Was tun bei einem epileptischen Anfall: Erste Hilfe und wichtige Informationen

Epileptische Anfälle können beängstigend sein, besonders für Laien, die Zeugen eines solchen Ereignisses werden. Dieser Artikel soll über das richtige Verhalten bei einem epileptischen Anfall informieren und wichtige Aspekte der Epilepsie beleuchten.

Was ist Epilepsie?

„Eine Epilepsie entsteht durch Hirnveränderungen, bei denen die elektrische Erregbarkeit erhöht ist“, erklärt Dr. Rakicky. Epilepsie umfasst eine Vielzahl von chronischen Erkrankungen des zentralen Nervensystems, die aufgrund einer Überaktivität der Nervenzellen im Gehirn auftreten. Diese Überaktivität kann anfallsartige Funktionsstörungen auslösen. „Die Erscheinungsformen einer Epilepsie variieren je nach Ursprungsort im Gehirn. Sie reichen von wenigen Sekunden andauernden Aussetzern, sogenannte Absencen, über Zuckungen einer Extremität bis hin zu komplexen Bewegungs- und Bewusstseinseinschränkungen. Die Ursache ist vielfältig, aber oft nicht eindeutig.

Formen epileptischer Anfälle

Die verschiedenen Formen von epileptischen Anfällen kann man grob unterteilen in sogenannte fokale Anfälle, die nur Teile des Gehirns betreffen, und generalisierte Anfälle, die das gesamte Gehirn betreffen. Die Symptome bei einem fokalen Anfall hängen davon ab, in welchem Teil des Gehirns die Nervenzellen übermäßig stark feuern. Das, was du als Außenstehender beobachten kannst, sind Zuckungen, Verkrampfungen oder Versteifungen bestimmter Körperteile. Manchmal lässt die Muskelanspannung in einem Körperteil abrupt nach. Einige Betroffene spüren nur ein Kribbeln, plötzliche Wärme oder Kälte und einige haben sogar Halluzinationen. Dann riechen, schmecken, hören oder sehen sie etwas, das gar nicht da ist. In anderen Fällen ist das Bewusstsein der Betroffenen gestört. Sie wirken benommen, verwirrt oder abwesend. Hier spricht man von einem komplexen fokalen Anfall. Häufig kannst du auch Automatismen beobachten wie Kauen und Schmatzen, Scharren mit den Füßen oder Nesteln an der Kleidung. Die Betroffen können sich hinterher nicht daran erinnern. Ein fokaler Anfall kann sich zu einem generalisierten epileptischen Anfall ausweiten, wenn die Nervenzellen im gesamten Gehirn überreagieren. Es kommt zu Muskelzuckungen oder -krämpfen im ganzen Körper, häufig mit Bewusstseinsstörungen. Eine eher milde Form sind die sogenannten Absencen, eine kurze geistige Abwesenheit. Die Betroffenen wirken für einige Sekunden abwesend und blicken ins Leere. Manchmal ist es, als würden sie bei ihren Tätigkeiten einfrieren. Sie stoppen, was sie tun, für ein paar Sekunden. Wenn sie weitermachen, erinnern sie sich nicht daran. Die häufigste Form des generalisierten epileptischen Anfalls ist der sogenannte große Krampfanfall, auch „Grand Mal“ genannt. Der verläuft in zwei Phasen: Zuerst versteift sich der ganze Körper, die Betroffenen verlieren das Bewusstsein und atmen nur noch sehr flach. In Kombination mit der hohen Muskelanspannung kann das zu Sauerstoffmangel führen. Das erkennst du daran, dass sich die Haut oder die Lippen blau färben. Nach zehn bis 30 Sekunden setzt die zweite Phase mit unkontrollierten Zuckungen ein. Diese Phase dauert in der Regel nur ein bis zwei Minuten.

Ursachen und Häufigkeit

Epilepsien sind zwar seit dem Altertum bekannt, die Ursache der Erkrankung ist jedoch noch nicht völlig geklärt. In vielen Fällen ist eine Form der Epilepsie schon früher in der Familie aufgetreten, was für eine erbliche Veranlagung spricht. In einigen Fällen kann man Veränderungen im Erbmaterial (Genmutation) erkennen. Manche Anfälle können sich in Folge von Unfällen (posttraumatisch) oder als Reflexantwort ereignen. Bei anderen Anfällen können Veränderungen in der Gehirnstruktur (z. B. eine fokale kortikale Dysplasie) ursächlich sein.

