Seit fast sechs Jahrzehnten versuchen Forscher zu beweisen, dass ein genialer Mann auch ein außergewöhnliches Gehirn haben muss. Ihr Studienobjekt ist das Gehirn von Albert Einstein, das nach seinem Tod gewogen, kartiert und in einzelne Gewebeblöcke und Schnitte aufgeteilt wurde.
Einsteins Gehirn: Eine Reise durch die Forschung
Albert Einstein, der Inbegriff des Forschers und Genies, starb 1955 im Alter von 76 Jahren. Sein Wunsch war es, verbrannt zu werden, doch der Pathologe Thomas Harvey hatte andere Pläne mit dem Zentrum seiner Genialität, seinem Gehirn. Harvey entnahm heimlich Einsteins Gehirn während der Obduktion und konservierte es, um es der Nachwelt für Forschungen zu erhalten, wie er später sagte. Diese eigenmächtige Entscheidung kostete Harvey später seine Approbation.
Einsteins Familie stimmte nachträglich zu, das Gehirn für wissenschaftliche Zwecke zu untersuchen. Harvey zerkleinerte es in 240 Teile, bettete sie in Celloidin ein und fertigte viele Dünnschnitte fürs Mikroskop an, woraus eine umfassende Dia-Serie entstand. Erst Jahrzehnte nach Einsteins Tod stellte Harvey es auch anderen Forschern zur Verfügung.
Die frühen Untersuchungen und Erkenntnisse
Schon lange erhoffen sich Wissenschaftler mit dem Blick in die graue Masse großer Geister bahnbrechende Erkenntnisse. Seit Ende des 19. Jahrhunderts verpflichten sich Intellektuelle freiwillig, ihr Hirn posthum der Forschung zu vermachen. Anders Einstein: Sein ausdrücklicher Wunsch war es, dass sein Leichnam verbrannt werde.
Einsteins Hirn war übrigens nicht besonders schwer, sondern eher ein Leichtgewicht. Es wog nach dem Tod 1230 Gramm, was einem Gewicht von 1352 Gramm zu Lebzeiten entspricht. Ein erwachsener Mann hat durchschnittlich ein Hirngewicht von 1400 Gramm.
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Neue Analysetechniken enthüllen außergewöhnliche Verbindungen
US-amerikanische und chinesische Forscher haben in einer Studie festgestellt, dass Einsteins Hirnhälften außergewöhnlich stark miteinander verknüpft waren. Sie werteten dafür detailgenaue Fotos aus, die der Pathologe Thomas Harvey nach der Entnahme von Einsteins Hirn gemacht hatte. Diese waren jüngst wieder aufgetaucht und liegen heute im National Museum of Health and Medicine.
Die Evolutions-Anthropologin Dean Falk hatte sich bereits 2012 intensiv mit den Fotos beschäftigt. Nun nutzte der chinesische Physiker Weiwei Men diese Bilder für die Anwendung einer neuen Analysetechnik. Er maß die Dicke einzelner Nervenstränge des Corpus Callosum und versah sie mit Farben. Das Corpus Callosum, auch als Hirnbalken bezeichnet, ist eine große querlaufende Verbindung zwischen den beiden Hirnhälften und besteht aus etwa 250 Millionen Nervenfasern. Je dicker der Strang ist, desto mehr Nervenfasern enthält er - und desto besser sind die Hirnhälften in einzelnen Arealen miteinander verbunden.
Ungewöhnliche Merkmale des Gehirns
Erst im vergangenen Jahr hatte die Evolutions-Anthropologin Dean Falk die vierzehn bis dahin unveröffentlichten Fotos aus dem Jahre 1955 ausgewertet, gemeinsam mit dem Neurologen Frederick Lepore und Adrianne Noe vom amerikanischen Nationalmuseum für Gesundheit und Medizin. Die Forscher stellten fest, dass Einsteins Gehirn keine Kugelform hatte und die ungewöhnliche Gestalt einiger Teile des Hirns bemerkt. Besonders ausgeprägt war Einsteins Vorderhirn, auch präfrontale Cortex genannt, ein evolutionär junger Teil des Gehirns, der für die Kontrolle von Emotionen sowie das Planen von Handlungen zuständig ist.
Die Forscher fanden zudem eine Asymmetrie der Schläfenlappen, was für kreative Intelligenz spricht. Vergrößerte Areale in diesem Bereich wiesen ihrer Meinung nach auf Einsteins großes visuell-räumliches Abstraktionsvermögen hin. Eine „Beule“ im rechten motorischen Cortex soll vom frühen Geigenüben stammen. Auch die motorischen Areale, die die Mimik steuern, seien stark ausgebildet, so die Forscher.
