Die Alzheimer-Krankheit stellt eine der größten Herausforderungen für die moderne Medizin dar. Weltweit sind etwa 55 Millionen Menschen an Demenz erkrankt, wobei Alzheimer die häufigste Form darstellt. Allein in Deutschland sind 1,8 Millionen Menschen betroffen. Angesichts der alternden Bevölkerung erwarten Experten einen dramatischen Anstieg dieser Zahlen in den kommenden Jahren. Die Suche nach wirksamen Medikamenten und Therapien gestaltet sich jedoch als komplex und vielschichtig.
Die Komplexität der Alzheimer-Erforschung
Die Alzheimer-Forschung steht vor zahlreichen Rätseln. Noch immer sind die molekularen Vorgänge im Gehirn der Patienten nicht vollständig entschlüsselt. Was bereits bekannt ist: Bei den Betroffenen lagert sich außerhalb der Nervenzellen ein Proteinfragment namens Beta-Amyloid in Form von Plaques ab. Innerhalb der Neurone verklumpt das Tau-Protein zu gedrehten Fasern, den Fibrillen. Doch wie genau hängen Plaques, Fibrillen und das Absterben von Hirnzellen miteinander zusammen? Tiermodelle lieferten bislang keine befriedigenden Antworten.
Das Zusammenspiel von Amyloid und Tau
Lange Zeit galten die sogenannten Plaques als Hauptverursacher der Krankheit. Ein Forscherteam des Leuven Center for Brain and Disease Research in Belgien unter der Leitung von Bart De Strooper hat jedoch neue Erkenntnisse gewonnen, die Hoffnung auf alternative Therapieansätze wecken. Die Forscher nutzten ein verbessertes Alzheimermausmodell, bei dem die Labormäuse genetisch so manipuliert waren, dass sich in ihrem Gehirn Beta-Amyloid-Ablagerungen bilden. In diese Amyloid-Mäusehirne sowie in die Denkorgane von Kontrolltieren pflanzten sie Vorläuferzellen menschlicher Neurone.
Nach sechs Monaten hatten sich nur in den menschlichen Neuronen der Amyloid-Mäusehirne schädliche Tau-Fibrillen gebildet. Dies deutet darauf hin, dass die Beta-Amyloide die Tau-Pathologie früh antreiben und dieser Vorgang eine menschliche Besonderheit darstellt. Infolgedessen kam es zu einem deutlichen Verlust an menschlichen Nervenzellen. Die Forscher wiesen nach, dass eine Form des programmierten Zelltods, die Nekroptose, dabei eine entscheidende Rolle spielt. Mittels RNA-Sequenzierung gelang es ihnen, das Schlüsselmolekül zu identifizieren: MEG3 (Maternally Expressed 3), eine lange nicht codierende RNA, die in den menschlichen Neuronen um das Zehnfache erhöht war.
Das alleinige Vorhandensein von MEG3 reichte aus, um die Nekroptose der humanen Hirnzellen im Reagenzglas auszulösen. Verringerten die Forschenden hingegen die MEG3-Expression, so verhinderte dies das Absterben der Zellen. Die Autoren schlussfolgern, dass die Nekroptose der Anhäufung von pathologischem Tau folgt und durch die Hochregulierung von MEG3 ausgelöst wird. De Strooper glaubt, dass die Daten Anlass sind, eine neue Sorte von Alzheimermedikamenten zu entwickeln: MEG3-Blocker.
Lesen Sie auch: Therapieansätze für vollständige Lähmung
Kritik und weitere Forschungsansätze
Daniel Sirkis und Jennifer Yokoyama von der University of California in San Francisco, die nicht an der Studie beteiligt waren, geben in einem Kommentar zu bedenken, dass das Fehlen eines Immunsystems in den Mausmodellen eine wichtige Einschränkung darstellt. Denn Zellen des adaptiven Immunsystems spielen vermutlich eine bedeutende Rolle bei der Entstehung von Alzheimer.
Trotz dieser Einschränkungen eröffnen die Ergebnisse neue Wege für Therapien, die nicht nur auf Amyloid und Tau abzielen. Möglicherweise sind aber Antikörper-Wirkstoffe letztlich doch eine Sackgasse - Forscher arbeiten auch an alternativen Ansätzen, etwa an Enzymen, welche die giftigen Eiweiße abbauen könnten. Den einen "Königsweg" sieht Michael Heneka auch bei alternativen Therapie-Ansätzen nicht; möglicherweise müsse man sich "sehr präzise jeden einzelnen Patienten" ansehen und jeweils die gerade führenden Krankheitsmechanismen identifizieren, um dann einen entsprechenden Wirkstoffcocktail dosieren zu können. Für vielversprechend hält Heneka die in letzten Jahren neu gewonnenen Einsichten in die genetischen Abläufe, die bei der Krankheit eine Rolle spielen - von der Proteincodierung bis hin zu angeborenen Immunitätsmechanismen im Gehirn.
