Far Cry 5, der neueste Teil der beliebten Shooter-Reihe, wagt sich an ein brisantes Thema: Religiösen Fanatismus und Gehirnwäsche in den USA. Doch wie tiefgründig ist die Auseinandersetzung mit diesen Themen wirklich?
Kulte, Sekten und die Verlockung des Bösen
Kulte und Sekten faszinieren und erschrecken zugleich. Sie erzählen Geschichten von charismatischen Anführern, die Menschen in ihren Bann ziehen, von vermeintlich harmlosen Gruppen, die sich immer tiefer in das Leben ihrer Anhänger drängen, und von der totalen Abhängigkeit, in die man geraten kann.
Kultismus-Experte Rick Ross (nicht der Rapper) berichtete im Interview mit der GameStar von der Colonia Dignidad, einer deutschstämmigen Siedlung in Chile, in der Menschen über Jahrzehnte misshandelt und seelisch verstümmelt wurden. Solche Beispiele zeigen, wie gefährlich und zerstörerisch Kulte sein können.
Far Cry 5: Michael Bay trifft auf Kultismus
Far Cry 5 nähert sich dem Thema Kultismus auf seine eigene, actiongeladene Weise. Anstatt einer subtilen Auseinandersetzung mit den psychologischen Mechanismen der Gehirnwäsche und der Anziehungskraft von Sekten, präsentiert das Spiel genetisch hochgezüchtete Mörderwölfe, wilde Verfolgungsjagden und Drogenopfer, die als hirntot deklariert werden und auf den Spieler zustürmen.
Ubisoft-Producer Dan Hay konstatierte zur E3 2017, Spiele seien mittlerweile reif genug, um solche brisanten Themen genauso zu kommentieren wie Filme und Bücher. Im Spiel wird dies durch die Seed-Familie verkörpert: Vater Joseph Seed, der charismatische Anführer, sein Bruder Jacob, der eine Armee aus leichtgläubigen Jüngern durch Gehirnwäsche rekrutiert, Schwester Faith, die Drogen einsetzt, um die Arbeiter gefügig zu machen, und Bruder John, der sich um die PR und den Schein juristischer Legalität kümmert.
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Die Story: Ein Erwachsenenthema mit Schwächen
Als Spieler schlüpft man in die Rolle eines jungen Polizisten, genannt Rook, und versucht, Joseph Seed und seine Sippe zu verhaften. Die Reise führt durch drei Gebiete, die von Jacob, John und Faith Seed kontrolliert werden. Dabei trifft Rook auf Verbündete und kämpft gegen die Sekte.
Die Dialoge mit den Seed-Schurken wirken jedoch oft wie "Malen nach Far-Cry-Zahlen". Sie ähneln den bekannten Bösewichten Vaas Montenegro aus Far Cry 3 und Pagan Min aus Far Cry 4 und wiederholen deren ruhige, bedächtige Art. Bis zum Ende gewinnt die Sektenbewegung kaum an Substanz, und auch ein schockierender Twist ändert daran nichts. Die NPCs, denen man begegnet, tragen wenig zur Geschichte bei und die wichtigeren Figuren aus Rooks Team werden mehrfach durch den gleichen Plot-Twist (Gehirnwäsche) getrieben.
Open-World-Allerlei statt Tiefgang
Far Cry 5 erinnert in seiner Umsetzung an The Division: Die Szenarien rund um Fanatismus wurden aufwendig recherchiert, aber im fertigen Spiel zu einer hanebüchenen Handlung mit belanglosen Figuren verarbeitet. Die Natur in Hope County ist zwar schön gestaltet, aber die Spielmechaniken sind konventionell und stehen der Geschichte oft im Weg.
Mikrotransaktionen: Kein Pay2Win
Far Cry 5 bietet Mikrotransaktionen, mit denen man Ingame-Gegenstände für echtes Geld erwerben kann. Allerdings sind diese hauptsächlich kosmetischer Natur oder beschleunigen den Zugang zu starken Waffen und Fahrzeugen. Ein Pay2Win-System, das spielerische Vorteile verschafft, liegt nicht vor, da sich alle verfügbaren Sachen schnell durch Ingame-Währung erspielen lassen.
Ein Kommentar zum Zeitgeist?
Die Geier kreisen über dem brennenden Autowrack und den aufgeknüpften Sündern in Hope County. Durch ein extremistisches Amerika am Rande des Weltuntergangs zu wandern, mag im Jahr kaum noch als Eskapismus durchgehen. Doch in Far Cry 5 hat man wenigstens die Möglichkeit einzugreifen.
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Die Abgehängten und Vergessenen, die von einer charismatischen Persönlichkeit verführt werden und sich unter dessen Fuchtel radikalisieren, erinnern an aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen. "Sie wollen uns unsere Waffen nehmen, unsere Freiheit, unseren Glauben", sagen die Jünger von Eden's Gate. Es sind die gleichen Soundbites, die aus den Talkshows von Alex Jones oder Rush Limbaugh tönen.
Ob Far Cry 5 ein Spiel über Donald Trumps Amerika ist oder die Autoren nur sensible Antennen für den sich entladenden Volkszorn hatten, bleibtInterpretationssache. Produzent Hay betont, dass man mit dem Spiel kein politisches Statement abgeben, sondern "nur einen Ort und eine Situation schaffen wollte, die sich real anfühlen".
