Die Rolle von Acetylcholin im enterischen Nervensystem: Funktion, Aufbau und Bedeutung

Das Nervensystem ist ein komplexes Netzwerk, das den Körper steuert und überwacht. Es besteht aus Abermilliarden von Nervenzellen, den Neuronen, die über Synapsen miteinander kommunizieren. Das Nervensystem lässt sich in verschiedene Bereiche unterteilen, darunter das zentrale Nervensystem (ZNS), das periphere Nervensystem (PNS) und das vegetative Nervensystem. Das vegetative Nervensystem wiederum besteht aus dem Sympathikus, dem Parasympathikus und dem enterischen Nervensystem (ENS).

Acetylcholin (ACh) ist ein wichtiger Neurotransmitter, der in vielen Bereichen des Nervensystems eine Rolle spielt, insbesondere im enterischen Nervensystem. Dieser Artikel beleuchtet die Funktion von Acetylcholin im enterischen Nervensystem, seinen Aufbau, seine Synthese, sein Vorkommen und seine vielfältigen Wirkungen.

Aufbau des Nervensystems

Um die Funktion von Acetylcholin im enterischen Nervensystem zu verstehen, ist es wichtig, den Aufbau des Nervensystems im Allgemeinen zu betrachten:

  • Zentrales Nervensystem (ZNS): Besteht aus Gehirn und Rückenmark. Es ist die Steuerzentrale des Körpers und verarbeitet Informationen.
  • Peripheres Nervensystem (PNS): Umfasst alle Nervenbahnen außerhalb des ZNS. Es leitet Informationen zwischen dem ZNS und den Organen und Geweben des Körpers.
  • Vegetatives Nervensystem (VNS): Steuert unwillkürliche Körperfunktionen wie Atmung, Herzschlag, Verdauung und Stoffwechsel. Es wird weiter unterteilt in Sympathikus, Parasympathikus und enterisches Nervensystem.
    • Sympathikus: Reguliert die Organfunktionen in Stresssituationen oder bei Aktivität. Er erhöht Herzschlag und Atemtätigkeit und verbessert die Durchblutung.
    • Parasympathikus: Reguliert die Organfunktionen in Entspannungsphasen. Er verlangsamt den Herzschlag und beruhigt die Atmung.
    • Enterisches Nervensystem (ENS): Das Nervensystem des Darms, auch als "Bauchhirn" bezeichnet. Es besteht aus einem Nervengeflecht in der Darmwand und reguliert den Darm weitgehend unabhängig.

Das enterische Nervensystem (ENS)

Das enterische Nervensystem (ENS), auch als "Bauchhirn" bekannt, ist ein komplexes Netzwerk von Neuronen, das den gesamten Verdauungstrakt von der Speiseröhre bis zum Enddarm durchzieht. Es ist das komplexeste dieser Systeme und auch unter dem Begriff Plexus entericus bekannt. Es reguliert die zentralen Aufgaben und Funktionen des Magen-Darm-Trakts, einschließlich:

  • Peristaltik: Die Muskelkontraktionen, die den Speisebrei durch den Verdauungstrakt bewegen.
  • Sekretion: Die Freisetzung von Verdauungsenzymen und anderen Substanzen, die für die Verdauung benötigt werden.
  • Absorption: Die Aufnahme von Nährstoffen aus dem Speisebrei in den Körper.
  • Blutfluss: Die Regulierung der Durchblutung des Verdauungstrakts.
  • Immunfunktion: Die Unterstützung der Immunabwehr im Darm.

Das ENS ist in der Lage, diese Funktionen weitgehend unabhängig vom Gehirn zu steuern. Es kommuniziert jedoch auch mit dem Gehirn über den Vagusnerv, eine wichtige Verbindung in der Darm-Hirn-Achse. Diese Kommunikation ermöglicht es dem Gehirn, die Darmfunktionen zu beeinflussen, und umgekehrt.

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Acetylcholin: Definition, Struktur und Synthese

Acetylcholin (ACh) ist ein Neurotransmitter, der eine zentrale Rolle bei der Erregungsübertragung spielt. Es ist ein Ester der Essigsäure und des Aminoalkohols Cholin. ACh kommt sowohl im zentralen als auch im peripheren Nervensystem vor.

