Migräne: Informationen, Therapie und Hilfestellungen für Betroffene

Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, heftige Kopfschmerzattacken gekennzeichnet ist. Diese Attacken können von weiteren Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet sein und die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. In Deutschland sind schätzungsweise 12-15% der Frauen und 8-10% der Männer von Migräne betroffen. Dieser Artikel bietet umfassende Informationen zu Migräne, ihren Ursachen, Diagnose- und Therapiemöglichkeiten sowie hilfreiche Tipps für den Umgang mit der Erkrankung.

Was ist Migräne?

Migräne ist mehr als nur ein starker Kopfschmerz. Es handelt sich um eine komplexe neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende Attacken gekennzeichnet ist. Die Schmerzen sind meist pulsierend und von mittlerer bis hoher Intensität. Sie treten häufig einseitig auf, können aber auch den ganzen Kopf betreffen. Typische Begleitsymptome sind Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Geräuschempfindlichkeit. Viele Betroffene verspüren zudem ein Rückzugs- und Ruhebedürfnis während einer Attacke.

Die Dauer einer Migräneattacke variiert typischerweise zwischen 4 und 72 Stunden. Bei Kindern und Jugendlichen können die Attacken auch kürzer sein. Anfälle, die länger als 72 Stunden andauern, werden als Status migraenosus bezeichnet und stellen einen Notfall dar.

Einige Migränepatienten (ca. 15%) erleben vor der Kopfschmerzphase eine sogenannte Aura. Dabei handelt es sich um neurologische Symptome wie Flimmerskotome (flimmernde, zackige Linien im Gesichtsfeld), Wortfindungsstörungen, Kribbeln oder seltener Lähmungen.

Man unterscheidet zwischen episodischer Migräne (weniger als 15 Kopfschmerztage im Monat) und chronischer Migräne (15 oder mehr Kopfschmerztage im Monat).

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Ursachen und Auslöser

Die genauen Ursachen der Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird von einer genetischen Veranlagung ausgegangen, da Migräne häufig familiär gehäuft auftritt. Zudem scheint die Reizverarbeitung bei Migränepatienten verändert zu sein, was zu einer Überlastung des Nervensystems führen kann.

Während einer Migräneattacke werden bestimmte Hirnareale aktiviert und Botenstoffe wie CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) freigesetzt, die entzündungsähnliche Prozesse an den Blutgefäßen, Hirnhäuten und dem Trigeminusnerv auslösen.

Bei manchen Menschen können bestimmte Faktoren eine Migräneattacke auslösen. Diese sogenannten Trigger sind individuell verschieden. Ein Migränetagebuch kann helfen, die persönlichen Trigger zu identifizieren und zu vermeiden.

Häufige Trigger sind:

  • Stress
  • Unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus
  • Ausgelassene Mahlzeiten
  • Bestimmte Wetterbedingungen
  • Hormonelle Veränderungen (z.B. Menstruation)
  • Bestimmte Nahrungsmittel (selten, Heißhunger auf Süßigkeiten kann ein Frühsymptom sein)

Diagnose

Die Diagnose von Migräne basiert in erster Linie auf der Anamnese, d.h. dem Gespräch zwischen Arzt und Patient. Dabei werden die Art, Dauer und Häufigkeit der Kopfschmerzen sowie Begleitsymptome erfragt. Ein Kopfschmerzkalender oder eine App zur Dokumentation der Attacken kann bei der Diagnosefindung hilfreich sein.

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Eine körperliche und neurologische Untersuchung dient dazu, andere Ursachen für die Kopfschmerzen auszuschließen. In der Regel ist die neurologische Untersuchung bei Migränepatienten unauffällig. Bei auffälligen Befunden oder unklaren Symptomen können weitere Untersuchungen wie eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns erforderlich sein.

Therapie

Die Migränetherapie umfasst zwei Säulen: die Akutbehandlung der Attacken und die vorbeugende Behandlung (Prophylaxe).

