Das Rätsel um Einsteins Gehirn: Größe, Besonderheiten und die Suche nach Genialität

Albert Einstein, der Schöpfer der Relativitätstheorie, gilt als einer der klügsten Menschen, die je gelebt haben. Seine bahnbrechenden Theorien revolutionierten die Physik und unser Verständnis von Raum und Zeit. Doch was machte sein Gehirn so besonders? Diese Frage beschäftigt die Wissenschaft bis heute.

Einsteins Denkorgan: Ein mysteriöses Erbe

Nach Einsteins Tod im Jahr 1955 entnahm der Pathologe Thomas Harvey ohne Erlaubnis der Familie sein Gehirn. Harvey hegte die Hoffnung, die anatomischen Grundlagen von Einsteins Genialität zu entdecken. Er zerlegte das Gehirn in 240 Teile, konservierte sie und schickte diese an Hirnforscher auf der ganzen Welt. Allerdings erwies sich Harveys Vorgehen als Hindernis für weitere Forschung, da viele Teile verschollen sind und die Einzelteile oft als nutzlos betrachtet wurden. In den vergangenen Jahrzehnten wurden nur wenige wissenschaftliche Arbeiten zu Einsteins Gehirn veröffentlicht.

Die Suche nach Besonderheiten: Anatomische Merkmale im Fokus

Trotz der schwierigen Umstände haben Forscher verschiedene Studien an Einsteins Gehirn durchgeführt, um mögliche Besonderheiten zu identifizieren. Dabei konzentrierten sie sich auf verschiedene anatomische Merkmale, die mit seinen außergewöhnlichen intellektuellen Fähigkeiten in Verbindung gebracht werden könnten.

Der präfrontale Cortex: Ein Kontrollzentrum mit ungewöhnlichen Windungen

Eine Studie ergab, dass der präfrontale Cortex, ein Teil des Frontallappens der Großhirnrinde, bei Einstein sehr groß war und ungewöhnliche Windungen aufwies. Dieser Bereich gilt als oberstes Kontrollzentrum für situationsangemessene Handlungssteuerung und reguliert den Umgang mit Emotionen sowie das abstrakte Denken.

Der somatosensorische Bereich: Stärker ausgeprägt für Zunge und Gesichtsmuskeln

Auch der somatosensorische Bereich, der die Verarbeitung haptischer Wahrnehmung steuert, war bei Einstein stärker ausgeprägt, vor allem für Zunge und Gesichtsmuskeln. Dies könnte mit Einsteins Fähigkeit zusammenhängen, Erkenntnisse durch den Vergleich von Erdachtem mit dem Beobachtetem zu gewinnen, wie er es selbst einmal formulierte.

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Scheitellappen: Ungewöhnliche Größe und weniger Furchen

Ein Team um Sandra Witelson von der McMaster University in Hamilton, Ontario, fand heraus, dass Einsteins Scheitellappen, die eine wichtige Rolle beim räumlichen Vorstellungsvermögen sowie beim mathematischen Denken spielen, ungewöhnlich groß waren. Sie waren demnach gut 15 Prozent voluminöser als normal. Außerdem fanden sich in seinen Scheitellappen weniger Furchen als in Vergleichshirnen.

Corpus callosum: Starke Verbindung zwischen den Hirnhälften

Dean Falk von der Florida State University entdeckte, dass Einsteins Corpus callosum, der die beiden Hirnhemisphären verbindet, außergewöhnlich dick war. Dies deutet auf eine intensive Kommunikation zwischen den Gehirnhälften hin, was eine wesentliche Grundlage für kreatives, ganzheitliches Denken sein könnte.

Hirnrinde: Dünner und dichter gepackt

Britt Anderson von der University of Alabama maß die Dicke der Hirnrinde und ermittelte Größe und Anzahl der Neuronen. Er stellte fest, dass Einsteins Hirnrinde dünner war als die aller Vergleichsgehirne, was darauf hindeutet, dass die Neuronen bei ihm dichter gepackt waren und eine schnellere Informationsübertragung ermöglichten.

