Das Rückenmark und Sport: Eine umfassende Betrachtung

Einführung

Bewegung ist essentiell für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Sportliche Aktivität beugt nicht nur Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Übergewicht vor, sondern beeinflusst auch unser Nervensystem und Gehirn auf positive Weise. Dieser Artikel beleuchtet die vielfältigen Auswirkungen von Sport und Bewegung auf das Rückenmark, die motorischen Fähigkeiten und die Rehabilitation nach Rückenmarksverletzungen.

Die Bedeutung des Rückenmarks für Bewegung

Das Rückenmark spielt eine zentrale Rolle bei der Steuerung unserer Bewegungen. Es fungiert als Schaltzentrale zwischen Gehirn und Muskeln, indem es motorische Befehle vom Gehirn zu den Muskeln leitet und sensorische Informationen von den Muskeln und anderen Körperteilen zurück zum Gehirn transportiert.

Motorische Bahnen im Rückenmark

Mehrere motorische Leitungsbahnen ziehen vom Gehirn ins Rückenmark und dort nach unten. Über diese absteigenden Rückenmarksbahnen kommunizieren die Bewegungszentren der Hirnrinde mit den Muskeln. Die wichtigsten Bahnen sind:

  • Pyramidenbahn (Tractus corticospinalis): Dies ist die wichtigste motorische Bahn für willkürliche Bewegungen, insbesondere für die Feinmotorik von Händen und Fingern. Sie ermöglicht es uns, gezielte und präzise Bewegungen auszuführen, wie zum Beispiel das Schreiben oder das Spielen eines Instruments.
  • Ventromediale Bahnen: Diese Bahnen, darunter der Tractus vestibulospinalis, der Tractus tectospinalis, der Tractus reticulospinalis medialis und der Tractus reticulospinalis lateralis, steuern das Gleichgewicht und die Körperhaltung. Sie sind für unbewusste Muskelbewegungen verantwortlich, die uns stabilisieren und auf Veränderungen der Körperlage reagieren lassen.

Zusammenspiel der motorischen Systeme

Für bewusste Bewegungen insbesondere der Hände und Finger - und damit für Dinge wie Schreiben oder Violine spielen - ist also das pyramidale System mit der Pyramidenbahn zuständig. Das extrapyramidale System mit den ventromedialen Rückenmarksbahnen hingegen übernimmt die meist unbewusst erfolgende Stabilisierung der Körperhaltung. Wobei beide Systeme eng zusammenarbeiten.

Neuroathletik: Bewegung entsteht im Kopf

Neuroathletik ist ein relativ neuer, aber wachsender Ansatz im Bereich des Sporttrainings, der sich auf die Verbesserung der sportlichen Leistung durch die direkte Einbeziehung des Nervensystems konzentriert. Anstatt nur den Fokus auf Muskelkraft, Ausdauer oder Beweglichkeit zu legen, geht es bei der Neuroathletik um die gezielte Stimulation und Optimierung von Gehirn, Rückenmark und sensorischen Systemen.

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Sport und das Nervensystem: Adaption und Plastizität

Sportliche Betätigung hat weitreichende Auswirkungen auf das Nervensystem. Durch Training und Bewegung können wir die Effizienz der Nervenbahnen verbessern und die Plastizität des Gehirns fördern.

Verbesserte Signalübertragung

Schon wenige Tage des Trainierens verstärken die Signalleitung in speziellen Bahnen des Rückenmarks und im motorischen Zentrum des Gehirns, wie ein Experiment mit Rhesusaffen zeigt. Dies bedeutet, dass unsere Muskeln schneller und präziser auf motorische Befehle reagieren können.

Neuroplastizität

Der menschliche Organismus erfährt aktivitätsabhängige spinale Adaptationen über die gesamte Lebensspanne. Die Anpassungsprozesse werden durch periphere oder zentralnervöse Einflüsse gesteuert. Sie können kurzfristig anhalten oder zeitlich überdauernd sein. Die Plastizität des Nervensystems auf spinaler Ebene wird häufig über die Erregbarkeit der α-Motoneurone bestimmt.

Neuroathletiktraining: Gezielte Stimulation des Nervensystems

Neuroathletiktraining besteht aus einer Reihe von spezifischen Übungen, die auf verschiedene Bereiche des Nervensystems abzielen.

