Die vaskuläre Migräne, oft auch als vestibuläre Migräne oder Schwindelmigräne bezeichnet, ist eine spezielle Form der Migräne, die neben den typischen Kopfschmerzen auch mit Schwindel und Gleichgewichtsstörungen einhergeht. Diese Form der Migräne rückt in der Wissenschaft und Medizin immer mehr in den Vordergrund, da die Symptome oft auch ohne Kopfschmerzen auftreten und daher nicht direkt mit einer Migräne in Verbindung gebracht werden.
Symptome der vestibulären Migräne
Die Symptome der vestibulären Migräne können vielfältig sein und von Person zu Person variieren. Im Allgemeinen müssen zur Diagnosestellung mindestens fünf Schwindelattacken von mindestens fünf Minuten Dauer aufgetreten sein. Außerdem muss eine aktive oder zurückliegende Migräne diagnostiziert worden sein. Weiterhin müssen zusätzliche Migränezeichen wie Aura, Tonempfindlichkeit oder Lichtempfindlichkeit bestehen.
Zu den häufigsten Anzeichen einer Schwindelmigräne gehören:
- Schwindel: Meist handelt es sich um einen Drehschwindel, gelegentlich aber auch um ein Bewegungsgefühl (Schwanken, Kippen).
- Gleichgewichtsstörungen: Unsicherheiten im Gehen oder Stehen sind möglich.
- Dauer: Die Beschwerden dauern zwischen 5 Minuten und 72 Stunden an.
- Verstärkung durch Lageveränderung: Der Schwindel nimmt eventuell bei Veränderung der Körperlage zu.
- Augenbewegungen: Es kommt zu zuckenden Augenbewegungen (Nystagmus), die für den Betroffenen selbst spür- und für andere sichtbar sind.
- Visuell-induzierter Schwindel: Der Schwindel kann durch Licht oder sich bewegende Objekte ausgelöst werden.
- Kopfschmerzen: Bei begleitendem Kopfschmerz kann Schwindel Migräne vorausgehen, überlappend auftreten oder nachfolgen. Gelegentlich tritt nur leichter Kopfdruck auf.
- Begleitende Symptome: Übelkeit, Brechreiz, Erbrechen, Licht- oder Geräuschempfindlichkeit sind möglich.
Es ist wichtig zu beachten, dass die Schwindelattacken auch isoliert als einziges Symptom auftreten können, meist ohne begleitende oder nachfolgende Kopfschmerzen. Die Attacken können auch mehrmals pro Tag auftreten.
Ursachen der vestibulären Migräne
Die genauen Ursachen für eine vestibuläre Migräne sind noch nicht vollständig bekannt. Wissenschaftler vermuten, dass die enge räumliche Nähe zwischen dem Gleichgewichtssystem (vestibuläres System) und dem schmerzverarbeitenden System im Hirnstamm eine Rolle spielt. Das vestibuläre System besteht aus Teilen des Innenohrs und wird zur Steuerung des Gleichgewichts und der Haltung benötigt.
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Mögliche Auslöser und Risikofaktoren für eine vestibuläre Migräne sind:
- Genetische Veranlagung: Kommt die vestibuläre Migräne bereits in der Familie vor, ist die Wahrscheinlichkeit größer, selbst daran zu erkranken.
- Triggerfaktoren: Bestimmte Triggerfaktoren können Schwindel und Migräne auslösen, ähnlich wie bei der normalen Migräne. Dazu gehören Stress, Lebensmittelunverträglichkeiten, Wetter, Licht- oder Geräuschreize sowie hormonelle Schwankungen.
- Stress und Schlafmangel: Ist das Gehirn überreizt, kann es sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern zu Kopfschmerzen kommen, und eine Störung der körpereigenen Mechanismen wirkt sich auch auf das vestibuläre System aus.
- Hormonelle Veränderungen: Geraten die Hormone in Aufruhr, zum Beispiel bei Frauen mit Eintritt in die Wechseljahre, nach Absetzen der Pille oder während einer Schwangerschaft, kann das ebenfalls das häufige Auftreten von Kopfschmerzen, Migräne und der speziellen Schwindelmigräne begünstigen.
- Ernährung: Auch bestimmte Lebensmittel können bei einer vorhandenen Unverträglichkeit oder Allergie die Symptome einer Schwindelmigräne auslösen.
- Umweltfaktoren: Sowohl Licht als auch bestimmte Geräuschimpulse können bei einer entsprechenden Veranlagung Schwindelmigräne auslösen. Besonders wetterfühlige Menschen sind unter Umständen bei Veränderungen der Witterungsverhältnisse auch von der Schwindelmigräne betroffen.
- Lebensstil: Wie viele andere Erkrankungen hängt auch die vestibuläre Migräne stark mit der individuellen Ernährung und Lebensweise zusammen. Fehlen dem Körper wichtige Nährstoffe, kann dies das Auftreten entsprechender Symptome nach sich ziehen.
Diagnose der vestibulären Migräne
Die Diagnose einer vestibulären Migräne kann schwierig sein, da die Symptome mitunter diffus ausfallen und auch auf andere Erkrankungen hinweisen können. Die internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) und die Bárány-Society haben Diagnosekriterien veröffentlicht, um Ärzten eine Hilfestellung zu geben, um eine Schwindelmigräne festzustellen und dadurch andere Erkrankungen wie Morbus Menière auszuschließen.
