Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Angesichts der COVID-19-Pandemie stellt sich für Menschen mit MS die Frage, wie sie sich am besten schützen können. Dieser Artikel fasst die aktuellen Empfehlungen zur COVID-19-Impfung für MS-Patienten zusammen und gibt einen Überblick über die verschiedenen Aspekte, die bei der Impfentscheidung berücksichtigt werden sollten.
Aktuelle Empfehlungen der STIKO
Die Ständige Impfkommission (STIKO) des Robert Koch-Instituts (RKI) hat am 25. Mai neue Empfehlungen zur COVID-19-Impfung veröffentlicht. Anlass der Überarbeitung war der Übergang von der pandemischen in die endemische Phase des Infektionsgeschehens und das Bestreben, längerfristige Impfempfehlungen zu entwickeln.
Grundsätzlich wird empfohlen, dass alle Personen im Alter ≥ 18 Jahre über eine Basisimmunität gegen Severe Acute Respiratory Syndrome Coronavirus Type 2 (SARS-CoV-2) verfügen sollten. Eine Basisimmunität wird durch mindestens 3 SARS-CoV-2-Antigenkontakte, bedingt durch Impfung oder Infektion, erreicht.
Für Personen mit Grunderkrankungen, die mit einem erhöhten Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf einhergehen, gibt es spezifische Empfehlungen. Personen ab einem Alter von 6 Monaten mit einer Grundkrankheit mit erhöhtem Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf sollten zukünftig weitere Auffrischimpfungen erhalten - in der Regel im Mindestabstand von 12 Monaten zum letzten bekannten Antigenkontakt, hervorgerufen durch Impfung oder Infektion.
Patienten mit Multipler Sklerose wird eine Impfung gegen COVID-19 ausdrücklich empfohlen. Fachgesellschaften wie die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG), das krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) und der Berufsverband Deutscher Neurologen (BDN) schätzen das Risiko für einen Schub oder eine Krankheitsverschlechterung durch eine SARS-CoV-2-Infektion deutlich höher ein als durch eine Impfung.
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Impfstoffe und Technologien
Die für die Grundimmunisierung und die Auffrischimpfung gegen COVID-19 in der Europäischen Union (EU) zugelassenen Impfstoffe verschiedener Technologien (mRNA Impfstoffe, Vektor-basierte Impfstoffe, adjuvantierte Protein-basierte Impfstoffe und inaktivierte Ganzvirus-Impfstoffe) sind allesamt Totimpfstoffe. Das heißt, sie enthalten abgetötete Erreger, Erreger-Bestandteile oder im Fall von mRNA-Impfstoffen „Baupläne“ von Erregerbestandteilen, die sich weder vermehren noch eine COVID-19 Erkrankung auslösen können. Die STIKO präferiert den Einsatz von Varianten-adaptierten mRNA Impfstoffen.
Überblick über Impfstofftypen
- mRNA-Impfstoffe: Diese Impfstoffe enthalten einen genetischen Code (mRNA), der den Körperzellen beibringt, ein bestimmtes Protein des Virus herzustellen. Das Immunsystem erkennt dieses Protein als fremd und bildet Antikörper.
- Vektorimpfstoffe: Bei diesen Impfstoffen wird ein harmloses Virus (Vektor) verwendet, um genetisches Material des SARS-CoV-2-Virus in die Zellen einzuschleusen.
- Protein-basierte Impfstoffe: Diese Impfstoffe enthalten Fragmente des Virusproteins, die das Immunsystem stimulieren.
- Inaktivierte Ganzvirus-Impfstoffe: Diese Impfstoffe enthalten inaktivierte (abgetötete) Viren, die keine Infektion verursachen können, aber dennoch eine Immunantwort auslösen.
Sicherheit und Wirksamkeit der Impfstoffe bei MS
Mehrere Studien haben gezeigt, dass COVID-19-Impfstoffe für Menschen mit MS sicher und wirksam sind. Eine Auswertung des internationalen MS-PATHS-Registers zeigt, dass auch unter krankheitsmodifizierenden MS-Therapien eine gute IgG-Antikörperantwort möglich ist. Zwei weitere Studien haben keine erhöhten Risiken für einen Schub nach der Impfung gegen das SARS-CoV-2-Virus bei MS gezeigt.
