder Rauschen eingebetteten binauralen Tönen patentieren, um darüber beliebige mentale Zustände zu induzieren.

Wie wirken binaurale Beats auf das Gehirn?

Binaurale Beats sollen das Gehirn in bestimmte Frequenzbereiche versetzen, die mit verschiedenen mentalen Zuständen in Verbindung gebracht werden. Die Idee hinter den Effekten der binauralen Beats ist, dass man mit der hervorgerufenen Schwingung auch andernorts im Gehirn Gehirnwellen gleicher Frequenz hervorrufen kann. Dass, wenn also binaurale Beats mit 10 Hertz schwingen, dies weitere 10 Hertz-Gehirnwellen hervorruft. Sobald das Gehirn den binauralen Frequenzen ausgesetzt ist, beginnt es sich diesen anzupassen und in der Folge Gehirnwellen mit der gleichen Frequenz zu erzeugen. Man nennt diesen Effekt auch “Frequency Following Response” oder auch “Frequenz-Folge-Reaktion” (FFR).

Im Gehirn gibt es verschiedene Gehirnwellen, die je nach unserem Zustand (Schlaf, Konzentration, etc.) unterschiedlich aktiv sind. Je nach Geschwindigkeit lassen sich dabei fünf verschiedene Gehirnwellen voneinander abgrenzen:

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  • Gamma-Wellen (über 25 Hertz): Beteiligt bei intensiven und konzentrierten Aufmerksamkeits- und Bewusstseinsprozessen. Wohl beim Zusammenführen von Informationen verschiedener Gehirnbereiche wichtig. Hier fühlen wir uns gestresst, können so aber auch anspruchsvollen Arbeiten nachgehen.
  • Beta-Wellen (13-25 Hertz): Normaler, aktiver Wachzustand. Treten auch im REM-Schlaf auf. Hier nutzen wir unser logisches Denken und kognitiven Fähigkeiten. Können aber auch leicht gestresst oder unruhig sein.
  • Alpha-Wellen (8-13 Hertz): Entspannter Wachzustand. In diesem Zustand sind wir besonders kreativ und können neue Information schneller erlernen.
  • Theta-Wellen (4-8 Hertz): Unaufmerksamkeit, Müdigkeit, leichte Schlafzustände. Im Zustand der Theta-Wellen sind wir tiefenentspannt und kurz vorm Einschlafen. In diesem Zustand lässt es sich gut meditieren.
  • Delta-Wellen (0,5-4 Hertz): Tiefschlaf. Senden wir Delta-Wellen aus, sind wir in der Tiefschlafphase und schütten Melatonin- (ein Schlafhormon) und Somatropin (Ein Wachstumshormon) aus. Ab hier setzt die physische Regeneration des Körpers ein.

Beispielsweise können Delta-Wellen (0,5 - 4 Hz) den Tiefschlaf fördern, Theta-Wellen (4 - 8 Hz) können Meditation und Kreativität unterstützen, während Beta-Wellen (13 - 30 Hz) die Konzentration verbessern können.

Welche Vorteile haben binaurale Beats?

Binaurale Beats werden häufig zur Unterstützung von Entspannung, Meditation, Schlaf und Fokus eingesetzt. Viele Menschen berichten von Vorteilen wie:

  • Schnelleres Einschlafen & tiefere Erholung (Delta-Frequenzen)
  • Verbesserte Meditation & Kreativität (Theta-Frequenzen)
  • Erhöhte Konzentration & mentale Klarheit (Beta-Frequenzen)
  • Reduzierung von Stress & Angstgefühlen

Es ist wichtig zu beachten, dass binaurale Beats individuell unterschiedlich wirken.

Gibt es Risiken oder Nebenwirkungen beim Hören von binauralen Beats?

Binaurale Beats gelten im Allgemeinen als sicher, solange sie verantwortungsvoll genutzt werden.

Wer sollte auf die Nutzung von binauralen Beats verzichten?

Obwohl binaurale Beats für die meisten Menschen sicher sind, gibt es einige Gruppen, die vorsichtig sein sollten oder ganz darauf verzichten sollten:

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  • Personen mit Epilepsie oder Krampfanfällen: Da binaurale Beats das Gehirn stimulieren, könnte dies bei empfindlichen Personen unerwünschte Reaktionen auslösen. Wenn so ein Fall tatsächlich mal auftritt - was nicht durch binaurale Beats geschehen kann - ist das eher ungesund. So etwas geschieht zum Beispiel bei epileptischen Anfällen.“
  • Schwangere Frauen: Obwohl keine direkten Risiken nachgewiesen sind, ist es ratsam, auf stark stimulierende Frequenzen zu verzichten.
  • Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Besonders bei sehr niedrigen oder hohen Frequenzen könnte es zu unerwarteten Reaktionen kommen.
  • Personen mit psychischen Erkrankungen: Wer unter Angststörungen, Depressionen oder bipolaren Störungen leidet, sollte binaurale Beats mit Vorsicht genießen und ggf.

Wie sollten binaurale Beats angewendet werden?

Binaurale Beats sind in erster Linie ein Hilfsmittel, um gewünschte Bewusstseinszustände zu erreichen. Sie unterstützen, sind aber keine Wunderpille. Es reicht nicht, einfach nur zuzuhören. Du solltest dabei die entsprechende “Geisteshaltung” einnehmen. Hier Anwendungstipps im Überblick:

  • Konzentriere Dich auf den Binauralen Beat und die Wirkung, die Du Dir dabei erhoffst.
  • Nutze den Binauralen Beat in Verbindung mit Praxisübungen.
  • Nutze Stereokopfhörer, da nur so ein Effekt erzeugt werden kann.
  • Je öfter Du den Binauralen Beat hörst, je stärker ist seine Wirkung.
  • Du solltest die Lautstärke so einstellen, dass Du den Binauralen Beat geradeso hören kannst.

