Cannabis und seine Auswirkungen auf das Gehirn

Dank moderner Untersuchungsmethoden können die Auswirkungen von Cannabiskonsum auf den Hirnstoffwechsel heutzutage direkt am Menschen untersucht werden. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Einflüsse von Cannabis auf das Gehirn, von kurzfristigen Effekten bis hin zu langfristigen Veränderungen, und betrachtet dabei sowohl die potenziellen Risiken als auch das therapeutische Potenzial.

Einführung in die Thematik

Cannabis, eine Pflanze, deren Blüten und Blätter Cannabinoide enthalten, insbesondere Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD), beeinflusst das Gehirn durch ihre Interaktion mit dem Endocannabinoid-System. Die Legalisierung von Cannabis in Deutschland unter bestimmten Bedingungen ab 18 Jahren rückt die Frage nach den gesundheitlichen Risiken, insbesondere für junge Menschen, in den Mittelpunkt.

Das Endocannabinoid-System (ECS)

Um die Wirkung von THC im Gehirn zu verstehen, ist es wichtig, sich mit dem Endocannabinoid-System (ECS) vertraut zu machen. Das ECS ist Teil des Nervensystems und besteht aus den Cannabinoidrezeptoren CB1 und CB2 sowie deren Bindungspartnern, den Endocannabinoiden Anandamid und 2-Arachidonylglycerol (2-AG).

  • CB1-Rezeptoren: Diese Rezeptoren kommen vor allem im Gehirn vor und sind an der Regulation kognitiver Prozesse sowie der Wahrnehmung beteiligt. Sie finden sich hauptsächlich im Gehirn und Nervensystem, aber auch in Organen wie den Nieren und dem Darm. Durch die direkte Anbindung an die Nervenzellen und das Gehirn vermitteln CB1-Rezeptoren die berauschenden, psychoaktiven und euphorisierenden Aspekte von THC.
  • CB2-Rezeptoren: Diese Rezeptoren sind vor allem auf Zellen des Immunsystems zu finden, aber auch in einigen Organen wie Lunge, Milz, Haut, Knochen, Magen-Darm-Trakt und den Fortpflanzungsorganen.
  • Endocannabinoide: Der Körper stellt selbst körpereigene Cannabinoide her, die an diese Rezeptoren binden und verschiedene Funktionen regulieren. Die beiden wichtigsten sind Anandamid (AEA) und 2-Arachidonylglycerol (2-AG).

Das ECS reguliert und beeinflusst direkt und indirekt eine Vielzahl an physiologischen Vorgängen wie beispielsweise Appetit, Schmerzen, Entzündungen, Temperaturregelung im Körper, Augeninnendruck, Empfindsamkeit der Sinne, die Steuerung der Muskulatur und des Bewegungsapparats, das Energiegleichgewicht, den Stoffwechsel, das Schlafverhalten, Stressreaktionen, die Belohnungszentrale, die Gemütslage und das Gedächtnis.

Die Rolle von THC und CBD

THC und CBD sind die bekanntesten Cannabinoide in der Cannabispflanze.

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  • THC (Tetrahydrocannabinol): THC ist der hauptsächlich psychoaktive Bestandteil von Cannabis. Es bindet hauptsächlich an CB1-Rezeptoren im Gehirn und Nervensystem. Durch die Aktivierung der CB1-Rezeptoren beeinflusst THC die Freisetzung von Neurotransmittern wie Dopamin, GABA und Glutamat. THC kann zentrale Hirnregionen wie den Hippocampus (Gedächtnis), den präfrontalen Cortex (Impulskontrolle) und das Belohnungssystem (Motivation, Emotionen) beeinflussen. Das kann zu veränderter Wahrnehmung, Euphorie oder gesteigerter Kreativität führen.
  • CBD (Cannabidiol): CBD wirkt im Gehirn auf eine ganz andere Weise als THC - beruhigend, ausgleichend und ohne berauschende Effekte. Es interagiert nicht direkt mit CB1-Rezeptoren, sondern moduliert deren Aktivität. Studien zeigen, dass CBD angstlösend, antipsychotisch und entzündungshemmend wirkt - ohne die berauschenden Effekte von THC.

Kurzfristige Auswirkungen von Cannabiskonsum

Selbst ein einziges Mal an einem Joint zu ziehen, kann negative Folgen für die Gesundheit haben - zumal es leicht zu Überdosierungen kommt und oft auch noch Alkohol mit im Spiel ist.

