Entwicklung des Kleintiergehirns: Hydrozephalus, Neurologische Erkrankungen und Forschung

Das Gehirn von Kleintieren wie Hunden und Katzen ist ein komplexes Organ, das anfällig für verschiedene Entwicklungsstörungen und Erkrankungen sein kann. Dieser Artikel beleuchtet die Entwicklung des Kleintiergehirns, wobei der Fokus auf dem angeborenen Hydrozephalus internus, neurologischen Erkrankungen und den Fortschritten in der Forschung liegt.

Angeborener Hydrozephalus internus

Der angeborene Hydrozephalus internus ist eine schwerwiegende Missbildung des Gehirns, die bei Hunden und Katzen auftreten kann. Das Gehirn von Mensch und Tier verfügt über ein inneres Hohlraumsystem (Ventrikel), in welches ständig eine wässrige Flüssigkeit, der sogenannte Liquor, abgegeben wird. Diese Flüssigkeit transportiert Abfallstoffe des Gehirnes aber auch wichtige Botenstoffe zwischen verschiedenen Gehirnregionen. Der Liquor wird unterhalb des Kleinhirnes aus dem Gehirn heraus transportiert und fließt zwischen das Gehirn und die Hirnhaut.

Ursachen und Entstehung

Durch nicht genau bekannte Ursachen kommt es zu einer Verschiebung des Gleichgewichtes zwischen Produktion und Aufnahme der Gehirnflüssigkeit. Dies entsteht oft schon im Mutterleib, es kann aber auch erst innerhalb der ersten Lebensmonate auftreten. Durch das gestörte Gleichgewicht staut sich der Liquor innerhalb der Gehirnventrikel an. Da das Gehirn eine sehr weiche Konsistenz hat, gibt es dem zunehmenden Druck nach und die Ventrikel erweitern sich. Ein „Wasserkopf“ entsteht, der eigentlich besser „Wassergehirn“ heißen sollte. Es scheint, dass die Brachyzephalie, also die Kurzköpfigkeit und Kurznasigkeit bei Hunden und Katzen einen prädisponierenden Faktor für die Entwicklung eines Hydrozephalus darstellt.

Symptome

Zu Beginn der Stauung der Gehirnflüssigkeit haben die Tiere wenn überhaupt nur wenig sichtbare Krankheitsanzeichen. Welpen sind oft müde und lustlos. Steigt der Druck an, kommt es zu schwerwiegenden Störungen. Bei Jungtieren, bei denen die Wachstumsfugen des Kopfes noch offen sind, wird der Schädel nach und nach größer und verformt sich sichtbar. Die Gehirnsubstanz baut sich nach und nach ab. Die Tiere werden blind und fangen an zu schielen. Sie taumeln und haben Schwierigkeiten aufzustehen. Meistens sind die betroffenen Welpen kleiner als ihre Geschwister. Auch können sie den Kopf schräg halten und sich um sich selber drehen. In vielen Lehrbüchern wird von epileptischen Anfällen berichtet, die unserer Erfahrung nach eher selten auftreten. Leider haben viele kleine brachycephale Hunderassen einen sehr kuppelförmigen Schädel, sodass man hier schnell fälschlicherweise den Verdacht eines Hydrozephalus äußern kann.

Bei älteren Tieren, bei denen die Schädelnähte geschlossen sind, fällt keine Umfangsvermehrung des Schädels auf und der Hydrozephalus hat keine sichtbaren äußerlichen Anzeichen. Da der Knochen nicht nachgeben kann, entwickeln sich bei diesen Tieren oft schnell und unvermittelt Symptome. Bei den älteren Tieren kann das Gehirn dem Druck der Flüssigkeit nicht nachgeben und wird von innen heraus gegen den Knochen gedrückt. Das führt zu anderen Symptomen als bei den Welpen. Solche Patienten zeigen epileptische Krampfanfälle mit rhythmischen Zuckungen der Gliedmaßen, Bewußtseinsverlust, Speicheln und unwillkürlichem Urin- und Kotabsatz. Diese epileptischen Anfälle sind nur schwer unter Kontrolle zu bringen.

