Unangenehme Geräusche kennt jeder. Quietschende Kreide an der Tafel verursacht Gänsehaut. Doch was, wenn Alltagsgeräusche unerträglich werden? Misophonie, Phonophobie und Hyperakusis sind Formen der Geräuschempfindlichkeit, die das Leben stark beeinträchtigen können. Dieser Artikel beleuchtet die Unterschiede, Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten dieser Störungen.
Einführung in die Geräuschempfindlichkeit
Hektik im Alltag, Stress in der Arbeit, ständiger Verkehrslärm - die moderne Welt ist voller Reize, die unser Gehör belasten. Eine Überreizung des Hörsystems kann zu einer starken Geräuschempfindlichkeit führen. Es ist wichtig, die verschiedenen Formen dieser Empfindlichkeit zu verstehen, um Betroffenen helfen zu können.
Was ist Misophonie?
Misophonie bedeutet wörtlich übersetzt „Hass auf Geräusche“ (von griechisch „misos“ = Hass und „phone“ = Geräusch). Betroffene reagieren stark emotional auf bestimmte Alltagsgeräusche, die für andere kaum wahrnehmbar sind. Typische Triggergeräusche sind Kauen, Schlucken, Atmen, Schniefen, Tippen auf Tastaturen oder das Klicken von Kugelschreibern.
Ursachen und Anzeichen der Misophonie
Misophonie ist eine neurologische Störung, bei der akustische Reize im Zentralnervensystem falsch interpretiert werden. Es wird angenommen, dass die Ursache nicht im Gehörgang liegt, sondern eine Störung des zentralen auditorischen Systems im Gehirn zugrunde liegt. Die genauen Auslöser sind bislang nicht wissenschaftlich erforscht.
Erste Anzeichen zeigen sich oft in der späten Kindheit, meist zwischen 12 und 14 Jahren, können aber auch später auftreten. Betroffene versuchen zunächst, die störenden Geräusche zu ignorieren, was jedoch zunehmend schwerfällt.
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Anzeichen für Misophonie:
- Intensive emotionale Reaktionen: Wut, Ärger, Frustration, Abscheu, Ekel oder Angst.
- Körperliche Reaktionen: Herzklopfen, Schweißausbrüche, Muskelverspannungen, erhöhter Blutdruck oder erhöhte Atemfrequenz.
- Fluchtreaktionen: Wunsch, vor dem Auslösegeräusch zu fliehen, Vermeidung entsprechender Situationen.
Misophonie im Alltag
Misophonie kann den Alltag erheblich beeinträchtigen. Unbehandelt kann sie die Lebensqualität stark mindern und familiäre sowie soziale Beziehungen belasten. Betroffene ziehen sich oft zurück, geraten in Isolation oder in Konflikte mit anderen, die ihr Problem nicht verstehen. Normale Dinge wie Urlaub, Ausflüge und sogar das Zusammenleben können unmöglich werden.
Misophonie vs. Hyperakusis
Es ist wichtig, Misophonie von Hyperakusis zu unterscheiden. Bei Hyperakusis handelt es sich um eine krankhafte Überempfindlichkeit des Gehörs gegen Schall. Alle Klänge und Geräusche werden lauter wahrgenommen, als sie tatsächlich sind. Meist liegt eine Erkrankung des Hörorgans vor. Die Unbehaglichkeitsschwelle sinkt auf unter 80 dB ab. Ähnlich wie bei Misophonie ruft das zu laut empfundene Geräusch reflexhafte Reaktionen wie Schweißausbruch oder Herzrasen hervor.
Bei Misophonie geht es jedoch nur um einzelne, klar herausstechende Geräusche. Es geht weniger um die Lautstärke, sondern das ein bestimmtes Geräuschmuster unerträglich ist.
Was ist Phonophobie?
Phonophobie ist die Angst vor bestimmten Geräuschen bzw. eine Überempfindlichkeit bei Geräuschen. Dies kann sich insbesondere als Angst vor lauten Geräuschen äußern. Eine Phonophobie ist häufig auf ein Lärmtrauma zurückzuführen. Bestimmte Geräusche werden von diesen Personen als extrem unangenehm empfunden, zum Beispiel laute Geräusche wie Hupen oder Alarmsignale.