  • Visuelle Übungen: Diese zielen darauf ab, das visuelle System zu verbessern, indem etwa Blickfixierungsübungen oder Augenbewegungstraining durchgeführt werden.
  • Vestibuläre Übungen: Dazu gehören Übungen zur Verbesserung des Gleichgewichtssinns und der Körperstabilität, wie zum Beispiel Rotationsbewegungen oder Balanceübungen mit geschlossenen Augen.
  • Propriozeptive Übungen: Hierbei handelt es sich um Übungen, die das Bewusstsein des Athleten für die Position und Bewegung seines Körpers im Raum verbessern.
  • Atmungstraining: Die Art und Weise, wie wir atmen, kann großen Einfluss auf das Nervensystem haben.

Zielgruppen für Neuroathletiktraining

  • Leistungssportler: Für Profi-Sportler und -Sportlerinnen ist Neuroathletik besonders interessant, da es die sportliche Leistung auf ein neues Niveau heben kann.
  • Breitensportler und Fitnessbegeisterte: Auch für Freizeitsportler bietet Neuroathletik klare Vorteile.
  • Personen in der Rehabilitation: Menschen, die sich von Verletzungen oder Operationen erholen, können besonders von Neuroathletik profitieren.
  • Ältere Menschen: Neuroathletik kann älteren Menschen helfen, ihre Beweglichkeit, ihr Gleichgewicht und ihre Koordination zu verbessern, was wiederum das Risiko von Stürzen und Verletzungen verringert.
  • Personen mit neurologischen Erkrankungen: Menschen, die an neurologischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Parkinson oder nach einem Schlaganfall leiden, können ebenfalls von Neuroathletik profitieren.
  • Mental orientierte Sportler und Berufsgruppen: Da Neuroathletik nicht nur körperliche, sondern auch mentale Aspekte wie Konzentration, Stressbewältigung und Reaktionsschnelligkeit beeinflusst, eignet sich das Training für Menschen, die in mental anspruchsvollen Berufen arbeiten, wie z.B. Piloten, Feuerwehrleute oder auch Schiedsrichter im Sport.

Rückenmarksverletzungen und Sport

Eine Rückenmarksverletzung kann schwerwiegende Auswirkungen auf die motorischen und sensorischen Funktionen des Körpers haben. Sport und Bewegung spielen jedoch eine wichtige Rolle bei der Rehabilitation und der Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit Rückenmarksverletzungen.

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Arten von Rückenmarksverletzungen

Je nach Höhe der Schädigung werden zwei wesentliche Gruppen innerhalb der Querschnittlähmung unterschieden:

  • Paraplegie: Die Schädigung des Rückenmarks liegt auf Höhe der Brust- oder Lendenwirbelsäule. Betroffen sind die unteren Extremitäten (beide Beine) und Teile des Rumpfes.
  • Tetraplegie: Die Schädigung liegt auf Höhe der Halswirbelsäule. Zusätzlich zu den Beinen sind auch die oberen Extremitäten (beide Arme) betroffen.

Sport als Therapie und Rehabilitation

Sportliche Aktivität kann Menschen mit Rückenmarksverletzungen helfen, ihre Muskelkraft zu erhalten oder wieder aufzubauen, ihre Koordination zu verbessern und ihre allgemeine Fitness zu steigern. Darüber hinaus kann Sport das Selbstbewusstsein stärken und die soziale Integration fördern.

Besondere Herausforderungen beim Sport mit Rückenmarksverletzungen

Menschen mit Rückenmarksverletzungen müssen bei sportlichen Aktivitäten einige besondere Herausforderungen berücksichtigen:

  • Autonome Dysreflexie: Ein gefährlicher Zustand von Bluthochdruck, der durch verschiedene Reize ausgelöst werden kann.
  • Spastik: Erhöhter Muskeltonus, der die Beweglichkeit einschränken kann.
  • Thermoregulation: Eingeschränkte Fähigkeit zur Temperaturregulierung, was zu Überhitzung oder Unterkühlung führen kann.
  • Flüssigkeitszufuhr: Menschen mit Rückenmarksverletzungen können dazu neigen gezielt weniger zu trinken, um aufwendige Toilettengänge zu reduzieren (Maxwell & Webborn, 2020), wovon unbedingt abzuraten ist.

