Warum Lieblingslieder irgendwann nerven können

Dieser eine neue Song kann gar nicht oft genug gehört werden und ist nicht mehr aus der Spotify-Liste wegzudenken. Doch nach einiger Zeit ist der Zauber vorbei. Das hat einen ganz bestimmten Grund. Musik hat die sehr spezielle Kraft, blockierte oder tief im Inneren verborgene Erinnerungen an die Oberfläche zu bringen. So kann ein bestimmter Song dich an wunderschöne Erlebnisse erinnern, die möglicherweise Jahrzehnte zurückliegen.

Die Macht der Musik und ihre Wirkung auf unsere Gefühle

Dass Musik in jedem von uns bestimmte Gefühle weckt, ist unumstritten. Der sogenannte Flow-Effekt sorgt dafür, dass wir durch das Hören eines Liedes unsere Alltagssorgen vergessen können. Dieser Effekt trifft ebenfalls durch Aktivitäten wie Sport, Kontakt mit anderen Menschen oder Sex ein. Musik ist natürlich nichts, was wir aktiv zu uns nehmen, also kein Antischmerzmittel, das wir uns haptisch in den Hals schmeißen würden. Der Effekt ist, dass beim Hören von Musik die Konzentration verlagert wird. Stand für dich noch eben der Schmerz wie etwa die Migräne im Mittelpunkt, tritt plötzlich die Musik daneben und möchte deine Aufmerksamkeit haben. Gewissermaßen wird also die Schmerztoleranzgrenze erhöht.

Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Denn irgendwann geht jedem das eine oder andere Lied gewaltig auf die Nerven, obwohl es vielleicht mal zu den Lieblingsliedern gehört hat. Aber wieso bloß?

Neurobiologische Gründe für den Verlust des Reizes

Dazu führen mehrere Faktoren, erklärt uns Michael Bonshor, Musikpsychologe an der University of Sheffield. Zum einen ist das Problem neurobiologisch begründet. Im Gehirn sind mehrere Teile betroffen, wenn wir Musik hören. Schon beim Einlegen der CD oder Anklicken des Startbuttons wird durch die Vorfreude auf das Hören im Nucleus caudatus, einem Teil des Belohnungsystems im Gehirn, Dopamin ausgeschüttet. Der Nukleus accumbens wiederum sorgt dann dafür, dass beim Hören Endorphine ausgeschüttet werden. Musik wirkt also wie eine natürliche Droge.

Wie so oft im Leben wird allerdings das, was wir im Überfluss haben, irgendwann uninteressant. Wenn du also dein Lieblingslied fast durchgängig konsumierst und es jeden Tag rauf und runter hörst, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es schnell seinen Reiz verliert. Es werden durch die Gewohnheit im Gehirn keine Endorphine mehr ausgeschüttet.

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Komplexität der Musik und ihre Langlebigkeit

Doch auch die Komplexität des Liedes spielt eine wichtige Rolle, sagt Bonshor weiter. Je einfacher ein Lied aufgebaut ist, desto schneller langweilt es dich. Schließlich gibt es irgendwann keine musikalischen Feinheiten mehr zu entdecken und du kennst das Lied in- und auswendig. Komplexe Musik ist langlebiger, denn sie fordert den Hörer auf Dauer mehr heraus. Jetzt weißt du auch, weshalb Musikgruppen wie Queen über all die Jahre so erfolgreich waren und einen Hit nach dem anderen landeten. Die komplexen Strukturen in den Liedern sorgten dafür, dass der Hörer auch nach mehrmaligen Anhören auf kleine, aber feine Besonderheiten stieß. Das ist hauptsächlich den umfangreichen Intros zu verdanken, die es in aktuellen Songs kaum noch gibt. Auch Songwriter müssen das beachten, wenn sie einen Hit komponieren wollen. Die Herausforderung besteht darin, ein Lied zu schreiben, das zugänglich ist und die Aufmerksamkeit des Hörers erlangt. Gleichzeitig muss es so komplex sein, dass das Interesse erhalten bleibt.

Weitere positive Auswirkungen von Musik

Aus der Forschung ist längst bekannt, dass das Hören von Musik Angstzustände und Schmerzen verringern oder den Blutdruck senken kann. Auch lassen sich beispielsweise die Schlafqualität, die Stimmung, die mentale und rationale Leistungsfähigkeit und sogar das Gedächtnis verbessern.

