Die chronisch-demyelinisierende ZNS-Erkrankung, insbesondere die Multiple Sklerose (MS), stellt eine komplexe Herausforderung in der Neurologie dar. Trotz intensiver Forschung sind die genauen Ursachen noch immer unbekannt. Die Erkrankung manifestiert sich durch vielfältige Symptome und Verlaufsformen, was eine individualisierte Therapie erforderlich macht.
Einführung in die Multiple Sklerose
Die Multiple Sklerose (MS) ist eine heterogene, chronisch-entzündliche, demyelinisierende Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS). Sie zählt zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen junger Erwachsener. Bei MS kommt es zu einer Zerstörung der Myelinscheide der Nervenzellen sowie der Nervenzellen selbst. Die Erkrankung weist eine große Variabilität hinsichtlich des Krankheitsverlaufs auf. Klinisch lassen sich schubförmig-remittierende von primär und sekundär progredienten (fortschreitenden) Verläufen unterscheiden.
Ursachen der Multiplen Sklerose
Trotz intensiver Forschungsanstrengungen in den letzten Jahrzehnten ist die Ursache der MS unbekannt. Die bisherigen Ergebnisse weisen auf eine genetische Prädisposition hin, jedoch auch auf einen erheblichen Einfluss von Umweltfaktoren. Eineiige Zwillinge zeigen eine Konkordanz von nur 30%. Große genetische Untersuchungen bestätigten eine Assoziation der Erkrankung mit einem immunrelevanten Gen, dem HLA-DR15 (DRB1.1501-DQB1.0602) Haplotyp im Haupthistokompatibilitätskomplex, jedoch konnte bisher kein weiteres Gen identifiziert werden, das sicher mit der MS assoziiert ist.
Genetische Faktoren
Bislang wurden mehr als 110 genetische Variationen entschlüsselt, die bei MS-Erkrankten häufiger vorkommen als in der gesunden Allgemeinbevölkerung. Diese könnten zu einer erhöhten Prädisposition beitragen. Wie bei den Autoimmunerkrankungen Diabetes mellitus Typ 1 oder Morbus Crohn stehen viele auffällige Genvarianten in direkter Beziehung zum Immunsystem, beispielsweise die Allele des humanen Leukozytenantigen-Systems (HLA-Typ HLA-DRB1*15:01) und der TNF/TNFR-Familie (TNFR1-Variante rs1800693).
Umweltfaktoren
Derzeit werden mehrere Umwelteinflüsse in der Krankheitsentstehung von Multipler Sklerose diskutiert, unter anderem die Sonnenlichtexposition und der damit verbundene Vitamin-D-Haushalt, virale und bakterielle Infektionen in der Kindheit, Ernährungsgewohnheiten, Übergewicht und Rauchen.
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Vitamin-D-Stoffwechsel
Etliche Mediziner sind vom Einfluss der Sonneneinstrahlung bei der Entstehung von Multipler Sklerose überzeugt. Befürworter der sogenannten Vitamin-D-Stoffwechselhypothese verweisen auf die differente Anzahl von MS-Diagnosen in Gebieten mit unterschiedlich hoher UV-Exposition. Der Theorie zufolge soll eine ausreichend gute Vitamin-D-Versorgung vor MS schützen. Bislang konnte aber noch keine eindeutige Kausalität ermittelt werden. Zudem weiß man nicht sicher, ob ein Vitamin-D-Mangel Folge oder Ursache von MS ist.
Infektionen
Möglicherweise erhöhen Infektionen in der Kindheit das Risiko, später an Multipler Sklerose zu erkranken. Im Verdacht stehen zahlreiche Viren und Bakterien. Tatsächlich gibt es eine auffällige Häufung von Immunreaktionen gegen das Eppstein-Barr-Virus (EBV) und das Humane Herpesvirus 6 (HHV-6) bei Kindern und juvenilen Patienten mit Multipler Sklerose. Es ist allerdings weiterhin unklar, ob und welche Rolle eine dysregulierte Immunantwort gegen EBV oder HHV-6 bei der Ätiopathogenese von MS spielt.
Weitere Umweltfaktoren
Ob Umweltgifte wie Amalgam, Quecksilber oder Blei das Risiko von Multipler Sklerose erhöhen, ist nach wie vor nicht belegt. Nikotin scheint jedoch tatsächlich ein Risikofaktor bei der Krankheitsentstehung zu sein. Ebenso werden die Einflüsse von Ernährungsgewohnheiten, sportlicher Aktivität und Übergewicht wissenschaftlich untersucht. Übergewicht soll die Entwicklung von Multipler Sklerose begünstigen.