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Diagnose

Die Diagnose kann auf unterschiedliche Weise erfolgen. Bei noch offenen Wachstumsfugen kann ein Ultraschall die erweiterten Ventrikel darstellen. Allerdings ist mit diesem bildgebenden Verfahren keine Unterscheidung zu anderen Missbildungen möglich, die ähnlich aussehen, allerdings nicht behandelbar sind (z.B. Hydranenzephalie). An sichersten ist eine Kernspintomographie die genaue Aussagen über Art und Ausmaß des Hydrozephalus zulässt. Darüber hinaus können andere Erkrankungen ausgeschlossen werden, die im Ultraschall oder in einer Computertomographie (CT) nicht sichtbar sind.

Therapie

Wie beschrieben, führt ein verminderter Abfluss von Liquor zu einer zunehmenden Erweiterung der Ventrikel. Dabei ist es aber von entscheidender Bedeutung wie schnell diese Erweiterung stattfindet. Nehmen die Ventrikelräume langsam und schrittweise an Volumen zu, kann es sein, dass die Tiere überhaupt keine Symptome aufweisen, obwohl das Gehirn immer weiter an Masse verliert. Bei vielen kleinen brachyzephalen Hunden liegen erweiterte Ventrikel vor, die ab einem gewissen Zustand nicht mehr an Volumen zunehmen. Es stellt sich ein Gleichgewichtszustand ein.

Medikamentelle Therapie

Das Ziel ist die Produktion der Hirnflüssigkeit zu senken. Dazu gibt es mehrere Möglichkeiten. Dis Strategie ist hier: Weniger Bicarbonat = weniger Wasser im Ventrikelraum = weniger Liquor. Das Medikament Furosemid oder Omeprazol hemmen verschiedene Transportpumpen für die Stoffe, die in den Ventrikelraum abgegeben werden. Der Nachweis der Wirksamkeit dieser Medikamente beruht auf den Ergebnissen von Tierversuchen aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts. gemessen.Das Problem der medikamentellen Behandlung ist, dass bei Ausfall einiger Produktionsmechanismen die anderen vermehrt aktiviert werden (”rebound effect”).

Operative Therapie

Die operative Therapie des Hydrocephalus internus beruht auf dem Prinzip der permanenten Ableitung von Liquor aus dem Ventrikelraum. Dazu wird ein spezielles Schlauchsystem (Shunt) in das Gehirn eingesetzt, das unter der Haut in den Bauchraum geführt wird. Auf diese Weise wird der Liquor dauerhaft abgeleitet und es kann sich kein Hochdruck mehr entwickeln. Um zu verhindern, dass zu schnell zu viel Liquor abgeht, wird ein hochentwickeltes Ventil aus der Neugeborenen-Medizin in das System eingebaut. Wichtig ist die postoperative Überwachung der Tiere, da der Teil des Shunts, der im Gehirn sitzt (Ventrikelkatheter) verstopfen kann. Ebenso kann sich eine Hirnentzündung oder eine Blutung im Gehirn entwickeln. Das Gehirn kann sich vollkommen erholen und die Symptome verschwinden. Leider kann eine bestehende Blindheit durch die OP nicht behoben werden. Die Langzeitprognose ist gut.

Neurologische Erkrankungen bei Kleintieren

Neben dem Hydrozephalus gibt es eine Vielzahl weiterer neurologischer Erkrankungen, die bei Kleintieren auftreten können. Diese können sich in unterschiedlichen Symptomen äußern und verschiedene Ursachen haben.

