BIS/BAS-System: Die Neurobiologie von Motivation und Vermeidung

Einführung

Das menschliche Verhalten wird von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst, darunter auch neurobiologische Systeme, die uns motivieren, uns bestimmten Reizen zuzuwenden oder andere zu vermeiden. Zwei dieser Systeme, das Behavioral Inhibition System (BIS) und das Behavioral Activation System (BAS), spielen eine zentrale Rolle bei der Steuerung von Emotionen, Motivation und Verhalten. Diese Systeme sind tief in unserer evolutionären Vergangenheit verwurzelt und beeinflussen, wie wir auf Belohnungen, Bestrafungen und potenzielle Gefahren reagieren.

Grundlagen des BIS/BAS-Systems

Die Verstärkungssensitivitätstheorie (RST)

Die Verstärkungssensitivitätstheorie (Reinforcement Sensitivity Theory, RST) von Jeffrey Gray postuliert, dass die Persönlichkeit eines Menschen durch die relative Sensibilität seiner Verhaltenssysteme für Belohnung und Bestrafung bestimmt wird. Ursprünglich umfasste die RST zwei primäre Systeme:

  • Behavioral Inhibition System (BIS): Dieses System ist sensitiv für Bestrafung, Nichtbelohnung und Neuheit. Es löst Vermeidungsverhalten aus und ist mit Angst verbunden.

  • Behavioral Activation System (BAS): Dieses System ist sensitiv für Belohnungssignale und löst Annäherungsverhalten aus. Es ist mit positiven Emotionen wie Freude und Hoffnung verbunden.

Gray's Theorie wurde später überarbeitet, um ein drittes System einzubeziehen:

Lesen Sie auch: Das ARAS System im Detail

  • Fight-Flight-Freeze System (FFFS): Dieses System reagiert auf unmittelbare Bedrohungen und löst entweder Kampf-, Flucht- oder Erstarrungsreaktionen aus.

Neurobiologische Grundlagen

Das BIS und das BAS sind mit spezifischen neuronalen Schaltkreisen und Neurotransmittern verbunden. Das BAS wird primär durch das dopaminerge System gesteuert, während das BIS über noradrenerg-cholinerg-serotonerge Neurotransmitter kontrolliert wird. Das FFFS korreliert mit Panik und Furcht, also unkonditionierten aversiven Reizen, und wird im periaquäduktalen Grau des Gehirns (zentrales Höhlengrau) gesteuert.

Die überarbeitete RST

In der überarbeiteten RST von Gray (2000) wurde das BIS neu definiert. Es reagiert nicht mehr direkt auf Reize von außen, sondern wird aktiv, wenn sowohl das BIS als auch das FFFS-System aktiviert wurden. Das BIS wird danach durch Konflikte von BAS und FFFS aktiviert und dient zur Abwägung, welchem System der Handlungsvorzug gegeben werden soll.

BIS und BAS im Detail

Das Behavioral Inhibition System (BIS)

Das BIS ist ein System, das auf potenzielle Bedrohungen und Konflikte reagiert. Es ist sensitiv für:

  • Bestrafung: Reize, die zu negativen Konsequenzen führen.
  • Nichtbelohnung: Das Ausbleiben erwarteter Belohnungen.
  • Neuheit: Unerwartete oder unbekannte Reize.

Wenn das BIS aktiviert wird, hemmt es das aktuelle Verhalten und erhöht die Aufmerksamkeit für die Umgebung. Dies ermöglicht es dem Individuum, potenzielle Gefahren zu erkennen und zu vermeiden. Menschen mit einem hohen BIS bewerten negative soziale Erlebnisse negativer und setzen sich häufiger negative Ziele.

Das Behavioral Activation System (BAS)

Das BAS ist ein System, das auf Belohnungssignale reagiert. Es ist sensitiv für:

Lesen Sie auch: Visuelle Wahrnehmung erklärt

  • Belohnung: Reize, die zu positiven Konsequenzen führen.
  • Flucht vor Bestrafung: Reize, die es ermöglichen, negativen Konsequenzen zu entgehen.

