Die Neurochirurgie ist ein hochspezialisiertes medizinisches Fachgebiet, das sich mit der Diagnose und operativen Behandlung von Erkrankungen, Fehlbildungen und Verletzungen des zentralen und peripheren Nervensystems befasst. Dies umfasst Gehirn, Rückenmark, Nerven und die umgebenden Strukturen. Aufgrund der Komplexität und Präzision, die dieses Gebiet erfordert, gilt die Neurochirurgie als eines der anspruchsvollsten medizinischen Spezialgebiete.
Definition und Aufgaben der Neurochirurgie
Die Neurochirurgie ist eine Facharztrichtung, die aus der Chirurgie hervorgegangen ist. Neurochirurgen sind innerhalb der Chirurgie für die operative Behandlung von Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems und seiner Umgebungsstrukturen zuständig. Neurochirurgen beschäftigen sich mit Erkrankungen, Fehlbildungen und Verletzungen des zentralen und peripheren Nervensystems.
Die Aufgaben der Neurochirurgie umfassen die Diagnostik, die operative Behandlung sowie die Rehabilitation von Erkrankungen, Fehlbildungen und Verletzungen des zentralen und peripheren Nervensystems. Zu den Aufgaben gehören insbesondere die Behandlung von Verletzungen des Schädels, des Gehirns und des Rückenmarks sowie von Tumoren und Fehlbildungen in diesen Bereichen. Darüber hinaus gehört die Versorgung von bandscheiben- und wirbelsäulenbedingten Erkrankungen sowie die Anwendung von minimal-invasiven Techniken zu den Kernbereichen der Neurochirurgie.
Ausbildung und Spezialisierung
Die Facharzt-Weiterbildung in der Neurochirurgie dauert 72 Monate. Davon müssen 6 Monate in der intensivmedizinischen Versorgung neurochirurgischer Patienten abgeleistet werden. Passende Ausbildungsstellen gibt es direkt bei praktischArzt unter Assistenzarzt Jobs Neurochirurgie.
Inhalte der Weiterbildung
Die Weiterbildungszeit in der Neurochirurgie beträgt 72 Monate bei einem Weiterbildungsbefugten an einer Weiterbildungsstätte gemäß § 5 Abs. Die Weiterbildung umfasst unter anderem:
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- Intraoperatives multimodales Monitoring/Mapping
- Erkennung, Erstversorgung und Management spontaner und traumatischer neurochirurgischer Notfälle
- Punktions- und Katheterisierungstechniken
- Neuromonitoring
- Operative Therapie neurochirurgischer Infektionen
- Neurochirurgisch-invasive Schmerztherapie
- Verfahren der neurochirurgischen Schmerztherapie
- Diagnostische Eingriffe
- Bewertung von verbliebenen Fähigkeiten und Monitoring der Erholung sowie des Rehabilitationspotentials
- Shunt-Techniken
- Mitwirkung bei vaskulären Operationen
Anzahl der Neurochirurgen in Deutschland
In Deutschland gibt es 3.268 Fachärztinnen und Fachärzte für Neurochirurgie (2024). Davon sind 2.788 berufstätig. Von diesen arbeiteten 2.615 als Facharzt für Neurochirurgie, über zwei Drittel in Kliniken und Krankenhäusern.
Gehalt eines Neurochirurgen
Das Gehalt eines Neurochirurgen mit eigener Praxis liegt im Durchschnitt bei 209.000 Euro. In einer Klinik als angestellter Facharzt für Neurochirurgie verdient der Neurochirurg zwischen 72.000 und 95.000 Euro pro Jahr.
Geschichte der Neurochirurgie
Die Neurochirurgie ist eine der ältesten medizinischen Fachrichtungen überhaupt. Anhand von Skelettfunden aus der Jungsteinzeit lässt sich nachweisen, dass schon vor mehreren Jahrtausenden Trepanationen (operative Schädelöffnungen) durchgeführt wurden - und dass die Patienten die Eingriffe überlebten. Die Grundlagen für die moderne Neurochirurgie wurden im 19. Jahrhundert gelegt. Seither hat sich viel getan: Durch den Fortschritt bei Operations- und Untersuchungstechniken können Ärzte beispielsweise Hirntumore, Wirbelsäulenerkrankungen, Aneurysmen, Metastasen, Fehlbildungen oder Verletzungen am zentralen oder peripheren Nervensystem inzwischen besser erkennen.