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Bandscheibenvorfall

Ein Bandscheibenvorfall kann ganz plötzlich auftreten: Noch vor wenigen Stunden war Ihr Tier unauffällig - und plötzlich zeigt es Schmerzen, Lahmheit oder sogar Lähmungen. Die Bandscheiben sitzen zwischen den Wirbeln der Wirbelsäule und wirken wie Stoßdämpfer. Wenn es zu einem Bandscheibenvorfall kommt, tritt Gewebe aus der Bandscheibe aus und drückt auf das empfindliche Rückenmark.

In unserer Klinik führen wir zunächst eine umfassende neurologische Untersuchung durch, um die betroffene Region einzugrenzen. Bei milden Fällen ohne Lähmungserscheinungen kann oftmals eine nicht-operative Behandlung erfolgen - bestehend aus: Schmerztherapie strikter Ruhe ggf. Wenn das Rückenmark stark gequetscht ist, Lähmungen auftreten oder die Tiefenschmerzwahrnehmung eingeschränkt ist, kann eine Operation notwendig sein.

Ein Bandscheibenvorfall ist für Sie und Ihr Tier eine belastende Situation. In der Klinik für Kleintiere der Stiftung Tierärztlichen Hochschule Hannover vereinen wir hochspezialisierte neurologische und chirurgische Kompetenz mit echter Tierliebe. Wir begleiten Sie Schritt für Schritt - von der Diagnose bis zur Nachsorge.

FCE und ANNPE

Ein Moment der Freude beim Toben - und plötzlich kann Ihr Hund nicht mehr laufen. Solche dramatischen Situationen erschrecken zutiefst. Kleines Material aus dem Inneren der Bandscheibe gelangt in ein Blutgefäß, das das Rückenmark versorgt - wie ein winziger „Bandscheibenpfropfen“. Dieses Gefäß wird verstopft, es kommt zur Minderdurchblutung (Infarkt) im betroffenen Rückenmarkssegment. Hier wird durch eine plötzliche, starke Belastung (z. B. Springen oder Rennen) Bandscheibenmaterial mit hoher Geschwindigkeit gegen das Rückenmark geschleudert. Gemeinsam ist beiden Erkrankungen: Sie entstehen plötzlich und ohne vorherige Anzeichen Betroffene Hunde zeigen neurologische Ausfälle (z. B.

Eine sichere Unterscheidung zwischen FCE und ANNPE ist ohne MRT nicht möglich. Daher sind folgende Schritte wichtig: Neurologische Untersuchung zur Lokalisation der Läsion MRT-Bildgebung zum Ausschluss anderer Ursachen (z. B. Eine Operation ist nicht möglich oder nötig - stattdessen steht die intensive konservative Betreuung im Mittelpunkt: Stabilisierung des Kreislaufs und Sauerstoffversorgung Schmerztherapie in der akuten Phase (je nach individueller Lage) Frühzeitige und individuell angepasste Physiotherapie Manuelle Harnblasenentleerung, weiche Lagerung, Druckstellenprophylaxe Ggf. Unterstützung mit Hilfsmitteln (z. B. Die Prognose hängt stark vom Schweregrad der Rückenmarksläsion ab.

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Erkrankungen des peripheren Nervensystems (PNS)

Wenn ein Hund plötzlich schwach wird, die Hinterbeine nachzieht oder nicht mehr aufstehen kann, ist das für Sie als Halter*in ein beängstigender Moment. Manche Lähmungen entstehen durch Erkrankungen der Nerven, Nervenwurzeln oder Muskeln selbst - also des peripheren Nervensystems (PNS).

