Schmerzen im unteren Rücken werden oft mit einem Bandscheibenvorfall in Verbindung gebracht, doch häufig liegt die Ursache in einer Blockade des Iliosakralgelenks (ISG). Aufgrund der ähnlichen Symptomatik ist eine genaue Diagnose wichtig, um die Erkrankung gezielt und erfolgreich zu behandeln. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten eines entzündeten Kreuzbeins und der damit verbundenen Nervenreizungen.
Anatomie und Funktion des Iliosakralgelenks
Das Iliosakralgelenk (ISG), auch Kreuzdarmbeingelenk genannt, verbindet die Wirbelsäule mit der Hüfte. Der Begriff setzt sich aus den beteiligten Knochenstrukturen zusammen: "Ilio" für das Os Ilium (Darmbein) und "Sakral" für das Os sacrum (Kreuzbein). Es wird durch Bänder und Muskeln gehalten, wodurch seine Beweglichkeit stark eingeschränkt ist.
Das ISG hat eine stabilisierende Funktion bei Kraftübertragungen. Beim Heben und Tragen leitet es das Gewicht vom Oberkörper in die Beine weiter und federt Stöße von den Beinen ab. Es fungiert somit als Stoßdämpfer.
Ursachen und Entstehung von ISG-Beschwerden
Die Ursachen für Beschwerden im Iliosakralgelenk können vielfältig sein. Eine häufige Ursache ist die ISG-Blockade, bei der sich die Gelenkflächen des Iliosakralgelenks verkanten oder verschieben und blockieren. Dies löst Schmerzen aus und kann zu Entzündungen führen. Die Muskeln um das Kreuzdarmbeingelenk verhärten sich und können auf die Nerven drücken, was zu ausstrahlenden Schmerzen und Bewegungseinschränkungen führen kann.
Weitere mögliche Ursachen sind:
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- Fehl- oder Überbelastungen: Schweres Heben, Übergewicht, falsche Sitzhaltungen und Bewegungsmangel können die Bandstrukturen des Darm- oder Kreuzbeins vermehrt belasten.
- Dysbalancen: Beinlängendifferenzen, Fehlstellungen der Wirbelsäule oder einseitige sportliche Betätigung können zu Dysbalancen führen.
- Hormonelle Veränderungen: Die Hormonumstellung in der Schwangerschaft lockert die Bänder.
- Erkrankungen und Traumata: Hüfterkrankungen, Infektionen, Operationen am Bewegungsapparat, Stürze, Schläge, arthritische oder arthrotische Veränderungen können ebenfalls Ursachen für ISG-Beschwerden sein.
- Fehlbelastungen: Vor allem chronisch durchgeführte Fehlbelastungen oder Überlastungen können zu einem Knochenabbau sowie zu einem Dünnerwerden der schützenden Knorpelschicht im Gelenk führen. Je weniger Knorpel in einem Gelenk vorhanden ist, desto stärker reibt dann Knochen auf Knochen. Diese Reibung verursacht nicht nur Schmerzen, sondern sorgt auch dafür, dass der Knochen sukzessive weiter abgebaut wird. Das ISG trägt das Gewicht des gesamten Oberkörpers und ist daher akuter Gefahr, eine Arthrose zu erleiden, ausgesetzt.
- Stress: Stress führt oft zu chronischen Verspannungen, insbesondere im unteren Rücken und Beckenbereich. Chronischer Stress kann das Immunsystem beeinträchtigen und proinflammatorische Prozesse fördern. Bei Stress neigen viele Menschen dazu, unbewusst ihre Bewegungsmuster zu verändern.
Symptome einer ISG-Blockade und Entzündung
Typische Symptome einer ISG-Blockade sind meist einseitige, ziehende und tiefsitzende Rückenschmerzen im Bereich des Iliosakralgelenks, des Kreuzbeins oder im Gesäß. Die Schmerzen können bis in den Oberschenkel oder zum Knie ausstrahlen. Sie können sich beim Sitzen, Beineüberschlagen, Gehen oder Treppensteigen verstärken, aber auch beim Verändern der Sitz- oder Liegeposition auftreten.
Weitere Symptome können sein:
- Bewegungseinschränkungen
- Schmerzen, die als drückend und/oder ziehend beschrieben werden
- Schonhaltung
- Unruhiges Sitzen mit häufigen Positionswechseln
- Plötzlich auftretende, schneidende Schmerzen im unteren Rücken nach einer ungewohnten Bewegung
- Schmerzen im unteren Rücken, vor allem im Bereich des Kreuzbeins. Sie können in die Leiste, ins Gesäß oder sogar bis in den Oberschenkel ziehen. Da es auf jeder Seite ein Gelenk gibt, treten die Beschwerden oftmals einseitig auf, oder die Patienten stellen zumindest fest, dass die Schmerzen auf beiden Seiten unterschiedlich stark sind.