Paul Broca, ein französischer Arzt und Anthropologe, leistete einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung der Neurochirurgie im späten 19. Jahrhundert. Er stellte fest, dass spezifische Gehirnregionen für spezifische Funktionen, wie Sprache, verantwortlich sind. Dieses Konzept, bekannt als Lokalisationstheorie, war fundamentaler Ausgangspunkt für viele neurochirurgische Verfahren.
Indikationen und Behandlungsspektrum
Die Neurochirurgie behandelt ein breites Spektrum an Erkrankungen und Verletzungen des Nervensystems. Hierzu gehören:
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- Schädel-Hirn-Trauma: Ein Sammelbegriff für Verletzungen des Kopfs, die zu einer Funktionsstörung oder Verletzung des Gehirns führen. Die Traumata entstehen meist durch äußere Gewalteinwirkung z. B. in Folge eines Autounfalls. Eine lebensbedrohliche Verletzung, die als Folge von Unfällen auftritt und ein sofortiges Eingreifen des Neurochirurgen erfordern. Zugrunde liegen Blutungen innerhalb des Schädels nach Einwirkung von außen, die sich auf das Gehirn auswirken. Es besteht die Gefahr einer längeren Bewusstlosigkeit des Patienten bis hin zum Koma.
- Hirntumore: Gut- oder bösartige Neubildungen, die im zentralen Nervensystem entstehen. Ein Meningeom ist ein Hirntumor, der aus der Hirnhaut entsteht. Es handelt sich dabei meist um einen gutartigen Tumor, der langsam wächst. Symptome treten häufig erst dann auf, wenn der Tumor schon größer ist.
- Hydrozephalus: Hierbei sind die Räume im Gehirn krankhaft erweitert und mit Hirnwasser (Liquor) gefüllt. Symptome können Kopfschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Müdigkeit, Schwindel und Übelkeit sein. Der erhöhte Hirndruck kann auch zu Sehstörungen führen.
- Schlaganfall: In den meisten Fällen wird bei einem Schlaganfall ein Blutgefäß im Gehirn durch ein Blutgerinnsel verschlossen. Dadurch wird das Gehirngewebe nur noch wenig oder gar nicht durchblutet, weniger Sauerstoff kommt ins Gehirn und die betroffenen Zellen im Gehirn sterben ab.
- Gefäßfehlbildungen des Gehirns und des Rückenmarks: Diese können angeboren oder im Laufe des Lebens erworben sein. Solche Erkrankungen bergen das Risiko einer Blutung oder Nachblutung im Gehirn oder Rückenmark mit weitreichenden Konsequenzen.
- Bandscheibenvorfall: Während einer Belastung zeigen sich plötzliche oder stärker werdende Rückenschmerzen und/oder die Muskulatur im betroffenen Bereich der Wirbelsäule ist verhärtet. Betroffene klagen über teils heftige Schmerzen im Rückenbereich, die - ja nach Lage des Prolaps - bis in die Beine ausstrahlen (Beispiel: Druck auf den Ischiasnerv). Die Folgen können Taubheit und Lähmungen sein.
- Karpaltunnelsyndrom: Der Mittelhandnerv ist im Handgelenkstunnel (Karpaltunnel) eingeklemmt. Dieser Nerv versorgt verschiedene Bereiche der Hand. Kommt es zu einem chronischen Druck auf den Nerven oder wird er eingeklemmt, zum Beispiel durch andauernde Fehlhaltungen, entstehen Schmerzen. Diese werden durch Bewegungen verstärkt.
Diagnostische Verfahren
Bevor Fachärztinnen und Fachärzte für Neurochirurgie operative Eingriffe durchführen, ist eine umfassende Diagnostik notwendig. Neurochirurginnen und Neurochirurgen nutzen dabei verschiedene diagnostische Verfahren, darunter:
- Magnetresonanztomografie (MRT): Beim MRT (Kernspintomographie) stellt der Facharzt für Neurochirurgie die inneren Organe und Gewebe bildlich dar, wie beispielsweise von Kopf oder Gehirn. In der MRT gelingt bereits eine sehr gute anatomische Darstellung der Tumoren.
- Computertomografie (CT): Zur Diagnostik macht der Neurochirurg ein CT- oder eine MRT-Aufnahme des Kopfes. Die Computertomografie ist bei Beteiligung der Knochen hilfreich.
- Zerebrale Angiografie: Neben der Schnittbilddiagnostik (CT und MRT) spielt hier die digitale Subtraktionsangiografie eine große Rolle. Dabei wird über einen Katheter in der Leiste Kontrastmittel eingegeben und anschließend das Gefäßsystem geröntgt. So sind sehr detailreiche Darstellungen möglich.