Die Rolle des Corpus Callosum
Gemeinsam werteten die Forscher das Ergebnis anhand der Farbcodes aus. Ihr Fazit: Eine ungewöhnlich starke Verknüpfung beider Hirnhälften weist auf Einsteins überragende Intelligenz hin. Die intensive Kommunikation zwischen beiden Gehirnhälften bildet eine wesentliche Grundlage für kreatives, ganzheitliches Denken. Ein besonders ausgeprägtes Corpus Callosum ermöglicht das intensive Zusammenspiel der eher emotional und bildhaft arbeitenden rechten Hirnhälfte mit der eher fürs Rationale, Analytische und die Sprache zuständige linke Hirnhälfte.
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Nachdem die neueste Studie nun zeigte, dass auch Einsteins Hirnbalken besonders gut ausgeprägt war, verglichen die Forscher das Ergebnis mit den Gehirnbildern von 67 anderen Menschen, die dafür mittels Magnetresonanztomographie untersucht wurden.
Kontroversen und Kritik
Die Forschung an Einsteins Gehirn ist nicht ohne Kontroversen. Kritiker bemängeln die methodischen Schwächen vieler Studien und den Hang zur "Neuromythologie", wenn aus bescheidenen hirnbiologischen Kenntnissen weitreichende Schlüsse gezogen werden. Der Neurologe Terence Hines ist der Meinung, dass die meisten bisherigen Publikationen zu Einsteins Gehirn dadurch verzerrt werden, dass die verantwortlichen Forscher publikationswerte Ergebnisse vorab erwartet hätten.
Die Suche nach dem neurologischen Korrelat von Genialität
70 Jahre nach Einsteins Tod hat die Suche nach dem neurologischen Korrelat menschlicher Genialität mehr Fragen als Antworten zutage gefördert. Es scheint eine effiziente Kommunikation zwischen einzelnen Gehirnarealen Einstein zu eigen gewesen zu sein. Im Jahr 2013 publizierten Forscher der Pädagogischen Universität Ostchina im Fachjournal Brain eine Arbeit, in der sie den Durchmesser Einsteins Corpus callosums mit jenen zweier Kontrollgruppen verglichen. Mittels hochauflösender bildgebender Verfahren wiesen die Forscher nach, dass Einsteins Gehirnhemisphären durch einen dickeren Faserstrang miteinander verbunden waren als die Gehirnhemisphären von 15 älteren und 52 26-jährigen Kontrollprobanden.
Eine Forschungsgruppe um Dr. Dahlia Zaidel der University of California in Los Angeles zeigte zudem, dass Einsteins Hippocampus linksseitig größere Neuronen aufwies als rechtsseitig. Zaidel schloss daraus, dass Einsteins linkes Gehirn eine stärkere neuronale Verbindung zum Hippocampus und dem Neocortex gehabt haben könnte als das rechte. Diese Anomalie könnte ihm das „detaillierte, logische, analytische und innovative Denken“ vereinfacht haben.
Die Rolle der Gliazellen
Bereits in den Achtzigerjahren hatten Marian Diamond und Kollegen der University of California in Berkeley vermeintlich eine weitere anatomische Besonderheit Einsteins Gehirns festgestellt. Verglichen mit Kontrollgehirnen enthielt es überall mehr Gliazellen und inferior parietal signifikant mehr Gliazellen. Allerdings war die Kontrollgruppe aus elf Gehirnen normalbegabter Individuen zu schlecht gewählt gewesen, um statistisch gültige Schlüsse zu erlauben.
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Alternative Perspektiven
Entgegen populären Mythen der Hirnforschung ist Fachleuten längst bekannt, dass sich anspruchsvolle geistige Vorgänge gar nicht einzelnen Hirnregionen zuordnen lassen. Die Idee, dass um das Gehirn eine Mauer drum rum ist und das sozusagen ein separates Kompartiment ist, ist obsolet.
Vielleicht ist die menschliche Erwartung, der Lebenserfolg eines Menschen müsse sich größtenteils durch himmlisch gewährtes Haben, angeborenes Talent, erklären lassen, auch schlichtweg falsch.
Das Vermächtnis von Einsteins Gehirn
Die Scheibchen von Einsteins Hirn finden, als Thomas Harvey 2007 im Alter von 94 Jahren stirbt, verteilt auf verschiedene Museen in den USA ihre letzte Ruhestätte. Harveys Fotos vom weltberühmten Denkapparat werden ab 2012 als App angeboten. Der Erlös kommt forschenden Museen für Wissenschaftsgeschichte zugute. Heute befindet sich der Großteil von Einsteins Gehirn im Princeton Hospital, während Harveys Sammlung von Dünnschnitten und Fotografien im National Museum of Health and Medicine in Maryland aufbewahrt wird. Zahlreiche weitere Stücke liegen in anderen Museen und Universitäten.
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