Finanzielle Interessen und ethische Fragen
Die Alzheimer-Forschung ist nicht nur von wissenschaftlichen, sondern auch von finanziellen Interessen geprägt. Der Film „Das Rätsel Alzheimer“ zeigt eindrücklich, wie Forschung an ihre Grenzen stößt und hoffnungsvolle medizinische Ansätze an finanziellen Interessen scheitern.
Der Fall Ibuprofen
Pat McGeer, Forscher der Berliner Charité, hat einen Zusammenhang zwischen der Erkrankung und einer Entzündung im Gehirn festgestellt. Er recherchierte daraufhin, dass Rheuma-Patienten, die entzündungshemmende Mittel wie Ibuprofen einnehmen, so gut wie nie an Alzheimer erkranken. Trotzdem werden diese neuen Erkenntnisse derzeit nicht weiter verfolgt: Der Forscher hat für seine Studien weltweit keine Geldgeber gefunden - Arzneimittel aus alten Wirkstoffen können nicht patentiert werden und sind für die Pharmaindustrie daher nicht rentabel.
Der Fall Aducanumab
Im Frühjahr 2019 werden zwei Studien mit dem als vielversprechend geltenden Antikörper Aducanumab gestoppt und als Fehlschlag eingestuft. Im Herbst 2019 dann die Kehrtwende: Eine neue Analyse der Studienergebnisse habe ein positives Ergebnis für die Studie ergeben - so die US-Firma Biogen. Die Diskussion um Aducanumab habe viele neue Erkenntnisse gebracht, so sieht es Prof. Dr. Michael Heneka, Direktor der Klinik für Neurodegenerative Erkrankungen und Gerontopsychiatrie der Universität Bonn. Die beiden Studien seien zeitlich nicht exakt parallel verlaufen, beim Zeitpunkt der Auswertung habe es eine "asymmetrische Datenlage" gegeben. "Als der gesamte Datensatz der Studie vorlag, gab sich aber ein anderes Bild. Prof. Dr.
Lesen Sie auch: Neue Hoffnung im Kampf gegen Alzheimer
Der Fall Impfstoffstudie
Stattdessen fördert der US-Pharmahersteller Wyeth an der Charité eine Studie, in der Alzheimer-Patienten ein neuer Impfstoff injiziert wird. Das Mittel soll Ablagerungen und Flecken im Gehirn bekämpfen. Diese sogenannten Plaques galten lange als Verursacher der Krankheit. Zwei Patienten sind während der Studie an allergischen Schocks gestorben. Die Ausstrahlung einer bereits abgegebenen Stellungnahme der Charité wurde auf Intervention von Wyeth untersagt.
Das Phänomen der Resilienz
Ein weiteres Rätsel der Alzheimer-Forschung ist das Phänomen der Resilienz. Es gibt Menschen, die trotz der für Alzheimer typischen Ablagerungen im Gehirn keinerlei kognitive Einschränkungen zeigen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass bis zu 30 Prozent der älteren Menschen erhebliche für Alzheimer typische Ablagerung im Gehirn aufweisen, ohne irgendwelche Symptome zu zeigen. Warum das so ist, ist jedoch ein Rätsel.
Vier Auffälligkeiten bei symptomlosen Alzheimer-Betroffenen
Forscher des Netherlands Institute for Neuroscience haben dieses Phänomen genauer beleuchtet und vier Besonderheiten bei symptomlosen Alzheimer-Betroffenen festgestellt:
- Astrozyten produzieren mehr Antioxidantien: Astrozyten sind sternförmige Zellen, die im Gehirn wichtige Aufgaben übernehmen und unter anderem auch die Nervenzellen (Neuronen) mit Nährstoffen versorgen. In der resilienten Gruppe produzierten diese Zellen mehr des Antioxidants Metallothionein, ein Protein, das beispielsweise schädliche freie Radikale unschädlich machen kann.
- Weniger toxische Mikroglia-Zellen: Die sogenannten Mikroglia-Zellen sind die Immunzellen des Gehirns. Diese können aber auch unter bestimmten Umständen Entzündungsprozesse verschlimmern. Bei der resilienten Gruppe war dies nicht der Fall.
- Keine Überreaktion der Unfolded Protein Response (UPR): UPR ist ein Schutzmechanismus der Zelle, der toxische (fehlgefaltete) Proteine entfernen kann. Bei Alzheimer-Patienten kann dieser Mechanismus überreagieren, so dass er schädlich ist. Bei der resilienten Gruppe funktioniert er normal.
- Mehr Mitochondrien in den Zellen: Die Forscher fanden Hinweise, dass die Gehirnzellen der resilienten Personen möglicherweise auch mehr Mitochondrien aufweisen. Mitochondrien werden auch als Kraftwerke der Zelle bezeichnet, denn sie produzieren die Energie für die zellulären Prozesse.
Implikationen für die Behandlung
Auch wenn diese Ergebnisse wichtig sind, lässt sich daraus dennoch nicht ablesen, was Ursache und Wirkung der Alzheimer-Erkrankung ist. „Aus menschlichen Daten lässt sich nach wie vor nur schwer bestimmen, welcher Prozess den Krankheitsprozess auslöst“, sagt de Vries. Dies lasse sich nur nachweisen, indem man in Zellen oder Tiermodellen etwas verändert und beobachtet, was dann passiert.
