Cannabis bei Migräne: Eine Übersicht über die medizinische Anwendung

Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Millionen Menschen in Deutschland leiden unter wiederkehrenden, oft unerträglichen Attacken, die mit Symptomen wie Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit sowie Sehstörungen einhergehen. Klassische Medikamente helfen nicht immer oder sind mit unangenehmen Nebenwirkungen verbunden. In den letzten Jahren hat sich medizinisches Cannabis als eine mögliche Alternative oder Ergänzung zur herkömmlichen Migränebehandlung etabliert. Dieser Artikel beleuchtet die aktuelle Forschungslage, die rechtlichen Rahmenbedingungen und die praktischen Aspekte der Anwendung von Cannabis bei Migräne.

Was ist medizinisches Cannabis?

Medizinisches Cannabis bezeichnet standardisierte Arzneimittel auf Cannabisbasis, die aus der Cannabispflanze gewonnen und unter kontrollierten Bedingungen angebaut werden. Diese Produkte enthalten verschiedene Cannabinoide, wobei Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) die bekanntesten sind. THC ist der Hauptwirkstoff der Cannabispflanze und wirkt in hoher Konzentration psychoaktiv. CBD wirkt nicht psychoaktiv und kann die negativen Effekte von THC dämpfen. Zudem hat es eine entzündungshemmende Wirkung.

Inhaltsstoffe und ihre Wirkung

  • THC (Tetrahydrocannabinol): Wirkt schmerzlindernd, krampflösend und gegen Übelkeit. Kann aber auch psychoaktive Effekte wie Euphorie oder kognitive Veränderungen verursachen. THC ist psychoaktiv und bindet hauptsächlich an CB1-Rezeptoren im Gehirn, was zu den bekannten Rauschzuständen führt.
  • CBD (Cannabidiol): Wirkt entzündungshemmend, angstlösend und schmerzlindernd, ohne psychoaktiv zu sein. CBD, im Gegensatz dazu, ist nicht psychoaktiv und interagiert hauptsächlich mit CB2-Rezeptoren, die im Immunsystem und peripheren Nervensystem zu finden sind.

Migräne und ihre Ursachen

Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Störung, die durch wiederkehrende Kopfschmerzattacken gekennzeichnet ist. Diese Attacken können von Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet sein. Die genauen Ursachen von Migräne sind noch nicht vollständig geklärt, aber es wird angenommen, dass entzündliche Prozesse im Gehirn eine Rolle spielen. Migräne kann durch entzündliche Prozesse im Gehirn verstärkt werden. Einige Studien deuten darauf hin, dass Cannabinoide den Serotoninspiegel beeinflussen können.

Medizinisches Cannabis bei Migräne: Der aktuelle Stand der Forschung

Die medizinische Wirkung von Cannabis ist noch nicht endgültig erforscht. Eine zentrale Rolle spielt das Endocannabinoid-System als Teil des Nervensystems. Es reagiert auf die Wirkstoffe von Cannabis, die Cannabinoide, zu denen insbesondere THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol) zählen. Das Endocannabinoid-System scheint mit der Schmerzwahrnehmung im Gehirn zusammenzuhängen, auch bei Migräne-Attacken.

Studien haben gezeigt, dass Migräne-Patienten durch die Einnahme von Präparaten mit THC und CBD an weniger Tagen pro Monat Migräne-Attacken hatten. Außerdem ließen sich dadurch Symptome wie Kopfschmerzen und Übelkeit verringern beziehungsweise lindern. Insgesamt ist die Datenlage aber bislang nicht ausreichend, um endgültige Empfehlungen zu Therapieoptionen und Dosierungen für die Behandlung mit Cannabis gegen Migräne zu machen.

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Eine Übersichtsarbeit, die mehrere medizin-wissenschaftliche Portale (PubMed, EMBASE, PsycINFO, CINAHL, Web of Science) umfasste und insgesamt 12 Publikationen mit 1 980 Patienten auswertete, ergab, dass medizinisches Cannabis (MC) nach 6 Monaten der Einnahme Übelkeit und Erbrechen durch Migräne signifikant reduzieren konnte. Es sorgte schon nach 30 Tagen für eine Reduktion in der Migränefrequenz. MC war dabei 51 % effektiver in der Reduktion der Migräne als Produkte ohne Cannabis. Im Vergleich zu Amitriptylin konnte MC bei manchen Patienten (11,6 %) Migräneattacken stoppen und ansonsten die Frequenz reduzieren. Bei Nutzern von MC kam es jedoch oftmals zu Kopfschmerzen durch Medikamentenübergebrauch. Die Autoren dieser Übersichtsarbeit schließen daraus, dass medizinisches Cannabis positive Effekte auf Häufigkeit und Frequenz von Migräne haben kann. Weitere experimentelle Studie zur Bewertung der Sicherheit und Effektivität von Cannabis bei Migräne wäre jedoch notwendig, um dies verlässlich einschätzen zu können.

