Tiefenstrukturen im menschlichen Gehirn

Das menschliche Gehirn ist ein unglaublich komplexes Organ, dessen Strukturen und Funktionen bis heute Gegenstand intensiver Forschung sind. Neben den gut erforschten kortikalen Arealen spielen auch tiefer liegende Strukturen eine entscheidende Rolle für Kognition, Emotion und Verhalten. Dieser Artikel beleuchtet einige dieser tiefen Hirnstrukturen und ihre Bedeutung, wobei ein besonderer Fokus auf den Erkenntnissen aus aktuellen neurowissenschaftlichen Studien liegt.

Globale und Punktuelle neuronale Systeme im Kleinhirn

Im menschlichen Gehirn lassen sich zwei Arten von neuronalen Systemen unterscheiden: divergente oder "globale" Systeme und "Punkt-zu-Punkt"-Systeme. Globale Systeme zeichnen sich dadurch aus, dass eine relativ kleine Anzahl von Neuronen eine viel größere Anzahl von terminalen Domänen innerviert. Im Gegensatz dazu kontaktieren bei Punkt-zu-Punkt-Systemen jedes Neuron nur wenige Zielnervenzellen.

Das Kleinhirn wurde lange Zeit als ein typisches Punkt-zu-Punkt-System betrachtet. Mit der Entdeckung der monoaminergen Innervation des Kleinhirns durch Neuronen des Locus coeruleus und der Raphe-Kerne in den 1960er Jahren änderte sich diese Sichtweise jedoch. Das Kleinhirn wurde zu einer Struktur, in der "Punkt-zu-Punkt"- und "globale" neuronale Schaltkreise zusammenlaufen.

Monoaminerge Innervation des Kleinhirns: Noradrenalin und Serotonin

Die monoaminerge Innervation der Kleinhirnrinde umfasst noradrenalin- und serotoninhaltige Axone. Die Ursprünge der noradrenergen Projektion liegen in Neuronen des dorsalen Teils des Locus coeruleus, des Nucleus subcoeruleus und der Felder A5/A7. Interessanterweise zeigten HRP-Tracing-Experimente (Horseradish Peroxidase) an Ratten eine starke Innervation des Locus coeruleus durch alle Raphe-Kerne, was auf enge Wechselwirkungen zwischen den beiden wichtigsten monoaminergen Knotenpunkten im Hirnstamm hindeutet, die auf die Kleinhirnschaltkreise abzielen.

Mithilfe der Fluoreszenzhistochemie wurde festgestellt, dass die noradrenerge Innervation der Kleinhirnrinde stärker ausgeprägt ist als die serotoninerge Innervation. Elektronenmikroskopische Studien haben gezeigt, dass im Kleinhirn von Nagetieren noradrenalinhaltige Axone an Purkinje-Zelldendriten anliegen.

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Physiologische Experimente deuten auf eine neuromodulatorische Rolle für Noradrenalin und Serotonin hin. Beide Substanzen scheinen die Aktivität anderer synaptischer Inputs zu den Purkinje-Zellen zu beeinflussen, anstatt eine strikt erregende oder hemmende Wirkung auszuüben. Das Vorhandensein von α- und β-adrenergen Rezeptoren auf Purkinje-Zellen deutet auf bidirektionale Regulationsmechanismen hin, die es noradrenergen Afferenzen ermöglichen, die an den Purkinje-Zellen ankommenden Signale, einschließlich des Parallelfaser-Inputs, unter bestimmten Erregungszuständen oder während des motorischen Lernens zu verfeinern.

Serotoninhaltige Axone stammen von Neuronen der dorsalen Raphe-Kerne der Pons und der medullären und pontinen Formatio reticularis und sind in der gesamten Kleinhirnrinde der Ratte und der Maus verteilt. Ein kleiner Teil der Serotonin-Terminals gehört zu typischen Moosfasern; diese sind auf die Körnerzellschicht beschränkt und bilden Synapsen auf Dendriten von Körnerzellen. Die große Mehrheit der Serotonin-Nervenendigungen gehört zu feineren, perlschnurartigen Axonen des sogenannten "diffusen Systems" und sind in allen Kleinhirnrindenschichten verteilt. Serotonin-Axonterminale innervieren die Dendriten von Purkinje- und Körnerzellen, die Parallelfasern sowie Korb-, Stern- und Golgi-Zellen und Neuronen der Kleinhirnkerne. Die iontophoretische Applikation von Serotonin und die elektrophysiologische Stimulation der Raphe-Kerne modulieren die Feuerung von Purkinje-Zellen.

