Die Corona-Pandemie hat die Welt in den letzten Jahren stark beeinflusst. Neben den direkten gesundheitlichen Folgen der Infektion rücken nun auch Langzeitwirkungen auf das Gehirn in den Fokus der Forschung. Schlagzeilen wie „Corona lässt das Gehirn um 20 Jahre altern“ haben viele Menschen beunruhigt. Dieser Artikel fasst die aktuellen Studienergebnisse zusammen und ordnet sie ein, um ein umfassendes Bild der Auswirkungen von Corona auf unser Gehirn zu vermitteln.
Corona und seine Auswirkungen auf das Gehirn: Was sagen die Studien?
Mehrere Studien haben sich mit den Auswirkungen von Corona auf das Gehirn beschäftigt und dabei unterschiedliche Aspekte beleuchtet. Einige konzentrieren sich auf Patienten mit schweren Krankheitsverläufen, während andere die Auswirkungen der Pandemie auf die allgemeine Bevölkerung untersuchen.
Studie zu Gefäßalterung nach Covid-Infektion
Eine Studie mit 2.390 Teilnehmern aus 16 Ländern, darunter auch Österreich, untersuchte das Alter der Blutgefäße nach einer Covid-Infektion. Die Messungen erfolgten sechs und zwölf Monate nach der Infektion. Dabei wurde ein Gerät verwendet, das die Geschwindigkeit einer Blutdruckwelle von der Halsschlagader zu den Oberschenkelarterien misst. Je höher dieser Wert, desto steifer sind die Blutgefäße und desto höher wird das Alter kategorisiert.
Die Ergebnisse zeigten, dass die Blutgefäße bei den mit Covid infizierten Gruppen im Schnitt steifer waren als bei denen, die sich nie infiziert hatten. Dies galt auch für Teilnehmer mit mildem Krankheitsverlauf. Besonders deutlich war der Unterschied bei Frauen. Bei Männern gab es keinen signifikanten Unterschied, was möglicherweise daran liegt, dass mehr Männer mit Covid starben, was zu einem «Überlebens-Bias» unter den männlichen Studienteilnehmern mit Corona-Infektion führen könnte.
Heribert Schunkert von der Deutschen Herzstiftung bezeichnete die Studie als «in gewisser Weise sehr provokativ», betonte aber die Notwendigkeit, die Ursachen für diese Ergebnisse genauer zu untersuchen und zu prüfen, ob die Gruppen tatsächlich vergleichbar waren. Auch der Kardiologe Dominik Rath vom Universitätsklinikum Tübingen sieht offene Fragen hinsichtlich der Kausalität und der besonderen Betroffenheit von Frauen.
Lesen Sie auch: Seltene Fälle von Meningitis nach Impfung
Studie zu kognitiven Beeinträchtigungen nach schwerem Covid-Verlauf
Eine britische Studie untersuchte 351 Patienten, die ein- bis anderthalb Jahre zuvor mit einem schweren Covid-Krankheitsverlauf im Krankenhaus behandelt worden waren. Diese wurden mit einer Kontrollgruppe aus knapp 3.000 Menschen verglichen. Die Patienten absolvierten verschiedene kognitive Tests, bei denen sie schlechter abschnitten als die gesunde Vergleichsgruppe. Sie konnten sich Dinge nicht so gut merken, waren ungenauer und langsamer.
MRT-Scans zeigten, dass die schlechteren Testergebnisse mit einem geringeren Hirnvolumen nach einer schweren Corona-Infektion in Verbindung standen. Zudem wurden erhöhte Mengen an Proteinen, die auf Hirnverletzungen hinweisen, gemessen. Das Forschungsteam kam zu dem Ergebnis, dass schwer an Covid-19-Erkrankte, die im Durchschnitt 54 Jahre alt waren, in den Tests Ergebnisse wie gesunde Personen mit Mitte 70 erzielten.
Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass diese Ergebnisse auf Patienten mit sehr schweren Krankheitsverläufen aus dem Jahr 2022 oder früher basieren. Die heutigen Virusvarianten können andere Auswirkungen haben.
