Die Rückenmarkdurchtrennung ist eine schwerwiegende Verletzung, die oft zu dauerhaften Lähmungen und Funktionsstörungen führt. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten, einschließlich innovativer Therapieansätze und operativer Verfahren zur Stabilisierung der Wirbelsäule und zur Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen.
Ursachen und Arten der Querschnittlähmung
Eine Querschnittlähmung entsteht durch eine Schädigung des Rückenmarks, die die Übertragung von Nervenimpulsen zwischen Gehirn und Körper unterbricht. Die häufigsten Ursachen sind:
- Unfälle: Insbesondere Verkehrs- und Sportunfälle, Stürze und Verletzungen der Wirbelsäule.
- Erkrankungen: Bandscheibenvorfälle, Multiple Sklerose, Rückenmarkentzündungen, Tumore, Blutungen im Spinalkanal oder angeborene Fehlbildungen wie Spina bifida.
Je nachdem, wo das Rückenmark geschädigt wurde und ob die Durchtrennung vollständig oder unvollständig ist, unterscheidet man verschiedene Arten von Querschnittlähmung:
- Paraplegie: Lähmung der Beine, verursacht durch eine Schädigung im Bereich der Brust- oder Lendenwirbelsäule. Bei 60 % der Querschnittgelähmten ist die Armbeweglichkeit erhalten.
- Tetraplegie: Lähmung von Armen und Beinen, verursacht durch eine Schädigung im Bereich der Halswirbelsäule. Betrifft ungefähr 40 % der Querschnittgelähmten.
- Komplette Lähmung (Plegie): Das Rückenmark ist vollständig durchtrennt, wodurch keine Befehle vom Gehirn mehr über die verletzte Region hinweggeleitet werden können.
- Inkomplette Lähmung (Parese): Das Rückenmark ist nur teilweise geschädigt, wodurch Betroffene unterhalb der Verletzung Berührungen spüren, sich bewegen und beispielsweise weiterhin Blase und Darm kontrollieren können.
Symptome und Diagnose
Die Symptome einer Querschnittlähmung hängen von der Höhe und dem Ausmaß der Schädigung ab. Mögliche Symptome sind:
- Motorische Beeinträchtigungen: Lähmungen oder Schwäche der Muskeln unterhalb der Verletzung.
- Sensorische Beeinträchtigungen: Verlust der Empfindungsfähigkeit für Berührungen, Schmerzen, Temperatur oder Vibration in den betroffenen Körperregionen.
- Vegetative Beeinträchtigungen: Störungen der Blasen- und Darmfunktion, sexuelle Funktionsstörungen, Blutdruckprobleme, gestörte Temperaturregulation.
- Weitere Symptome: Verstärkte Muskelreflexe, Spastiken, chronische Schmerzen, Phantomschmerzen, Atemprobleme (bei Schädigung der Halswirbelsäule oberhalb des vierten Halswirbels).
Die Diagnose einer Querschnittlähmung umfasst eine neurologische Untersuchung zur Überprüfung von Bewegung, Sensibilität und Reflexen sowie bildgebende Verfahren wie Röntgen, CT oder MRT, um die Schädigung des Rückenmarks und der Wirbelsäule zu beurteilen. Zusätzlich können Proben der Rückenmarksflüssigkeit und des Blutes im Labor untersucht werden, um beispielsweise eine bakterielle Infektion auszuschließen.
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Akutversorgung und Stabilisierung
Bei Verdacht auf eine Rückenmarkverletzung ist eine sofortige medizinische Versorgung entscheidend. Die Akutversorgung umfasst:
- Stabilisierung der Vitalfunktionen: Sicherstellung von Herz-Kreislauf- und Atemfunktion, um eine gute Sauerstoffversorgung der Nervenzellen zu gewährleisten.
- Immobilisierung der Wirbelsäule: Korrekte Lagerung und Fixierung von Hals-, Brust- oder Lendenwirbelsäule, um ein Verrutschen möglicherweise gebrochener Wirbelkörper zu verhindern.
- Medikamentöse Behandlung: Gabe von Medikamenten zur Reduzierung von Schwellungen des Rückenmarks, zur Behandlung von Durchblutungsstörungen oder zur Kontrolle von Herzrhythmusstörungen und niedrigem Blutdruck.
- Operative Eingriffe: Stabilisierung gebrochener Wirbelkörper, Entfernung von Knochenfragmenten oder Bandscheibengewebe, um das Rückenmark zu entlasten und weitere Schädigungen zu verhindern.
Konservative Behandlungen und Rehabilitation
Die Behandlung einer Querschnittlähmung zielt darauf ab, die bestmögliche funktionale Unabhängigkeit und Lebensqualität zu erreichen. Sie beinhaltet in der Regel eine intensive medizinische Betreuung und umfasst medizinische Maßnahmen wie Operationen, Medikamente und physiotherapeutische Übungen, um die verlorenen motorischen Funktionen zu verbessern und den Alltag der Betroffenen zu erleichtern. Die Reha bei Querschnittlähmung umfasst meist verschiedene Therapieansätze, um die Mobilität, Selbstständigkeit, emotionale Bewältigung und soziale Integration zu fördern. Hilfsmittel und technische Unterstützung spielen eine wichtige Rolle im Alltag. In einigen Fällen können auch operative Eingriffe notwendig sein. Es ist wichtig zu beachten, dass die Auswirkungen einer Querschnittlähmung individuell unterschiedlich sind und von Fall zu Fall variieren. Um die optimale, individuelle Behandlung und Reha zu erhalten, gibt es spezialisierte Rehakliniken, die individuelle Programme anbieten, um die Betroffenen bestmöglich zu unterstützen und ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.