Die Synthese von Acetylcholin erfolgt in den Endknöpfchen von Synapsen durch das Enzym Cholinacetyltransferase. Dabei werden Cholin und Acetyl-CoA zu Acetylcholin umgesetzt. Das fertige Acetylcholin wird dann in Speichervesikeln verpackt, bis es für die Erregungsübertragung benötigt wird.

Vorkommen von Acetylcholin

Acetylcholin kommt sowohl im zentralen Nervensystem (ZNS) als auch im peripheren Nervensystem (PNS) vor. Im PNS ist Acetylcholin für die Einleitung der Muskelkontraktion relevant, indem es über die neuromuskuläre Endplatte ausgeschüttet wird. Im Gehirn übernimmt es verschiedene Funktionen im Zusammenhang mit Aufmerksamkeit und Lernen.

Besonders wichtig ist Acetylcholin im vegetativen Nervensystem, also in Sympathikus und Parasympathikus. Sowohl im Sympathikus als auch im Parasympathikus ist Acetylcholin der Transmitter aller präganglionären Neurone. Im Parasympathikus übernimmt es außerdem auch postganglionär die Erregungsweiterleitung. Beim Sympathikus wird diese Aufgabe hingegen fast immer von Noradrenalin übernommen, mit Ausnahme der Innervation von Schweißdrüsen.

Acetylcholin Wirkung

Acetylcholin entfaltet seine Wirkung an den postsynaptischen Membranen, wo es mit verschiedenen Rezeptoren interagiert, die als Cholinozeptoren bezeichnet werden. Es gibt zwei Haupttypen von Cholinozeptoren:

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  • Nikotinerge Acetylcholinrezeptoren: Dies sind ligandengesteuerte Ionenkanäle, die sich öffnen, sobald Acetylcholin bindet. Dadurch können positiv geladene Ionen wie Natrium, Kalium und Calcium passieren, was zu einer Depolarisation und Erregung der Zelle führt.
  • Muskarinerge Acetylcholinrezeptoren: Dies sind G-Protein-gekoppelte Rezeptoren, die über Second Messenger Signalkaskaden aktivieren. Es gibt verschiedene Subtypen (M1-M5) mit unterschiedlichen Wirkungen. Beispielsweise führt die Aktivierung von M2-Rezeptoren im Herzen zu einer verringerten Herzfrequenz.

Die vielfältigen Funktionen von Acetylcholin umfassen:

  • Einleitung der Muskelkontraktion (PNS)
  • Einfluss auf Blutdruck, Herzfrequenz, Verdauung und Stoffwechsel (vegetatives Nervensystem)
  • Steuerung verschiedener Gehirnaktivitäten mit Einfluss auf Aufmerksamkeit, Lernen, Erinnerungsbildung

Acetylcholin im enterischen Nervensystem

Im enterischen Nervensystem spielt Acetylcholin eine entscheidende Rolle bei der Steuerung der Darmfunktionen. Es wirkt auf verschiedene Zelltypen im Darm, darunter:

  • Muskelzellen: Acetylcholin stimuliert die Kontraktion der glatten Muskulatur im Darm, was die Peristaltik fördert und den Speisebrei weitertransportiert.
  • Drüsenzellen: Acetylcholin stimuliert die Sekretion von Verdauungsenzymen und anderen Substanzen, die für die Verdauung benötigt werden.
  • Enteroendokrine Zellen: Acetylcholin beeinflusst die Freisetzung von Hormonen, die die Verdauung regulieren.
  • Immunzellen: Acetylcholin kann die Immunfunktion im Darm beeinflussen und zur Aufrechterhaltung der Darmgesundheit beitragen.

Durch diese vielfältigen Wirkungen trägt Acetylcholin zur Koordination der Verdauungsprozesse und zur Aufrechterhaltung der Homöostase im Darm bei.

Acetylcholin Abbau

Nachdem Acetylcholin seine Wirkung entfaltet hat, wird es im synaptischen Spalt durch das Enzym Acetylcholinesterase (AChE) abgebaut. AChE spaltet Acetylcholin in Cholin und Essigsäure, wodurch es unwirksam gemacht wird. Das Cholin wird dann über einen Transporter zurück in die Synapse aufgenommen, um für die Synthese von neuem Acetylcholin verwendet zu werden.

Der Abbau von Acetylcholin durch AChE ist ein wichtiger Mechanismus, um die Signalübertragung zu beenden und eine Überstimulation der Rezeptoren zu verhindern.

