Unerfüllter Kinderwunsch ist ein wachsendes Problem, und während die Auswirkungen von Medikamenten auf die weibliche Fruchtbarkeit ausführlich untersucht wurden, wird dies bei Männern oft übersehen. Arzneimittel können die Zeugungsfähigkeit des Mannes sowie die gesunde Entwicklung des Kindes beeinträchtigen. Epileptische Erkrankungen und ihre Behandlung mit Antiepileptika können die männliche Fertilität beeinträchtigen. Es ist wichtig, die potenziellen Auswirkungen von Antiepileptika auf die Spermienqualität und die männliche Fruchtbarkeit zu verstehen, um informierte Entscheidungen treffen und geeignete Maßnahmen ergreifen zu können.
Fertilität und ihre Beeinflussung
Die Fertilität eines Paares wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst, darunter Alter, Erkrankungen, Umwelteinflüsse und Arzneimittelkonsum. Bei Männern können Fertilitätseinschränkungen organische, hormonelle oder genetische Ursachen haben. Die Abklärung eines unerfüllten Kinderwunsches umfasst eine detaillierte Anamnese, körperliche Untersuchung, Ultraschall der Hoden, endokrinologische Untersuchung und ein Spermiogramm.
Spermatogenese und Spermiogramm
Im Unterschied zur Frau bilden sich die Fortpflanzungszellen beim Mann lebenslang neu. Die Spermatogenese, der Prozess der Spermienbildung, dauert etwa 72 Tage, und der finale Reifungsprozess dauert zwei Wochen.
Ein Spermiogramm untersucht verschiedene Parameter wie Volumen und pH-Wert des Ejakulats, Spermienkonzentration, Motilität und Morphologie, Leukozytenzahl und das Vorkommen von unreifen Vorläuferzellen. Abweichungen in diesen Parametern können auf verschiedene Störungen hinweisen, wie z.B. Aspermie (kein Ejakulat), Azoospermie (keine Spermien im Ejakulat), Oligozoospermie (verminderte Spermienkonzentration), Asthenozoospermie (verminderte Spermienmotilität) und Teratozoospermie (fehlgeformte Spermien).
Antiepileptika und ihre potenziellen Auswirkungen
Epileptische Erkrankungen können mit eingeschränkter männlicher Fertilität assoziiert sein, einschließlich veränderter Testosteronspiegel, erhöhter Östrogenspiegel, verminderter Spermienqualität, Libidoverlust und erektiler Dysfunktion. Antiepileptika wie Carbamazepin, Phenytoin, Valproat und Oxcarbazepin können hormonelle Störungen verstärken und die Spermienqualität beeinträchtigen.
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Ein Fallbericht zeigt, dass ein Mann nach jahrelanger Behandlung mit verschiedenen Antiepileptika eine Asthenozoospermie entwickelte. Nach der Umstellung von Carbamazepin auf Phenytoin verbesserte sich die Spermienmotilität deutlich.
Es ist jedoch oft schwierig zu differenzieren, ob die beobachteten Effekte der Epilepsie selbst oder den Antiepileptika zuzuschreiben sind. Die Datenlage ist insgesamt unzureichend, um eindeutige Empfehlungen für einzelne Substanzen zu geben.
Mechanismen der Beeinträchtigung
Antiepileptika können die Fertilität auf verschiedene Weisen beeinflussen:
- Hormonelle Effekte: Antiepileptika können den Hormonhaushalt stören, indem sie die Hypothalamus-Hypophysen-Achse beeinflussen, was zu veränderten Testosteron- und Östrogenspiegeln führen kann.
- Gonadotoxische Effekte: Einige Antiepileptika können die Spermatogenese direkt schädigen, indem sie die Stammzellen beeinträchtigen.
- Veränderung der Libido und Erektionsfunktion: Antiepileptika können die Libido und Erektionsfunktion durch Beeinflussung von Neurotransmittern wie Dopamin, Noradrenalin und Serotonin beeinträchtigen.
Spezifische Antiepileptika und ihre Auswirkungen
- Carbamazepin, Phenytoin, Phenobarbital: Diese älteren, enzyminduzierenden Antiepileptika können den Abbau von Sexualhormonen beschleunigen und die Konzentration des Sexualhormon-bindenden Globulins (SHBG) erhöhen, was zu einer Verminderung des bioaktiven Testosterons führt.
- Valproinsäure (VPA): Die Daten zum Einfluss von VPA auf die Entstehung einer Hyperandrogenämie sind widersprüchlich. Einige Studien deuten auf ein erhöhtes Risiko für ein polyzystisches Ovarialsyndrom (PCOS) hin, während andere keine signifikanten Unterschiede feststellen konnten. Neuere Daten bestätigen das aber nicht und eine Behandlung mit diesem Wirkstoff ist für viele Männer mit Epilepsie eine große Hilfe.
- Oxcarbazepin: Dieses neuere Antiepileptikum beeinflusst das Enzymsystem der Leber kaum und hat daher wahrscheinlich weniger Auswirkungen auf die Sexualhormone.
- Lamotrigin (LTG): In einer Studie zeigten Männer, die mit Lamotrigin behandelt wurden, höhere Sexualfunktionswerte und Hormonspiegel im Vergleich zu Männern, die Carbamazepin oder Phenytoin einnahmen.