Studie zur beschleunigten Hirnalterung durch die Pandemie
Eine weitere Studie nutzte Daten der UK Biobank, um den Einfluss der Pandemie auf die Hirnalterung zu untersuchen. MRT-Aufnahmen des Gehirns von 15.334 gesunden Probanden wurden zu verschiedenen Zeitpunkten aufgenommen. Mit diesen Daten trainierten die Forschenden Modelle zur Bestimmung des Hirnalters.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Pandemie den Alterungsprozess des Gehirns beschleunigt hat. Die sogenannte Hirnalter-Lücke (Brain Age Gap, BAG), also der Unterschied zwischen dem Alter des Gehirns und dem chronologischen Alter der betreffenden Person, war in der Pandemiegruppe bei der zweiten Messung durchschnittlich 5,5 Monate größer als in der Kontrollgruppe.
Lesen Sie auch: Corona und das Gehirn: Was wir wissen
Interessanterweise war ein vergleichsweise höheres Hirnalter nur bei solchen Probanden auch mit einer reduzierten kognitiven Performance verbunden, die zwischenzeitlich an Covid-19 erkrankt gewesen waren. Dies deutet darauf hin, dass nicht nur die Krankheit selbst, sondern auch die Erfahrung der Pandemie, von der Isolation bis zur Unsicherheit, die Hirngesundheit beeinflusst haben könnte.
Neurologische Symptome und Ursachenforschung
SARS-CoV-2 gehört nach jetzigem Wissensstand nicht zu den Viren, die bevorzugt Nervenzellen befallen. Die Ursachenforschung gestaltet sich jedoch schwierig, da oft unklar ist, ob eine beobachtete neurologische Erkrankung wirklich durch die Covid-19-Erkrankung verursacht wurde oder zufällig gleichzeitig aufgetreten ist.
Es wird vermutet, dass das Virus ausgehend von den Schleimhäuten der oberen Atemwege den Riechnerven befällt und von dort aus das Gehirn erreicht. Auch infizierte Blutzellen könnten das Virus ins Nervensystem tragen. Eine Studie aus Oxford gibt konkrete Hinweise auf Unregelmäßigkeiten im Gehirn durch eine Covid-19-Erkrankung, insbesondere in den limbischen Hirnregionen, was mit den häufig beobachteten Riechstörungen zusammenhängen könnte.
Zu den häufigen neurologischen Symptomen von Corona-Patienten zählen Riechstörungen, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Bewusstseinsstörungen und Delir. In schweren Fällen kann es auch zu Schlaganfällen und Entzündungen des Gehirns und Rückenmarks kommen. Viele dieser Symptome klingen wieder ab, aber ein kleinerer Teil der Betroffenen leidet über längere Zeit an anhaltenden Riechstörungen, Muskelschmerzen oder Schwächeklagen. Folgen eines Schlaganfalls oder entzündlicher Komplikationen können hingegen lebenslang spürbar sein.
Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche
Auch bei Kindern und Jugendlichen hat die Corona-Pandemie Spuren hinterlassen. Eine Studie untersuchte die Auswirkungen der Lockdowns auf die Gehirnentwicklung von Jugendlichen im Alter von 9 bis 17 Jahren. Die Ergebnisse zeigten, dass die Hirnrinde, also der Cortex, während Corona dünner geworden war, als es für Zeiten ohne Lockdown zu erwarten gewesen wäre. Eine Abnahme der Hirnrinde ist zwar normal, wenn Menschen altern, aber die Studienautoren warnen, dass eine solche beschleunigte Hirnentwicklung ein Hinweis auf neuropsychologische Probleme sein könnte.
Lesen Sie auch: Neueste Erkenntnisse zum Demenzrisiko nach COVID-19
Unabhängige Forscher kritisieren allerdings die Beweiskraft der Studie. So sei der beobachtete Effekt zwar durchaus nicht unerwartet, Evidenz liefere die Studie aber nicht wirklich.
Long-COVID und Brainfog
Viele Menschen leiden nach einer Corona-Infektion unter Long-COVID, das sich durch anhaltende Müdigkeit, Schwäche und Konzentrationsschwierigkeiten äußern kann. Ein häufiges Symptom ist der sogenannte Brainfog, ein Zustand, bei dem sich Betroffene schwerer konzentrieren können, verwirrt und vergesslicher sind. Brainfog kann sowohl bei einem schweren Verlauf einer akuten Corona-Infektion als auch als Symptom von Long-COVID auftreten.
