Das Gehirn versteht kein Nein: Kognitive Verzerrungen und ihre Auswirkungen

Die menschliche Wahrnehmung ist ein komplexer Prozess, der nicht immer objektiv und fehlerfrei abläuft. Stattdessen verlassen wir uns oft auf unseren Verstand und greifen auf kognitive Verzerrungseffekte zurück, die unsere Informationsverarbeitung und Entscheidungsfindung beeinflussen können. Diese Effekte sind nicht nur bei Mediennutzenden wirksam, sondern auch bei Journalistinnen und Journalisten, die täglich mit der Recherche, Bewertung und Aufbereitung von Informationen beschäftigt sind.

Aufmerksamkeit als kostbares Gut

Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource, die wir in jedem Moment priorisieren müssen. Unser Gehirn greift daher auf automatische Prozesse zurück, die beispielsweise lauten, grellen oder neuen Reizen Vorrang geben.

Der Negativitätsbias: Das Schlechte ist stärker als das Gute

In Bezug auf die Informationsverarbeitung ist das Schlechte stärker als das Gute. Menschen schenken negativen Reizen mehr Aufmerksamkeit, nehmen sie schneller und leichter wahr, verarbeiten sie tiefer und erinnern sich besser an sie. Negative Ereignisse lösen stärkere physiologische und emotionale Reaktionen aus.

Die Allgemeingültigkeit und Robustheit des Negativitätsbias werden oft evolutionär erklärt. Diejenigen unserer Vorfahren, die schnell auf Anzeichen von Gefahr reagierten, hatten einfach einen Selektionsvorteil. Zugleich war es bereits für unsere steinzeitlichen Vorfahren elementar, Betrügerinnen und Betrüger zu erkennen, die sich nicht an die sozialen Regeln eines fairen Miteinanders hielten. Eine negative Handlung löscht hier 99 positive Erfahrungen aus.

Der Negativitätsbias führt nicht nur zu einem selektiv negativen Weltbild. Negativität lässt uns nicht gut fühlen, ganz im Gegenteil. Die ständige Beschäftigung mit negativen Themen ist emotional belastend, sie macht Menschen traurig oder verärgert. Allerdings macht die Dosis das Gift - und das Framing: Verstehen wir die Hintergründe und Zusammenhänge eines negativen Ereignisses? Gibt es verschiedene Blickwinkel darauf, oder Ideen, was man tun könnte? Oder sind es nur schlechte Nachrichten, schlechte Nachrichten, schlechte Nachrichten und dann das Wetter?

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Negative Emotionen beeinträchtigen auch die kognitiven Fähigkeiten, sowohl in der aktuellen Situation als auch langfristig, wenn sich entsprechende Erfahrungen häufen. Unter extremem Stress verengt sich unser Blickfeld, wir schalten buchstäblich in einen Tunnelblick. Negative Emotionen lassen uns eher auf Details als auf das große Ganze fokussieren, und der subjektiv wahrgenommene Handlungsspielraum ist begrenzter als bei guter Stimmung. Darüber hinaus leiden Konzentration und Gedächtnis, und die Fähigkeit, andere Perspektiven einzunehmen, wird gehemmt. Infolgedessen werden wir weniger einfühlsam und sind weniger bereit, neue soziale Kontakte zu knüpfen. Auch sind wir weniger bereit, neue Dinge auszuprobieren: Wurden Menschen in einem Experiment vor die Wahl zwischen konventionellen und neuen, exotischen Snacks gestellt, waren Teilnehmende in negativer Stimmung weniger bereit, Neues zu probieren.

Der Confirmation Bias: Bestätigung der eigenen Überzeugung

Es ist ein gutes Gefühl, es doch gewusst zu haben - im Idealfall schon immer. Recht zu haben ist belohnend. Es vermittelt uns den Eindruck, klug zu sein und die Dinge im Griff zu haben. Kurz und bündig: Menschen bevorzugen Informationen, die ihre Ansicht bestätigen, von der anfänglichen Informationssuche über die Gewichtung und Interpretation bis zur Erinnerung. Außerdem werden Menschen recht kreativ, wenn es darum geht, Informationen so umzuinterpretieren, dass sie ihre Überzeugungen untermauern. Wenn dies nicht möglich ist, neigen sie zuweilen dazu, die Quelle als nicht vertrauenswürdig zu diskreditieren, vielleicht sogar als "Teil der Verschwörung".

Ähnlich wie der Negativitätsbias gehört der Bestätigungsbias zu den am besten erforschten Phänomenen der Kognitionswissenschaften. Ursprünglich zielten die Studien darauf ab zu zeigen, dass der Mensch von Natur aus nicht gut darin ist, Hypothesen angemessen, das heißt kritisch, zu prüfen. Gute Wissenschaft im Sinne von Sir Karl Popper verlangt, dass man versucht, sich selbst zu widerlegen. Stattdessen suchen Menschen vorzugsweise bestätigende Information, wenn sie Ideen prüfen. So geben beispielsweise Menschen, die gefragt werden "Sind Sie mit Ihrem sozialen Leben zufrieden?", eine größere Zufriedenheit an als diejenigen, die gefragt werden: "Sind Sie mit Ihrem sozialen Leben unzufrieden?" Es wird angenommen, dass Menschen auf so eine Frage hin selektiv Beispiele aus dem Gedächtnis abrufen, die zu dem passen, wonach sie gefragt werden - und wer sucht, der findet. So kann eine voreingenommene Frage ungewollt zu einer voreingenommenen Antwort führen, zumindest in Bereichen, die nicht völlig objektiv und konsistent sind.