  1. Polyradikuloneuritis („Coonhound paralysis“) Akute, meist immunvermittelte Entzündung der Nervenwurzeln Beginn oft an den Hinterbeinen, Fortschreiten zur Vorderhand möglich Bewusstsein bleibt erhalten, Tiere wirken „gefangen im eigenen Körper“ Prognose meist gut, aber langwieriger Verlauf - Physiotherapie ist essenziell
  2. Myasthenia gravis Autoimmunerkrankung: die Signalübertragung zwischen Nerv und Muskel ist gestört Typisch: Belastungsabhängige Muskelschwäche, gelegentlich auch Schluckstörungen oder Aspirationsgefahr Diagnose über Antikörpernachweis im Blut Therapie mit Medikamenten wie Pyridostigmin, engmaschige Betreuung erforderlich
  3. Endokrine Ursachen Hypothyreose: Kann Neuropathien mit Lähmungserscheinungen verursachen Morbus Addison: Elektrolytstörungen (v. a. Kaliumüberschuss) können die Reizweiterleitung blockieren Gut diagnostizierbar und meist exzellent behandelbar
  4. Elektrolytverschiebungen Ungleichgewichte bei Kalium, Natrium oder Kalzium stören die Funktion von Nerven und Muskeln Ursachen: z. B. Erbrechen, Nierenerkrankungen oder hormonelle Störungen In der Regel schnell korrigierbar bei rechtzeitiger Erkennung
  5. Diabetes mellitus Vor allem bei Katzen: „Plantigrader Gang“ durch diabetische Polyneuropathie Ursache ist eine Nervenschädigung durch dauerhaft erhöhten Blutzucker Wichtig: gute Einstellung des Diabetes, ggf.

Ausführliche neurologische Untersuchung Blutuntersuchungen (z. B. Elektrolyte, Schilddrüse, Antikörper, Blutzucker) Elektrodiagnostik (z. B. Viele dieser Erkrankungen lassen sich sehr gut behandeln, wenn die richtige Diagnose gestellt wird.

Epilepsie

Epilepsie ist die häufigste chronische neurologische Erkrankung bei Hunden. Jeder 130. Hund, der in einer Kleintierpraxis vorgestellt wird, leidet unter epileptischen Anfällen. Für betroffene Tiere und ihre Familien ist das oft ein beunruhigendes Erlebnis. Epileptische Anfälle entstehen durch vorübergehende Störungen im Gehirn. Dabei kommt es zu unkontrollierten elektrischen Aktivitäten, die z. B. Muskelzuckungen, Bewusstseinsverlust oder unkontrolliertes Verhalten auslösen.

Sowohl Rassehunde als auch Mischlinge können betroffen sein. Typischerweise beginnt die idiopathische Epilepsie im Alter zwischen 6 Monaten und 6 Jahren. Die idiopathische Epilepsie ist eine Ausschlussdiagnose. Das bedeutet: Es müssen zunächst andere mögliche Ursachen für die Anfälle ausgeschlossen werden - z. B. Bei vielen Hunden liegt vermutlich eine genetische Veranlagung zugrunde. Bei einigen Rassen gibt es bereits Gentests, bei anderen zeigen sich familiäre Häufungen.

Wir empfehlen eine medikamentöse Behandlung, wenn: Mehr als zwei Anfälle in sechs Monaten auftreten Bei schweren Verläufen (zB Cluster oder Status epilepticus) Nach dem Anfall starke Symptome bestehen bleiben (z. B. Blindheit, Desorientierung) Die Anfälle in Häufigkeit oder Schwere zunehmen Wichtig: Die Therapie wird individuell auf Ihr Tier abgestimmt. Ein Leben mit Epilepsie ist möglich - und oft gut kontrollierbar.

Was tun beim epileptischen Anfall?