- Bei fortgeschrittener oder chronischer Entzündung kann es ebenfalls zu unerträglichen Schmerzen am ISG kommen.
- Der Schmerz wird als drückend und oder ziehend beschrieben und kann auch in den Oberschenkel oder aber Richtung Rücken ziehen.
- Neben den Schmerzen ist die Bewegungsbeeinträchtigung ein häufiges Symptom. Sie kommt vor allem durch den Schmerz selbst zustande, denn die Patienten gehen schmerzbedingt sofort in eine Schonhaltung über.
- Die Bewegungsbeeinträchtigung kann aber auch durch die zunehmende Unbeweglichkeit des Gelenks verursacht werden.
Diagnose von ISG-Beschwerden
Die Diagnose einer ISG-Blockade wird vor allem mittels klinischer Untersuchungen und orthopädischer Tests gestellt. Dabei wird das Kreuzdarmbeingelenk in verschiedenen Positionen bewegt, um die Empfindlichkeit des Iliosakralgelenks festzustellen (Funktions- und Provokationstests). Diese Tests liefern erste Hinweise auf die ISG-Blockade.
Weitere diagnostische Maßnahmen können sein:
- Bildgebung: MRT oder Computertomographie (CT) zur Darstellung von Gelenkstrukturen und Entzündungen. Auf Röntgen- und Kernspinbildern lässt sich ein Schaden am Kreuz-Darmbeingelenk leider nicht erkennen.
- Wirbelsäulenvermessung: Mithilfe von Lichtprojektion wird die Wirbelsäule vermessen, um anatomische Veränderungen im Bereich des Rückens und des Beckens zu diagnostizieren. Dabei wird ein Linienraster auf den Rücken projiziert, von einer Kamera aufgezeichnet und mithilfe einer Software analysiert.
- Injektion: Spritzen eines örtlichen Betäubungsmittels direkt an das Kreuz-Darmbein-Gelenk.
- Palpationstest: Mit einem Palpationstest erfasst der Arzt Funktionsstörungen des Iliosakralgelenks durch Abtasten (Palpation) der unter der Haut liegenden, knöchernen Strukturen. Zu diesen Palpationstest gehört der Standing-Flexion-Test.
- 4D-Wirbelsäulenmessung: Die Kombination exakter Videomesstechnik mit moderner Datenverarbeitung erlaubt eine gezielte Darstellung der Wirbelsäulen- und Beckenbewegungen des Patienten. Das Verfahren zeichnet sich dadurch aus, dass die Vermessung bei der 4-dimensionalen Wirbelsäulenmessung in Bewegung und nicht statisch (3D-Wirbelsäulenmessung) stattfindet. Auf diese Weise kann der Untersucher Abweichungen der Beckenbewegung von der Norm genau erfassen.
- Muskulärer Dysbalance Check: Beim muskulären Dysbalance Check handelt es sich um eine diagnostische Maßnahme, bei der der Untersucher die Muskeln des Patienten betrachtet, betastet und beurteilt, ob eine Fehlbelastung vorhanden ist. So werden die Muskeln des Patienten im Stehen aber auch im Sitzen und Liegen im Seitenvergleich, in Ruhe und auch bei bestimmten Bewegungen untersucht und beurteilt.
- Elektromyogramm: Im Falle einer Entzündung des ISG werden Elektroden auf Höhe des ISG geklebt und dann die elektrische Aktivität der Muskeln gemessen. In Ruhe und bei Bewegung wird so eine Aufzeichnung durchgeführt und die Spannungsänderung aufgezeichnet.
Konservative und operative Behandlungsmöglichkeiten
Die Therapie bei einer Erkrankung des Iliosakralgelenks kann sowohl operativ als auch konservativ erfolgen. In den meisten Fällen ist jedoch eine konservative Therapie wirksam.
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Konservative Behandlung:
- Schmerzmittel: Schmerzstillende und entzündungshemmende Medikamente können zur Linderung der Schmerzen eingesetzt werden. Bei neu auftretenden Kreuzschmerzen kann man eine kurzfristige Einnahme von freiverkäuflichen Schmerzmitteln, wie Paracetamol, oder Wärme versuchen.
- Physiotherapie: Bewegungsübungen, sanftes Dehnen und Druck auf die verschobenen Gelenke können die ISG-Blockade lösen. Auch Kräftigungsübungen können durch die Stärkung der Muskulatur, die das ISG umgibt, einer Überlastung des ISG entgegenwirken.
- Triggerpunkt-Akupunktur: Kleine Nadeln werden an verkrampften oder entzündeten Stellen in den Muskeln platziert, um Blockaden zu lösen.
- Injektionen: Injektionen mit Hyaluronsäure oder Kortison können sowohl der Schmerzlinderung als auch der Verbesserung der Symptome dienen. Hyaluronsäure wirkt als Schmiermittel und bewirkt ein besseres Gleiten in der Gelenkfläche.