Wie bereits erwähnt, erfüllt das Gefühl Recht zu haben unser Bedürfnis nach einem hohen Selbstwertgefühl und unser Bedürfnis nach Kontrolle über die Umwelt, was wiederum psychologische Sicherheit bietet. Außerdem kostet die Verarbeitung von bestätigenden Informationen weniger kognitive Energie und ist daher angenehmer als die aufwändige Analyse und Integration neuer Sachverhalte. Eine der Hauptfolgen des Confirmation Bias ist das übermäßige Vertrauen in die eigene verzerrte Weltsicht. Wenn eine selektive Suche ein paar bestätigende Fakten liefert und nicht bestätigende Fakten ignoriert oder als irrelevant verworfen werden, fühlt sich die eigene Sicht nicht mehr nur wie eine Meinung an. Es fühlt sich an, als würde sie auf Beweisen beruhen. Darüber hinaus können kleine Dosen von Gegenargumenten die Überzeugung Recht zu haben sogar bestärken.

Heuristiken: Gedankliche Abkürzungen

Bei journalistischen Recherchen bleibt oft wenig Zeit, was den Rückgriff auf sogenannte Heuristiken fördert. Diese gedanklichen Abkürzungen ermöglichen schnelle Schlussfolgerungen, funktionieren im Alltag meist hinreichend genau und erfordern nur minimalen kognitiven Aufwand. Manchmal führen sie uns jedoch in die Irre.

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Verfügbarkeitsheuristik: Die Macht der Erinnerung

Erinnerst Du Dich an unsere Ausgangsfrage: Sind die polizeilich erfassten Mord- und Diebstahlraten in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten eher gestiegen oder gesunken? Wenn man Menschen bittet, Häufigkeiten oder Wahrscheinlichkeiten zu schätzen, versuchen sie meist, relevante Einzelfälle aus dem Gedächtnis abzurufen. Einige sind sehr lebhaft in Erinnerung und daher gut "verfügbar", sie kommen leicht in den Sinn. Diese gefühlte Leichtigkeit des Abrufs führt uns zu der - unbegründeten - heuristischen Schlussfolgerung, dass es noch viel mehr solcher Beispiele geben muss, dass es also etwas Häufiges zu sein scheint. Da Morde und schwere Diebstähle Nachrichtenwert haben und - je nach den Rahmenbedingungen intensive - Medienberichterstattung mit sich bringen, entstehen lebendige, leicht verfügbare Erinnerungen und die Häufigkeit wird insgesamt überschätzt. So wirkt sich die Leichtigkeit des Abrufs aus dem Gedächtnis auf die Schätzungen von Häufigkeiten und Wahrscheinlichkeiten aus.

Illusory Truth Effekt: Die Kraft der Wiederholung

"Sie werden versuchen, die Wahl zu stehlen. Sie haben die Wahl gestohlen. Sie haben die Wahl gestohlen!" Wenn Sie das oft genug sagen, werden die Leute es eher glauben. Das ist der Illusory Truth Effekt: Durch wiederholte Präsentation wird uns eine Information immer geläufiger, sie wird kognitiv leichter zu verarbeiten und fühlt sich vertraut an. Infolgedessen wird sie mit höherer Wahrscheinlichkeit als wahr eingeschätzt, selbst dann, wenn die Menschen es eigentlich besser wissen.

Da Gefühle von Geläufigkeit und Vertrautheit von Natur aus als angenehm erlebt werden, werden Menschen auch Reize (wie ein Logo, eine Melodie, oder eine Argumentationskette), die sie schon einmal gesehen oder gehört haben, lieber mögen als neue - der so genannte "mere exposure effect", der Effekt der bloßen Darbietung. Für Journalistinnen und Journalisten gehört es zum Berufsrisiko, strategisch wiederholt Falschinformationen ausgesetzt zu sein.

Der Dunning-Kruger-Effekt: Überschätzung der eigenen Kompetenz

Je weniger Menschen über ein Thema wissen, für desto sachkundiger halten sie sich. Die Ironie dieses nach seinen Entdeckern benannten Dunning-Kruger-Effekts beruht auf der Tatsache, dass es ein gewisses Mindestmaß an Wissen und Verständnis erfordert, um die Fülle und Komplexität von Fakten und Kontextbedingungen in einem Themenfeld zu erfassen. Nur dann kann man mit Sokrates erkennen, dass man (noch immer fast) nichts weiß, während sich andere nach einem 10-minütigen Video für Experten halten.

