Der Konsum von Cannabis ist ein viel diskutiertes Thema, insbesondere im Hinblick auf seine Auswirkungen auf das Gehirn und die psychische Gesundheit. Ein oft genanntes Vorurteil ist, dass Cannabis zu Gleichgültigkeit führt, wie es in dem Sprichwort „Cannabis macht gleichgültig. Ist mir doch egal!“ zum Ausdruck kommt. Obwohl die Existenz eines Amotivationssyndroms umstritten ist, fällt auf, dass Cannabisabhängige oft antriebslos wirken und Schwierigkeiten haben, ihren Alltag zu bewältigen. Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass eine verminderte Dopaminproduktion im Gehirn eine entscheidende Rolle bei diesen beobachteten Verhaltensweisen spielen könnte.
Dopamin: Ein Schlüsselneurotransmitter
Dopamin ist ein Neurotransmitter, der eine zentrale Rolle bei der Regulation verschiedener Hirnfunktionen spielt. Zu diesen Funktionen gehören Bewegung, Belohnung, Motivation, Lernen, Gedächtnis und Emotionen. Dopamin wird von spezialisierten Nervenzellen, insbesondere in der Substantia nigra und dem ventralen Tegmentum, produziert und zur Signalübertragung an andere Nervenzellen weitergeleitet. Die Freisetzung von Dopamin wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst, darunter Belohnungen wie Essen oder soziale Interaktionen, aber auch durch Suchtmittel wie Drogen und Alkohol. Eine Dysfunktion des dopaminergen Systems kann zu neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen wie der Parkinson-Krankheit, Schizophrenie und Suchterkrankungen führen.
Die Verbindung zwischen Cannabis und Dopamin
Die Verbindung zwischen Cannabis und Dopamin basiert auf den Auswirkungen von Cannabinoiden, den aktiven Substanzen in Cannabis, auf das dopaminerge System im Gehirn. Tetrahydrocannabinol (THC), der Hauptwirkstoff in Cannabis, erhöht die Freisetzung von Dopamin im Gehirn. Dies geschieht hauptsächlich durch die Aktivierung von Cannabinoid-Rezeptoren, insbesondere der CB1-Rezeptoren, die sich im Gehirn und im Nervensystem befinden. Durch diese Aktivierung kann THC die Freisetzung von Dopamin in bestimmten Hirnregionen erhöhen, was zu euphorischen und stimmungsaufhellenden Effekten führt.
Auswirkungen von langfristigem Cannabiskonsum
Langfristiger und regelmäßiger Cannabiskonsum kann Veränderungen in der dopaminergen Funktion verursachen, insbesondere eine Verringerung der Anzahl von Dopamin-Rezeptoren oder eine veränderte Dopamin-Freisetzung. Dies kann zu einer Art Abstumpfungsreaktion führen, wie sie auch von anderen Drogen wie Kokain oder Amphetamin bekannt ist. Ein niedriger Dopaminspiegel im Gehirn von Cannabiskonsumenten könnte erklären, warum Cannabisabhängige oft eine gewisse Gleichgültigkeit zeigen und in der Folge häufiger schlechtere Bildungsabschlüsse als abstinente Personen aufweisen.
CBD und seine Auswirkungen auf das Dopaminsystem
Cannabidiol (CBD), ein weiterer wichtiger Bestandteil von Cannabis, hat ebenfalls Auswirkungen auf das dopaminerge System, obwohl diese komplexer und weniger gut verstanden sind. Einige Studien deuten darauf hin, dass CBD die Freisetzung von Dopamin im Gehirn beeinflussen kann, obwohl die Ergebnisse gemischt sind und die genauen Mechanismen noch nicht vollständig verstanden werden. Es gibt auch Hinweise darauf, dass CBD potenziell neuroprotektive Eigenschaften besitzt, die das dopaminerge System schützen könnten. Die Forschung zu CBD und Dopamin steht jedoch noch am Anfang, und viele Fragen sind noch offen.
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Aktuelle Studien zum Thema
Eine Studie des Imperial College London untersuchte die Dopaminproduktion bei Cannabiskonsumenten und fand überraschende Ergebnisse. Das Forschungsteam verglich 19 Cannabiskonsumenten mit 19 abstinenten Personen gleichen Alters. Es war bekannt, dass die Cannabiskonsumenten psychotische Symptome unter dem Einfluss von Cannabis entwickelten. Das Team wollte ursprünglich die Annahme überprüfen, ob Cannabis zu einer erhöhten Dopaminausschüttung führt, da Psychosen bekanntermaßen mit einer erhöhten Dopaminproduktion in Zusammenhang stehen.
