Spastik: Ursachen, Symptome und Behandlungsansätze

Spastik, auch bekannt als spastisches Syndrom, ist keine eigenständige Krankheit, sondern vielmehr ein Symptom einer Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS). Diese Schädigung führt zu einer erhöhten Muskelspannung, die sich in Bewegungseinschränkungen und Muskelverkrampfungen äußern kann. Die Ausprägung der Spastik variiert stark und hängt von der zugrunde liegenden Ursache und der individuellen Reaktion des Patienten ab.

Was ist Spastik?

Spastik leitet sich von dem griechischen Wort "spasmós" ab und bedeutet Krampf. Medizinisch gesehen handelt es sich um eine krankhafte Erhöhung der Muskelspannung, auch Muskeltonus genannt. Die Schädigung des ZNS führt zu einer gestörten Feinabstimmung zwischen Muskelanspannung und Muskelentspannung. Der Muskel wird von den Nerven dauerhaft in einen Erregungszustand versetzt, was von einer leichten Erhöhung der Eigenspannung des Muskels bis zu einem eindeutigen Befehl für eine Muskelkontraktion reichen kann.

Ursachen der Spastik

Die Ursache einer Spastik ist eine Schädigung im zentralen Nervensystem (ZNS), also im Gehirn, Rückenmark oder deren Verbindungen. Dort gibt es Bereiche, die über Nervenbahnen mit der Skelettmuskulatur verbunden sind und auf diese Weise unsere Bewegungen steuern. Bei einer Spastik sind genau diese Bereiche des ZNS betroffen.

Einige der häufigsten Ursachen für Spastik sind:

  • Schlaganfall: Eine sehr häufige Ursache für eine Spastik ist ein Schlaganfall bzw. Hirninfarkt. Bei mehr als einem Viertel der Betroffenen entwickelt sich nach einer Zeitspanne von ca. 3-6 Monaten eine Spastik.
  • Multiple Sklerose (MS): MS ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des ZNS, die zu vielfältigen neurologischen Symptomen, einschließlich Spastik, führen kann.
  • Schädel-Hirn-Trauma: Verletzungen des Gehirns durch Unfälle oder Stürze können ebenfalls Spastik verursachen.
  • Zerebralparese: Angeborene Hirnschädigungen, die vor, während oder kurz nach der Geburt auftreten, können zu Spastik führen.
  • Rückenmarksverletzungen: Verletzungen des Rückenmarks können die Nervenbahnen unterbrechen, die für die Muskelsteuerung verantwortlich sind, was zu Spastik führen kann.
  • Hirntumor: Tumore im Gehirn können Druck auf bestimmte Bereiche ausüben und dadurch Spastik verursachen.
  • Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankung (NMOSD): Eine seltene Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems, die Entzündungen im Gehirn, Rückenmark und Sehnerv verursacht und häufig mit Schmerzen und Sensibilitätsstörungen einhergeht.

Die Spastik kann zeitnah oder mit einer Verzögerung von Wochen oder Monaten nach der eigentlichen Schädigung des Zentralnervensystems auftreten.

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Symptome der Spastik

Die Symptome der Spastik können unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Verschiedene Betroffene können daher ähnliche Symptome aufweisen, aber völlig andere Einschränkungen in ihrem Alltag erleben. Eine individuelle Betrachtung der Symptome einer spastischen Lähmung ist somit unerlässlich.

Einige der häufigsten Symptome sind:

  • Erhöhter Muskeltonus (Rigor): Der Grundwiderstand der Muskulatur ist erhöht.
  • Muskelsteifigkeit: Die Muskeln fühlen sich steif und angespannt an.
  • Muskelkrämpfe: Unwillkürliche und schmerzhafte Muskelkontraktionen treten auf.
  • Bewegungseinschränkungen: Die Beweglichkeit der betroffenen Gliedmaßen ist eingeschränkt.
  • Fehlhaltungen: Durch die Muskelspannung können sich Fehlhaltungen der Gelenke entwickeln.
  • Schmerzen: Die Muskelsteifigkeit und -krämpfe können Schmerzen verursachen.
  • Zuckungen und Zittern: Unkontrollierte Muskelaktivität kann zu Zuckungen und Zittern führen.

Die Symptome einer Spastik hängen damit zusammen, wo und wie stark das zentrale Nervensystem (Gehirn und Rückenmark) geschädigt ist. Dementsprechend können die damit verbundenen funktionellen Beeinträchtigungen von nur leichten Einschränkungen der Bewegungsfreiheit bis zu einer vollständigen körperlichen Behinderung reichen.

Klassifikation der Spastik nach Ausmaß

Spastische Lähmungen können einzelne Muskeln oder ganze Körperbereiche betreffen. Dabei unterscheidet man bei dem Ausmaß der Spastik zwischen zwei Kategorien: fokale Spastik und generalisierte Spastik.

  • Fokale Spastik: Ist die Spastik lokal begrenzt, spricht man von einer fokalen Spastik.
  • Tetraspastik: Beide Beine und Arme sind von der Spastik betroffen. Je nach Ausprägung können auch die Hals- und Rumpfmuskulatur betroffen sein.

Weitere Symptome

Eine Spastik kann von weiteren Symptomen begleitet sein, die ebenfalls durch die Schädigung des Gehirns oder Rückenmarks verursacht sind. Insbesondere bei einer Spastik nach Schlaganfall kommt es neben der spastischen Lähmung häufig zu einer halbseitigen schlaffen Lähmung, die den Arm und das Bein einer Körperhälfte betrifft.