EMA wertet Daten aus: Valproat bei Männern: Ein Risiko für den Nachwuchs?
Der Pharmakovigilanzausschuss (PRAC) der europäischen Arzneimittelbehörde EMA prüft derzeit Daten zum potenziellen Risiko für neurologische Entwicklungsstörungen bei Kindern, die von Vätern unter Valproat-Therapie gezeugt wurden. Erste Ergebnisse könnten auf ein erhöhtes Risiko für neurologische Entwicklungsstörungen bei Kindern hinweisen, deren Väter in den drei Monaten vor der Empfängnis Valproat eingenommen haben.
Was ist zu tun?
Männer mit Epilepsie, die einen Kinderwunsch haben, sollten die folgenden Schritte unternehmen:
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- Ärztliche Beratung: Sprechen Sie Ihren Kinderwunsch bei der neurologischen Behandlung an. Besprechen Sie die potenziellen Auswirkungen der Antiepileptika auf die Fertilität und mögliche Alternativen.
- Spermiogramm: Lassen Sie ein Spermiogramm durchführen, um die Spermienqualität zu beurteilen.
- Hormonuntersuchung: Lassen Sie Ihre Hormonwerte überprüfen, um hormonelle Störungen auszuschließen.
- Lebensstiländerungen: Vermeiden Sie Nikotin-, Alkohol- und Drogenkonsum, halten Sie ein gesundes Gewicht, vermeiden Sie übermäßige Hitzeexposition und achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung.
- Medikamentenmanagement: Brechen Sie die antiepileptische Behandlung nicht abrupt ab. Besprechen Sie mit Ihrem Arzt eine mögliche Dosisreduktion oder einen Substanzwechsel.
- Folsäure: Zur Vorbeugung von Fehlbildungen sollten Männer, in Absprache mit dem Arzt, ausreichend Folsäure zu sich nehmen.
Zusätzliche Faktoren, die die Spermienqualität beeinflussen
Neben Antiepileptika gibt es weitere Faktoren, die die Spermienqualität beeinflussen können:
- Nikotin-, Alkohol- und Drogenkonsum: Rauchen, Alkoholmissbrauch und Drogenkonsum wirken sich negativ auf die männliche Fruchtbarkeit aus.
- Medikamenteneinnahme: Bestimmte Medikamente, wie z.B. Chemotherapeutika, Schmerzmittel und Antihistaminika, können die Spermienqualität beeinträchtigen.
- Anabolika: Künstliche Zufuhr von Testosteron kann die Spermaproduktion hemmen.
- Übergewicht: Übergewicht kann zu hormonellen Störungen führen und die Spermienzahl und -beweglichkeit beeinträchtigen.
- Wärme: Übermäßige Hitzeexposition kann die Spermienproduktion beeinträchtigen.
- Ungünstige Ernährung: Übermäßiger Koffeinkonsum und Sojaprodukte können sich negativ auf die männliche Fruchtbarkeit auswirken.
- Stress: Stress kann die Hormonproduktion durcheinanderbringen und die Spermienqualität mindern.
- Extremsport: Extremer Ausdauersport kann zu niedrigen Testosteronwerten führen.
Maßnahmen zur Verbesserung der Spermienqualität
Männer können verschiedene Maßnahmen ergreifen, um ihre Spermienqualität zu verbessern:
- Ausgewogene Ernährung: Essen Sie Lebensmittel mit vielen Antioxidantien, wie Obst, Gemüse, Vollkornprodukte und gesunde Fette.
- Regelmäßiger Sport: Treiben Sie regelmäßig Sport, aber übertreiben Sie es nicht mit Ausdauersport.
- Vermeidung von Stress: Minimieren Sie Stressfaktoren im beruflichen und privaten Leben.
- Nahrungsergänzungsmittel: Nehmen Sie Nahrungsergänzungsmittel ein, die Vitamine, Mineralstoffe und Antioxidantien enthalten, wie z.B. Folsäure, Vitamin D, C und E, Zink, Selen, Omega-3-Fettsäuren, Ashwagandha, L-Arginin, L-Carnitin, Myo-Inositol und Magnesium.
Chancen auf ein Kind trotz niedriger Spermienqualität
Auch bei einem schlechten Spermiogramm gibt es Chancen, schwanger zu werden, auch auf natürlichem Wege. Sie sind nur eben deutlich niedriger, je nach Diagnose. Aber möglich ist es immer. In Fällen von OAT-Syndrom oder schlechter Spermaqualität und Immotilität kann eine künstliche Befruchtung mittels ICSI in Betracht gezogen werden. Weitere Verfahren sind TESE und MESA, bei denen das Sperma direkt aus den Nebenhodenkanälchen bzw. aus dem Hodengewebe entnommen wird.
Geschlechtsspezifische Aspekte der Epilepsie
Die Diskussion um geschlechtsspezifische Besonderheiten der Epilepsieerkrankung bei Männern rückt erst in jüngster Zeit mehr in den Vordergrund. Es gibt deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede in Bezug auf die Häufigkeit bestimmter Anfalls- bzw. Epilepsieformen. Auch die psychosozialen Auswirkungen einer Epilepsieerkrankung können für Männer anders sein, da sie oft die Hauptverantwortung für den Lebensunterhalt tragen.
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