Mittels eines Positronen-Emissions-Tomographen (PET-Scanner) wurde die Neurotransmitterproduktion im Gehirn gemessen. Entgegen den Erwartungen produzierten die Gehirne der Cannabiskonsumenten weniger Dopamin als die der abstinenten Personen. Studienleiter Michael Bloomfield räumte ein, dass diese Ergebnisse unerwartet waren und keinen direkten Hinweis darauf gaben, warum es bei Cannabiskonsumenten zu psychotischen Symptomen kommen kann. Es zeigte sich jedoch ein Trend, dass der Dopaminlevel im Gehirn umso geringer war, je früher die Betroffenen mit dem Kiffen begonnen hatten und je stärker der aktuelle Konsum war.
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass der niedrige Dopaminlevel eine Art Abstumpfungsreaktion auf die ständige Stimulation durch Drogen sein könnte. Dopamin zählt zu den anregenden Neurotransmittern, und ein Mangel an Dopamin wird mit Antriebslosigkeit und Niedergeschlagenheit in Verbindung gebracht.
Cannabis in der Jugend: Besondere Risiken
Der Cannabiskonsum bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen birgt besondere Risiken, da sich ihr Gehirn noch in der Entwicklung befindet. Studien haben gezeigt, dass regelmäßiger Cannabiskonsum in jungen Jahren strukturelle Veränderungen im Gehirn begünstigen kann, wie beispielsweise eine Ausdünnung der Großhirnrinde oder ein Volumenverlust im Hippocampus. Diese Veränderungen können die Hirnentwicklung beeinträchtigen, insbesondere in Arealen, die viele CB1-Rezeptoren enthalten, an die THC bindet.
Ein Fallbeispiel verdeutlicht die potenziellen Auswirkungen des Cannabiskonsums im Teenageralter. Ein Jugendlicher, der ab dem 11. Lebensjahr vier- bis fünfmal täglich kifte, erlebte einen stetigen Abstieg seiner schulischen Leistungen und musste die 10. Klasse des Gymnasiums wiederholen. Er beschrieb, dass sein Gehirn versagt habe und sein IQ gesunken sei. Zudem zeigte er psychiatrische Auffälligkeiten.
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Auswirkungen auf Lernen und Gedächtnis
Eine Studie von Neuropsychologen aus den USA untersuchte die Auswirkungen des Cannabiskonsums auf die kognitiven Fähigkeiten junger Menschen. Die Ergebnisse zeigten, dass die Gedächtniskapazität durch Cannabis unterdrückt wird. Allerdings wurde auch festgestellt, dass diese Beeinträchtigung schnell nachlässt, wenn der Konsum eingestellt wird.
In einem Experiment wurde eine Gruppe von Jugendlichen, die regelmäßig Cannabis konsumierten, aufgefordert, den Konsum für 30 Tage vollständig einzustellen, während eine Kontrollgruppe ihren Konsum beibehielt. Die Abstinenzler zeigten im Vergleich zum Ausgangswert eine signifikante Verbesserung des verbalen Lernens und des Gedächtnisses. Sie konnten sich insgesamt auch mehr merken als die Kontrollgruppe. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein Cannabis-Verzicht jungen Menschen dabei helfen kann, zu lernen, während der anhaltende Konsum den Lernprozess stören kann.
Medizinischer Nutzen von Cannabis
Während der Freizeitkonsum von Cannabis mit Risiken verbunden sein kann, können Cannabinoide im medizinischen Kontext therapeutisches Potenzial entfalten. THC wird unter anderem bei chronischen Schmerzen, Multipler Sklerose oder Übelkeit infolge einer Chemotherapie eingesetzt. Die Forschung zielt darauf ab, die Cannabis-Wirkung gezielter zu steuern, um unerwünschte Nebenwirkungen zu minimieren und den therapeutischen Nutzen zu maximieren.
THC und COX-2
Eine andere Studie bringt Licht ins Dunkel der Frage, warum THC bei manchen Menschen das Gedächtnis beeinträchtigen kann. Die Forschenden fanden heraus: Wird THC über längere Zeit eingenommen, kann es im Gehirn ein Enzym aktivieren, das normalerweise bei Entzündungen eine Rolle spielt - COX-2. Wenn COX-2 aktiv ist, verändert sich die Struktur der Verbindungen zwischen den Nervenzellen - vor allem im Hippocampus, der für das Lernen und Erinnern zuständig ist. Doch es gibt auch eine gute Nachricht: Sobald COX-2 gehemmt wurde, verschwanden diese negativen Effekte - selbst wenn weiterhin THC gegeben wurde. Gedächtnis und Nervenzellverbindungen blieben stabil. Diese Ergebnisse legen nahe: Die unerwünschten Nebenwirkungen von THC auf das Gehirn lassen sich womöglich verhindern, wenn gleichzeitig COX-2 gehemmt wird.
Cannabis während der Schwangerschaft
Cannabiskonsum während der Schwangerschaft beeinträchtigt die Gehirnentwicklung ungeborener Kinder und macht sie anfälliger für psychiatrische Störungen. Studien an Ratten haben gezeigt, dass THC die dopaminerge Signalübertragung im Gehirn der Nachkommen beeinflussen und zu Verhaltensauffälligkeiten führen kann.
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