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Diagnose der Spastik

Zur Diagnose einer Spastik untersucht der Arzt den Patienten zunächst körperlich. Zusätzlich wird er wahrscheinlich einige neurologische Tests durchführen und bildgebende Verfahren (z. B. CT, MRT) anwenden.

Einige der diagnostischen Maßnahmen umfassen:

  • Anamnese: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte des Patienten, einschließlich der Symptome, Vorerkrankungen und eingenommenen Medikamente.
  • Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht die Muskelspannung, Beweglichkeit und Reflexe des Patienten. Dabei beugt und streckt der Patient seine Gliedmaßen gemeinsam mit dem Arzt mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Es zeigt sich dann, ob die Muskelspannung bei ansteigender Geschwindigkeit der Bewegung zunimmt.
  • Neurologische Tests: Der Arzt führt Tests durch, um die Funktion des Nervensystems zu überprüfen.
  • Bildgebende Verfahren: CT- und MRT-Scans können helfen, die Ursache der Spastik zu identifizieren, z. B. einen Schlaganfall, eine Rückenmarksverletzung oder einen Hirntumor.
  • Messung des Muskeltonus: Der Arzt misst den Grad der Anspannung der Muskulatur.
  • Bewertungsskalen: Anhand von Bewertungsskalen kann das Ansprechen auf die Behandlung beurteilt und nachverfolgt werden. Ein Beispiel ist die Ashworth-Skala (nach Ashworth 1964) bzw. die modifizierte Ashworth-Skala (nach Bohannon und Smith 1987), eine gebräuchliche Methode zur Beurteilung der Spastizität von Muskeln.
  • Schmerzintensität: Die Schmerzintensität wird erfasst, um die Auswirkungen der Spastik auf das Wohlbefinden des Patienten zu beurteilen.

Die Informationen helfen dem Arzt bei der Diagnosestellung und Planung der anschließenden Therapiemaßnahmen, um die Spastik zu lösen.

Behandlung der Spastik

Man kann entweder die verursachende Erkrankung einer Spastik (zum Beispiel Multiple Sklerose) oder das Syndrom selbst behandeln. Heilbar ist das Syndrom allerdings bislang nicht, denn Schäden an den Nervenbahnen sind irreparabel.

Die Behandlung der Spastik zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, die Beweglichkeit zu verbessern und die Lebensqualität des Patienten zu erhöhen. Die Therapie umfasst in der Regel eine Kombination aus verschiedenen Ansätzen:

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  • Physiotherapie: Basis der Behandlung ist eine intensive Physiotherapie auf neurophysiologischer Grundlage (Bobath, propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation und andere), kombiniert mit Ergotherapie. Durch gezielte physiotherapeutische Übungen versucht man, die Beweglichkeit der Muskeln und Gelenke zu bewahren. Die Physiotherapie hat zum Ziel, die Bewegungsfähigkeit der Patienten zu verbessern. Wichtig dabei ist, dass Gelenke mobilisiert und verkürzte Muskeln gedehnt werden. Zusätzlich sind gezielte Kräftigungsübungen Bestandteil der Behandlung.
  • Medikamentöse Therapie: Die medikamentöse Behandlung umfasst die orale Einnahme von sogenannten ‚antispastischen‘ Mitteln. Eine weitere mögliche Behandlungsmethode ist die Injektion von Botulinium-Toxin (besser bekannt als Botox). Das Nervengift wird stark verdünnt verabreicht. Es erzielt eine Hemmung der Reizweiterleitung in den Nerven. Um den Muskelwiderstand zu lösen, eignet sich auch eine Infusionstherapie mit einem muskelentspannenden Medikament (sog. ‚Muskelrelaxans‘). Ein Beispiel ist das Arzneimittel ‚Baclofen‘. Es hemmt die anregenden Impulse der Nerven auf mikrobiologischer Ebene, indem es die Kontaktstellen des hemmenden Botenstoffs Gammaaminobuttersäure (kurz GABA) anregt.
  • Botulinumtoxin (Botox): Botox wird in die betroffenen Muskeln injiziert, um die Muskelspannung zu reduzieren. Die Wirkung hält in der Regel mehrere Monate an.
  • Orale Medikamente: Es gibt verschiedene orale Medikamente, die zur Behandlung von Spastik eingesetzt werden können, darunter Baclofen, Tizanidin und Dantrolen.
  • Infusionstherapie: Um den Muskelwiderstand zu lösen, eignet sich auch eine Infusionstherapie mit einem muskelentspannenden Medikament (sog. ‚Muskelrelaxans‘).
  • Cannabinoide: Bereits im letzten Jahrzehnt hat sich immer wieder gezeigt, dass Cannabinoid eine mögliche Therapie gegen Spastik ist. Eine Studie hat gezeigt, dass Cannabinoid-Spray ein guter Zusatz zur Therapie der schmerzhaften Spastik bei Multipler Sklerose darstellt.
  • Hilfsmittel: Hilfsmittel wie Gehstöcke, Orthesen und Rollstühle können die Mobilität und Selbstständigkeit des Patienten verbessern.
  • Chirurgische Eingriffe: In einigen Fällen können chirurgische Eingriffe erforderlich sein, um Sehnen zu verlängern oder Nerven zu durchtrennen, um die Muskelspannung zu reduzieren.
  • Computertechnik: Studien zeigen, dass die aktuelle Computertechnik eine wertvolle Unterstützung für die Physiotherapie von Spastik-Patienten darstellt. Spezielle Software und Robotertechnik für Laufbänder verbessern die Analyse der Bewegungsdaten und intensivieren das Training.

Die Wahl der Behandlung hängt von der Ursache und dem Schweregrad der Spastik sowie von den individuellen Bedürfnissen und Zielen des Patienten ab.

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