Akutbehandlung

Ziel der Akutbehandlung ist es, die Schmerzen und Begleitsymptome einer Migräneattacke möglichst schnell und effektiv zu lindern.

Folgende Medikamente können zur Akutbehandlung eingesetzt werden:

  • Schmerzmittel: Bei leichten bis mittelschweren Attacken können freiverkäufliche Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure (ASS), Paracetamol oder Ibuprofen helfen.
  • Triptane: Bei stärkeren Attacken oder wenn Schmerzmittel nicht ausreichend wirken, können Triptane eingesetzt werden. Triptane sind spezifische Migränemittel, die auf Rezeptoren der Blutgefäße im Gehirn wirken und diese verengen. Einige Triptane sind in kleinen Packungen rezeptfrei in der Apotheke erhältlich (z.B. Almotriptan, Naratriptan, Sumatriptan).
  • Antiemetika: Bei Übelkeit und Erbrechen können zusätzlich Antiemetika wie Metoclopramid eingenommen werden.

Wichtig ist, die Medikamente möglichst frühzeitig zu Beginn der Attacke in ausreichend hoher Dosierung einzunehmen. Bei sehr starken Attacken oder ausgeprägter Übelkeit können Triptan-Nasensprays oder Injektionen unter die Haut vorteilhaft sein.

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Vorbeugende Behandlung (Prophylaxe)

Die vorbeugende Behandlung zielt darauf ab, die Häufigkeit, Dauer und Intensität von Migräneattacken zu reduzieren. Sie kommt infrage, wenn die Attacken häufig auftreten (z.B. an mehr als vier Tagen im Monat) oder die Akutbehandlung nicht ausreichend wirksam ist.

Die vorbeugende Behandlung umfasst sowohl nicht-medikamentöse als auch medikamentöse Maßnahmen.

Nicht-medikamentöse Maßnahmen:

  • Regelmäßiger Lebensstil: Ein regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, regelmäßige Mahlzeiten und ausreichend Bewegung können helfen, Migräneattacken vorzubeugen.
  • Stressmanagement: Entspannungsverfahren wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training oder Yoga können den Stresspegel senken und die Entspannungsfähigkeit verbessern.
  • Ausdauersport: Regelmäßiger Ausdauersport wie Laufen, Schwimmen oder Radfahren kann ebenfalls zur Migräneprophylaxe beitragen.
  • Vermeidung von Triggern: Das Erkennen und Vermeiden individueller Trigger kann die Häufigkeit von Attacken reduzieren.

Medikamentöse Prophylaxe:

Wenn nicht-medikamentöse Maßnahmen nicht ausreichen, können Medikamente zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.

Folgende Medikamente kommen infrage:

  • Betablocker: Sie werden häufig zur Blutdrucksenkung eingesetzt, können aber auch Migräneattacken reduzieren.
  • Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva können ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.
  • Antikonvulsiva: Medikamente, die zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt werden, können auch bei Migräne wirksam sein.
  • Botulinumtoxin: Bei chronischer Migräne kann eine Behandlung mit Botulinumtoxin (Botox) in Erwägung gezogen werden.
  • CGRP-Antikörper: Diese relativ neuen Medikamente richten sich gegen den Botenstoff CGRP oder dessen Rezeptor und können die Häufigkeit von Migräneattacken deutlich reduzieren. Sie werden in der Regel alle vier Wochen unter die Haut gespritzt.

Die Auswahl des geeigneten Medikaments zur Prophylaxe erfolgt individuell unter Berücksichtigung der Begleiterkrankungen und Vorlieben des Patienten.

Multimodale Therapie

Für Patienten mit schwerer Migräne kann ein multimodaler Therapieansatz sinnvoll sein, der medikamentöse und nicht-medikamentöse Verfahren, Entspannungsverfahren, Physiotherapie und verhaltenstherapeutische Maßnahmen kombiniert. Solche Therapiekonzepte werden zum Teil ambulant, tagesklinisch oder stationär angeboten. Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel unter der Leitung von Prof. Dr.med. Dipl.Psych. Hartmut Göbel bietet beispielsweise eine spezielle Therapie von Migräne und anderen Kopfschmerzformen an. Die Klinik verfügt über ein interdisziplinäres Team und bietet ein umfassendes Behandlungsprogramm.