  1. Manche Tiere zeigen Minuten bis Stunden vor dem Anfall ein verändertes Verhalten: Unruhe, Anhänglichkeit oder Verwirrung Zittern, Hecheln, Verstecken Rastloses Umherlaufen oder Jaulen Wenn Sie solche Anzeichen bemerken: Beruhigen Sie Ihr Tier sanft, sprechen Sie leise, streicheln Sie es, wenn es das zulässt. Sichern Sie die Umgebung: Entfernen Sie Ihr Tier aus gefährlichen Situationen - z. B. von Treppen, vom Balkon oder aus dem Spiel mit anderen Tieren.
  2. Ein epileptischer Anfall kann einige Sekunden bis mehrere Minuten dauern. Auch wenn es schwerfällt: Bitte bleiben Sie ruhig. Fassen Sie Ihr Tier nicht an. Viele Hunde beißen in der Anfallsphase unkontrolliert - ohne es zu wollen. Räumen Sie spitze oder harte Gegenstände aus dem Weg, um Verletzungen zu vermeiden. Bleiben Sie bei Ihrem Tier, sprechen Sie ruhig mit ihm - Ihr Beistand ist wichtig. Stoppen Sie die Zeit. Ein Anfall, der länger als 5 Minuten dauert, ist ein Notfall (Status epilepticus)! Bitte sofort eine Tierklinik aufsuchen - jede Minute zählt.
  3. Viele Tiere sind nach einem Anfall orientierungslos, erschöpft oder ängstlich. Manche zeigen auch kurzzeitig auffälliges Verhalten wie Blindheit, Unruhe oder sogar leichte Aggression. Was Sie tun können: Beruhigen Sie Ihr Tier, bieten Sie einen ruhigen, dunklen Rückzugsort an. Dokumentieren Sie den Anfall: Datum und Uhrzeit Dauer und Stärke Auffälligkeiten vorher oder nachher (z. B. Stress, Durchfall, Medikamentenwechsel) Führen Sie ein Anfallstagebuch ("Krampfkalender") - das hilft uns bei der Beurteilung und Therapieanpassung. Falls möglich, filmen Sie den Anfall mit dem Handy. Das Video hilft Ihrem Tierarzt bei der genauen Einschätzung. Legen Sie sich eine kleine „Notfallbox“ zurecht (Handy, Stoppuhr, Anfallstagebuch, evtl. Notfallmedikament). Haben Sie unsere Kontaktdaten griffbereit - wir sind für Sie da, wenn Sie uns brauchen.

Medikamentöse Behandlung der Epilepsie

Wenn bei Ihrem Hund die Diagnose idiopathische Epilepsie gestellt wurde, ist das im ersten Moment oft mit großer Sorge verbunden. Die Behandlung besteht in erster Linie aus Medikamenten, die Anfälle kontrollieren. Diese sogenannten Antiepileptika bekämpfen zwar nicht die Ursache, aber sie helfen, die Anfallsaktivität im Gehirn zu unterdrücken. Tiermedizinisch bewährte Antiepileptika sind: Phenobarbital Imepitoin Kaliumbromid Diazepam (v. a. als Notfallmedikation) In Einzelfällen kommen auch Medikamente aus der Humanmedizin zum Einsatz. Gerade zu Beginn der Therapie kann es zu Müdigkeit, Koordinationsproblemen, gesteigertem Appetit oder Unruhekommen. Diese Symptome verschwinden häufig nach einigen Wochen.

Ernährung bei Epilepsie

Die richtige Fütterung kann epileptischen Hunden nachweislich helfen. Besonders hilfreich ist eine Ernährung mit sogenannten mittelkettigen Fettsäuren (MCTs) - wie sie z. B. in speziellen Diäten oder MCT-Ölen enthalten sind. Studien zeigen: 71 % der Hunde mit Epilepsie haben unter MCT-Ernährung weniger Anfälle. Bei 14 % verschwinden die Anfälle ganz. Auch ängstliches oder unruhiges Verhalten kann sich verbessern. Kommerzielle Futtermittel mit MCTs (z. B.

Vestibularsyndrom

Wenn sich unsere tierischen Gefährten plötzlich schief bewegen, schwanken oder gar umkippen, ist das ein beängstigender Moment - für Tier und Mensch. Das Gleichgewichtssystem, auch Vestibularapparat genannt, befindet sich im Innenohr und im Gehirn. Wenn dieses System gestört ist, fühlt sich Ihr Tier, als befände es sich in ständiger Bewegung - wie in einer nicht enden wollenden Achterbahnfahrt. Plötzliche Veränderungen im Verhalten oder in der Bewegung sind häufig die ersten Hinweise. Mögliche Anzeichen sind: Kopfschiefhaltung (der Kopf hängt schräg zur Seite) Schwankender Gang, Kreislaufen, Stolpern oder Umkippen Schnelle Augenbewegungen (Nystagmus), Schielen Übelkeit, Erbrechen, Speicheln Anlehnendes Verhalten - Ihr Tier sucht Halt Neurologische Ausfälle, z. B.