- Pflege: Regelmäßiges Umlagern und Lagern des Patienten, um Druckgeschwüre (Dekubitus) zu verhindern.
- Physiotherapie: Training von Kraft, Ausdauer, Koordination und Gleichgewicht, um vorhandene Bewegungsmöglichkeiten bestmöglich zu nutzen und die Muskulatur zu erhalten.
- Ergotherapie: Training von Alltagstätigkeiten wie Anziehen, Essen, Körperpflege und Haushalt, um die Selbstständigkeit zu fördern.
- Logopädie: Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen.
- Psychotherapie: Unterstützung bei der emotionalen Bewältigung der neuen Lebenssituation, Angst, Depressionen und sozialer Isolation.
- Sozialberatung: Beratung zu Fragen der beruflichen Integration, Wohnraumanpassung, finanziellen Unterstützung und rechtlichen Ansprüche.
- Hilfsmittelversorgung: Anpassung und Training mit Rollstühlen, Orthesen, Prothesen, Kommunikationshilfen und anderen technischen Hilfsmitteln.
Operative Verfahren
Neben der Akutversorgung können verschiedene operative Verfahren eingesetzt werden, um die Wirbelsäule zu stabilisieren, das Rückenmark zu entlasten oder Schmerzen zu lindern:
Stabilisierungsoperationen
- Spondylodese (Wirbelsäulenversteifung): Versteifung von zwei oder mehr Wirbelkörpern, um die Wirbelsäule zu stabilisieren und Schmerzen zu reduzieren. Dabei werden Implantate aus Titan oder Kunststoff mit den Wirbeln verschraubt.
- Dynamische Stabilisierung: Einsatz von flexiblen Implantaten, um die Beweglichkeit der Wirbelsäule teilweise zu erhalten und die Belastung auf benachbarte Segmente zu reduzieren.
- PEEK-Cage-Implantation: Einsetzen eines Platzhalters (Cage) aus Carbon in den ausgeräumten Bandscheibenraum, um die Höhe des Wirbelkörpers wiederherzustellen und das Rückenmark zu entlasten.
Dekompression des Rückenmarks
- Mikrochirurgische Dekompression: Entfernung von Knochenfragmenten, Bandscheibengewebe oder anderem Gewebe, das auf das Rückenmark oder die Nervenwurzeln drückt.
- Laminektomie: Entfernung eines Teils des Wirbelbogens (Lamina), um den Spinalkanal zu erweitern und das Rückenmark zu entlasten.
- Foraminotomie: Erweiterung der Nervenaustrittsöffnungen (Foramina), um eingeklemmte Nervenwurzeln zu befreien.
Nervenverödung (Neurolyse)
- Schmerznervverödung: Ausschaltung der schmerzführenden Nerven in den Wirbelgelenken, um Rückenschmerzen zu lindern. Dabei werden die Nerven durch Hitze (Thermosonde), Kälte (Cryosonde), Laser oder chemische Substanzen (Alkohol) zerstört.
- Rückenmarkstimulation (Spinal Cord Stimulation, SCS): Implantation von Elektroden in den Epiduralraum des Rückenmarks, um durch elektrische Impulse Schmerzen zu unterdrücken.
Minimalinvasive Verfahren
Viele der oben genannten operativen Verfahren können auch minimalinvasiv durchgeführt werden. Dabei werden kleine Hautschnitte und spezielle Instrumente verwendet, um das Gewebe zu schonen und die Erholungszeit zu verkürzen. Beispiele für minimalinvasive Verfahren sind:
- Mikrochirurgische Dekompression
- Dynamische Stabilisierung
- XLIF-Technik (Lateral Interbody Fusion): Bandscheibenersatz von der Seite, ohne Durchtrennung der Rückenmuskulatur.
Innovative Therapieansätze
Die Forschung im Bereich der Rückenmarkverletzungen hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Einige innovative Therapieansätze, die Hoffnung auf eine Verbesserung der Lebensqualität von Querschnittgelähmten geben, sind:
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- Elektrische Stimulation des Rückenmarks: Stimulation bestimmter Rückenmarksnerven mit elektrischen Impulsen, um die Bewegungsfähigkeit wiederherzustellen.
- Transplantation von körpereigenem Rückenmark: Züchtung von künstlichem Rückenmark aus körpereigenen Zellen und Transplantation in das geschädigte Rückenmark, um die Nervenregeneration zu fördern.
- Gentherapie: Einschleusen von Genen in die Nervenzellen, um das Wachstum von Nervenfasern anzuregen und die Signalübertragung zu verbessern.
- Robotik: Einsatz von Exoskeletten und anderen robotischen Hilfsmitteln, um gelähmte Gliedmaßen zu bewegen und die Mobilität zu verbessern.
Leben mit Querschnittlähmung
Eine Querschnittlähmung ist ein einschneidendes Ereignis, das das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen grundlegend verändert. Neben den körperlichen Einschränkungen müssen auch psychische, soziale und berufliche Herausforderungen bewältigt werden. Es ist wichtig, sich professionelle Hilfe und Unterstützung zu suchen, um mit der neuen Situation umzugehen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Es gibt zahlreiche Anlaufstellen, die Informationen, Beratung und Unterstützung anbieten:
- Spezialisierte Kliniken und Rehazentren: Bieten umfassende medizinische, therapeutische und pflegerische Versorgung.
- Selbsthilfegruppen: Ermöglichen den Austausch mit anderen Betroffenen und bieten emotionale Unterstützung.
- Beratungsstellen: Informieren über rechtliche Ansprüche, finanzielle Hilfen und Möglichkeiten der beruflichen Integration.
- Fördergemeinschaften und Verbände: Setzen sich für die Interessen von Querschnittgelähmten ein und bieten vielfältige Angebote.
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