Die Diagnostik basiert primär auf der umfassenden Schwindel- und Kopfschmerzanamnese. Kennzeichnend für die Erkrankung sind anfallsweise auftretende vestibuläre Symptome von mittelstarker bis starker Intensität und einer Dauer zwischen 5 Minuten und 72 Stunden. Dabei können verschiedene Schwindelformen wie akuter Drehschwindel, posturale Instabilität oder visuell induzierter Schwindel auftreten - auch in Kombination.
Ein wichtiges differenzialdiagnostisches Kriterium ist die Dauer der Schwindelattacken. Schwieriger wird es bei Morbus Menière, bei dem der Schwindel über Stunden anhalten kann. Während aber die auditorischen Symptome bei vestibulärer Migräne nur leicht und von vorübergehender Natur sind, zeichnet sich der Morbus Menière durch deutliche und anhaltende Hörverluste im Niedrigfrequenzbereich aus.
Zum Ausschluss von strukturellen Hirnveränderungen dient die kraniale MRT.
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Differentialdiagnose
Es ist wichtig, die vestibuläre Migräne von anderen Erkrankungen abzugrenzen, die ähnliche Symptome verursachen können. Dazu gehören:
- Morbus Menière: Eine Erkrankung des Innenohrs, die ebenfalls mit Schwindel und einer Störung des Gleichgewichts verbunden ist. Im Unterschied zur vestibulären Migräne ist Morbus Menière jedoch durch deutliche und anhaltende Hörverluste im Niedrigfrequenzbereich gekennzeichnet.
- Basilarismigräne: Eine Migräneform, die mit Schwindelgefühlen, Übelkeit, Seh- und Sprachstörungen oder Taubheitsgefühlen einhergehen kann. Als Ursache gilt die Durchblutungsstörung einer Schlagader im Hirnstamm.
- Neuritis vestibularis: Eine Entzündung des Gleichgewichtsnervs, die zu akutem Drehschwindel führt.
- Hirnstamm- oder Kleinhirnischämien: Diese können ebenfalls mit Schwindel über Stunden bis Tage einhergehen.
Behandlung der vestibulären Migräne
Die Therapie der Schwindelmigräne ähnelt der einer normalen Migräne. Ziel der Behandlung ist es, die Häufigkeit und Intensität der Attacken zu reduzieren und die Symptome zu lindern.
Medikamentöse Therapie
- Akuttherapie: Gegen den Schwindel kommen spezielle Medikamente, sogenannte Antivertiginosa, zum Einsatz. Bei starken Schmerzen können nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Aspirin helfen. Bei mittelschweren bis schweren Migräneattacken werden oft Triptane eingesetzt, die spezifisch auf die Attacken wirken und Symptome wie Schmerzen, Übelkeit und Lichtempfindlichkeit reduzieren können.
- Prophylaxe: Eine medikamentöse Prophylaxe kann sinnvoll sein, wenn die Attacken häufig auftreten oder sehr belastend sind. Hier kommen verschiedene Medikamente in Frage, darunter Betablocker, Flunarizin, Valproat, Topiramat, Pestwurz, Magnesium, Amitriptylin, Acetylsalicylsäure, Naprocen und Riboflavin (Vitamin B2).
Nicht-medikamentöse Therapie
Neben der medikamentösen Therapie spielen auch nicht-medikamentöse Maßnahmen eine wichtige Rolle bei der Behandlung der vestibulären Migräne:
- Vermeidung von Triggern: Das Vermeiden der Trigger kann helfen, Migräneattacken zu reduzieren.
- Änderung des Lebensstils: Eine gesunde Lebensweise mit ausreichend Schlaf, regelmäßiger Bewegung und einer ausgewogenen Ernährung kann die Häufigkeit und Intensität der Attacken reduzieren.
- Stressmanagement: Stress ist ein häufiger Auslöser von Migräneattacken. Entspannungstechniken wie progressive Muskelrelaxation, Yoga oder Meditation können helfen, Stress abzubauen.
- Physiotherapie: Bei Gleichgewichtsstörungen kann Physiotherapie helfen, das Gleichgewicht zu verbessern und die Körperhaltung zu stabilisieren.
- Verhaltenstherapie: Eine Verhaltenstherapie kann helfen, mit der Erkrankung besser umzugehen und Strategien zur Bewältigung der Symptome zu entwickeln.
Was tun bei akuten Symptomen?
Um einen Anfall vestibulärer Migräne zu vermeiden, sollte man mögliche Auslöser frühzeitig erkennen und vermeiden. Ruhe in einer dunklen und ruhigen Umgebung kann bei vestibulärer Migräne für Linderung sorgen. Ein Nickerchen oder das Hinlegen mit geschlossenen Augen kann helfen, Schwindel, Übelkeit und Müdigkeit zu verringern. Achten Sie darauf viel zu trinken, um den Flüssigkeitshaushalt aufrechtzuerhalten.
Vestibuläre Migräne bei Kindern
Auch Kinder können von vestibulärer Migräne betroffen sein. Tatsächlich sind Anfälle von Schwankschwindel bzw. Lagerungsschwindel bei Kindern gar nicht selten. Weit häufiger als Erwachsene leiden Kinder unter vestibulärer statt gewöhnlicher Migräne. Die Neurologie geht derzeit davon aus, dass sich rund 50 Prozent aller Migräne Diagnosen bei Kindern auf eine Migräne mit vestibulärer Aura beziehen. Klagen Kinder häufig über Kopfschmerz, sollten Eltern deshalb eine klinische Untersuchung veranlassen.
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