Strategien zur Vermeidung kognitiver Verzerrungen

Um die Auswirkungen kognitiver Verzerrungen zu minimieren, können Journalistinnen und Journalisten folgende Strategien anwenden:

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  • Die Filterbrille ablegen: Stelle Dir vor, Du würdest während der Recherche eine Filterbrille tragen, die nur günstige Entwicklungen oder Lösungsansätze zeigt. Was würdest Du sehen? Beziehe zumindest einige dieser Aspekte in Deine Berichterstattung ein. Diese sind vielleicht kleiner oder erscheinen erst auf den zweiten Blick, aber sie können den Negativitätsbias ausgleichen. Er wird vielmehr ein vollständigeres Bild vermitteln: Probleme, die gelöst werden müssen, und Ideen für mögliche Lösungsansätze dazu. Die Darstellung von Beispielen (z. B. Was auch immer bisher die Essenz Deines Beitrags zu sein schien - ziehe das Gegenteil in Erwägung: Der Protagonist ist unschuldig; das Unternehmen meint es gut; das verrückte Kind hat Recht. Welche Art von Fragen würdest Du dann stellen, wohin würdest Du dann gehen, welche Statistiken würdest Du dann heranziehen? Diese Strategie ist auch als "Teufelsadvokat" bekannt.
  • Unerwartete Fragen stellen: Stelle unerwartete und lösungsorientierte Fragen, um auch Deinen Quellen zu helfen, Negativitäts- oder Confirmation Bias zu vermeiden (Dazu das PDF "Wie stelle ich konstruktive Fragen?"). Das kann Deiner Geschichte eine interessante Wendung geben und ein nuancierteres, vollständigeres Bild zeichnen.
  • Den "Hut des Teufelsadvokaten" einführen: Mache es zu einem Ritual im Team, einem Teil der Redaktion den "Hut des Teufelsadvokaten" (oder ein anderes, symbolisches Maskottchen) zu geben. Deren Aufgabe ist es, unausgewogene Berichterstattung zu erkennen und sie mit "Positivitätsverzerrung" oder "Erwäge das Gegenteil"-Denk- und Rechercheanstößen zu hinterfragen, um Biases entgegenzuwirken. Wechsle monatlich ab, wer das übernimmt.
  • Vielfalt suchen: Umgebe Dich mit einer großen Vielfalt von Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund. Welche Kontexte und Menschen könnten Dich davor bewahren, dass Du durch die ständige Wiederholung ähnlicher Ansichten in einer sozialen "Blase" der gegenseitigen Bestätigung und illusorischen Wahrheitseffekte landest?

Illusionen des Gehirns und der freie Wille

Die Neurowissenschaften haben in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht und liefern faszinierende Einblicke in die Funktionsweise des Gehirns. Einige dieser Erkenntnisse haben jedoch auch zu Kontroversen geführt, insbesondere im Hinblick auf die Frage des freien Willens.

Das Libet-Experiment und seine Interpretation

Das berühmte Libet-Experiment aus dem Jahr 1983 zeigte, dass im Gehirn bereits ein elektrisches Signal (das Bereitschaftspotential) messbar ist, bevor die Versuchspersonen sich bewusst dazu entscheiden, eine Bewegung auszuführen. Dies wurde von einigen Forschern als Beweis dafür interpretiert, dass unsere Entscheidungen nicht frei sind, sondern durch unbewusste Prozesse im Gehirn determiniert werden.

Haynes' Experimente und die Möglichkeit des Abbruchs

Neuere Experimente von John-Dylan Haynes und seinem Team haben jedoch gezeigt, dass die Versuchspersonen die im Gehirn vorbereitete Bewegung noch abbrechen können, bevor sie ausgeführt wird. Dies deutet darauf hin, dass das Bewusstsein doch eine gewisse Kontrollfunktion ausüben und unbewusste Prozesse beeinflussen kann.

Kiefer's Forschungsergebnisse: Bewusstsein kontrolliert unbewusste Prozesse

Eine Forschergruppe an der Universität Ulm um den Psychologen Professor Markus Kiefer hat herausgefunden, dass unser Bewusstsein unbewusste Prozesse im Gehirn kontrollieren kann. Unbewusste Prozesse, die im Widerspruch zu unseren Absichten stehen, werden weitgehend von unserem Bewusstsein blockiert. "Unser Wille ist freier als gedacht", sagt Markus Kiefer, Sprecher eines deutschlandweiten Projektnetzwerkes zur Bewusstseinsforschung. Seine Forschungsgruppe konnte mit Messungen der Hirnaktivität im Magnetresonanztomographen (MRT) zeigen, dass bewusste Vorsätze die Arbeit unserer automatischen Systeme im Gehirn steuern.

Die Rolle des Bewusstseins und der sozialen Praxis

Auch wenn unsere Entscheidungen nicht vollständig unabhängig von den Hirnprozessen sind, so haben wir doch die Möglichkeit, bewusst zu reflektieren, abzuwägen und unsere Handlungen zu steuern. Zudem ist die Frage der Verantwortlichkeit eng mit unserer sozialen Praxis verbunden. Wir machen einander für unser Verhalten verantwortlich, sofern es unserer Kontrolle unterliegt und wir richtig und falsch voneinander unterscheiden können.

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