Es gibt verschiedene mögliche Auslöser.

  1. Sehr häufig steckt eine unentdeckte Ohrentzündung hinter dem Vestibularsyndrom. Erste Anzeichen wie Kopfschütteln, Kratzen am Ohr oder ein hängendes Ohr werden oft übersehen. Wir führen eine sanfte und gründliche Ohrenuntersuchung durch - meist unter Sedation - und können gezielt behandeln. Oft ist eine Spülung des Mittelohrs (Myringotomie) notwendig.
  2. Vor allem bei älteren Hunden (ab ca. 5 Jahren) kommt es oft ohne erkennbare Ursache zu einem plötzlichen Gleichgewichtsausfall. Diese Form ist nicht gefährlich, aber sehr dramatisch im Auftreten.
  3. In seltenen Fällen kann eine Erkrankung im Gehirn wie Tumoren, Entzündungen oder Durchblutungsstörungen der Auslöser sein. Zur Diagnose sind hier meist weiterführende Untersuchungen wie MRT notwendig.

Abiotrophie

Eine Abiotrophie beschreibt eine Erkrankung des Nervensystems, die durch die spontane, frühzeitige Degeneration von Nervenzellen charakterisiert wird. Der Begriff umfasst dabei im Prinzip alle pathologischen Prozesse, welche die normale Lebenspanne einer voll entwickelten Zelle limitieren. Die Dokumentation eines spezifischen Defektes steht im Falle der zerebellären Abiotrophien noch aus.

Abiotrophien von Nervenzellen im Kleinhirn stellen die häufigste Form abiotrophischer Erkrankungen bei Haustieren dar. Die klinischen Symptome der betroffenen Tiere weisen bei allen Hunderassen auf eine Erkrankung des Kleinhirnes hin. Der Zeitpunkt an dem die neurologischen Ausfälle auftreten, ist variabel, wobei bei einem Einsetzen von Defiziten direkt nach der Geburt nicht von einer Abiotrophie, sondern von einer zerebellären Hypoplasie ausgegangen werden muss.

Hunde, die an einer zerebellären Abiotrophie erkranken, zeigen Symptome, die auf einen umfassenden Funktionsverlust der Purkinjezellen zurückzuführen sind, welche für eine Modulation der Informationen von Großhirn, Gleichgewichtsorgan und Rückenmark verantwortlich sind. Ein Ausfall dieser Kontrolle äußert sich in einem Koordinationsverlust (Ataxie), nicht aber in einer Beeinträchtigung der Initiation der Willkürmotorik (Parese). Die Tiere haben Schwierigkeiten zu stehen, sie kippen um und versuchen über einen breitbeinigen Stand das Gleichgewicht zu halten. Der charakteristische Gang von Tieren mit einer Kleinhirnläsion spiegelt zum Teil den Verlust der Kontrolle der Streckmuskeln der Gliedmaßen wieder und die Läufe werden übertrieben hoch angehoben und zu weit nach vorne ausgegriffen (Hypermetrie). Eine Störung im Kleinhirn führt auch zum Kontrollausfall der Augenbewegungen und zu einem Augenzucken (Nystagmus) in Ruheposition des Kopfes. Manche Tiere haben einen Tremor, also ein Kopfwackeln oder zittern.