- Wärmeanwendung: Wärmflaschen oder Wärmepflaster können die Durchblutung anregen und die Muskulatur entspannen.
- Kinesiotaping: Durch einen leichten und angenehmen Zug werden den darunterliegenden Muskeln die Spannung genommen und so entlastet. Kinesiotapes gibt es in unterschiedlicher Stärke und Größe. Sie können über alle im Körper vorhandene Muskeln geklebt werden.
- Bewegung und Mobilisation: Bewegung hilft, die ISG-Blockade zu lösen. Spaziergänge, Schwimmen und Radfahren entlasten das Iliosakralgelenk und lösen Muskelverspannungen. Von Sportarten, die mit abrupten Stoppbewegungen oder Stauchungen verbunden sind, raten wir ab.
Operative Behandlung:
- Iliosakrale Fusion (ISG-Versteifung): In seltenen Fällen, wenn konservative Methoden ausgeschöpft sind und ein chronisches Leiden vorliegt, kann eine operative Versteifung des Iliosakralgelenks in Betracht gezogen werden.
- ISG-Denervierung: Hier werden die schmerzleitenden Nerven mit einer Temperatursonde versiegelt (HF-Denervierung).
Selbsthilfe und Vorbeugung
Patienten können selbst einiges tun, um die Symptome zu lindern und ISG-Beschwerden vorzubeugen:
- Regelmäßige Bewegung: Ein bewegter Alltag kann das Wohlbefinden steigern.
- Ergonomische Sitzhaltung: Vermeiden Sie eine ungünstige Sitzhaltung.
- Gewichtsreduktion: Übergewicht belastet das ISG zusätzlich.
- Dehnübungen und Lockerungsübungen: Regelmäßig durchgeführt, tragen sie auch dazu bei, Schmerzen im unteren Rücken vorzubeugen.
- Vermeidung von Fehlbelastungen: Achten Sie auf eine gleichmäßige Belastung des Körpers.
- Entspannung: Stress kann zu Muskelverspannungen führen. Entspannungsübungen können helfen, diese zu lösen.
Übungen zur Selbstbehandlung:
- Übung 1 zum Dehnen: Legen Sie sich mit dem Rücken auf den Boden, strecken Sie die Beine aus und legen Sie die Arme im rechten Winkel mit den Handflächen nach unten ab. Stellen Sie das linke Bein angewinkelt neben dem rechten Knie ab. Greifen Sie mit der rechten Hand zum linken Knie und ziehen Sie es seitlich nach rechts, in Richtung Boden. Achten Sie dabei darauf, dass Rücken und Schultern flach am Boden liegen bleiben. Drehen Sie den Kopf in die Gegenrichtung nach links. Halten Sie diese Position etwa 30 Sekunden lang. Die Übung dann auf der anderen Seite durchführen.
- Übung 2 zur Lockerung: Stellen Sie sich mit einem Bein auf eine stabile Erhebung, wie die unterste Stufe einer Treppe oder einen Stepper. Das Knie dabei leicht anwinkeln. Das andere Bein seitlich hängen lassen und in der Luft hin- und herbewegen. Die Übung mit dem anderen Bein wiederholen.
- Beckenheben: Heben Sie das Becken und lassen Sie es dann nach unten fallen. Diese Übung erhöht die Beweglichkeit des Iliosakralgelenks.
- Mobilisierung im Vierfüßlerstand: Der Patient beginnt im Vierfüsslerstand das Bein der betroffenen Seite nach hinten zu strecken. Im 90 Grad Winkel sollte das Bein nun ca. 20 Sekunden gehalten werden, bis ein ziehendes Gefühl im Bereich der Wirbelsäule auftritt.
- Dehnung der Beinrückseite: Der stehende Patient versucht langsam mit den Fingerspitzen den Boden zu erreichen. Auch diese Position sollte ca. 10 Sekunden gehalten werden und dann die Muskulatur wieder gelockert werden.
- Katzenbuckel: Der Patient versucht im Vierfüsslerstand den Rücken in eine Hohlkreuzposition zu bringen und durchzubiegen, sowie in diese Position zu halten.
- Umgreifen der Beine in Rückenlage: Umgreifen Sie in Rückenlage Ihre Beine. Ziehen Sie die Beine an den Körper. Sie können auch leicht vor und zurück schaukeln.
Spätfolgen einer Sakroiliitis
Sakroiliitis kann bei unzureichender Behandlung oder chronischem Verlauf zu verschiedenen Spätfolgen führen. Diese Spätfolgen resultieren aus anhaltender Entzündung, wiederkehrenden Schmerzen und mechanischen Belastungen der betroffenen Gelenke.
- Chronische Schmerzen
- Fehlhaltungen und Schonhaltungen
- Verschleiß und Arthrose im ISG
- Verkalkungen und Versteifungen (Ankylosen)
- Ausstrahlende Beschwerden
- Verminderte Lebensqualität
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