Ergebnisse einer Studie mit Cannabiskapseln

Forschende des San Diego Center for Pain Medicine ließen 92 Migränebetroffene zu Beginn des Migräneanfalls den Inhalt einer genau dosierten Cannabiskapsel mithilfe eines Verdampfers inhalieren. Eine Gruppe erhielt Kapseln, die 6 Prozent Tetrahydrocannabinol (THC) enthielten. Eine weitere Gruppe atmete 11-prozentiges Cannabidiol (CBD) ein. Eine dritte Gruppe erhielt beide Wirkstoffe in gleicher Menge. Eine vierte Gruppe diente als Kontrollgruppe und atmete nur wirkstofffreien Blütenextrakt ein.

Insgesamt behandelten die Patientinnen und Patienten 247 Migräneattacken mit den Hanfkapseln. Nach zwei Stunden war jeweils ein gewisser Anteil der Betroffenen in allen Gruppen schmerzfrei:

  • 34,5 Prozent in der THC/CBD-Gruppe
  • 27,9 Prozent in der reinen THC-Gruppe
  • 22,8 Prozent in der reinen CBD-Gruppe
  • 15,5 Prozent in der Placebogruppe

Bei 67,2 Prozent der Betroffenen aus der THC/CBD-Gruppe hatten sich die Schmerzen nach zwei Stunden zumindest reduziert, in der Placebogruppe war das nur bei 46,6 Prozent der Teilnehmenden der Fall. Auch andere unangenehme Migränesymptome konnte die Cannabistherapie lindern, darunter Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Das vorläufige Ergebnis der Studie zeigt, dass die Kombination aus THC und CBD gegen Migräneattacken am wirksamsten zu sein scheint.

Langzeitwirkung und chronische Kopfschmerzen

Die langfristige Anwendung von Cannabis zur Behandlung chronischer Kopfschmerzen, einschließlich Migräne, wird zunehmend erforscht. Die Wirksamkeit von Cannabis bei chronischen Kopfschmerzen kann je nach Dosierung und Verhältnis von THC zu CBD variieren.

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Rechtliche Rahmenbedingungen in Deutschland

Seit 2017 ist medizinisches Cannabis in Deutschland verschreibungsfähig. Um Cannabisprodukte legal zu erwerben, benötigt man in Deutschland immer ein gültiges ärztliches Rezept. Dieses kann man von Hausärzten oder Fachärzten erhalten, wenn eine medizinische Notwendigkeit besteht - zum Beispiel, wenn herkömmliche Therapien nicht ausreichend wirken oder starke Nebenwirkungen haben.

Vor der ersten Verordnung musste bislang ein Antrag bei der Krankenkasse gestellt werden. Erst nachdem dieser genehmigt wurde, konnte die Ärztin oder der Arzt Cannabis verordnen. Seit dem 17.10.2024 benötigen Ärztinnen und Ärzte mit bestimmten Qualifikationen keine Genehmigung der Krankenkasse, um Cannabis verordnen zu können:

Facharzt- und Schwerpunktbezeichnungen

  • Fachärztin/Facharzt für Allgemeinmedizin
  • Fachärztin/Facharzt für Anästhesiologie
  • Fachärztin/Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe mit Schwerpunkt Gynäkologische Onkologie
  • Fachärztin/Facharzt für Innere Medizin
  • Fachärztin/Facharzt für Innere Medizin und Angiologie
  • Fachärztin/Facharzt für Innere Medizin und Endokrinologie und Diabetologie
  • Fachärztin/Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie
  • Fachärztin/Facharzt für Innere Medizin und Hämatologie und Onkologie
  • Fachärztin/Facharzt für Innere Medizin und Infektiologie
  • Fachärztin/Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie
  • Fachärztin/Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie
  • Fachärztin/Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie
  • Fachärztin/Facharzt für Innere Medizin und Rheumatologie
  • Fachärztin/Facharzt für Neurologie
  • Fachärztin/Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin
  • Fachärztin/Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Zusatzbezeichnungen