Symptome der Multiplen Sklerose
Die klinische Symptomatik reicht von leichten Beeinträchtigungen der Beweglichkeit über schwere Behinderungen bis hin zum Tod der Betroffenen. Neben den neurologischen Symptomen leiden viele Patienten unter kognitiven Defiziten, einer besonderen Form der Erschöpfung („Fatigue“) und manifesten Depressionen.
Die Symptome von Multipler Sklerose sind vielfältig, da sich die Entzündungsherde in allen Regionen des zentralen Nervensystems entwickeln können. Es gibt keine typische Krankheitsgeschichte. Sowohl im zeitlichen Verlauf als auch in Ausprägung und Intensität der Beschwerden zeigen sich die Symptome bei Betroffenen ganz unterschiedlich. Multiple Sklerose wird daher auch „die Krankheit mit den vielen Gesichtern“ genannt.
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Typische Manifestationen und Symptome sind:
- Optikusneuritis, vor allem Retrobulbärneuritis: Zentralskotom (fast immer), schmerzende Augenbewegung, Sehunschärfe, Schleiersehen, Visusminderung, Farbsinnstörung
- Störungen der Okulomotorik mit Augenmuskelparesen, Pupillenstörungen und Doppelbildern
- Affektion anderer Hirnnerven: Fazialisparese, Trigeminusneuralgie
- Motorische Störungen: zentrale Paresen, inklusive Para- und Tetraparesen (meist distal betont), spastische Tonuserhöhung, Spastizität, Kloni
- Ataxie: spastisches, ataktische Gangbild
- Sensibilitätsstörungen: Parästhesien, Hypästhesien, Dysästhesien
- Zerebelläre Symptome: vor allem Intentionstremor, Nystagmus und skandierende Sprache (Charcot-Trias), Blickdysmetrie, Dysphagie, Dysarthrie, Ataxie
- Vegetative Symptome: Miktionsstörungen, Störungen der Sexualfunktion
- Kognitive Veränderungen: Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Depressionen
- Affektive Veränderungen: inadäquate Euphorie, unangemessenes/unkontrollierbares Weinen und Lachen
- Uhthoff-Phänomen: wärmeinduzierte Zunahme der Beschwerden
Schmerzen
Schmerzen sind mit einer Prävalenz von bis zu 80 Prozent ein häufiges Symptom bei Multipler Sklerose. Viele MS-Patienten leiden im Verlauf der Erkrankung an paroxysmalen oder persistierenden Schmerzen unterschiedlicher Lokalisation und Intensität. MS-assoziierte Schmerzen sind insbesondere:
- Kopfschmerzen, vor allem Spannungskopfschmerzen, Migräne und Kopfschmerzen ohne Klassifizierung
- Neuropathische Schmerzen wie Trigeminusneuralgie und vorübergehend schmerzende Extremitäten
- Muskuloskelettale Schmerzen, vor allem Rückenschmerzen und Spastik-induzierte Schmerzen
Spastik
Eine Spastik ist Folge einer Läsion deszendierender motorischer Bahnen. Im Verlauf der Erkrankung sind bis zu 80 Prozent aller Patienten mit Multipler Sklerose davon betroffen. Typische Symptome sind muskuläre Tonuserhöhungen, verlangsamte Bewegungsabläufe, gesteigerte Muskeleigenereflexe und pathologisch enthemmte Synergismen. Spastiken werden oft von Schmerzen, Kontrakturen und Blasenentleerungsstörungen begleitet.
Fatigue
Hochgradige Erschöpfbarkeit, ausgeprägte Müdigkeit und ein stark erhöhtes Schlafbedürfnis belasten - je nach Studie - bis zu 90 Prozent aller Patienten mit Multipler Sklerose. Fatigue-Betroffene fühlen sich extrem schwach, matt und kraftlos, sind dauermüde und können sich kaum mehr zu Handlungen motivieren. Jede körperliche oder geistige Anstrengung führt zu einer ausgeprägten Erschöpfung.
Verlaufsformen der Multiplen Sklerose
Die Entwicklung von Multipler Sklerose kann sich bei jedem Betroffenen anders darstellen. Häufig verläuft die Krankheit schubförmig, das heißt, es kommt immer wieder zu akuten Verschlechterungen. Multiple Sklerose wird in drei Verlaufsformen unterteilt - abhängig davon, ob ein Patient Schübe hat oder nicht.
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Man unterscheidet die Multiple Sklerose in die schubförmig-remittierende MS sowie die primär und sekundär progrediente MS.