Differentialdiagnostisch müssen bei den beschriebenen Symptomen neben kongenitalen Hypoplasien z. B. auch eine Infektion mit dem kaninen Staupevirus, caninem Herpesvirus, Toxoplasma gondii, Neospora caninum, bei Katzen eine Infektion mit dem FIP-Virus und in Endemiegebieten auch Systemmykosen in Betracht gezogen werden. Intrauterine Infektionen mit dem kaninen Herpesvirus oder dem felinen Panleukopenievirus führen zwar durch die Entstehung einer Hypoplasie zu zerebellären Ausfallserscheinungen, diese sind aber schon direkt nach der Geburt ersichtlich und sind nicht progredient.

Mit Hilfe der Magnet-Resonanz-Tomographie können andere Malformationen des Kleinhirns, wie das Dandy-Walker-Syndrom ausgeschlossen werden. In der MR- Untersuchung stellen tiefe zerebelläre Sulci mit prominentem Subarachnoidalraum einen Hinweis auf eine Unterentwicklung der Folia cerebelli dar, können aber nicht von einer Hypoplasie oder Atrophie des Kleinhirns aufgrund anderer Ursachen abgegrenzt werden. Die eindeutige Diagnose kann erst histopathologisch erfolgen. Dabei ist zu beachten, dass beim Coton de Tuléar eine Form der Abiotophie beschrieben ist, bei welcher keine Läsionen mit herkömmlicher Mikroskopie sichtbar sind, da sich die strukturellen, bzw.

Fortschritte in der Forschung

Die Forschung im Bereich der Kleintierneurologie hat in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Neue bildgebende Verfahren wie die Kernspintomographie (MRT) und die Computertomographie (CT) ermöglichen eine immer genauere Diagnose von neurologischen Erkrankungen.

Kleintier-Bildgebung

Das Labor für Kleintier-Bildgebung ist mit einem INVEON Multimodal-System der Firma Siemens ausgestattet, welches aus einem dedizierten Positronen-Emissions-Tomographen (PET) und einer Kombination aus Einzel-Photonen-Emissions-Computer-Tomograph und Computer Tomograph (SPECT/CT Kombination) besteht. Diese Ausstattung ermöglicht es, Bildgebungsstudien an Versuchstieren durchzuführen, welche in wesentlichen Aspekten den Untersuchungen am Menschen gleichen. Das System erlaubt es, mit molekularen Proben die Dichte verschiedener Rezeptoren im Nagerhirn mit hoher räumlicher Auflösung und hoher Sensitivität zu untersuchen; Zielstrukturen sind z. B. A1-Adenosin-, D2/3-Dopamin- oder metabotrope Glutamatrezeptoren (Typ 5). Um eine pharmakokinetische Modellierung der gewonnenen Daten zu ermöglichen, werden routinemäßig Radiometabolite im Blut bestimmt.

Stereotaktische Gehirnbiopsie

Die Optionen zur Behandlung von Gehirnerkrankungen werden immer weiter verfeinert und wie in der Humanmedizin an die zu Grunde liegende Pathologie angepasst. Eine spezifische Therapie verlangt allerdings eine spezifische Diagnose. Diese kann heutzutage nicht in der Kernspintomografie gestellt werden, da sie zwar sensitiv, aber nicht spezifisch genug ist. Für eine definitive histopathologische Diagnose und spezifische Therapie sind daher Gehirnbiopsien nötig, die am lebenden Tier ohne größere Risiken entnommen werden können.

Wenig invasiv sind Biopsien, bei denen nur die Biopsienadel in das Gehirn vorgeschoben und das umliegende Gewebe geschont wird. Um die Nadel ohne Sichtkontrolle im Gehirn zu steuern, wird an der Vetsuisse Fakultät Bern ein stereotaktisches Gehirnbiopsiesystem verwendet. Stereotaxie bezeichnet eine Technik, bei der die dreidimensionalen Informationen eines Körpers aufgenommen werden und ein Punkt im Gehirn mittels Koordinaten millimetergenau identifiziert wird.