  • Geriatrie
  • Medikamentöse Tumortherapie
  • Palliativmedizin
  • Schlafmedizin
  • Spezielle Schmerztherapie

Voraussetzungen für die Verordnung

Grundsätzlich gilt: Nur Patientinnen und Patienten mit einer schwerwiegenden Erkrankung haben unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch auf Cannabismedikamente auf Rezept. Dazu gehört in der Regel, dass alle Behandlungsoptionen ausgeschöpft wurden, die als Standard für die Behandlung einer bestimmten Erkrankung gelten (Standardtherapien). Nur wenn Standardtherapien nicht (mehr) ausreichend wirksam sind oder nicht vertragen wurden, kommt eine Cannabistherapie auf Kosten der Krankenkasse in Betracht.

Noch eine weitere Voraussetzung muss erfüllt sein: Es muss eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht auf eine spürbare positive Einwirkung auf den Krankheitsverlauf oder auf schwerwiegende Symptome bestehen.

Kostenübernahme durch die Krankenkasse

Wenn die Krankenkasse die Kosten für die Behandlung mit medizinischem Cannabis, etwa gegen Migräne, übernehmen soll, ist eine Genehmigung erforderlich. Die Ablehnung ist nur in begründeten Ausnahmefällen möglich.

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Ihr Arzt oder Ihre Ärztin stellt einen Antrag auf Kostenübernahme, den Sie gemeinsam bei der Kasse einreichen. Wichtig: Auch wenn die Krankenkasse den Antrag zunächst ablehnt, kann man in den Widerspruch gehen. Falls Sie keine Kostenübernahme von Ihrer Krankenkassen vorliegen haben, wird Ihnen Ihr behandelnder Arzt oder Ihre behandelnde Ärztin ein Privatrezept ausstellen. Die dadurch anfallenden Kosten tragen Sie als Selbstzahler.

Grundsätzlich übernimmt Ihr Versicherer die Kosten. Wie bei allen Medikamenten, müssen Sie jedoch die gesetzliche Zuzahlung („Rezeptgebühr“) entrichten. Diese beträgt zehn Prozent des Preises für das Medikament, jedoch mindestens 5,00 und höchstens 10,00 Euro.

Was tun bei Ablehnung des Antrags?

Lehnt die Krankenkasse die Kostenübernahme ab, haben Sie die Möglichkeit, innerhalb eines Monats nach Erhalt des Ablehnungsschreibens Widerspruch einzulegen. Der Widerspruch sollte begründet sein. Das heißt, Sie sollten schriftlich Stellung dazu nehmen, warum Sie mit der Entscheidung nicht einverstanden sind. Es wird geraten, Ihrem Widerspruch eine ärztliche Stellungnahme beizufügen.

Die Bearbeitungsdauer von Widersprüchen hängt von vielen Faktoren ab. Wenn der Medizinische Dienst hinzugezogen wird, kann es länger dauern. Ergeben sich keine neuen Erkenntnisse, bleibt es bei der Entscheidung der Krankenkasse und Ihr Widerspruch wird umgehend an den Widerspruchsausschuss weitergeleitet. Dieser trifft innerhalb weniger Wochen eine abschließende Entscheidung. Wenn der Ausschuss einem Widerspruch nicht abhelfen konnte, haben Versicherte anschließend die Möglichkeit, Klage beim zuständigen Sozialgericht zu erheben.

Darreichungsformen und Anwendung

Cannabis steht in verschiedenen Darreichungsformen zur Verfügung, die jeweils unterschiedliche Vor- und Nachteile haben:

  • Inhalation (Verdampfen): Wirkt schnell - bereits nach wenigen Minuten. Bei akuten Migräneanfällen ist die Inhalation (z. B. durch Verdampfen) wegen der schnellen Wirkung innerhalb weniger Minuten nützlich.
  • Öle und Tinkturen: Wirken verzögert (15-30 Minuten), dafür länger. Produkte Wie Dronabinol werden oral eingenommen oder unter die Zunge getropft. Öle und Tinkturen sind eine diskrete Alternative, die unter die Zunge getropft wird und eine etwas längere Wirkung bietet.
  • Kapseln: Können präzise und gleichmäßig dosiert werden.
  • Cremes: Für Hauterkrankungen sinnvoll.
  • Essbare Produkte (Edibles): Diese haben eine längere Wirkungsdauer, aber auch eine verzögerte Wirkung von bis zu zwei Stunden.