Gänsehaut ist zunächst eine körperliche Reaktion, die wir bei Angst, Kälte oder eben in besonders emotionalen Augenblicken entwickeln. Für diese starke Sensibilität gibt es sogar eine Erklärung. Und zwar für Elektrizität. Sobald das Nervensystem nun elektrische Impulse aussendet, werden winzige Muskeln am Haaransatz stimuliert. Als hätten wir’s gewusst: Wir mögen die Sinnesreize, die wir kennen. Und dabei ist es gleichgültig, ob es sich um den Geschmackssinn, das Sehen oder die Musik handelt. Anfangs sind das vor allem harmonische Klänge, so etwa die Stimme der Mutter oder harmonisch aufgebaute Kinderlieder. Irgendwann aber reichen die dem Ohr - also dem Gehirn - nicht mehr aus. Die Klänge werden immer ausdifferenzierter, die Musik komplexer. Die Studien zu auf Anhieb kaum erklärlichen Vorgängen nehmen heutzutage kein Ende. Zu den darin beleuchteten Thesen gehört die Frage, ob Musik imstande ist, uns abhängig zu machen. Wer kennt das nicht? Resultat der Studien ist, dass emotional empfundene Musik unser Belohnungssystem anspricht. Exakt der Effekt der auch beim Drogenkonsum auftritt (bitte nicht!). Diese Energie, die Kraft und inspirierende Freude wollen wir nicht missen. Gib mir mehr davon!

Bereits vor Jahren wurden in einer weiteren Studie der Universität von Montreal die sensorischen Fähigkeiten von Musikern unter die Lupe genommen. Dabei spielte es keine Rolle, welches Instrument sie beherrschten. Geschlussfolgert wurde daraus, dass sich besonders bei älteren Menschen ein positiver Effekt durch das Erlernen eines Musikinstrumentes entwickeln kann. Denkbar ist, dass sie schneller reagieren und in normalen Alltagssituationen aufmerksamer bleiben könnten. Musizieren und Musikhören lösen im Gehirn dieselben Effekte aus wie Essen, Sport, Sex oder berauschende Substanzen. Keinesfalls ist das eine verschwörende Theorie, sondern eine wissenschaftlich fundierte Tatsache. Zugleich wird die Produktion des Stresshormons Cortisol reduziert. Ein herrliches Zusammenspiel. Wir schweben im Musikrausch, ohne uns das körperlich erklären zu können. Bei manchen Dingen ist es vielleicht gar nicht so wichtig, sie erklären zu können. Machen wir gemeinsam mit anderen Musik oder erleben beispielsweise ein Konzert, steht schon der nächste Kandidat vor der Tür, nämlich das sogenannte Bindungshormon Oxytocin. Das soll dafür verantwortlich sein, Vertrauen und Sympathie zwischen Personen zu fördern. Keinesfalls gilt das nur für fröhliche Musik. Derselbe Effekt tritt auch auf bei sentimentaler oder brachialer Musik. Es geht schlichtweg darum, sich nicht allein oder gar einsam zu fühlen. Dass Musiker irgendwie anders ticken, ist ja keine Neuigkeit. Wir sind allesamt stolz darauf und stehen dazu. So zeigen die Gehirne von Berufsmusikern Unterschiede zu denen von Nicht-Musikern. Deutlich stärker ausgebildet ist die Verbindung der beiden Hirnhälften, die medizinisch den lustigen Namen Corpus Callosum trägt. Geschlussfolgert wird, dass die Hirnhälften besser miteinander kommunizieren können. Schon vor mehr als 40 Jahren wurde der sogenannte Mozart-Effekt festgestellt. Nein, das soll nicht heißen, Musik mache schlau. Inzwischen unbestreitbare Tatsache aber ist, dass sie das Gehirn aktiviert. Wann habt ihr schon mal gemerkt, dass eure Synapsen beim Musikmachen oder Musikhören echte Freudensprünge machen?

Musikgeschmack und Bindungsstile

Sag mir, was du hörst und ich sag dir, wer du bist - so ungefähr könnte man die Ergebnisse einer aktuellen Studie zusammenfassen, die sich mit dem Zusammenhang zwischen dem Musikgeschmack und dem eigenen Bindungsstil auseinandersetzte. Dabei sollte man allerdings vorsichtig sein, wie Ravin Alaei, einer der Wissenschaftler der Studie, im Gespräch mit "Neuroscience News" erklärt. Denn es macht einen Unterschied, ob man The Weeknd's "Heartless" oder Adeles "Someone Like You" in der Dauerschleife hört - und vor allem, welche Schlüsse man dadurch auf die eigene Beziehung zieht. Musik spielt in den Kulturen der Welt eine große Rolle. "Seitdem die Menschen vor Zehntausenden von Jahren begonnen haben, Musik zu machen, haben sich Lieder in allen Kulturen immer auf Beziehungen konzentriert - eine Beziehung einzugehen, sie aufrechtzuerhalten oder sich zu trennen", erklärt Alaei den Grund für die Studie. Die Frage, die sich das Forschungsteam stellte, lautete also: Hören Menschen Musik, die ihre Erfahrungen in Beziehungen widerspiegelt? Songtexte tragen dazu bei, unsere Gedanken und Gefühle zu bestätigen. Wer gerade mit der eigenen Liebe hadert, wird wohl kaum "All You Need is Love" von den Beatles anwerfen - oder vielleicht doch? Darauf findet die Studie keine klare Antwort, dafür aber darauf, dass Songtexte bedeutsam sind und "dazu beitragen, deine Gedanken und Gefühle zu bestätigen", so der Wissenschaftler. Aber sie würden genauso dazu beitragen können, Dinge über die eigenen Beziehungserfahrungen zu offenbaren, denen man sich bis dato gar nicht selbst bewusst gewesen sei - "etwas, dass du immer wieder durchmachen musst und an dass du immer wieder stößt", so Alaei weiter.