Symptome der Phonophobie
In Extremfällen der Misophonie spricht man auch von Phonophobie: Diese Störung ist bestimmt durch die Angst oder die Wut beim Hören bestimmter Geräusche. In einer solchen Situation kann der Betroffene einen Nervenzusammenbruch, Schweißausbrüche und sogar Herzrasen erleiden, beispielsweise beim Geräusch von Besteck auf einem Teller. In diese Kategorie fällt auch die Furcht vor lauten Geräuschen wie Hupen, Alarmen, Sirenen, Feuerwerk und Verkehrslärm in großen Städten.
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Anzeichen einer Phonophobie:
- Panikattacken
- Nervenzusammenbrüche
- Beschleunigter Herzschlag
- Übermäßiges Schwitzen
- Stress
- Übelkeit
- Schwindel
- Unerklärliche körperliche Schmerzen
- Ohnmacht
Was ist Hyperakusis?
Hyperakusis ist eine Überempfindlichkeit gegenüber normalen Umgebungsgeräuschen. Die Unbehaglichkeitsschwelle sinkt dabei auf einen Wert unter 80 dB ab. Schwerhörige können leise Geräusche zwar nicht verstehen, auf lautere jedoch sehr empfindlich reagieren. Laute Geräusche lösen oftmals eine Schreckreaktion mit Herzjagen, Schweißausbrüchen, Anstieg des Blutdrucks und trockenem Mund aus.
Ursachen der Hyperakusis
Die Hyperakusis hat, ähnlich wie der Tinnitus, unterschiedliche Ursachen. Zu den organischen Ursachen gehören vor allem Innenohr-Schwerhörigkeiten. Auch bestimmte Epilepsie-Formen, Vorzeichen einer Migräne oder Medikamenten-Nebenwirkungen kommen in seltenen Fällen als Auslöser in Betracht.
Zu einer funktionierenden Hörverarbeitung gehört die Trennung von störendem und nützlichem Schall. Unser Gehör hat dazu bestimmte Filtermechanismen, die die jeweiligen akustischen Informationen entsprechend weiterleiten oder, falls nötig, hemmen. Bei der Hyperakusis kann sich die Aufmerksamkeit auch aufbestimmte Geräusche richten. Dabei werden spezielle, emotional negativ besetzte Geräusche als unangenehm empfunden - obwohl die Lautstärke nicht sehr hoch ist (Beispiel: quietschende Tür). Stress und psychische Belastungen können diese Empfindlichkeit noch verstärken. So wird ein Kreislauf aus Angst vor Geräuschen und negativer Verstärkung in Gang gesetzt.
Schwerhörigkeit und ihre Auswirkungen
Innenohrschwerhörigkeit liegt vor, wenn eine Schädigung oder Funktionsschwäche in Teilen des Innenohrs, seltener dem Hörnerv oder dem Gehirn, vorliegt. Bei der Schallempfindungsschwerhörigkeit werden die Schallsignale noch relativ gut empfangen, aber sie werden verändert wahrgenommen, da die Frequenzen - beginnend mit den hohen Tönen - unterschiedlich stark verloren gehen. Das hat Auswirkungen auf den Aufbau, das Klangbild und die Qualität der gehörten Sprache bzw Töne.
Mögliche Ursachen für Schwerhörigkeit:
- Lärm über der Schmerzgrenze von 120 dB
- Tägliche mehrstündige Lärmbelastung über 80 dB ohne Gehörschutz
- Nebenwirkungen von bestimmten Medikamenten
- Stoffwechselerkrankungen
- Störung im Hörzentrum, meist einhergehend mit anderen neurologischen Veränderungen
Therapie und Behandlungsmöglichkeiten
Für Misophonie gibt es keine spezifische Heilung. Eine mögliche Behandlung zielt darauf ab, die Symptome zu lindern und den Betroffenen dabei zu helfen, besser mit den emotionalen Reaktionen auf Triggergeräusche umzugehen.
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Selbsthilfe und Entspannungstechniken
Wichtig ist, dass Sie über Ihr Problem sprechen und sich selbst dabei beobachten, wann und wie oft es zu einer Überreaktion auf bestimmte Geräusche kommt. Wenden Sie sich an Ihr nahes Umfeld und involvieren Sie die Personen.