„Jeder Zehnte erlebt bis zu seinem 80. Lebensjahr einmal einen epileptischen Anfall. Er ist also keineswegs eine Seltenheit“, sagt der Helmstedter Neurologe. „Ein einzelner epileptischer Anfall bedeutet jedoch nicht, dass eine Epilepsie besteht. Etwa ein Prozent der Deutschen hat eine aktive Epilepsie. Die Diagnose hängt insbesondere von der Wahrscheinlichkeit eines weiteren Anfalls ab.“

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Diagnose

Um eine Epilepsie diagnostizieren zu können, bedarf es genauer Informationen zum Ablauf des Anfalls. Betroffene haben häufig keine Erinnerung daran. Hier setzt Dr. Laien sind meist unsicher, wenn sie einen epileptischen Anfall miterleben. Der Neurologe versichert: „Das richtige Verhalten ist gar nicht so kompliziert.“

Erste Hilfe bei einem epileptischen Anfall

Grundsätzlich ist es am wichtigsten, Ruhe zu bewahren und die betroffene Person nicht allein zu lassen - auch nicht, um Hilfe zu holen. „Die meisten Anfälle sind nicht gefährlich und nach ein, zwei Minuten vorbei. Patienten sollten vor Verletzungen geschützt und aus Gefahrenbereich gebracht werden“, informiert Dr. Rakicky zur Ersten Hilfe bei einem Anfall. „Wichtig ist, auf den Kopf zu achten und möglichst eine Jacke oder ein Kissen darunter zu legen. Auf keinen Fall sollten Betroffene während ihres Anfalls festgehalten oder zu Boden gedrückt werden. Die Atemwege seien zudem möglichst freizuhalten - zum Beispiel durch eine Seitenlagerung. Sitzt die Kleidung am Hals eng, sollte sie gelockert werden. Nach dem Anfall ist es wichtig, die Atemwege zu kontrollieren. Bestehen Atemprobleme, muss der Notarzt gerufen werden. „Schauen Hilfeleistende während des Anfalls auf die Uhr, können sie dessen Dauer für den behandelnden Arzt dokumentieren“, sagt Dr. Rakicky. „Dauert ein epileptischer Anfall nämlich länger als fünf Minuten, handelt es sich um einen Notfall und ein Notarzt muss gerufen werden.“ Manche Menschen mit Epilepsie tragen ein Notfallmedikament bei sich.

Was man tun sollte

  • Ruhe bewahren: Ein epileptischer Anfall sieht für jeden Menschen beunruhigend aus, ist aber meist harmlos und nach wenigen Sekunden, aber meist nach höchstens zwei Minuten wieder vorbei.
  • Patienten nicht alleine lassen, beruhigend auf ihn einreden.
  • Patienten vor Verletzungen schützen: Wichtig ist vor allem, auf den Kopf zu achten. Man kann zum Beispiel eine Jacke oder ein Kissen unter den Kopf legen, die Brille abnehmen und gefährliche Gegenstände außer Reichweite bringen.
  • Gefährliche Gegenstände entfernen: Entfernen Sie zum Beispiel Gläser, Besteck, Tisch, Stühle oder Vasen aus der unmittelbaren Umgebung.
  • Den Patienten nicht festhalten.
  • Atemwege freihalten: Sitzt die Kleidung am Hals eng, sollte man sie lockern. Nach dem Anfall ist es wichtig zu kontrollieren, ob die Atemwege frei sind. Falls starke Speichelabsonderung auftritt, sollte man den Kopf auf eine Seite drehen, damit sich der/die Patient*in nicht verschluckt. Gelegentlich kommt es während eines Anfalls oder unmittelbar danach zum Erbrechen.
  • Auf die Uhr schauen, wie lange der Anfall dauert: Meist beginnt ein Anfall plötzlich und ist nach 1 oder 2 Minuten wieder vorbei. Selten dauert ein Anfall länger als fünf Minuten.
  • Anfallsdauer messen: Während des Anfalls ist es hilfreich, die Uhr im Auge zu behalten. So erkennen Sie, ob der epileptische Anfall eventuell ungewöhnlich lang andauert - dann ist es wichtig, den Notarzt einzuschalten.
  • Sicherheit vermitteln: Sowohl während eines Anfalls als auch danach sind die Patienten manchmal ängstlich und fühlen sich schlecht. Stehen Sie ihnen bei und vermitteln Sie Sicherheit.
  • Beobachten und möglichst Notizen oder ein Handyvideo machen, denn sorgfältige Angaben über das Bild und die Dauer des Anfalls sind später für Ärztinnen und Ärzte von großer Wichtigkeit.
  • Nach dem Anfall dableiben und helfen: Eine Person, die einen Anfall hinter sich hat, kann einige Zeit benötigen, um wieder zu sich zu kommen. Vielleicht hat sie einen Wunsch oder braucht Orientierung. Manche Menschen sind sehr müde und möchten sofort schlafen. Sie werden am besten in die stabile Seitenlage gebracht.
  • Schamgefühl berücksichtigen: Verhindern Sie, dass sich bei epileptischen Anfällen in der Öffentlichkeit Zuschauer ansammeln. Wenn der Patient während des Anfalls Urin oder Kot verliert, decken sie das Malheur mit einer Jacke oder Decke ab.
  • Atemwege kontrollieren: Kontrollieren Sie nach dem Anfall, ob die Atemwege des Patienten frei sind.
  • Stabile Seitenlage: Manche Patienten sind nach einem epileptischen Anfall sehr erschöpft und wollen sich ausruhen.
  • Einige Betroffene haben einen Epilepsie-Notfallausweis dabei, der Informationen über die Erkrankung, benötigte Medikamente und Kontaktpersonen enthält. Manche Menschen mit Epilepsie tragen ständig ein Notfallmedikament bei sich, damit Personen, die einen Anfall miterleben, es einsetzen können. Dauert ein Anfall länger an, kann das Medikament als Tablette in die Wangentasche gelegt oder als Creme über eine kleine Tube in den After gespritzt werden, um den Anfall zu beenden. Die Notärztin oder der Notarzt kann Medikamente in die Vene spritzen.
  • Es kann hilfreich sein, sich zu merken, wie genau der Anfall abgelaufen ist. Genaue Beobachtungen können Ärztinnen und Ärzten später bei der Diagnose helfen.