Vor dem Eingriff werden so genannte Referenzierungsmarker über eine individuell angefertigte Gebissschiene seitlich am Kopf des Patienten befestigt und ein 3D Bild des Gehirns mit den Markern in der Kernspintomographie erstellt. Die Bilddaten werden in das Neuronavigationssystem übertragen. Anhand der Bilder und 3DRekonstruktionen des Gehirns werden dann Zielpunkt und Weg durch das Gehirn geplant.

Für den Eingriff selbst wird der Kopf des Patienten in einem halbkreisförmigen Metallbogen mit Schrauben fixiert. Dann beginnt die eigentliche Referenzierung: mit einem Pointer, den das System über Infrarotwellen erkennt, werden die Referenzierungsmarker am Kopf des Patienten berührt. So werden die gespeicherten Bilddaten mit dem Gehirn des Patienten abgeglichen, am Bildschirm kann im Gehirn navigiert werden. Die Entnahme der Gehirnbiopsie selbst dauert je nach Lage der Läsion, Schädelform und größe ein bis zwei Stunden. Nach diesem minimal invasiven Eingriff werden die Patienten auf die Intensivstation gebracht, um eine bestmögliche Überwachung zu garantieren. Verläuft alles nach Plan, kann der Patient am nächsten Tag das Spital verlassen.

Das zytologische Ergebnis des Ausstriches des gewonnenen Gehirnmaterials liegt bereits am Tag nach der Operation vor. Da für die histopathologische Diagnose immunhistochemische Färbungen durchgeführt werden müssen, braucht das Ergebnis der Biopsie zwei bis drei Tage.

Eine Arbeitsgruppe aus Neurologen, Neurochirurgen, Radiologen und Neuropathologen an der Vetsuisse Fakultät Bern ist damit beschäftigt, in enger Zusammenarbeit mit der Radioonkologie der Vetsuisse Fakultät Zürich, Therapien und Prognose von Gehirnerkrankungen zu untersuchen und zu optimieren. Die Arbeit wird durch die Universität unterstützt, so dass im Moment ein Teil der für den Besitzer entstehenden Kosten der stereotaktischen G ehirnbiopsie übernommen wird.

Kognitive Fähigkeiten von Hunden

Ein Forschungsteam der Eötvös-Loránd-Universität in Ungarn konnte erstmals nachweisen, dass Hunde dazu in der Lage sind, verschiedene Sprachen zu unterscheiden. Eine aktuelle Untersuchung, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Biology Letters, wirft ein neues Licht auf die Intelligenz von Hunden. Rassen wie Border Collie, Schnauzer und Retriever gelten trotz kleinerem Gehirnvolumen als besonders lernfähig. Demgegenüber stehen kleinere Hunderassen wie Chihuahua oder Mops, bei denen eine geringere kognitive Leistungsfähigkeit festgestellt wurde. Der Grund liegt laut Forschenden nicht in der Natur der Tiere, sondern in der gezielten Zucht. Über Jahre hinweg wurden bestimmte Merkmale - etwa Aussehen oder Verhalten - bevorzugt weitervererbt, was die ursprünglichen kognitiven Eigenschaften veränderte. Entgegen verbreiteter Annahmen scheint ein größeres Gehirn nicht automatisch bessere Lernfähigkeit oder Trainierbarkeit zu bedeuten.

Eine ergänzende Studie der Universität Bristol zeigte zudem, wie sensibel Hunde auf die Emotionen ihrer Besitzer reagieren. Befinden sich Menschen unter Stress, werden auch ihre Vierbeiner ängstlicher und verlieren mitunter sogar den Appetit. Dies verdeutlicht, wie stark menschlicher Stress auf das Verhalten von Hunden abfärbt. Die Fähigkeit, Gefühle ihrer Bezugspersonen wahrzunehmen und entsprechend zu reagieren, ist eine tief verwurzelte kognitive Kompetenz - gewachsen über Jahrtausende gemeinsamer Entwicklung.

Tierkrankenversicherung

Die Tierarztkosten sind in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen. Es ist wichtig, sich über die Möglichkeiten einer Tierkrankenversicherung zu informieren.

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