Wenn das BAS aktiviert wird, motiviert es das Individuum, sich der Belohnung zu nähern. Menschen mit einem hohen BAS setzen sich häufiger positive Ziele. Studien haben gezeigt, dass die Reaktion auf immer wiederkehrende Belohnungsanreize verstärkt war, selbst wenn diese zwischenzeitlich durch aversive Reize ersetzt worden waren.

Persönlichkeit und BIS/BAS

Die relative Stärke des BIS und BAS beeinflusst die Persönlichkeit eines Menschen maßgeblich.

  • Hohes BIS: Menschen mit einem dominanten BIS sind tendenziell ängstlicher, introvertierter und vorsichtiger. Sie vermeiden Risiken und sind empfindlicher für negative Erfahrungen.

  • Hohes BAS: Menschen mit einem dominanten BAS sind tendenziell extrovertierter, impulsiver und risikobereiter. Sie suchen nach neuen Erfahrungen und sind motiviert, Belohnungen zu erlangen.

BIS/BAS und psychische Gesundheit

Dysfunktionen im BIS/BAS-System können zu verschiedenen psychischen Störungen beitragen.

Lesen Sie auch: Funktionen des limbischen Systems

  • Angststörungen: Eine überaktives BIS kann zu übermäßiger Angst und Vermeidung führen.
  • Depressionen: Eine verminderte BAS-Aktivität kann zu einem Verlust von Interesse und Freude führen.
  • Sucht: Substanzen greifen in das dopaminerge Belohnungssystem ein. Machen wir eine positive Erfahrung, wird hier Dopamin ausgeschüttet. »Dopamin ist ein Lernsignal«, erklärte Böning. Dadurch wird unser Verhalten positiv verstärkt. Das Gehirn merkt sich den positiven Effekt. Das ist möglich, da es mit seinen rund 100 Milliarden Zellen und 100 Billionen Synapsen immer wieder neue Verknüpfungen schafft. Neurobiologen nennen das Neuroplastizität. Im Fall von Substanzmissbrauch entsteht das sogenannte Suchtgedächtnis.

Evolutionäre Bedeutung

Die unterschiedlichen Stressreaktionsphänotypen sind auch bei anderen Lebewesen erkennbar. Die Überlebenswahrscheinlichkeit einer “steinzeitlichen” Gruppe von Homo sapiens war seit jeher höher, wenn die Gruppe Mitglieder beider Typen hatte. Heterogene Gruppen haben eine höhere Überlebenschancen als homogene Gruppen. Diese Unterschiede in den Stressreaktionen sind wenig vererblich, sondern eher zufällig verteilte Persönlichkeitsmuster. Sie wurden im Laufe der Evolution entwickelt, um die Überlebenswahrscheinlichkeit von Gruppen zu erhöhen. Dieses Prinzip findet sich heute in der Arbeitspsychologie wieder.

BIS/BAS im Kontext von Liebe und Beziehungen

Studien zur Liebe zeigen, dass das BAS allgemein bewirkt, dass Menschen positive Reize verstärkt wahrnehmen, neugieriger sind und selbstbewusster handeln. Im konkreten Falle des Verliebtseins sorgt es für die typischen Kognitionen, Emotionen und Verhaltensweisen, wie etwa den geliebten Menschen zu idealisieren, ihm ganz nah sein zu wollen oder Negatives zu übersehen. Im BAS sorgen Hormone dafür, dass soziale Reize - wie etwa der oder die Geliebte - stärker wahrgenommen werden. Das überschäumende anfängliche Verliebtsein ist mit neuronaler Aktivität in Hirnbereichen verbunden, die etwa bei Belohnung und Motivation, Emotionen sowie sexuellem Verlangen und Erregung involviert sind.