- Elektro-Enzephalogramm (EEG): Im Rahmen der EEG Untersuchung (Elektro-Enzephalogramm) misst der Neurochirurg die Gehirnströme über Spannungsveränderungen des Gehirns.
- Elektromyografie (EMG): Die Elektromyographie (EMG) ist ein neurologisches Diagnostikverfahren, mit dem der Facharzt für Neurochirurgie die elektrische Muskelaktivität misst.
- Elektrophysiologische Untersuchung (EPU): Hierbei setzt der Facharzt für Neurochirurgie elektrische Reize in umschriebenen Hirnbereichen, die für bestimmte Körperfunktionen wichtig sind. Das Verfahren wird zur Diagnostik, aber auch zur Überprüfung von OP-Ergebnissen durchgeführt.
- Lumbalpunktion: Gehirn und Rückenmark sind von einer schützenden Flüssigkeit, dem Liquor, umgeben. Bei der Lumbalpunktion kann der Neurochirurg die Zusammensetzung des Liquors untersuchen und erhält so Hinweise auf mögliche Erkrankungen.
Neurochirurgische Behandlungsverfahren
Das Fachgebiet Neurochirurgie ist äußerst vielseitig, was bedeutet, dass unseren Expertinnen und Experten zahlreiche Therapieoptionen zur Verfügung stehen. Neben konservativen Behandlungen wie neurologischer Rehabilitation und Krankengymnastik gehören auch hochpräzise, minimal-invasive Operationen zu den Kernaufgaben der Fachärztinnen und Fachärzte für Neurochirurgie. Darüber hinaus kommen auch spezialisierte Verfahren wie die interventionelle Schmerztherapie sowie die Wirbelsäulentherapie und Wirbelsäulenchirurgie zum Einsatz.
- Mikrochirurgie: Die Durchführung einer Operation unter optischer Vergrößerung (vier- bis 40-fache Vergrößerung) wird als Mikrochirurgie bezeichnet. Voraussetzung sind eine gute Ausleuchtung und stereoskopische Optik sowie mikrochirurgische Fähigkeiten und Erfahrungen der Operateurin oder des Operateurs. Unter dem Mikroskop ausgeführte präzise chirurgische Techniken ermöglichen es, sehr kleine Strukturen sicher zu manipulieren und schädliche Auswirkungen auf das umliegende Gewebe zu minimieren.
- Endoskopische Chirurgie: Eine flexible Röhre mit einer Kamera (Endoskop) wird durch natürliche Öffnungen oder kleine Schnitte eingeführt, um interne Strukturen aufzudecken und minimalinvasive Eingriffe durchzuführen. Auch die Hirnkammern lassen sich endoskopisch „spiegeln“: Dazu werden spezielle, starre Endoskope verwendet, mit denen z. B. Tumoren biopsiert und Verwachsungen gelöst werden. Das Verfahren kann über sehr kleine Zugänge durchgeführt werden.
- Stereotaktische Chirurgie: Mit Hilfe von medizinischen Bildern und Koordinatensystemen wird die präzise Lokalisierung von Zielen innerhalb des Gehirns erreicht, um genaue Eingriffe zu ermöglichen.
- Neuronavigation: Mit dieser Technik, die ähnlich dem GPS arbeitet, können Chirurgen das Innere des Gehirns in Echtzeit während der Operation visualisieren. Aufnahmen der Magnetresonanz- und/oder Computertomografie werden in ein Computersystem eingespeist und können während der Operation abgerufen werden. Dabei kann die genaue Lokalisation eines Tumors oder einer anderen Struktur im knöchernen Schädel ganz genau angezeigt werden. Das Verfahren ist Standard in der Kopfchirurgie und erleichtert z. B.
- Fluoreszenzgestützte Verfahren: Einige Tumoren „leuchten“ unter speziellen Filtern, wenn zuvor ein Kontrastmittel verabreicht wurde. Das prominenteste Beispiel ist 5-Aminolävulinsäure (5-ALA) zur Darstellung von Hirntumoren unter einem speziellen Mikroskop-Filter. Dieses Verfahren wird in der Schön Klinik Gruppe im Alltag angewendet. Auch bei Operationen an Blutgefäßen werden Fluoreszenzverfahren genutzt, hier ermöglichen sie eine intraoperative Blutgefäßdarstellung (ICG-Fluoreszenz-Angiografie).