Dopamin im Kleinhirn

Im Hinblick auf das "dritte Monoamin", Dopamin, wurde das Kleinhirn nicht als eine elektive dopaminerge Region betrachtet, und die sehr geringen Mengen an Dopamin, die darin nachgewiesen wurden, galten als Zwischenprodukt im Stoffwechsel von Noradrenalin. Spätere Studien haben jedoch das Vorhandensein eines kleinen dopaminergen Kontingents im Kleinhirn von Nagetieren und Primaten sowie die Expression von Dopamin-D1-D5-Rezeptoren und Dopamin-Transportern nahegelegt. Dennoch beträgt die Dichte der Dopamin-D2-Rezeptoren im Kleinhirn etwa 1 % ihrer Dichte im Striatum.

Weitere wichtige Neurotransmitter und Neuromodulatoren im Kleinhirn

Neben den Monoaminen spielen auch andere Neurotransmitter und Neuromodulatoren eine wichtige Rolle im Kleinhirn, darunter Glutamat, GABA, Acetylcholin, Stickstoffmonoxid, Endocannabinoide und Neuropeptide.

Amygdala und Hippocampus: Zwei benachbarte Regionen mit unterschiedlichen Funktionen

Tief im menschlichen Gehirn liegen zwei kleine, aber sehr wichtige Regionen eng beieinander: die Amygdala und der Hippocampus. Die Amygdala spielt eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Wahrnehmung von Emotionen, während der Hippocampus eine zentrale Schaltstelle für Erinnerungen darstellt. Aufgrund ihrer geringen Größe und der begrenzten räumlichen Auflösung gängiger Bildgebungsverfahren war es bisher schwierig, diese beiden benachbarten Regionen in neuroimaging-basierten Untersuchungen des lebenden menschlichen Gehirns eindeutig voneinander abzugrenzen.

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Mithilfe von Ultrahochfeld-Magnetresonanztomographie (7 Tesla) gelang es Forschern jedoch, die Grenze zwischen Amygdala und Hippocampus mit beispielloser Klarheit darzustellen. Die Ergebnisse zeigten überraschende individuelle Unterschiede in der Lage dieser Grenze, sogar zwischen den Hemisphären desselben Gehirns. Da diese Grenze den Ort des Informationsaustauschs zwischen den beiden Regionen darstellt, könnten diese Variationen für Unterschiede in der Persönlichkeit verantwortlich sein. Zukünftig sollten diese Hirnregionen daher detailliert vermessen werden, wenn Patienten auf psychiatrische Erkrankungen wie Angststörungen untersucht werden. Darüber hinaus legen die Ergebnisse nahe, dass standardisierte Karten des Gehirns im Falle der Amygdala und des Hippocampus wenig sinnvoll sind und diese Regionen individuell bei jedem Patienten vermessen werden müssen, um Fehlinterpretationen zu vermeiden.

ARHGAP11A: Ein Schlüsselgen für die Entwicklung des Gehirns

Eine weitere wichtige Erkenntnis betrifft die Rolle des ARHGAP11A-Gens bei der Entwicklung des Gehirns. Forscher haben mithilfe von Hirnorganoiden gezeigt, dass dieses Gen eine entscheidende Rolle bei der Organisation der Hirnentwicklung spielt. Wenn ARHGAP11A fehlt, geraten wichtige Prozesse der Zellteilung und Struktur aus dem Gleichgewicht.