Die richtige Anwendung und Dosierung von medizinischem Cannabis ist individuell und hängt von verschiedenen Faktoren ab: Ihrer Erkrankung, der gewählten Darreichungsform (Blüten, Extrakte, Kapseln oder Cremes) sowie Ihrer persönlichen Verträglichkeit. Ein Arzt oder eine Ärztin legt mit Ihnen gemeinsam einen Behandlungsplan fest und passt die Dosierung schrittweise an.

Tipps zur Anwendung

  • Start low, go slow: Beginnen Sie mit einer niedrigen Dosis und steigern Sie langsam, um Nebenwirkungen zu vermeiden.
  • Einnahmemethoden variieren:
  • Überwachung der Reaktion: Führen Sie ein Tagebuch über Dosierung und Reaktionen, um herauszufinden, was am besten wirkt.
  • Bei potenziellen Medikamenteninteraktionen: Einige Migränemedikamente können mit Cannabis interagieren.

Mögliche Nebenwirkungen

Wie bei jeder Therapie gibt es auch bei der Verwendung von Cannabis mögliche Nebenwirkungen, darunter Schwindel, Müdigkeit und Veränderungen der Stimmung. Mögliche Nebenwirkungen sind Mundtrockenheit, Müdigkeit, Schwindel oder bei hohen THC-Dosen auch psychische Effekte.

Kontraindikationen

  • Psychosen
  • Affektive Störungen
  • Angststörung
  • Kindes- und Jugendalter, da irreversible kognitive Folgeschäden zu erwarten sind

Teilnahme am Straßenverkehr

Grundsätzlich ja - aber nur, wenn Sie ein gültiges ärztliches Rezept haben und Ihre Fahrtüchtigkeit nicht eingeschränkt ist. Das bedeutet: Sie dürfen nicht unter akuter Beeinträchtigung (z. B. starker Müdigkeit oder Schwindel) fahren. Innerhalb der EU/Schengen-Staaten können Sie mit einer sogenannten Schengen-Bescheinigung reisen, die Ihr Arzt oder Ihre Ärztin ausstellen muss. Diese Schengen-Bescheinigung muss zusätzlich von Ihrem zuständigen Gesundheitsamt bestätigt werden. Sie benötigen pro Präparat eine Bescheinigung. Außerhalb Europas gelten sehr unterschiedliche Regelungen, in vielen Ländern ist die Mitnahme streng verboten.

Bezugsquellen für medizinisches Cannabis

Sobald Sie Ihr Cannabis-Rezept haben, können Sie es bei einer Partnerapotheke einlösen. Sie laden dafür einfach einen Scan Ihres E-Rezepts im Bestellprozess hoch, bzw. senden Ihr Papierrezept per Post an die Partnerapotheke. Dadurch wird Ihre Bestellung schnell und diskret bearbeitet, und Sie erhalten Ihr medizinisches Cannabis in pharmazeutischer Qualität zuverlässig nach Hause. Eine Abholung vor Ort ist nicht möglich - dafür erhalten Sie Ihre Cannabisprodukte sicher, diskret und zuverlässig direkt an Ihre Wunschadresse.

Alternative Therapieformen bei Migräne

Bei Migräne gibt es bereits eine Vielzahl an zugelassenen Medikamenten und Therapien. Allerdings müssen diese, da sie teilweise schlecht vertragen werden oder nicht wirken, oft individuell, in einem langen Prozess des Durchprobierens, getestet werden. Langes Durchprobieren kann dabei abschrecken.

Im Vergleich dazu wirken traditionelle Migränemedikamente wie Triptane und NSAIDs (nichtsteroidale Antirheumatika) auf die Blutgefäße und Schmerzrezeptoren im Gehirn. Im Gegensatz dazu sind herkömmliche Migränemedikamente, insbesondere NSAIDs, mit gastrointestinalen Problemen wie Magenschmerzen und Blutungen assoziiert.

Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel

Die Klinik für neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerztherapie unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dipl.Psych. Hartmut Göbel bietet spezielle Therapien für Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen und andere Kopfschmerzformen an. Die Klinik verfügt über ein integriertes Versorgungsnetzwerk mit verschiedenen Krankenkassen.

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