  • Psyche und Wahrnehmung: Sedierung (Beruhigung), leichte Euphorie, gesteigertes Wohlbefinden, intensivere Wahrnehmung von sinnlichen Empfindungen, die Zeit scheint langsamer zu vergehen, Angstzunahme oder -linderung, Halluzinationen nach hohen Dosen. Angstgefühle und Panikattacken, die Wahrnehmung wird überempfindlich und kann sich bis zu Halluzinationen steigern.
  • Denken: Gedächtnis und Aufmerksamkeit sind gestört, Kreativität ist erhöht.
  • Bewegung: Verschlechterung oder Verbesserung der Koordination, undeutliche Sprache.
  • Nervensystem: Schmerzlinderung, Muskelentspannung, gesteigerter Appetit, Verminderung von Übelkeit und Erbrechen, Auftreten von Übelkeit.
  • Herz-Kreislauf-System: Zunahme der Herzfrequenz, Absinken des Blutdrucks, eventuell mit Schwindel. Herzrasen.
  • Augen: Rötung der Bindehaut, weniger Tränenfluss, Absinken des Augeninnendrucks.
  • Atemwege: Erweiterung der Bronchien, Mundtrockenheit.
  • Magen-Darm-Trakt: Verminderte Darmbewegungen, geringere Magensäureproduktion. Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit, auch ein Kreislaufkollaps ist möglich.

Langzeitfolgen von Cannabiskonsum auf das Gehirn

Regelmäßiger Cannabiskonsum kann langfristige Auswirkungen auf das Gehirn haben, insbesondere bei Jugendlichen, deren Gehirne sich noch in der Entwicklung befinden.

  • Kognitive Beeinträchtigung: Studien haben gezeigt, dass regelmäßiger Cannabiskonsum die kognitiven Funktionen beeinträchtigen kann. Die Gehirne von Jugendlichen sind noch mitten in der Entwicklung. Der Konsum von Cannabis kann den ablaufenden Reifeprozess empfindlich stören und zu irreversiblen Veränderungen führen. Bei jenen, die gelegentlich oder regelmäßig Cannabis konsumierten, war die Hirnrinde dünner. Insbesondere der präfrontale Kortex war betroffen. Dieses Hirnareal ist für die Entscheidungsfindung und Impulskontrolle verantwortlich. Dort gibt es viele Rezeptoren, an die Substanzen wie THC, der Hauptwirkstoff von Cannabis, andocken können. Die Folge: Die betroffenen Jugendlichen können sich schlechter konzentrieren und sind impulsiver als andere.
  • Persönlichkeitsveränderungen: Speziell für Jugendliche und junge Erwachsene können nachlassende Lernleistungen, Motivationsmangel oder Aufmerksamkeitsstörungen zu einem lebensverändernden Problem werden, denn die Bildung leidet. Schule oder Ausbildung werden abgebrochen. Auch kann es sein, dass sie sich aus dem Alltag zurückziehen, lustlos werden und somit auch soziale Fähigkeiten schrumpfen. Menschen, die lange Zeit Cannabis konsumieren, haben ein stark erhöhtes Risiko, das sogenannte amotivationale Syndrom zu entwickeln; ein Zustand der Passivität und Gleichgültigkeit in Kombination mit ausgeprägter Antriebslosigkeit.
  • Suchtgefahr: Der Konsum von Cannabis kann zu Sucht und Abhängigkeit mit Toleranzentwicklung (immer höhere Dosen notwendig) und Entzugssymptomen führen. Wie andere Drogen auch kann Cannabis psychisch und körperlich abhängig machen. Dementsprechend kommt es zu einem starken Wunsch, die Droge zu gebrauchen, selbst wenn bereits schädliche Folgen vorliegen. Für Menschen, die früh mit dem Konsum beginnen und während ihrer Jugend häufig konsumieren, ist das Risiko erhöht. Da Cannabis einen immer höheren THC-Gehalt besitzt, steigt nicht nur die Gefahr von Gesundheitsschäden an, sondern auch das Risiko, danach süchtig zu werden. Nach Alkohol ist Cannabis in Deutschland der häufigste Grund für eine Suchtbehandlung.
  • Risiko psychischer Erkrankungen: Cannabiskonsum kann das Risiko für psychische Erkrankungen erhöhen, etwa für Depressionen oder Angststörungen. Der Konsum von THC kann außerdem zu Psychosen führen.