Was man nicht tun sollte

  • Nicht festhalten! Ganz wichtig ist auch: Halten Sie den Betroffenen bei Muskelkrämpfen und Zuckungen nicht fest. Womöglich brechen sonst Knochen.
  • Nicht festhalten! Auf keinen Fall sollte die oder der Betroffene während des Anfalls festgehalten oder zu Boden gedrückt werden. Dem Anfall sollte man soweit es geht seinen Lauf lassen.
  • Nichts zwischen die Zähne schieben! Manche Menschen beißen sich während eines epileptischen Anfalls in die Zunge. Versuchen Sie bitte trotzdem nicht, dem Patienten etwas zwischen die Zähne zu schieben, schon gar nicht gewaltsam. Der Betroffene und auch Sie selbst werden dabei womöglich verletzt. Niemals etwas zwischen die Zähne schieben, um das Beißen auf die Zunge zu verhindern.
  • Dieden Betroffenen festhalten oder zu Boden drücken
  • der betroffenen Person etwas in den Mund schieben - auch wenn sie sich in die Zunge beißt

Wann den Notarzt rufen?

Bei einem großen Anfall muss nicht immer der Rettungsdienst gerufen werden: Geht er schnell vorüber und kommt die Person schnell wieder zu sich, kann man besprechen, ob eine Notärztin oder ein Notarzt gerufen werden soll. Der Anfall dauert länger als fünf Minuten.Es kommt zu mehreren Anfällen hintereinander.Es gibt Atemprobleme.Es kam zu Verletzungen.Man weiß, dass es der erste Anfall war.Die Person kommt nicht wieder zu sich.Dauert der Anfall länger als fünf Minuten, empfiehlt es sich, unbedingt den Rettungsdienst verständigen. Es handelt sich dann möglicherweise um einen Status epilepticus, der immer eine ärztliche Behandlung erfordert.Ein epileptischer Anfall kann verschiedene Ursachen haben und das Symptom eines lebensbedrohlichen Notfalls sein. Wählen Sie daher immer den Notruf 112 und rufen Sie professionelle Hilfe.

Notfallmedikamente

Dauert ein Anfall länger an, kann das Medikament als Tablette in die Wangentasche gelegt oder als Creme über eine kleine Tube in den After gespritzt werden, um den Anfall zu beenden. Die Notärztin oder der Notarzt kann Medikamente in die Vene spritzen.

Leben mit Epilepsie

Viele Menschen mit Epilepsie sind wenige Minuten nach dem Anfall völlig wiederhergestellt. Wenn die Medikamente dazu führen, dass die Betroffenen anfallsfrei sind oder deutlich weniger Anfälle erleiden, können diese ein weitgehend normales Leben führen. Solange das Risiko von Anfällen besteht, dürfen die Betroffenen jedoch kein Kraftfahrzeug fahren.

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Auslöser vermeiden

Epileptische Anfälle können aus heiterem Himmel auftreten. In vielen Fällen sind aber auch bestimmte Trigger eines Anfalls bekannt. Die Auslöser können sich im individuellen Fall unterscheiden. Zu den häufigsten Triggern von epileptischen Anfällen gehören unter anderem: Schlafmangel, unregelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus, starke körperliche oder seelische Belastung (Stress), hohes Fieber, Alkohol und Alkoholentzug, Drogen oder Schlafmittelentzug, eher selten flackerndes Licht (Computerspiele, Stroboskopbeleuchtung in Clubs).

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