Franzobels "Einsteins Hirn": Eine skurrile Reise durch die amerikanische Provinz

Franzobels Roman "Einsteins Hirn" entwirft eine aberwitzige Geschichte, die auf wahren Begebenheiten basiert: Der Pathologe Thomas Harvey stiehlt nach Albert Einsteins Tod dessen Gehirn, um das Geheimnis der Genialität zu ergründen. Stattdessen gerät er in eine bizarre Obsession, in der das Gehirn Besitz von ihm ergreift. Der Roman ist eine Mischung aus historischer Realität und Fiktion, die den Leser auf eine Reise durch die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts mitnimmt.

Die Obduktion und der Diebstahl

Albert Einstein, eines der größten Genies der Weltgeschichte, stirbt am 18. April 1955. Bei der Obduktion in Princeton entnimmt der Pathologe Thomas Harvey eigenmächtig Einsteins Gehirn. Harvey wittert mit der Obduktion Einsteins die Chance, der Mittelmäßigkeit zu entkommen und an einer ganz großen Mission teilzunehmen. Er will es erforschen, um dem Geheimnis der Genialität auf die Spur zu kommen.

Harveys Odyssee mit dem Gehirn

Mit überbordender Fantasie lässt Franzobel diesen Harvey samt Hirn im Einmachglas durchs Amerika der 60er und 70er Jahre ziehen, vorbei an Psychoanalyse, Antikommunisten und Popkultur, hin und her, und immer mehr auf Abstiegskurs. Er tingelt 42 Jahre damit durch die amerikanische Provinz. Mit Einsteins Hirn erlebt Harvey die Wahl John F. Kennedys zum Präsidenten und die erste Landung auf dem Mond, Woodstock und Watergate und das Ende des Vietnamkriegs.

Das sprechende Gehirn

Irgendwann beginnt das Hirn, mit Harvey zu sprechen. Franzobel vermischt originell die historische Realität mit einer Fiktion, wie sie hätte sein können; daher ordne ich den Roman auch nicht in der Rubrik "Historisches" oder "Biografien" ein. Die Dialoge und Gedankengänge des Gehirns sind absolut lesenswert. Zwischen dem Pathologen und seinem sprechenden Beutestück entspannen sich bizarre Dialoge über Gott, das Universum und die Frauen, wobei sich Einsteins zerebraler Wiedergänger mitunter so garstig gibt, als wolle er der Welt noch einmal die Zunge rausstrecken.

Harveys Lebensgeschichte

Nebenbei erfahren wir sehr viel über das Leben von Thomas Harvey. Er erinnert sich an seine schwierige Kindheit, Jugend, Aufenthalt in einem Sanatorium wegen Tuberkulose, erste Liebe, Trennung und so weiter. Der Lebensweg eines unauffälligen Mannes steht im Vordergrund dieser Geschichte und lässt den Leser interessiert aufhorchen.

Lesen Sie auch: Mehr über Einsteins Gehirn erfahren

Franzobels Sprachstil

Franzobels neuer Roman ist ein hinreißender Trip durch wilde Zeiten und zugleich die Lebensgeschichte eines einfachen, aber nicht gewöhnlichen Mannes, den Einsteins Hirn aus der Bahn wirft. Seine Sprache ist wie gewohnt bildgewaltig, gelegentlich derb, aber immer wieder blitzt sein Humor durch. Unentwegt verkoppelt der Bachmann-Preisträger von 1995 die abstrakten Höhen der theoretischen Physik mit den derben Niederungen der Biologie. Der alte Konflikt von Geist gegen Fleisch. Raffiniert ist zudem die Idee, den FBI-Mann Sam Sheperd zum Berichterstatter des Ganzen zu machen. Wer gäbe einen besseren allwissenden Erzähler ab als jemand vom Geheimdienst?

Wissenschaftliche Aspekte

Nach Angaben des US-Neurowissenschaftlers Britt Anderson war Einsteins Gehirn nicht besonders schwer. „Einsteins Hirn war mit 1230 Gramm deutlich leichter als die 1400 Gramm Durchschnittsgewicht eines männlichen Gehirns.“ Einige Regionen in der vorderen Hirnrinde seien jedoch ungewöhnlich dicht gepackt gewesen. „Er hatte genauso viele Nervenzellen wie andere, nur kompakter und dadurch möglicherweise effizienter.“ Einstein selbst beschrieb seine Art zu denken einmal so, dass „Worte dabei keine Rolle spielten“, dagegen eher ein „assoziatives Spiel mit mehr oder weniger klaren Bildern“.

Lesen Sie auch: Forschung an Einsteins Gehirn

Lesen Sie auch: Gehirnstudien: Albert Einstein

tags: #franzobel #einsteins #gehirn