Binaurale Beats und Epilepsie: Was sagen die Studien?

Da binaurale Beats das Gehirn stimulieren, ist Vorsicht bei Personen mit Epilepsie geboten. Es gibt Bedenken, dass die Stimulation unerwünschte Reaktionen auslösen könnte. Christoph Reuter merkt an, dass eine Angleichung der Nervenzellen-Feuerraten beider Gehirnhälften, wie sie durch binaurale Beats angeblich hervorgerufen werden soll, eher ungesund sei und in solchen Fällen, die nicht durch binaurale Beats entstehen können, beispielsweise bei epileptischen Anfällen vorkommt.

Allerdings gibt es hierzu keine eindeutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Betroffene sollten vor der Anwendung von binauralen Beats unbedingt ihren Arzt konsultieren.

Wissenschaftliche Studien zu binauralen Beats

Trotz der Popularität von binauralen Beats ist die wissenschaftliche Evidenz für ihre Wirksamkeit noch begrenzt. Zwar gibt es einige Studien, die positive Effekte zeigen, jedoch sind die Ergebnisse oft widersprüchlich und methodisch nicht immer einwandfrei.

Christoph Reuter schätzt den Forschungsstand so ein: „Wissenschaftlich konnten die versprochenen Effekte bislang so gut wie nicht nachgewiesen werden. Es gibt zu viele widersprüchliche Ergebnisse, da auch die Zugangsweisen und Ziele der Forscherinnen und Forscher zu unterschiedlich sind.“ Erschwerend käme hinzu, dass es einige Veröffentlichungen aus dem Umfeld des Monroe Instituts gebe, die mehr aus wirtschaftlichen denn aus wissenschaftlichen Interessen angefertigt wurden und zudem methodisch oft mangelhaft seien. „In ernstzunehmenden wissenschaftlichen Journals mit unabhängigem Peer-Review-Verfahren gibt es so gut wie keinen Nachweis über die Wirksamkeit von binauralen Beats.“

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Einige Studien deuten darauf hin, dass binaurale Beats bei Entspannung und Konzentration helfen können. Eine Studie in der niederländischen Fachzeitschrift Physiology & Behavior veröffentlichte Studie hat ergeben: Wer Beats mit einem den Beta-Wellen entsprechenden Frequenzunterschied zu hören bekam, schnitt danach bei Aufgaben, die Wachsamkeit erfordern, klar besser ab. In anderen Studien konnte gezeigt werden, dass Beats im Bereich von Delta-Wellen leichte Angstsymptome mildern. Bei einer US-Studie an der Northcentral University in San Diego haben Theta-Wellen Schmerzen um 77 Prozent effektiver reduziert als ein Placebo.

Es gibt Hinweise, dass binaurale Beats neuronale Oszillationen beeinflussen können - das Gehirn zeigt manchmal Synchronisationstendenzen mit externen Rhythmen. Erste Studien (u. a. zu sehr langsamen Frequenzen) deuten darauf hin, dass binaurale Beats den Übergang in tiefere Schlafphasen unterstützen können - ein spannendes Feld, das gerade wächst.

Die Forschung zum Thema legt also nahe, dass binaurale Beats keine der diskutierten Effekte auf Schlaf, Gedächtnis, Schmerzen, Konzentration, Stress oder Ängste haben.

Binaurale Beats im Alltag

Binaurale Beats finden in mehreren Bereichen Anwendung. Bei einigen lässt sich nachweislich ein Effekt erzielen, bei anderen ist das eher fragwürdig.

  • Entspannung: Frequenzen zwischen 12 Hz und 3 Hz können Stress, der im Job oder Alltagsstress begründet ist, ausgleichen. Außerdem können Anspannungen gelöst und das allgemeine Wohlbefinden verbessert werden.
  • Lernen: Binaurale Beats beim Lernen zu hören, kann das Vorstellungsvermögen, die Kreativität und die Konzentration stärken. Binaurale Frequenzen können in Verbindung mit klassischer Musik den Lernerfolg verstärken bei Klausuren und Prüfungen begünstigen.
  • Meditation: Binaurale Beats können dabei helfen leichter in einen meditativen Zustand zu gelangen und diesen über einen längeren Zeitraum zu halten.
  • Schlafen: Binaurale Beats können den Schlaf unterstützen, wenn nicht sogar verbessern.

Binaurale Beats selber erstellen

Binaurale Beats können vom Menschen nur wahrgenommen werden, wenn diese unterhalb von 1500 Hz angesiedelt sind. Die Differenz der beiden Frequenzen, die dabei im Gehirn entsteht ist 10 Hz = unser Binauraler Beat.

Möchtest Du Binaurale Beats selber erstellen, findest Du hier eine kurze Anleitung. Um zwei unterschiedliche Frequenzen zu erzeugen und einen binauralen Beat zu erzeugen, bietet sich das Programm Audacity an. Hier ein kurzer Fahrplan:

  1. Audacity öffnen
  2. Unter “Erzeugen” den Punkt “Klang” auswählen
  3. Dann in der erscheinenden Box “Sinus” stehen lassen und bei “Frequenz” 250 Hz einstellen.
  4. Punkt 2 u. 3 wiederholen und 260 Hz einstellen
  5. Beide Klangspuren jeweils links und rechts einstellen.

Unser Binaureler Ton ist in diesem Beispiel auch 10 Hz.

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