Auswirkungen auf Cannabinoid-Rezeptoren

Chronischer Cannabiskonsum kann die Zahl von Cannabinoid-Rezeptoren im Gehirn reduzieren. Eine Studie am National Institute of Mental Health und am National Institute on Drug Abuse in den USA durchgeführte Studie untersuchte, welche Auswirkungen chronischer Cannabiskonsum auf die Cannabinoid-Rezeptoren hat. Hierbei wurden 30 starke Cannabiskonsumenten, die sich in einer geschlossenen stationären Einrichtung befanden, mithilfe der Positronen-Emissions-Tomographie (PET) untersucht. Verglichen wurden die Cannabiskonsumenten mit 28 anderen Probanden, die bisher noch gar nicht oder nur selten zum Joint gegriffen hatten. Die Untersuchungsergebnisse waren eindeutig: So wiesen die starken Cannabiskonsumenten im Schnitt 20 Prozent weniger Cannabinoid-Rezeptoren auf als Mitglieder der Vergleichsgruppe. Ihr Cannabiskonsum hatte also deutliche Spuren im Gehirn hinterlassen. Darüber hinaus fanden die Forscherinnen und Forscher, dass die Zahl der Cannabinoid-Rezeptoren signifikant mit der Konsumerfahrung zusammenhing: Je länger die Konsumentinnen und Konsumenten kifften, desto weniger Cannabinoid-Rezeptoren konnten in ihrem Gehirn nachgewiesen werden. Allerdings konnte im Rahmen der Studie auch gezeigt werden, dass sich die Auswirkungen des Konsums wieder abschwächten, wenn dieser eingestellt wurde. So zeigten zusätzliche Hirnuntersuchungen nach einem Monat, dass sich die Zahl der Cannabinoid-Rezeptoren bei ehemaligen Konsumenten wieder deutlich erholte.

Cannabis und das alternde Gehirn

Eine Studie der Universität Bonn und der Hebrew Universität Jerusalem (Israel) hat gezeigt, dass eine geringe Menge an THC bei alten Mäusen die kognitive Leistungsfähigkeit wiederherstellen kann. Die Forscher verabreichten Mäusen im Alter von zwei, zwölf oder 18 Monaten über einen Zeitraum von vier Wochen eine geringe Menge an THC. Danach testeten sie das Lernvermögen und die Gedächtnisleistungen der Tiere. Mäuse, die nur ein Placebo verabreicht bekamen, zeigten natürliche altersabhängige Lern- und Gedächtnisverluste. Die kognitiven Funktionen der mit Cannabis behandelten Tiere waren hingegen genauso gut wie die von zwei Monate alten Kontrolltieren.

Medizinische Verwendung von Cannabis

Während der Freizeitkonsum mit Risiken einhergeht, können Cannabinoide im medizinischen Kontext ihr therapeutisches Potenzial entfalten. THC wird unter anderem bei chronischen Schmerzen, Multipler Sklerose oder Übelkeit infolge einer Chemotherapie eingesetzt. CBD wird bei Epilepsie angewendet. Auf dem deutschen Markt gibt es ein CBD-haltiges Arzneimittel, das für bestimmte Epilepsie-Formen zugelassen ist.

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Risikogruppen

Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sind aufgrund des noch nicht abgeschlossenen Reifeprozesses des Gehirns bis zu einem Lebensalter von ca. 25 Jahren besonders anfällig für psychische, physische und soziale Auswirkungen eines langfristigen, aber auch eines kurzfristigen Cannabiskonsums. Vor allem der Inhaltsstoff THC kann die Gehirnentwicklung stören und birgt die Gefahr von strukturellen und funktionellen Beeinträchtigungen. Auch Jungs mit ADHS fallen in diese Kategorie, denn sie sind besonders neugierig, suchen stets aufregende Erlebnisse und das Gehirn ist sehr anfällig für schnelle Belohnungsreize. Hinzu kommt: Zwar kann Cannabis kurzfristig ADHS-Symptome wie innere Unruhe mindern, langfristig kann sich die Wirkung aber umkehren. Zudem droht die Abhängigkeit.

Erkennen von Cannabiskonsum bei Jugendlichen

Cannabiskonsum macht sich zum Beispiel durch den unverkennbaren Geruch bemerkbar. Auch wenn sich das Kind merklich zurückzieht und keinerlei Interessen mehr zeigt, kann das ein Hinweis sein.

Weitere Auffälligkeiten, die bei Cannabiskonsum auftreten können, sind:

  • Körperliche Merkmale: Heißhungerattacken, ständige Müdigkeit, gerötete Augen, geweitete Pupillen.
  • Soziale Merkmale: Isolation, Abbruch von Freundschaften, neuer, ungewöhnlicher Freundeskreis, familiäre und schulische Teilnahmslosigkeit, schulischer Leistungsabfall, Vernachlässigung von Hobbys.

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