Schwimmen als ideale Sportart

Der Bewegungsraum Wasser bietet Menschen mit Rückenmarksverletzungen hervorragende Eigenschaften, die auch häufig in Reha und Therapie genutzt werden: Bei warmem Wasser und moderater Aktivität kann es zu einer Lockerung der Spastik kommen, Zwangsstellungen in Gelenken lösen sich und alle verfügbaren motorischen Funktionen können eingesetzt werden, um bspw. bestehende Asymmetrien auszugleichen. Viele Rollstuhlfahrerende können so im Wasser einen Grad an Autonomie erleben, den sie im Alltag an Land nicht erfahren.

Organisatorische Voraussetzungen für Schwimmen im Rollstuhl

Für einen Aufenthalt im Wasser für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer sind organisatorische Grundvoraussetzungen notwendig. Das Bad einschließlich der Sanitäranlagen muss selbstverständlich rollstuhlgerecht sein, aber schon beim Einstieg ins Wasser können sich erste Probleme ergeben, wenn ein hydraulischer Lift notwendig ist, um Sportlerinnen und Sportler aus dem Rollstuhl zu befördern. Hier ist häufig personelle Hilfestellung nötig und einzuplanen.

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Technische Aspekte beim Schwimmen mit Rückenmarksverletzungen

Für gehende Sportlerinnen und Sportler mit Rückenmarksverletzung gelten bei der Technikvermittlung zunächst keine Abweichungen von den Leitbildern, wobei Auswirkungen auf die Wasserlage (bspw. größerer Anstellwinkel) erwartbar sind. Die Ausprägungen der verbleibenden Funktionen in Beinen und Rumpf können sehr vielfältig sein, sodass eine Abwägung über die Zielformen individuell erfolgen muss.

Rückenschmerzen bei Sportlern

Wirbelsäulenbeschwerden sind eine Volkskrankheit und bei Sportlern in nahezu allen Sportarten eine der häufigsten Gründe für eine Einschränkung der Sportfähigkeit. In der Sportmedizin des Bewegungsapparates nimmt daher die Auseinandersetzung mit der Wirbelsäule einen entsprechenden Stellenwert ein.

Einflussfaktoren auf Rückenschmerzen

Die aktuelle Literatur teilt in 3 Kategorien von Einflussfaktoren ein: physikalische, psychosoziale und individuelle Faktoren. Rückenschmerzen korrelieren nicht mit dem Grad der Degeneration.

Degeneration der Wirbelsäule

Die Stadien der Degeneration der Wirbelsäule sind heute hervorragend beschrieben, es ich auch klar, dass die Alterung eines Bewegungssegmentes keine Erscheinung unseres Zeitalters ist, sondern wie die Paläomedizin zeigt, auch beim Menschen in der Frühzeit identisch vorhanden war.

Überbeanspruchung und Haltungsschäden

Die Literatur zeigt übereinstimmend Hinweise für eine höhere Prävalenz sowohl für Rückenschmerzen als auch für degenerative Pathologien an der Wirbelsäule bei Hochleistungssportlern, Leistungssportlern und Freizeitsportlern mit regelmäßiger, intensiver Sportausübung im Vergleich zum Normalkollektiv. Sogar der regelmäßige Besuch eines Fitnessstudios gilt bereits als gesicherter Risikofaktor.

Bedeutung der Muskulatur

Wie wichtig die Muskulatur für die Wirbelsäule ist, demonstrieren Studien, die zeigen, dass die Muskeldegeneration mit dem Grad der Degeneration des Bewegungssegments, Höhenminderung des Bandscheibenfaches, Instabilität und Rückenschmerzen korreliert.

Prävention von Rückenschmerzen bei Sportlern

  • Sagittale Balance: Die sagittale Balance ist für eine physiologische Belastung der Wirbelsäule extrem wichtig und muss bei der konservativen und auch chirurgischen Wirbelsäulenbehandlung Beachtung finden.
  • Vermeidung von Hyperlordosen: Jede Hyperlordose führt zu einer reaktiven Kyphose des Nachbarabschnitts und umgekehrt.
  • Ausgleich von muskulären Dysbalancen: Spezialisierte, einseitige sportliche Tätigkeiten generieren oft ein muskuläres Ungleichgewicht und Haltungsdeviationen.
  • Regelmäßiger Positionswechsel: Sportarten mit konstanter Haltung haben daher einen ähnlichen Effekt wie konstantes Sitzen oder Stehen.
  • Intelligentes Training: Ein sportliches Training sollte intelligent durchgeführt werden und auf Qualität und nicht Quantität ausgerichtet sein.

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