- Schubförmig remittierende Multiple Sklerose (RRMS): häufigste initiale Verlaufsform; Schübe sind mit einer kompletten oder inkompletten Symptomremission assoziiert
- Sekundär progrediente Multiple Sklerose (SPMS): entwickelt sich aus einer RRMS; charakterisiert durch Behinderungsprogression mit oder ohne repetitive Schübe
- Primär progrediente Multiple Sklerose (PPMS): von Beginn an kontinuierliche Verschlechterung ohne Schübe
Schubförmig remittierender Verlauf (schubförmige MS)
Bei den meisten an Multiple Sklerose Erkrankten (80 Prozent) äußert sich der Beginn der MS mit Schüben. Während dieser Schübe verschlechtert sich die bestehende Symptomatik oder neue Beschwerden tauchen auf. Diese Schubsymptomatik kann sich in nur wenigen Stunden ausprägen, aber auch innerhalb einiger Tage. Die Dauer eines Schubes variiert, er hält jedoch mindestens 24 Stunden an. Meistens bilden sich Schübe in einem Zeitraum von sechs bis acht Wochen komplett oder teilweise zurück. Es ist möglich, dass Behinderungen zurückbleiben. Während der schubfreien Zeiten kommt es zu keinen weiteren Beschwerden und die Erkrankung schreitet nicht voran.
Sekundär chronisch-progredienter Verlauf (sekundär fortschreitender Verlauf)
Wird MS nicht behandelt, führt der anfangs schubförmige Verlauf, bei mindestens 50 Prozent der Erkrankten, nach rund zehn Jahren zu einem Zustand, indem sich die Beschwerden vermehren. Es kommt zu Beeinträchtigungen - sowohl mit gelegentlichen Schüben als auch ohne Schübe. Ausmaß und Schwere der Symptome nehmen innerhalb der kommenden Monate (sechs Monate oder auch mehr) stetig zu. Möglich sind jedoch auch Phasen, in denen die Erkrankung vorübergehend pausiert.
Primär chronisch-progredienter Verlauf (Primär fortschreitender Verlauf)
Von dieser Verlaufsform sind rund zehn bis 15 Prozent betroffen. Hier kommt es gleich zu Beginn der Erkrankung zu einer schleichenden Zunahme der Symptome. Schübe gibt es nicht. Möglich sind allerdings gelegentliche Unterbrechungen des Fortschreitens und auch geringfügige Verbesserungen.
Diagnose der Multiplen Sklerose
MS zu diagnostizieren bedarf einer umfangreichen Untersuchung. Da es kein typisches Beschwerdebild gibt und auch keine nur für MS typischen Symptome, müssen immer erst andere Erkrankungen ausgeschlossen werden. Zum Beispiel Durchblutungsstörungen des Gehirns oder Bandscheibenvorfälle. Erster Ansprechpartner bei Beschwerden ist der Hausarzt. Bei einem Verdacht auf Multiple Sklerose wird er den Patienten an einen Neurologen überweisen.
Untersuchungen für eine sichere Diagnosestellung:
- Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte)
- Körperliche Untersuchung (klinisch-neurologisch)
- Apparative Untersuchung (unter anderem Kernspintomografie (MRT) und Evozierte Potenziale (EP), also Funktionsmessungen von Seh- und Hörbahn, sensiblen und motorischen Bahnen
- Laboruntersuchungen (Analyse von Nervenwasser und Blut)
Anamnese
Im Gespräch mit Arzt, werden sowohl die aktuellen Beschwerden als auch die bisherige Krankengeschichte ausführlich beleuchtet. Von Interesse sind unter anderem diese Fragen:
- Seit wann bestehen die Symptome?
- Haben sie sich mit der Zeit verändert?
- Gab es früher schon einmal Missempfindungen in Armen oder Beinen?
- Ist es schon einmal zu Sehstörungen gekommen?
Auch Vorfälle, denen der Patient früher keine weitere Bedeutung beigemessen hat, können wichtig sein. Häufig kann dies ein erster Hinweis auf ein MS-Anzeichen sein.
Körperliche Untersuchung
Im Fokus dieser klinisch-neurologischen Untersuchung steht das Nervensystem, speziell die Funktion von Augen und Hirnnerven, Empfindungen bei Berührungen, Schmerzen und Temperatur, Muskelkraft und Muskelspannung. Zusätzlich kann bei Verdacht auf Multiple Sklerose eine neuropsychologische Untersuchung folgen. Mittels unterschiedlicher Tests werden dann Lernfähigkeit, Sprachverarbeitung und Gedächtnis näher geprüft.