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Der ängstlich anhängliche Bindungstyp macht sich Sorgen, zurückgewiesen zu werden und sucht viel Bestätigung. Songs, die in dieses Schema passen sind beispielsweise "Take a Bow" von Rihanna oder "Irreplaceable" von Beyoncé. Der vermeidend gebundene Beziehungstyp reagiert auf negative Erfahrungen in Partner:innenschaften, indem Gefühle und Intimität zugunsten der Unabhängigkeit abgeschaltet werden. Dazu passen laut der Studie Songs wie "Someone Like You" von Adele oder "Don't Speak" von No Doubt. Menschen mit einem gemischten Bindungsstil haben unsichere Erwartungen und schwanken zwischen Anhänglichkeit und Kälte. "Bad Blood" von Taylor Swift, "Somebody that I Used to Know" von Gotye und "Before He Cheats" von Carrie Underwood sind beispielsweise Songs, die in diese Kategorie passen. Sichere Bindungstypen haben eine optimistische Einstellung zu Beziehungen, vertrauen ihren Partner:innen und sind offen in der Kommunikation. Lieder wie "I Will Always Love You" von Whitney Houston und "All of Me" von John Legend wurden von den Forscher:innen diesem Bindungsstil zugeordnet.

Unvoreingenommen ging Alaei nicht in die Studie - und sollte überrascht werden. "Ich hatte erwartet, eine klare Verbindung zwischen ängstlich anhänglichen Menschen und ängstlichen Liedern zu sehen, weil sie am emotionalsten sind, aber überraschenderweise war dies das schwächste Ergebnis. "Populäre Musiktexte laufen parallel zu soziologischen Trends der sozialen Abkopplung", erklärt der Forscher dieses Ergebnis. Sind Lieder, die unsere Beziehungen widerspiegeln, nun hilfreich oder eher schädlich für unsere Beziehungsfähigkeit? Stürzen wir uns in Ängste und Unsicherheiten, weil wir Rihanna oder Beyoncé hören? Oder schöpfen wir neue Kraft aus ihnen, den Willen, unsere Beziehung nicht so ausgehen zu lassen, wie es in den Songs trauernd besungen wird? Zumindest auf diese Fragen kann die Studie keine Antwort liefern. "Dies ist der nächste Schritt der Forschung", sagt Alaei. Alles beginne jedoch mit der Selbsterkenntnis: "Als ängstliche Person solltest du erkennen, ob du anfällig für eine negative Rückkopplungsschleife bist und deine Emotionen in die Höhe schießen. Es kann helfen, sich das Lied mehrmals anzuhören, um zu verarbeiten, was man gerade durchmachen muss. Jede:r könne selbst entscheiden, ob das Hören von Liedern, die die eigenen Erlebnisse widerspiegeln, hilfreich ist oder das eigene destruktive Verhalten nur bestärkt, so der Wissenschaftler.

Ohrwürmer: Wenn Lieder sich im Kopf festsetzen

Viele Menschen kennen das Phänomen des Ohrwurms - ein Lied, das sich hartnäckig im Kopf festsetzt und immer wieder abgespielt wird. Dies kann sowohl bei Lieblingsliedern als auch bei solchen vorkommen, die man eigentlich nicht mag.

Einige Beispiele für Lieder, die als besonders hartnäckige Ohrwürmer gelten, sind:

  • "Happy" von Pharrell Williams
  • "Gangnam Style" von Psy
  • "Stolen Dance" von Milky Chance
  • Kinderlieder wie "Ich hab 'ne Tante aus Marokko" oder "In der Weihnachtsbäckerei"

Wie man mit Ohrwürmern umgehen kann

Es gibt verschiedene Strategien, um mit Ohrwürmern umzugehen:

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  • Ablenkung: Sich mit anderen Dingen beschäftigen oder Musik hören, um den Ohrwurm zu überdecken.
  • Akzeptanz: Den Ohrwurm einfach ertragen und darauf vertrauen, dass er irgendwann von selbst verschwindet.
  • Bewältigung: Das Lied bewusst anhören und versuchen, es zu Ende zu bringen, um den Ohrwurm loszuwerden.
  • Austausch: Sich mit anderen über den Ohrwurm austauschen und feststellen, dass man nicht allein damit ist.

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