Um bei Misophonie Hilfe zu finden, sind vor allem die Kontrolle über die eigenen Emotionen und die Fähigkeit, sich aktiv zu entspannen, wertvoll. Methoden wie Progressive Muskelentspannung, Yoga oder Tai Chi sind sehr effektiv und helfen, Stress und Angst zu reduzieren, die oft mit Misophonie einhergehen.
Psychologische Hilfe
Zeigen sich trotz der Entspannungsübungen weiterhin Symptome, so kann eine Psychotherapie helfen. Die Kognitive Verhaltenstherapie hat sich als eine wirksame Methode zur Behandlung von Misophonie erwiesen. Dabei lernen die Betroffenen, ihre Reaktionen auf Triggergeräusche neu zu bewerten und alternative Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Ziel ist es, negative Gedankenmuster und Verhaltensweisen zu identifizieren und zu ändern. In einigen Fällen kann auch die schrittweise Konfrontation gegenüber den Triggergeräuschen dazu beitragen, dass die emotionale Reaktion allmählich abnimmt. Dies sollte jedoch unter Anleitung eines qualifizierten Therapeuten erfolgen.
Offene Kommunikation und Austausch
Auch das Sprechen mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen kann zu einer Verbesserung beitragen. Versuchen Sie Ihr Leiden nicht aus Angst, Ihre Mitmenschen würden das Problem nicht ernst nehmen, zu unterdrücken. Eine offene Kommunikation sorgt dafür, dass auch Andere Ihre verminderte Geräuschtoleranz tolerieren und Rücksicht nehmen können.
Weitere Therapieansätze
Je nach Ursache der Geräuschempfindlichkeit gibt es verschiedene audiologische Befunde. Oft zeigt sich ein normaler Hörbefund im Tonschwellen- und Sprachaudiogramm, bei dem aber die Unbehaglichkeitsschwelle herabgesetzt ist. Bei Innenohr-Schwerhörigkeiten kann ein fehlender Lautheits-Ausgleich („Recruitment“) Ursache der Geräusch-Überempfindlichkeit sein. Die Hyperakusis kann auch Symptom einer Begleiterkrankung im Rahmen einer Depression, Angststörung, eines Burnouts oder einer anderen Krise sein.
Was man gegen Misophonie machen kann
Die Verknüpfung im Hirn lässt sich nicht in kurzer Zeit „umbauen“. Die Misophonie-Behandlung kann deshalb nur darauf abzielen, die aufflammenden Gefühle kontrollieren zu lernen.
Umgang mit Phonophobie
In der Vergangenheit bestand der therapeutische Ansatz in der unterschiedslosen Vermeidung von jeglichem Geräusch bzw. Lärm, wobei sogar Ohrstöpsel oder andere Hilfsmittel zum Verschließen der Ohren zum Einsatz kamen. Nicht nur konnte mit dieser Methode keine positive Wirkung erzielt werden, sondern sie führte zu einer Verschärfung der Phonophobie, denn die Verringerung akustischer Reize erhöht die Sensibilität der Nervenbahnen, die für die Übertragung von Schall auf kortikaler Ebene verantwortlich sind. In den neunziger Jahren setzten sich neue Therapiekonzepte beruhend auf Klangtherapie, Counselling und kognitiver Verhaltenstherapie durch.
Reizüberflutung und Hochsensibilität
Lichter, Töne, Farben, Gerüche und Aromen werden in der Werbung gerne als Explosion der Sinne beworben - für hochsensible Menschen kann dieser Schwall an Reizen allerdings zu einem unangenehmen Zustand führen, der sie im Alltag überfordert. Zu viele Eindrücke strömen zur gleichen Zeit auf das Gehirn ein, die Grenzen der Wahrnehmung werden erreicht und schneller als bei normal sensiblen Menschen überschritten.
Was ist Reizüberflutung?
Beim Begriff Reizüberflutung handelt es sich nicht um einen medizinischen Fachbegriff, sondern um eine umgangssprachliche Metapher, mit der eine Überforderung der menschlichen Sinne zum Ausdruck gebracht werden soll. In die psychosoziale Therapie hat der Begriff inzwischen Einzug gehalten und gewinnt auch im Alltag mehr und mehr an Bedeutung. Stattdessen behilft man sich mit einem vagen Zuviel, was schlichtweg bedeutet: Zu viele Eindrücke bzw. Reize können nicht verarbeitet werden.