Kritik und Kontroversen: Die Grenzen der Neuromythologie

Obwohl diese Erkenntnisse auf den ersten Blick vielversprechend erscheinen, sind sie nicht unumstritten. Kritiker bemängeln methodische Fehler und die Gefahr der "Neuromythologie", also eines übertriebenen Glaubens an die Leistungsfähigkeit der Hirnforschung.

Terence Hines argumentiert, dass Forscher oft dazu neigen, ihre vorgefassten Ansichten zu bestätigen, indem sie Besonderheiten von Einsteins Gehirn übermäßig betonen und normale oder gar unterdurchschnittliche Ausprägungen ignorieren. Auch die Auswahl schlecht gewählter Vergleichsgruppen kann die Ergebnisse verzerren.

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Genialität als Zusammenspiel verschiedener Faktoren

Die meisten Fachleute gehen heute davon aus, dass Intelligenz und Genialität erst durch ein Zusammenspiel vieler verschiedener Bereiche des Gehirns zustande kommen. Es hat sich gezeigt, dass sehr unterschiedlich gebaute Gehirne sich in ihrer Leistungsfähigkeit stark ähneln können. Die Suche nach einem einzelnen anatomischen Merkmal, das Einsteins Genialität erklärt, könnte daher vergebens sein.

Das Vermächtnis von Einsteins Gehirn: Forschungsobjekt und Museumsstück

Sechs Jahrzehnte nach Thomas Harveys Entnahme ist Einsteins Gehirn heute in alle Welt verteilt. Teile davon befinden sich in Museen und Universitäten, wo sie als Forschungsobjekte dienen und das Interesse an der Erforschung der menschlichen Intelligenz und Genialität wachhalten.

Die Geschichte von Einsteins Gehirn ist eine faszinierende Reise durch die Welt der Neurowissenschaften und der menschlichen Neugier. Sie zeigt, wie sehr wir uns danach sehnen, die Geheimnisse des Geistes zu entschlüsseln und die Quelle außergewöhnlicher Fähigkeiten zu verstehen. Auch wenn die Suche nach dem "Genie-Gen" bisher erfolglos geblieben ist, so hat sie doch wertvolle Einblicke in die Komplexität des menschlichen Gehirns und die vielfältigen Faktoren, die unsere Intelligenz und Kreativität beeinflussen, geliefert.

Weitere Aspekte der Genialität: Psychische Auffälligkeiten und Inselbegabungen

Die Forschung hat auch andere Aspekte der Genialität untersucht, wie zum Beispiel den Zusammenhang mit psychischen Auffälligkeiten und Inselbegabungen.

Asperger-Syndrom: Eine mögliche Verbindung zu Genialität

Einige Forscher vermuten, dass Genies wie Albert Einstein und der Jazz-Pianist Thelonious Monk unter dem Asperger-Syndrom litten, einer Variante des Autismus. Charakteristisch für das Asperger-Syndrom sind Schwierigkeiten, soziale Interaktionen zu verstehen, jedoch sind die Betroffenen oft sehr gut darin, Objekte zu klassifizieren und Details zu bemerken.

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Inselbegabungen: Außergewöhnliche Fähigkeiten trotz kognitiver Einschränkungen

Das Phänomen der Inselbegabung (Savant-Syndrom) zeigt, dass Menschen mit kognitiven Behinderungen oder Entwicklungsstörungen außergewöhnliche Leistungen in einem kleinen Teilbereich vollbringen können. Diese Menschen können beispielsweise perfekt ein oder mehrere Musikinstrumente spielen, Dutzende von Sprachen sprechen oder schneller als ein Taschenrechner rechnen.

Kreativer Rausch durch Reizüberflutung: Die Rolle der latenten Inhibition

Studien haben gezeigt, dass hochkreative Menschen oft eine geringe "latente Inhibition" haben, d.h. sie filtern unwichtige Informationen nicht aus. Diese Überreizung kann zu ungewöhnlichen Gedankenverknüpfungen und somit zu kreativen Höchstleistungen führen.

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