Die Frage, ob ein außergewöhnlicher Geist auch ein außergewöhnliches Gehirn benötigt, beschäftigt Forscher seit Jahrzehnten. Das Gehirn von Albert Einstein, einem der größten Genies des vergangenen Jahrhunderts, ist seit seinem Tod im Jahr 1955 Gegenstand intensiver Forschung. Es wurde gewogen, kartiert und in zahlreiche Gewebeblöcke und Schnitte zerlegt. Ziel dieser Bemühungen ist es, die anatomischen und strukturellen Besonderheiten zu entschlüsseln, die möglicherweise zu Einsteins außergewöhnlicher Intelligenz beigetragen haben.
Die Reise von Einsteins Gehirn
Nach dem Tod von Albert Einstein im April 1955 führte der Pathologe Thomas Harvey die Autopsie durch. Entgegen Einsteins Wunsch, verbrannt zu werden, entnahm Harvey das Gehirn und konservierte es. Er zerlegte es in 240 Teile, bettete sie in Zelloidin ein und fertigte tausende von Dünnschnitten an. Diese Schnitte verteilte er an verschiedene Forscher, in der Hoffnung, dass sie die Quelle von Einsteins Genialität finden würden.
Harveys Vorgehensweise war jedoch umstritten. Er hatte keine Erlaubnis für die Entnahme des Gehirns eingeholt und verstieß gegen Einsteins Wunsch nach Einäscherung. Dies führte zu Kritik, dem Verlust seiner Arbeitsstelle und seiner Approbation als Arzt. Trotzdem bewahrte Harvey die Gehirnteile jahrzehntelang auf und stellte sie schließlich wieder Forschern zur Verfügung.
Frühe Forschungsergebnisse und Kontroversen
In den Jahrzehnten nach Einsteins Tod wurden verschiedene Studien an seinem Gehirn durchgeführt. Einige Forscher berichteten über angebliche Besonderheiten, wie z. B. einen Mangel an parietalem Operculum, eine ungewöhnliche Form des Gehirns, einen vergrößerten präfrontalen Kortex und eine Asymmetrie der Schläfenlappen. Diese Ergebnisse wurden jedoch oft kritisiert, da sie auf kleinen Stichproben basierten, methodische Mängel aufwiesen und die Erwartungen der Forscher widerspiegelten.
Eine Studie aus dem Jahr 1999 von Forschern der McMaster University berichtete, dass Einsteins Gehirn das parietale Operculum fehlte. Diese „ungewöhnliche Gehirnanatomie“ könnte Einsteins Neuronen eine bessere Kommunikation erlaubt haben und somit „Einsteins Art zu denken, erklären“. Andere Studien deuteten auf einen überproportionalen Anteil von Gliazellen in bestimmten Hirnarealen hin, insbesondere im Bereich der unteren Scheitellappen, die für räumliche Vorstellung und mathematisches Denken zuständig sind.
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Trotz dieser frühen Ergebnisse blieben sensationelle Durchbrüche aus. Viele Forscher halten die gefundenen Besonderheiten für kaum relevant und argumentieren, dass jedes Gehirn einzigartig ist und dass es schwierig ist, spezifische anatomische Merkmale mit komplexen kognitiven Fähigkeiten in Verbindung zu bringen.
Moderne Forschungsmethoden und neue Erkenntnisse
Mit dem Aufkommen moderner bildgebender Verfahren wie der Magnetresonanztomographie (MRT) konnten Forscher Einsteins Gehirn detaillierter untersuchen. Eine Studie aus dem Jahr 2013, veröffentlicht im Fachjournal "Brain", verglich den Durchmesser von Einsteins Corpus callosum mit dem von Kontrollgruppen. Die Ergebnisse zeigten, dass die Gehirnhemisphären von Einstein durch einen dickeren Faserstrang miteinander verbunden waren als die der Kontrollprobanden. Dies deutet auf eine intensivere Kommunikation zwischen den beiden Hirnhälften hin, was eine wesentliche Grundlage für kreatives und ganzheitliches Denken sein könnte.