Interventionelle Schmerztherapie
Die interventionelle Schmerztherapie ist eine Option, wenn chronische Schmerzen - beispielsweise im Bereich der Wirbelsäule - auch nach einer Operation nicht nachlassen. Diese Behandlungsform kombiniert gezielte Eingriffe am erkrankten Gewebe mit innovativen Techniken, die zwischen konservativen und operativen Methoden angesiedelt sind. Ein Beispiel ist die Neuromodulation, bei der die Weiterleitung des Schmerzreizes unterbrochen oder moduliert wird, um den Schmerz zu reduzieren und die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten zu verbessern.
Neurochirurgie an der Wirbelsäule
Neben Erkrankungen des Gehirns widmet sich die Neurochirurgie in besonderem Maß der Behandlung von Wirbelsäulenerkrankungen und -verletzungen. Die Wirbelsäule ist eine komplexe Struktur aus Knochen, Knorpel und Nerven, die die Grundlage unseres Rückens bildet. Verletzungen, Degeneration und Erkrankungen der Wirbelsäule können erhebliche Schmerzen und neurologische Probleme verursachen. Dazu gehören Bandscheibenvorfälle, Wirbelkörperfrakturen, Wirbelkanalstenosen und Wirbelsäulentumore. Neurochirurgen verwenden verschiedene Techniken, von minimal-invasiven Eingriffen bis hin zu komplexen Wirbelsäulenrekonstruktionen, um Schmerzen zu lindern, neurologische Funktionen zu verbessern und die Stabilität der Wirbelsäule wiederherzustellen.
Behandlungsschwerpunkte
- periphere Nervenstimulation bei chronischen, lokal begrenzten Schmerzen entlang der Wirbelsäule, z. B. nach Verletzungen und Infektionen, durch Verschleiß oder nach Operationen
- Schmerzpumpen zur direkten Gabe von Schmerzmedikamenten in den Rückenmarkskanal
- Infiltration oder Verödung des Iliosakralgelenks (ISG) bei Iliosakralgelenk-Blockade
- röntgenkontrollierte minimalinvasive Facettengelenksinfiltration oder -verödung bei Facettensyndrom
- Nervenwurzelinfiltration (periradikuläre Therapie, PRT) unter Computertomografien-Kontrolle
- Spinal-Cord-Stimulation (SCS) bei schweren, chronischen Schmerzsyndromen durch Blockade bzw.
Funktionelle Neurochirurgie
Durch funktionell-chirurgische Eingriffe werden fehlgeleitete Abläufe des Nervensystems verändert, wodurch Symptome einer Erkrankung erheblich oder sogar komplett unterdrückt werden können. Allen Verfahren ist gemeinsam, dass es sich um eine symptomatische und damit nicht ursächliche Therapie handelt. Sie kommen immer dann in Frage, wenn die Ursache der Erkrankung nicht behandelt werden kann.
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- Tiefe Hirnstimulation (THS): Die THS ist ein minimalinvasives Verfahren, bei welchem Stimulationselektroden millimetergenau in bestimmte Kerngebiete des Gehirns implantiert werden. Diese Elektroden werden mit dünnen Verbindungskabeln unter der Haut mit einem Impulsgeber verbunden, der unter der Haut entweder im Brust- oder Bauchbereich eingesetzt wird. Durch die Stimulation erfolgt eine Funktionsänderung der Hirnbereiche und hiermit eine Besserung der Erkrankungssymptome, vor allem der Motorik, aber auch eine signifikante Verbesserung der Lebensqualität. Mit THS behandelte Krankheitsbilder sind beispielsweise Morbus Parkinson, essenzieller Tremor und Dystonie.
- Vagusnervstimulation (VNS): Bei therapierefraktären Epilepsien und Depressionen kann nach Ausschluss einer behandelbaren Ursache eine Vagusnervstimulation zur Symptomlinderung erfolgen. Dies ist eine Operation, bei der eine Stimulationselektrode über einen kleinen Hautzugang am Hals um den Vagusnerv gelegt und mit einem Impulsgeber im Brustbereich unter der Haut verbunden wird.
- Implantierbare Medikamentenpumpen: Vor allem zur Behandlung von Spastiken, z. B. bei Multipler Sklerose (MS) oder nach Schädel-Hirn-Traumata, aber auch bei chronischen Schmerzen können Medikamentenpumpen zur rückenmarksnahen kontinuierlichen Medikamentengabe implantiert werden.
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