Apparative Untersuchung
Durch Funktionsmessungen der Seh- und Hörbahn sowie der sensiblen und motorischen Bahnen (evozierte Potenziale) kann der Neurologe feststellen, wie weit die Erkrankung fortgeschritten ist. Dabei reizt der Arzt einen Nerv oder ein Sinnesorgan. Im Gehirn löst das ein Signal aus, das von Elektroden gemessen wird. Trifft die Antwort auf den Reiz mit einer Verzögerung ein, ist die Reaktionsstärke vermindert. Bei rund 75 Prozent der Erkrankten tritt dies ein.
Bei 85 Prozent der Patienten sind bereits im Frühstadium der Multiplen Sklerose Veränderungen im Gehirn erkennbar. Dies kann der Neurologe auf den Bildern der Magnetresonanztomografie ablesen. Im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung sind alle Patienten von den Veränderungen im Gehirn betroffen.
Laboruntersuchungen
Liquordiagnostik (Untersuchung des Nervenwassers): Die Liquordiagnostik kann Aufschluss über die Entzündung in Gehirn und Rückenmark geben. Mit einer feinen Nadel wird dabei in Höhe der mittleren Lendenwirbelsäule zwischen die Wirbel gestochen, um das benötigte Nervenwasser zu gewinnen. Liegt eine MS vor, ist die Anzahl einiger Abwehrzellen (Lymphozyten, Plasmazellen) erhöht und Antikörper wie Immunglobulin G (IgG) sind nachweisbar. Bei der Untersuchung lässt sich auch feststellen, ob eventuell Keime (z.B. Borreliose) für die Entzündung verantwor…
Therapie der Multiplen Sklerose
Pathologisch-anatomisch stellen entzündliche Infiltrate in Gehirn und Rückenmark das Substrat der Erkrankung dar. Diese „Herde“ lassen sich auch im Kernspintomogramm (MRT) nachweisen, weshalb dieser Untersuchungsmethode ein hoher Stellenwert in der Diagnose und bei der Verlaufsbeobachtung der MS zukommt. Auffälligkeiten finden sich darüber hinaus sowohl im Immun- als auch im Hormonsystem. Der Entzündungsprozess führt z.B. zur Bildung von Immunglobulinen (IgG) im zentralen Nervensystem und zu einer veränderten Zytokinproduktion bei T-Lymphozyten.
Die Notwendigkeit einer maßgeschneiderten Therapie Im letzten Jahrzehnt wurden mehrere Therapien für unterschiedliche Krankheitsverläufe der MS entwickelt. Als Basistherapie des schubförmig-remittierenden Verlaufs werden Interferon-ß (IFN-ß), Glatirameracetat, Immunglobuline und Azathioprin eingesetzt. Bei Versagen der Basistherapeutika oder primär hoher Krankheitsaktivität kommen Mitoxantron und seit kurzem Natalizumab zum Einsatz. Im sekundär chronisch progredientem Stadium besteht die Therapie in der Gabe von hochdosierten IFN-ß-Präparaten oder Mitoxantron. Für die primär chronisch progrediente Form steht derzeit keine etablierte medikamentöse Behandlung zur Verfügung. Doch auch die vorhandenen Therapieoptionen vermögen lediglich den Krankheitsverlauf zu verlangsamen. Eine Heilung ist nach wie vor nicht möglich.
Pharmakogenetik der MS
Im Grenzgebiet von genetischer und pharmazeutischer Forschung entwickelt sich mit der Pharmakogenetik ein neues Fachgebiet, dessen Ziel darin besteht, für jeden einzelnen Patienten maßgeschneiderte Arzneien und Therapien zu entwickeln, die eine bessere Wirkung bei geringeren Nebenwirkungen entfalten. Bislang beruhen sämtliche Aussagen über die Wirksamkeit eines Medikaments und über dessen Risiken auf statistischen Mittelwerten, die man in klinischen Prüfungen an einem großen Patientenkollektiv gewinnt. Seit Jahrzehnten ist jedoch bekannt, dass viele der häufig verordneten Medikamente zum Teil erhebliche interindividuelle Unterschiede hinsichtlich ihrer therapeutischen Wirkung und ihrer Nebenwirkungen aufweisen, die nicht mit bekannten Einflussfaktoren wie Alter, Körpermasse, Nieren- oder Leberfunktion erklärt werden können. Als Ursache einiger dieser Unterschiede konnten bereits genetische Merkmale identifiziert werden. Pharmakogenetiker suchen deshalb nach individuellen Erbmerkmalen, welche die Wirkung von Arzneimitteln beeinflussen. Ermöglicht wird dies u.a. Interindividuelle Basen-Unterschiede im Genom - bezeichnet als single nucleotide polymorphisms (SNPs) - sind mit Hochdurchsatz-Verfahren messbar. Außerdem können so eventuelle Assoziationen eines Allels mit Erkrankungen erkannt werden.