Evolutions-Anthropologin Dean Falk von der Florida State University hatte sich bereits 2012 intensiv mit den Fotos beschäftigt. Nun nutzte der chinesische Physiker Weiwei Men diese Bilder für die Anwendung einer neuen Analysetechnik. Er maß die Dicke einzelner Nervenstränge des Corpus Callosum und versah sie mit Farben. Das Corpus Callosum wird auch als Hirnbalken bezeichnet. Es ist eine große querlaufende Verbindung zwischen den beiden Hirnhälften und besteht aus etwa 250 Millionen Nervenfasern. Je dicker Strang ist, desto mehr Nervenfasern enthält er - und desto besser sind die Hirnhälften in einzelnen Arealen miteinander verbunden. Gemeinsam werteten die Forscher das Ergebnis anhand der Farbcodes aus. Ihr Fazit, das sie nun in der Fachzeitschrift Brain zogen: Eine ungewöhnlich starke Verknüpfung beider Hirnhälften weist auf Einsteins überragende Intelligenz hin. Die intensive Kommunikation zwischen beiden Gehirnhälften bildet eine wesentliche Grundlage für kreatives, ganzheitliches Denken. Ein besonders ausgeprägtes Corpus Callosum ermöglicht das intensive Zusammenspiel der eher emotional und bildhaft arbeitenden rechten Hirnhälfte mit der eher fürs Rationale, Analytische und die Sprache zuständige linke Hirnhälfte.
Erst im vergangenen Jahr hatte die Evolutions-Anthropologin Dean Falk die vierzehn bis dahin unveröffentlichten Fotos aus dem Jahre 1955 ausgewertet, gemeinsam mit dem Neurologen Frederick Lepore und Adrianne Noe vom amerikanischen Nationalmuseum für Gesundheit und Medizin. Die Forscher stellten fest, dass Einsteins Gehirn keine Kugelform hatte - anders, als oft behauptet wurde. Zugleich bemerkten sie die ungewöhnliche Gestalt einiger Teile des Hirns. Besonders ausgeprägt war Einsteins Vorderhirn. Dieses, auch präfrontale Cortex genannt, ist ein evolutionär junger Teil des Gehirns und zuständig für die Kontrolle von Emotionen sowie das Planen von Handlungen.
Die Forscher fanden zudem eine Asymmetrie der Schläfenlappen. Das spreche für kreative Intelligenz, schrieben sie. Vergrößerte Areale in diesem Bereich wiesen ihrer Meinung nach auf Einsteins großes visuell-räumliches Abstraktionsvermögen hin. Ohne dieses hätte er sich gewiss kaum jene Gedanken machen können, die zur Relativitätstheorie führten. Eine „Beule“ im rechten motorischen Cortex soll vom frühen Geigenüben stammen. Auch die motorischen Areale, die die Mimik steuern, seien stark ausgebildet, so die Forscher.
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Die ethischen Implikationen der Gehirnforschung
Die Forschung an Einsteins Gehirn wirft auch ethische Fragen auf. War es richtig, Einsteins Wunsch nach Einäscherung zu missachten und sein Gehirn ohne Erlaubnis zu entnehmen? Inwieweit dürfen wir in die Privatsphäre des Gehirns eindringen, um die Geheimnisse der Intelligenz zu entschlüsseln? Diese Fragen sind bis heute relevant, insbesondere im Hinblick auf die Fortschritte in der Neurowissenschaft und die Möglichkeit, das Gehirn immer detaillierter zu untersuchen.
Die Suche nach dem Sitz der Genialität geht weiter
Trotz jahrzehntelanger Forschung bleibt die Frage, was Einsteins Gehirn so besonders machte, weiterhin ein Rätsel. Es ist unwahrscheinlich, dass es eine einzige anatomische oder strukturelle Besonderheit gibt, die für seine Genialität verantwortlich ist. Vielmehr ist es wahrscheinlich, dass ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren, einschließlich genetischer Veranlagung, Umwelteinflüsse und persönlicher Erfahrungen, zu seiner außergewöhnlichen Intelligenz beigetragen hat.
Die Forschung an Einsteins Gehirn hat jedoch wertvolle Einblicke in die Organisation und Funktion des menschlichen Gehirns geliefert. Sie hat uns geholfen, die Bedeutung der Kommunikation zwischen den Hirnhälften, die Rolle von Gliazellen und die Plastizität des Gehirns besser zu verstehen. Die Suche nach dem Sitz der Genialität geht weiter, und die Erkenntnisse aus der Forschung an Einsteins Gehirn werden uns zweifellos auf diesem Weg begleiten.
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