Impfreaktionen, Impfnebenwirkungen und Impfschäden
Es ist wichtig, zwischen Impfreaktionen, Impfnebenwirkungen und Impfschäden zu unterscheiden:
- Impfreaktionen: Häufige, harmlose und vorübergehende Beschwerden wie Lokalreaktionen oder grippeähnliche Symptome.
- Impfnebenwirkungen: Schädliche und unbeabsichtigte Reaktionen auf eine Impfung.
- Impfschäden: Gesundheitliche und wirtschaftliche Folgen einer über das übliche Ausmaß hinausgehenden gesundheitlichen Schädigung durch eine Schutzimpfung.
Insgesamt sind Impfnebenwirkungen und -schäden sehr selten.
Impfen trotz Immuntherapie?
Moderne MS-Therapien haben ein mehr oder weniger „selektives“ immunsuppressives Potential und können daher die Bildung von Antikörpern in unterschiedlichem Ausmaß beeinflussen. Insbesondere PatientInnen, die mit dem S1P-Modulator Fingolimod und mit dem B-Zell depletierenden Antikörper Ocrelizumab behandelt wurden, eine niedrige bzw. fehlende humorale Immunantwort (Antikörper gegen das Spike-Protein) nach Impfung mit dem mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer aufweisen.
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Dennoch entwickelte jeder fünfte Betroffene, der nach zwei Impfungen keine Antikörper im Blut hatte, diese doch noch nach einer dritten Impfung. Interessanterweise verbesserte sich auch die Funktionalität der vorhandenen SARS-CoV-2-Antikörper nach einer dritten oder vierten Impfung - die Antikörper banden stärker an das Virus und neutralisierten neuere SARS-CoV-2-Varianten besser.
Daher wird auch bei Immuntherapie dringend geraten, sich gegen COVID-19 impfen zu lassen.
Was ist bei einer SARS-CoV-2-Infektion zu tun?
Die Wirkung der aktuell verfügbaren neutralisierenden monoklonalen Antikörper (nMAB) wird hinsichtlich der neuen Virusvarianten als nur schwach bzw. als unwirksam eingeschätzt. Die sogenannten Virostatika (antivirale Medikamente) wie Paxlovid®, Veglury®, Lagrevio® in der Frühphase (innerhalb von fünf Tagen nach Auftreten) einer Erkrankung mit dem SARS-CoV-2-Virus bei Menschen mit Immundefizienz (auch immunsupprimierte MS-Erkrankte) können aber einen schweren Verlauf verhindern. Für Infizierte mit hohem Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf - auch solchen mit fehlender oder unvollständiger Immunisierung- ist in den ersten Tagen nach Symptombeginn eine frühzeitige Gabe möglich.
Wir empfehlen Ihnen, bei Eintreten einer SARS-CoV-2-Infektion und vorhandener Immundefizienz (immunsupprimierte MS-Erkrankte) sich umgehend mit Ihrem behandelnden Neurologen in Verbindung zu setzen. Da Paxlovid mit anderen Medikamenten Wechselwirkungen zeigt, ist dringend darauf zu achten, dass Sie Ihrem Arzt alle eingenommenen Medikamente und insbesondere auch andere Erkrankungen mitteilen.
Weitere Schutzmaßnahmen
Bitte beachten Sie, dass eine Impfung Sie zwar vor schweren Verläufen einer COVID-19-Erkrankung schützt, aber Daten vorliegen, die zeigen, dass auch geimpfte und genesene Personen als Überträger der Erkrankung eine Rolle spielen, wenngleich auch in deutlich geringerem Ausmaß als Ungeimpfte. Auch Reinfektionen können erfolgen. Wir empfehlen daher allen, auch genesenen, geimpften und geboosterten Menschen mit MS angesichts der nach wie vor hohen Ansteckungszahlen, die bekannten Hygieneregeln einzuhalten. Nutzen Sie auch die Selbsttests für sich und ihre Kontaktpersonen.
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Fazit
Die COVID-19-Impfung ist für Menschen mit Multipler Sklerose sicher und wird von Fachgesellschaften ausdrücklich empfohlen. Die Impfung kann das Risiko für einen schweren COVID-19-Verlauf deutlich reduzieren. Auch unter Immuntherapie ist die Impfung sinnvoll, da sie die Funktionalität der Antikörper verbessern kann. Neben der Impfung sollten weiterhin die bekannten Hygieneregeln eingehalten werden, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Bei einer SARS-CoV-2-Infektion sollte umgehend ein Arzt konsultiert werden, um eine frühzeitige Behandlung mit antiviralen Medikamenten zu prüfen.