Kopfschmerz und Psyche

Psychologische Faktoren spielen eine wichtige Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf von Kopfschmerzerkrankungen wie Migräne und Spannungskopfschmerz. Stress, ungünstige Stressverarbeitungsstrategien, Grübeln, Rückzugsverhalten und eine reduzierte Entspannungsfähigkeit können die Häufigkeit und Intensität der Kopfschmerzen beeinflussen.

Auch der Umgang mit der Kopfschmerzerkrankung selbst kann den Krankheitsverlauf beeinflussen. Der Versuch, trotz Beschwerden stets weiter zu funktionieren ("Durchhalter"), kann zu Überlastung und Erschöpfung führen und das Risiko eines Medikamentenübergebrauchs erhöhen. Andererseits kann auch der Versuch, mögliche Auslöser von Kopfschmerzen stets zu vermeiden, selbst zum Stressfaktor werden.

Psychologische Behandlungsansätze können helfen, Stressoren zu identifizieren, Stressbewältigungsstrategien zu verbessern, Entspannungsfähigkeit zu fördern und den Umgang mit der Erkrankung zu optimieren.

Medikamentenübergebrauch

Die Einnahme von Schmerzmitteln oder Triptanen an mehr als 10 Tagen im Monat kann paradoxerweise zu einer Zunahme der Kopfschmerzen führen. Dies wird als Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch bezeichnet. Dabei werden die Kopfschmerzattacken immer länger und es werden immer mehr Medikamente benötigt, um den Schmerz zu lindern.

Das Risiko der Entwicklung eines Kopfschmerzes durch Medikamentenübergebrauch unterstreicht die Bedeutung der vorbeugenden Behandlung, wenn mehrfach im Monat Kopfschmerzen auftreten. Bei einem bestehenden Übergebrauch sollte der Patient das Erkrankungsbild und seine Behandlung erläutert bekommen. Eine Medikamentenpause, in der keine Akutmedikamente eingenommen werden, kann sinnvoll sein, um den Teufelskreis zu durchbrechen.

Deutsche Schmerzliga und weitere Hilfsangebote

Die Deutsche Schmerzliga e.V. ist eine Patientenorganisation, die sich für die Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit chronischen Schmerzen einsetzt. Sie bietet Informationen über moderne Schmerztherapien, vermittelt spezialisierte Therapeuten und organisiert Selbsthilfegruppen.

Weitere Anlaufstellen für Migränepatienten sind:

  • Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG): Eine interdisziplinäre wissenschaftliche Fachgesellschaft, die sich mit der Erforschung und Behandlung von Kopfschmerzerkrankungen befasst. Die DMKG bietet Informationen für Patienten und Ärzte und gibt Leitlinien zur Therapie von Migräne heraus.
  • MigräneLiga e.V. Deutschland: Eine Patientenorganisation und Selbsthilfegruppe für Menschen mit Migräne.
  • Kopfschmerzzentren: In vielen Städten gibt es spezialisierte Kopfschmerzzentren, in denen Patienten mit komplexen Kopfschmerzerkrankungen umfassend diagnostiziert und behandelt werden können.

Informationen für Ärzte und Fachleute

Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) hat eine neue PraxisLeitlinie zur Behandlung von primären Kopfschmerzerkrankungen veröffentlicht. Die Leitlinie bietet praktische Anleitungen und Hilfestellungen zu Diagnostik und Therapie und basiert auf wissenschaftlichen Daten und der Erfahrung schmerzmedizinisch tätiger Ärzte. Die DGS organisiert zudem interdisziplinäre Schmerzkonferenzen in mehr als 120 regionalen Schmerzzentren.

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