Die ventrikuläre Zone, ein Stammzellreservoir im sich entwickelnden Gehirn, ist auf ARHGAP11A angewiesen, um die Ordnung der Stammzellen aufrechtzuerhalten und die Architektur der Zone stabil zu halten. Ohne ARHGAP11A verlieren die Stammzellen ihre Ausrichtung, lösen sich zu früh vom Gewebe und beginnen, sich in Nervenzellen zu verwandeln, was zu einer zu schnellen Erschöpfung des Stammzellreservoirs führt. Dies führt später zum Mangel an wichtigen Zelltypen, wie z. B. Stützzellen, die für die Reifung und Stabilität des Gehirns unerlässlich sind.

Das ARHGAP11A-Protein wirkt wie ein molekularer Schalter, der sogenannte Rho-GTPasen reguliert, kleine Moleküle, die das Zytoskelett steuern und so bestimmen, wie sich Zellen bilden, teilen und bewegen. Auf diese Weise sorgt ARHGAP11A dafür, dass Vorläuferzellen ihre Form behalten und sich korrekt in der ventrikulären Zone anordnen.

Die Forscher konnten zeigen, dass eine kurzzeitige pharmakologische Hemmung der überaktiven Signalwege die Fehlbildung teilweise rückgängig macht. Dies deutet darauf hin, dass dieser Entwicklungsprozess des Gehirns prinzipiell beeinflussbar ist. Es ist wichtig zu betonen, dass die Komplexität der menschlichen Hirnentwicklung in Mausstudien nicht vollständig repliziert werden kann, was die Bedeutung von humanen Organoidmodellen für die biomedizinische Forschung unterstreicht.

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Auswirkungen von sozialer Isolation auf das Gehirn

Schließlich haben Studien an Mitgliedern einer Polarforschungsexpedition gezeigt, dass soziale Isolation und extreme Umweltbedingungen Auswirkungen auf das menschliche Gehirn haben können. Insbesondere wurde eine Verkleinerung des Gyrus dentatus festgestellt, eines Bereichs des Hippocampus, der für räumliches Denken und Gedächtnis verantwortlich ist. Diese Veränderungen gingen mit einem Rückgang des BDNF-Spiegels einher, eines Wachstumsfaktors, der das Wachstum von Nervenzellen und Synapsen im Gehirn fördert. Kognitionstests zeigten Auswirkungen sowohl auf die räumlichen Fähigkeiten als auch auf die sogenannte selektive Aufmerksamkeit, die notwendig ist, um irrelevante Informationen zu ignorieren.

Konnektivität des menschlichen Gehirns

Die komplexen kognitiven Funktionen des menschlichen Gehirns, wie Handlungsplanung und -kontrolle, Entscheidungsfindung, Sprachverarbeitung oder soziale Interaktionen, erfordern die Interaktion verschiedener Regionen der Hirnrinde, insbesondere der Assoziationscortices wie des Parietallappens, miteinander und mit subkortikalen Strukturen. Diese Interaktion wird durch dichte Faserverbindungen zwischen diesen Regionen ermöglicht, von großen, weitreichenden Faserbündeln bis hin zu einzelnen Axonen.

Die Erforschung der Konnektivität des menschlichen Gehirns zielt darauf ab, zu verstehen, wo und wie solche Verbindungen existieren und wie diese physisch vorhandenen Fasern mit den funktionellen Netzwerkinteraktionen im menschlichen Gehirn zusammenhängen. Hierzu werden verschiedene methodische Ansätze verwendet, von Post-Mortem- bis hin zu In-Vivo-Techniken. Die 3D-Polarisierte Lichtmikroskopie, ein hochauflösender mikroskopischer Ansatz zur Untersuchung des Verlaufs einzelner Nervenfasern in Post-Mortem-Hirnschnitten, ermöglicht die Analyse, wie diese Fasern durch die weiße Substanz des Gehirns verlaufen und sich innerhalb der Hirnrinde ausbreiten, wo sie eine spezifische Faserarchitektur in verschiedenen Hirnarealen aufweisen. Dieser Ansatz wird durch In-Vivo-Untersuchungen in großen epidemiologischen Kohorten gesunder Probanden ergänzt, bei denen modernste Magnetresonanztomographie der Struktur, Funktion und Konnektivität des Gehirns eingesetzt wird, wobei ein besonderer Fokus auf den Auswirkungen im alternden Gehirn liegt.

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