„Das ist das Erste, was wir jetzt tun müssen“, betont de Vries. „Doch eins ist klar. Wenn wir die molekulare Grundlage für Resilienz finden, haben wir neue Ansatzpunkte für die Entwicklung von Medikamenten, die resilienzbezogene Prozesse bei Alzheimer-Patienten aktivieren könnten.“
Lesen Sie auch: Senioren Rätsel: Fit im Kopf
Prävention und Risikofaktoren
Obwohl es noch keine Heilung für Alzheimer gibt, gibt es Möglichkeiten, das Erkrankungsrisiko zu senken. Studien zeigen, dass Menschen seltener an Alzheimer erkranken, wenn sie folgende zwölf Tipps beherzigen:
- Bewegung: Was gut für Ihr Herz ist, ist auch gut für Ihr Gehirn. Dazu gehört, sich ausreichend zu bewegen - mindestens 2,5 Stunden pro Woche sind ideal.
- Geistige Fitness: Lernen Sie Neues - auch im Alter. Das hält Ihr Gehirn auf Trab. Egal ob ein Musikinstrument, eine Sprache oder der Umgang mit dem Computer, probieren Sie etwas Neues aus.
- Gesunde Ernährung: Orientieren Sie sich an der klassischen mediterranen Ernährung. Essen Sie viel Obst und Gemüse, Olivenöl und Nüsse. Bevorzugen Sie Fisch an Stelle von rotem Fleisch.
- Soziale Kontakte: Zu zweit oder in der Gruppe machen Aktivitäten mehr Spaß und Ihre grauen Zellen werden gefordert. Verabreden Sie sich zum Sport, zum Musizieren, zum Kartenspielen oder zum gemeinsamen Kochen.
- Übergewicht reduzieren: Achten Sie darauf, dass Sie nicht zu viele Kilos auf die Waage bringen. Eine gesunde Ernährung und regelmäßige Bewegung helfen Ihnen dabei.
- Ausreichend Schlaf: Sorgen Sie für guten und ausreichenden Schlaf, damit das Gehirn Schadstoffe abbauen und sich erholen kann.
- Nicht rauchen: Rauchen schadet auch Ihrem Gehirn. Hören Sie auf zu rauchen, es ist nie zu spät.
- Kopfverletzungen vermeiden: Passen Sie im Alltag und beim Sport auf Ihren Kopf auf und tragen Sie zum Beispiel einen Helm beim Fahrradfahren.
- Bluthochdruck checken: Lassen Sie Ihren Blutdruck regelmäßig kontrollieren. Bluthochdruck sollte auf jeden Fall behandelt werden.
- Diabetes überprüfen: Behalten Sie Ihren Blutzuckerspiegel im Blick. Ist er dauerhaft zu hoch, sollten Sie in Absprache mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin aktiv werden.
- Depressionen behandeln: Sorgen Sie gut für sich. Wenn Sie über eine längere Zeit antriebslos oder niedergeschlagen sind, ist es sinnvoll, Ihren Arzt oder Ihre Ärztin aufzusuchen, um die Ursache abzuklären. Eine Depression sollte nicht unbehandelt bleiben.
- Auf Schwerhörigkeit achten: Nehmen Sie es ernst, wenn Sie merken, dass Sie schlechter hören.
Die Bedeutung von Aufklärung und Unterstützung
Neben der wissenschaftlichen Forschung ist auch die Aufklärung der Bevölkerung über Demenz und Alzheimer von großer Bedeutung. Viele Menschen sind betroffen, und es ist wichtig, dass sie und ihre Angehörigen Unterstützung erhalten.
Initiativen und Projekte
Es gibt zahlreiche Initiativen und Projekte, die sich für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen einsetzen. Diese Projekte basieren oft auf ehrenamtlichem Engagement und bieten vielfältige Angebote, von Betreuung und Beratung bis hin zu kulturellen Aktivitäten.
Die Notwendigkeit professioneller Begleitung
Es zeigt sich leider immer wieder, dass sich diese Projekte auflösen, wenn es keine professionelle Begleitung und Koordination gibt. Für diese Aufgaben gibt es nach Ablauf der Projektlaufzeit in der Regel keine Finanzierung, so dass viele mühsam aufgebaute Angebote wieder verschwinden und immer neue Projektideen entstehen müssen.
Demenzfreundliche Kommunen
Ein weiteres Ziel ist die Schaffung demenzfreundlicher Kommunen. Das bedeutet, dass die Akteure, die Menschen mit Demenz im alltäglichen Leben begegnen, noch viel offener werden müssen, um das Ziel einer demenzfreundlichen Kommune zu erreichen. Das wird vermutlich zunächst nur kleinräumig mit konkreter Ansprache einzelner Akteure erreicht werden können.
tags: #das #ratsel #alzheimer #magazin #wochenende