BIS/BAS und Gewohnheiten

Gewohnheiten sind eng verwoben mit unserem Alltag und damit auch unserem kulturellen Umfeld. Andere Länder, andere Sitten, besagt ein Sprichwort. Denn auch Verhaltensnormen sind Gewohnheiten, die sozusagen gemeinschaftlich eingeübt sind. Das kann den Lerneffekt beschleunigen. Für Bas Verplanken sind Gewohnheiten generell oft ein soziales Phänomen. "Das ist ganz einfach: Wenn jeder um dich herum eine Atemschutzmaske trägt und du nicht, werden die Leute darauf reagieren. SIe werfen dir Blicke zu oder sprechen dich sogar darauf an. "Gewohnheiten und Rituale sind per se nichts Negatives, sondern etwas Positives. Etwas, was Menschen brauchen. Deshalb ist es auch vollkommen absurd zu sagen, wir schaffen Arbeitsplätze ab in Großraumbüros, und jeder sitzt jedes Mal woanders. Weil Menschen diese Veränderung gar nicht mögen. Die mögen jedes Mal ihren Platz haben, da ist das Fenster, das ist da immer, das ist gut für mich. Diese ganzen Veränderungen erhöhen den Stresslevel, weil sie mehr Unbekanntes mit sich bringen. Umgekehrt führt zu viel Routine dazu, dass man sich dann langweilt. Dr. Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Einige Branchen wissen das schon lange für sich zu nutzen, denn unser Verhalten ist nicht nur berechenbar, sondern auch manipulierbar. So etwas wie die Bewerbung von Produkten und ihre Platzierung im Supermarkt befriedigen das Bedürfnis nach Routine. Inzwischen haben auch andere Branchen das Prinzip für sich entdeckt. Bas Verplanken sagt, die Pandemie sei ein gutes Beispiel dafür, was passiere, wenn Gewohnheiten plötzlich erschüttert werden. "Wir haben nicht mehr wie vorher mit den Menschen um uns herum interagiert, wir konnten bestimmte Dinge nicht mehr unternehmen. Emotional und körperlich war das für uns sehr anstrengend. Daran sieht man, wie wichtig Gewohnheiten sind." Mehrere Studien bestätigen: Covid-19 hat unseren Alltag und unsere Gewohnheiten verändert, und das nachhaltig. Sei es beim Einkaufen, beim Sport oder wie wir Freunde treffen. Aber auch Suchtkrankheiten und andere psychische Erkrankungen haben sich in den Jahren nach der Pandemie merkbar gehäuft. Auch andere Krisen der vergangenen Jahre haben dazu geführt, dass wir unser Verhalten anpassen, uns teilweise einschränken mussten. Solche Umbrüche haben immerhin auch etwas Positives, sagt Bas Verplanken. "Wenn wir große Umwälzungen erleben - ein Umzug, eine neue Beziehung oder ein wirtschaftlicher Einbruch - dann ist das immer eine Gelegenheit, neue Gewohnheiten herauszubilden.

BIS/BAS und ADHS

Im Bild der Hunter/Farmer-Hypothese werden ADHS-HI-/ADHS-C-Betroffene phänotypisch als Hunter (Jäger) und ADHS-I-Subtyp-Betroffene phänotypisch als Farmer (Sesshafte) betrachtet, wobei die ADHS-Symptome des jeweiligen Subtyps jeweils eine (ungesunde) Extremform der beiden Pole einnehmen. ADHS-Symptome wie Unaufmerksamkeit, Impulsivität etc. sind jedoch auch bei der Selbstständigkeit hinderlich und machen ihn innerhalb der Gruppe der Selbstständigen weniger erfolgreich als andere mit ebenso vielen externalisierenden Persönlichkeitsanteilen, aber ohne ADHS-Symptome. Andernfalls wären ADHS-HI- oder ADHS-C-Betroffene, wenn sie nur einen Beruf hätten, der unruhig genug ist, besonders erfolgreich. Wir haben beobachtet, dass berufliche / unternehmerische Selbstständigkeit eine Domäne der Typ-A-Persönlichkeit und von ADHS-HI/ADHS-C ist. Typ-C-Persönlichkeiten und Menschen vom ADHS-I-Subtyp sind als Selbstständige nach unserem subjektiven Eindruck weniger bzw. seltener erfolgreich. Ganz besonders gilt dies für SCT-Betroffene, denen nach diesseitiger Erfahrung von einer Selbstständigkeit eher abzuraten ist. Selbstständigkeit benötigt zwingend die Fähigkeit zu schnellen Entscheidungen.

tags: #bis #und #bas #system #des #gehirns