Untersuchungen des humanen Proteoms
Um die Pathogenese der MS zu verstehen, genügt es nicht, nur das Genom und das Transkriptom zu untersuchen, da ein starker Umwelteinfluss anzunehmen ist. Weil die Proteine den Phänotyp eines Organismus am besten repräsentieren, ist eine zusätzliche Untersuchung des Proteoms, das heißt der Gesamtheit aller Proteine eines Organismus, sinnvoll.
Akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM)
ADEM tritt bevorzugt bei Kindern im Alter von 5-8 Jahren auf und betrifft Mädchen und Jungen gleichermaßen. Bei Patienten mit ADEM tritt häufig vor Krankheitsbeginn eine Prodromalphase mit Fieber, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen und starkem Krankheitsgefühl auf. Über Stunden bis wenige Tage entwickelt sich dann ein multifokales neurologisches Krankheitsbild abhängig von der Lokalisation der Läsionen im ZNS. Häufige klinische Symptome sind Hemiparese, Ataxie, Hirnnervenlähmungen und Optikusneuritiden, seltener auch Krampfanfälle und Aphasie. Im Unterschied zur MS gehört zur ADEM eine Enzephalopathie mit Verwirrtheit, Irritabilität, Lethargie oder Koma. Eine sichere Unterscheidung zwischen MS und ADEM erlaubt dieses Kriterium aber nicht. Bei mehr als 10 % der Patienten wird im weiteren Krankheitsverlauf eine MS diagnostiziert.
Therapie der ADEM
Die Therapie der ADEM folgt der Schubtherapie mit intravenöser Gabe von Methylprednisolon.
Optikusneuritis
Bei einer Optikusneuritis sind eine Papillitis und eine Retrobulbärneuritis zu unterscheiden. Bei einer Papillitis ist die entzündliche Läsion am Eintritt des Nervus opticus in der Retina gelegen. Die Papille stellt sich unscharf und prominent dar. Betrifft die entzündliche Läsion den Verlauf des Nerven, liegt eine Retrobulbärneuritis vor. Eine Optikusneuritis kann isoliert auftreten oder als Symptom einer anderen entzündlichen demyelinisierenden Erkrankung. Bei etwa einem Drittel der Patienten manifestiert sich später eine MS.
Differentialdiagnosen
Im Kindes- und Jugendalter bilden Leukenzephalopathien die wichtigste Differenzialdiagnose. In aller Regel weisen diese Erkrankungen jedoch in der Bildgebung des Gehirns (Magnetresonanztomografie, (MRT)) ein charakteristisches Muster mit symmetrischen Veränderungen der weißen Hirnsubstanz auf. Ebenso kann ein fehlendes Ansprechen auf eine Hochdosis-Steroidtherapie auf das Vorliegen einer Leukenzephalopathie hinweisen. Im Gegensatz hierzu haben Hirntumoren, Lymphome und die hämophagozytierende Lymphohistiozytose (HLH) eine den entzündlich-demyelinisierenden Erkrankungen des ZNS ähnliche klinische Symptomatik, ähnliche MRT-Veränderungen und auch häufig ein gutes klinischen Ansprechen auf Steroidgaben.
Ausblick
Die am Max-Planck-Institut für Psychiatrie zur Verfügung stehenden Hochdurchsatz-Verfahren zur Erforschung des Genoms, Transkriptoms und Proteoms bieten erstmalig die Möglichkeit, die Pathogenese und Pharmakogenetik der MS empirisch, das heißt ohne hypothesengeleitete Annahmen über die pathophysiologische Relevanz einzelner Gene zu erforschen. Die Ergebnisse der pharmakogenetischen Pilotstudie zeigen die Durchführbarkeit dieses experimentellen Ansatzes, sodass im nächsten Schritt ein „whole genome“-Ansatz geplant ist. Weiterhin wird die Microarray-Technik auf humane Proben, in unserem Fall periphere Blutzellen, ausgedehnt, da sie vergleichsweise einfach verfügbar sind und in früheren Untersuchungen nachgewiesen wurde, dass sie den Krankheitsprozess der MS in gewissem Ausmaß reflektieren.
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