Symbolik und Anspielungen
Das Spiel ist überladen mit Symbolen, Zitaten und Anspielungen. Das Logo des Kults ist eine Mischung aus Kruzifix und Eisernem Kreuz, das Cover zeigt eine Version des letzten Abendmahls mit waffenstarrenden Jüngern in Trucker-Caps und Tattoos. Far Cry 5 versucht fast verzweifelt, in einer ernsten Zeit relevant zu sein.
Es bleibt der Eindruck, dass Far Cry 5 gern etwas aussagen würde, es sich dann aber doch nicht traut. Sämtliche Assoziationen sind zwar erwünscht, werden aber nicht kommentiert. Auch Spielproduzent Hay wehrt sich in Interviews standhaft gegen Deutungsversuche.
Action-Overkill statt subtiler Kritik
Wann immer das Spiel droht, zu ernst zu geraten, wird der Action-Regler hochgedreht. Dann knallt es und zischt es, und an jeder Ecke liegen mehr als ausreichende Mengen von Sprengstoff herum. So gewagt das Setting, so konventionell die Spielmechaniken. Far Cry steht sich selbst im Weg. Der Spielspaß überlagert wie so oft die Geschichte.
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Die Bliss-Droge: Ein chemischer Fehltritt
Ein besonderes Augenmerk im Spiel liegt auf der Droge "Bliss", die von der Sekte zur Gehirnwäsche eingesetzt wird. Die chemische Darstellung dieser Droge auf einer Tafel in einem Gewächshaus ist jedoch fehlerhaft und unrealistisch. Ein N mit nur einer Bindung würde in der Realität nicht funktionieren, und die Verwendung von NH2D in einem Benzolring ergibt keinen Sinn.
Die verschiedenen Enden: Deprimierend und unbefriedigend
Far Cry 5 bietet drei unterschiedliche Enden, die jedoch alle äußerst unbefriedigend und deprimierend sind. Das "Widerstand"-Ende, bei dem der Spieler Joseph Seed verhaftet, führt zu einer Atomexplosion und dem Weltuntergang. Der Spieler verbringt die Ewigkeit eingesperrt mit dem Psychopathen Seed. Das "Walk Away"-Ende, bei dem der Spieler Joseph Seed unversehrt ziehen lässt, impliziert, dass der Hauptcharakter als Nächstes den Sheriff und seine Helfer umbringen wird. Das geheime Bonus-Ende ermöglicht es, das Spiel bereits nach 10 Minuten zu beenden, indem man Joseph Seed nicht verhaftet.
New Dawn: Die Fortsetzung der Geschichte
Die Fortsetzung Far Cry New Dawn spielt 17 Jahre nach den Atomexplosionen und beantwortet die Frage, was aus dem Charakter Rookie wurde. Rookie ist nun die maskierte Person "The Judge", ein Begleiter des Spielers.
Gameplay: Bekanntes und Neues
Far Cry 5 übernimmt viele Gameplay-Elemente aus früheren Teilen der Serie, bietet aber auch einige Neuerungen. Die Steuerung ist genre-üblich, das Waffenrad ermöglicht den schnellen Zugriff auf verschiedene Befehle. Die Welt von Hope County ist in vier Gebiete unterteilt, die von den Seed-Geschwistern kontrolliert werden. Der Spieler kann selbst entscheiden, welche Region er zuerst befreien möchte.
Um sich gegen einen der Gebietsherrscher stellen zu können, muss man zunächst Widerstandspunkte sammeln. Diese erhält man durch Storymissionen, Nebenmissionen und das Befreien von Außenposten. Die Nebenmissionen sind oft überzeichnet und abgefahren, die Außenposten gehören zum festen Bestandteil der Far Cry-Serie. Eine weitere Kategorie sind die Prepper-Verstecke, die wahre Goldgruben sind und oft mit Rätseln und Aufgaben verbunden sind.
Vorteilspunkte sind in diesem Spiel nützlich und notwendig. Sie ermöglichen es, wichtige Utensilien wie Gleitschirm und Wing-Suit freizuschalten. Unter "Hilfe auf Abruf" verbergen sich bis zu neun Spezialisten, die man durch das Abschließen von Storymissionen für sein Team gewinnen kann.
Munition und Homöopathika kann man sich selbstständig herstellen. In den Läden kann man Standardmunitionen auffüllen, Gegenstände verkaufen und Waffen und Fahrzeuge kaufen.
Online- und Offline-Modus
Far Cry 5 setzt nicht auf einen Online-Zwang. Man kann das Spiel sowohl im Einzelspieler- als auch im Koop-Modus bestreiten. Es gibt auch reine Online-Features wie Live-Events und einen Modus, in dem man eigene Level gestalten und auf von Spielern erstellten Leveln spielen kann.
Grafik und Sound
Far Cry 5 bietet eine ansprechende Grafik mit einem Mix aus Fotorealismus und hochkarätiger Animation. Die Landschaft wirkt idyllisch und ruhig, der Tag- und Nachtrhythmus ist ansprechend. Die Sekte hat ihre Spuren in der Landschaft hinterlassen, was grafisch ansprechend umgesetzt wurde.
Der Soundtrack agiert eher passiv und legt sich mit melancholischen Stücken in den Hintergrund. Die Soundeffekte sind solide, aber nicht überragend. Die Synchronisation ist gut, aber nicht herausragend.