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Acetylcholin in der Medizin

Das cholinerge System, das Acetylcholin als Neurotransmitter verwendet, ist für den Organismus von großer Bedeutung. Störungen in diesem System können schwerwiegende Folgen haben.

Ein Beispiel ist die Alzheimer-Krankheit, bei der ein Mangel an Acetylcholin vorliegt. Als Therapieansatz werden Acetylcholinesterasehemmer eingesetzt, um den Abbau von Acetylcholin im synaptischen Spalt zu verlangsamen und die Konzentration des Neurotransmitters zu erhöhen.

Acetylcholinesterasehemmer werden auch als Gegengift für das Toxin Curare eingesetzt, das die nikotinergen Cholinozeptoren an den Muskelzellen blockiert und die Atmung verhindert. Durch die Hemmung des Abbaus von Acetylcholin kann es mit Curare um die Bindungsstellen konkurrieren und es verdrängen.

Auch bei Vergiftung mit Atropin, das mit Acetylcholin um Bindungsstellen an muskarinergen Rezeptoren konkurriert, werden Acetylcholinesterasehemmer eingesetzt.

Allerdings können Acetylcholinesterasehemmer auch großen Schaden anrichten, wenn sie die Acetylcholinesterase irreversibel hemmen. Beispiele für solche Substanzen sind chemische Kampfstoffe und Insektizide wie Parathion. Dadurch kann das Acetylcholin nicht mehr unwirksam gemacht werden, was zu einer oft tödlichen Überstimulierung führt.

Bei der Autoimmunkrankheit Myasthenia gravis ist die Wirksamkeit von Acetylcholin reduziert, da Antikörper die Cholinozeptoren der Muskelzellen zerstören.

Die Darm-Hirn-Achse und das enterische Nervensystem

Die Darm-Hirn-Achse beschreibt die bidirektionale Kommunikationsverbindung zwischen dem Darm und dem Gehirn. Das enterische Nervensystem spielt eine zentrale Rolle in dieser Achse, da es direkt mit dem Gehirn über den Vagusnerv kommuniziert.

Die Darm-Mikrobiota, die Gesamtheit der Mikroorganismen im Darm, produziert eine Vielzahl von Substanzen, die neuroaktiv sind, darunter Acetylcholin, Neurotransmitter wie Adrenalin und Dopamin, GABA, Histamin, Melatonin und Serotonin. Diese Substanzen können die Darmfunktionen beeinflussen und über den Vagusnerv Signale an das Gehirn senden.

Umgekehrt kann das Gehirn die Darmfunktionen über den Vagusnerv beeinflussen. Stress, Angst und andere psychische Faktoren können die Darmmotilität, die Sekretion und die Immunfunktion beeinflussen.

Ein intaktes enterisches Nervensystem und eine gesunde Darm-Mikrobiota sind daher entscheidend für die Aufrechterhaltung der körperlichen und geistigen Gesundheit.

Strategien zur Unterstützung des enterischen Nervensystems

Es gibt verschiedene Strategien, die dazu beitragen können, das enterische Nervensystem zu unterstützen und die Darm-Hirn-Achse zu stärken:

  • Stressmanagement: Chronischer Stress kann das enterische Nervensystem schwächen und die Darm-Mikrobiota negativ beeinflussen. Stressreduktionstechniken wie Yoga, Meditation und Atemübungen können helfen, den Vagusnerv zu aktivieren und das enterische Nervensystem zu beruhigen.
  • Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten und fermentierten Lebensmitteln kann die Darm-Mikrobiota positiv beeinflussen und das enterische Nervensystem unterstützen.
  • Probiotika: Probiotische Bakterienpräparate können helfen, die Darm-Mikrobiota zu verbessern und die Produktion von Neurotransmittern wie Serotonin im Darm zu fördern.
  • L-Tryptophan: Die Aminosäure L-Tryptophan ist eine Vorstufe von Serotonin. Der Verzehr von Lebensmitteln mit hohem Tryptophangehalt wie Geflügelfleisch, Nüssen, Hülsenfrüchten, Sesam, Bananen und Kakao kann die Serotoninproduktion im Gehirn fördern.
  • Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität kann die Darmmotilität verbessern, die Darm-Mikrobiota positiv beeinflussen und das enterische Nervensystem stärken.

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