Aktuelle Forschungsarbeiten deuten darauf hin, dass neurologische Beschwerden wie Konzentrationsschwäche oder Gedächtnisprobleme eher durch Entzündungen im Körper als durch direkte Angriffe des Virus auf das Gehirn entstehen. Andere Untersuchungen zeigen, dass Brainfog bei Long-COVID-Patienten aus virusbedingten Schäden am Gehirn resultieren könnte, was langfristige kognitive und seelische Gesundheitsprobleme nach sich zieht.
Eine Studie der Berliner Charité ergab, dass das Virus selbst nicht direkt das Gehirngewebe infiziert, sondern dass Immunzellen, beladen mit dem Virus, ins Gehirn gelangen können, ohne Nervenzellen zu befallen. Das Gehirn reagiert auf diese Entzündungsprozesse, was zu den bekannten neurologischen Symptomen führen kann.
Eine Studie der Universität Liverpool wiederum präsentierte Erkenntnisse, die Long-COVID-Symptome als Folge virusbedingter Hirnverletzungen ausweisen, welche langanhaltende kognitive und psychische Beeinträchtigungen nach sich ziehen können. Sauerstoffmangel und Entzündungsreaktionen, möglicherweise verstärkt durch die Immunantwort des Körpers, könnten zu den Hirnschäden beitragen.
Die Rolle von Entzündungen
Viele Studien deuten darauf hin, dass Entzündungen eine zentrale Rolle bei den neurologischen Auswirkungen von Corona spielen. Bei Patienten mit schweren Verläufen wurden vermehrt Gene aktiviert, die an Entzündungs- und Stressreaktionen beteiligt sind. Gene, die für kognitive Leistungen und die Bildung neuer Verbindungen zwischen Gehirnzellen benötigt werden, waren dagegen vermindert aktiv.
Die Neurobiologin Maria Mavrikaki vermutet, dass die starken Entzündungsprozesse im Gehirn die Ursache für die kognitiven Störungen sind. Ihr Verdacht fällt auf Interferone und den Tumornekrosefaktor (TNF), deren Serumwerte bei einigen Patienten vor dem Tod deutlich erhöht waren.
Was bedeutet das für die Zukunft?
Die Forschung zu den Auswirkungen von Corona auf das Gehirn steht noch am Anfang. Viele Fragen sind noch offen und Hintergründe unklar. Es ist wichtig zu betonen, dass die Ergebnisse nicht auf alle Covid-19-Patienten bezogen werden können. Die meisten Studien konzentrieren sich auf Patienten mit schweren Krankheitsverläufen oder auf die allgemeine Bevölkerung während der Pandemie.
Dennoch liefern die bisherigen Ergebnisse wichtige Erkenntnisse über die potenziellen Langzeitfolgen von Corona auf unser Gehirn. Sie unterstreichen die Bedeutung einer umfassenden Betrachtung von Long-COVID, die sowohl neurologische als auch psychologische Aspekte einschließt. Weitere Forschungen sind notwendig, um die genauen Ursachen zu klären und wirksame Therapien zu entwickeln.
Es gibt auch Hinweise darauf, dass die Pandemie selbst, unabhängig von einer Infektion, die Hirngesundheit beeinflusst haben könnte. Die Lockdowns, die soziale Isolation und die allgemeine Unsicherheit haben möglicherweise zu einer beschleunigten Hirnalterung bei vielen Menschen geführt.
Prävention und Behandlung
Um die Auswirkungen von Corona auf das Gehirn zu minimieren, sind präventive Maßnahmen und frühzeitige Behandlungen wichtig. Dazu gehören:
- Impfung: Eine Impfung kann das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs und damit potenzieller neurologischer Komplikationen verringern.
- Frühe Behandlung: Eine frühzeitige Behandlung von Covid-19 kann helfen, Entzündungen im Körper zu reduzieren und das Risiko von Long-COVID zu verringern.
- Rehabilitation: Patienten mit Long-COVID können von Rehabilitationsmaßnahmen profitieren, die darauf abzielen, kognitive Funktionen zu verbessern und die Lebensqualität zu steigern.
- Psychologische Unterstützung: Die psychischen Belastungen der Pandemie können sich negativ auf die Hirngesundheit auswirken. Psychologische Unterstützung kann helfen, Stress abzubauen und die Resilienz zu stärken.
- Gesunder Lebensstil: Ein gesunder Lebensstil mit ausreichend Bewegung, einer ausgewogenen Ernährung und ausreichend Schlaf kann die Hirngesundheit fördern und das Risiko von altersbedingten kognitiven Beeinträchtigungen verringern.