Reizüberflutung und ihre Auswirkungen
Bei einer Reizüberflutung befindet sich der Körper im Dauerstress. Für die Betroffenen wird es in manchen Fällen beinahe unmöglich, ein normales Leben zu führen. Was für andere Menschen selbstverständlich ist, wird für hochsensible Personen zu einer Herausforderung. Die dauerhafte Einschränkung kann dabei insbesondere auch zu einer ernstzunehmenden psychischen Belastung führen - zumal dem Umfeld oft das nötige Verständnis fehlt.
Symptome der Reizüberflutung
Wie die Empfindlichkeitsschwelle fallen auch die Symptome der Erkrankung sehr individuell aus. Klare allgemeingültige Anzeichen, an denen sich die Überforderung des Gehirns festmachen ließe, gibt es nicht. Hochsensible Menschen weisen häufig Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen, Ängste und Aggressionen auf. Im Extremfall kann es zu Depressionen, chronischen Schmerzzuständen, Migräne und sogar dem Burnout-Syndrom kommen.
Umgang mit Reizüberflutung
Da sich die Auslöser also nicht vermeiden lassen, ist der richtige Umgang mit ihnen umso wichtiger. Die innere Alarmanlage des Körpers lässt sich nämlich überlisten - zumindest teilweise. Wichtig: Wenn Sie feststellen, dass Sie oder Ihr Kind übermäßig stark auf Reize reagieren und Ihnen die genannten Tipps keine Erleichterung verschaffen, sollten Sie möglichst bald professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.
Eine simple Methode, das Gehirn vor Auslösern zu schützen, ist die innere Stimme. Mit einem inneren Summen lässt der Resonanzkörper im Kopf Geräusche von außen verstummen oder zumindest leiser werden. Ein wichtiger Schlüssel ist auch Ruhe, die in der modernen Welt oftmals schon als purer Luxus gilt. Ruhe entsteht allerdings nicht von selbst, sondern muss gezielt gesucht und geschaffen werden. Gönnen Sie Ihrem Gehirn daher regelmäßig Ruhephasen, in denen jeder mögliche Reiz von außen ausgeschlossen wird. Das heißt: Kein Handy, kein Fernseher, kein Laptop und vor allem kein Multi Tasking.
Stimmenhören
Viele Menschen haben schon einmal Stimmen im Kopf gehört. Manche Personen hören gelegentlich oder auch häufig Stimmen. Für einen Teil dieser Menschen ist dieses Phänomen unproblematisch, während andere extrem darunter leiden können. Stimmenhören kann auch auf eine schwerwiegende Erkrankung der Psyche oder des Gehirns hindeuten und sollte unbedingt fachärztlich abgeklärt werden.
Ursachen und Umgang mit Stimmenhören
„Stimmenhören und andere Halluzinationen können im Rahmen einer beginnenden Psychose auftreten, weswegen es sehr wichtig ist, zeitnah einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie aufzusuchen. Charakteristisch für eine Psychose ist, dass Betroffene in unterschiedlichem Ausmaß den Bezug zur Realität verlieren und Dinge wahrnehmen, die in Wahrheit nicht vorhanden sind. Das können dann Stimmen sein, die Befehle geben oder Situationen kommentieren aber auch unangenehme Gerüche, Lichtblitze sowie eine veränderte Farbwahrnehmung“ berichtet Prof. Peter Falkai von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin.
Einem anderen Teil der Stimmenhörer gelingt von sich aus ein erfolgreicher Umgang mit den Stimmen. Sie begreifen diese als eine Art Besonderheit ihres zentralen Nervensystems oder nutzen die Stimmen auch als Gradmesser der eigenen Befindlichkeit. Die Stimmen zeigen ihnen auf, dass sie vielleicht gerade unter besonderer Anspannung oder in einer Konfliktsituation stehen und man dies als Gelegenheit nutzen kann, sich etwas zurückzunehmen und mehr Regenerationsphasen einzuplanen. Manchen Menschen gelingt es, die Wahrnehmung auf die als positiv empfunden Stimmen zu lenken, Stimmen einzugrenzen, zuzulassen, verstummen zu lassen oder auch in einen konstruktiven «Dialog» mit den Stimmen zu treten. Auch berichten einige, dass die Stimmen ihnen Aufschlüsse über ungelöste Lebensprobleme geben und dies bei der Bewältigung von Problemen helfen kann.