Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist ein viel diskutiertes Thema, das oft von Missverständnissen und Vereinfachungen geprägt ist. Dieser Artikel beleuchtet einige weniger bekannte Aspekte der ADHS-Forschung und -Diagnostik, wobei besonderes Augenmerk auf den Einfluss von Einschulungsalter, Migrationshintergrund, regionalen Unterschieden und der Abgrenzung zu anderen Phänomenen wie Hochsensibilität gelegt wird.
Was ist ADHS? Eine Betrachtung der Grundlagen
ADHS, eine Kategorie, die seit den 1980er Jahren existiert und von der US-amerikanischen Psychiatrie weltweit verbreitet wurde, findet sich noch nicht im ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation. Dies wird sich jedoch mit dem ICD-11 ändern, das ab 2022 in vielen Ländern verbindlich sein soll. Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung wird durch ein anhaltendes Muster (mindestens sechs Monate) von Aufmerksamkeitsdefizit und/oder Hyperaktivität beziehungsweise Impulsivität charakterisiert, das direkte negative Auswirkungen auf das akademische, berufliche oder soziale Funktionieren hat. Es gibt Hinweise auf Symptome von signifikantem Aufmerksamkeitsdefizit und/oder Hyperaktivität beziehungsweise Impulsivität vor dem zwölften Lebensjahr, üblicherweise in der frühen bis mittleren Kindheit, auch wenn manche Individuen erst später klinisch auffallen mögen. Das Maß des Aufmerksamkeitsdefizits und der Hyperaktivität beziehungsweise Impulsivität ist außerhalb der Grenzen der normalen Variation, die für das Alter und die intellektuelle Entwicklung zu erwarten sind. Aufmerksamkeitsdefizit bedeutet die signifikante Schwierigkeit, die Aufmerksamkeit bei Aufgaben aufrechtzuerhalten, die kein hohes Reizniveau oder keine häufigen Belohnungen aufweisen, auf Ablenkbarkeit und Probleme bei der Organisation. Hyperaktivität bedeutet überschüssige motorische Aktivität und Probleme mit dem Stillsitzen, am auffälligsten in strukturierten Situationen, die eine Selbstkontrolle des Verhaltens erfordern. Impulsivität ist eine Tendenz, auf unmittelbare Reize zu reagieren, ohne die Risiken oder Konsequenzen abzuwägen. Die relative Gewichtung und die spezifische Ausprägung des Aufmerksamkeitsdefizits und der Hyperaktivität beziehungsweise Impulsivität unterscheidet sich zwischen den Individuen und kann sich im Laufe der Entwicklung verändern. Damit eine Diagnose gestellt werden kann, müssen Aufmerksamkeitsdefizit und/oder Hyperaktivität beziehungsweise Impulsivität in verschiedenen Situationen oder Umgebungen erkennbar sein (zum Beispiel zuhause, in der Schule, auf der Arbeit, mit Freunden oder Verwandten), können sich wahrscheinlich aber verändern, je nach Struktur und Anforderungen der Umgebung. Die Symptome lassen sich nicht durch eine andere psychische Störung, Verhaltensstörung oder neuronale Entwicklungsstörung besser erklären und sind auch nicht durch eine Substanz oder ein Medikament bedingt.
Wenn von einem “signifikanten Defizit”, von “Grenzen normaler Variation”, der “üblichen” Entwicklung und vielem Anderem mehr die Rede ist, dann bewegen wir uns im Reich der Normen. Das heißt, gesellschaftliche Akteure und Institutionen (hier: die Weltgesundheitsorganisation auf Grundlage psychiatrischer Gutachter) ziehen eine Grenze dafür, welches Verhalten als normal oder abweichend angesehen wird. In letzterem Fall nennen wir es: Störung. Das ist insofern nichts Neues, als Gesellschaften das mit moralischen und strafrechtlichen Regeln auch tun. Bedenkenswert ist bei der Definition im ICD-11 auch, wie das Aufmerksamkeitsdefizit in Bezug zu - ich sage mal salopp: eher langweiligen - Situationen gesetzt wird. Bei dem von mir kürzlich beschriebenen Versuch, mit “Denken im Schneckentempo” (engl. Sluggish Cognitive Tempo, SCT) eine neue Form von ADHS zu definieren, war das ein wesentliches Kriterium: hat Schwierigkeiten damit, in langweiligen Situationen wach oder aufmerksam zu bleiben. Hat der Mensch in einer anderen Situation, bei einer anderen Aufgabe, die er als weniger “langweilig” erfährt, genug Aufmerksamkeit? Reagiert er dann weniger hyperaktiv und impulsiv? Liegt es dann wirklich nur an ihm? Hieran sehen wir, dass eine psychologisch-psychiatrische Diagnose das Problem im Individuum lokalisiert. Dabei geht es immer um ein Zusammenspiel von Mensch und Umgebung.
Normen vs. Natur: Ein gesellschaftliches Konstrukt?
Die Definition von ADHS wirft die Frage nach der Abgrenzung zwischen gesellschaftlichen Normen und natürlichen Gegebenheiten auf. Während der Staat sich im moralischen Bereich eher zurückhält, werden in Grenzfällen moralische Begründungen herangezogen, um einen Standpunkt für allgemeinverbindlich zu erklären. Wenn das Reich der Normen mit der Natur verwechselt wird, entsteht aber ein Problem: Dann scheint es keine gesellschaftliche Festlegung mehr, sondern schlicht ein natürlicher Sachverhalt.
Die Biologische Psychiatrie und Psychologie bzw. die Neuropsychologie sehen psychische Störungen als Gehirnstörungen. Schon in der Antike bis ins 19. Jahrhundert gab es die Vorstellung, das Gemüt der Menschen werde durch eine Störung von Körpersäften (Galle, Blut und Schleim) beeinflusst. Im 19. Jahrhundert entwickelten dann deutsche Psychiater modernere Gehirntheorien psychischer Störungen, etwa Wilhelm Griesinger (1817-1868), die Emil Kraepelin (1856-1926) später fortführte. In den 1970ern wollten die amerikanischen Psychiater ihr diagnostisches Vorgehen, das damals noch stark von Freuds Seelenlehre geprägt war, auf ein wissenschaftlicheres Fundament stellen. Dabei beriefen sie sich explizit auf Kraepelin. 1980 veröffentlichten sie ihr “wissenschaftliches” Diagnosehandbuch DSM-III (in dem übrigens zum ersten Mal die Aufmerksamkeitsdefizitstörung ADS auftauchte). 2013 erschien dann die übernächste große Überarbeitung, das DSM-5. Hierfür hatten sich die Psychiater vorgenommen, endlich Griesingers alten Traum von einem hirnbasierten System wahr zu machen. Geklappt hat es, bei inzwischen mehreren hundert unterschiedenen psychischen Störungen, für keine einzige!
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Naturalistischer Fehlschluss: Die Verwechslung von Kultur und Natur
Unter der Annahme, psychische Störungen seien Gehirnstörungen, hat ein Kind, das unter die Beschreibung von ADHS fällt, also eine Gehirnstörung. Das klingt wie ein natürlicher Sachverhalt: Etwas im Gehirn ist anders, als es sein sollte, als es bei “normalen” Kindern ist. Eine frühere Vorform von ADHS hieß bis weit ins 20. Jahrhundert noch Minimaler Hirnschaden (engl. Minimal Brain Damage, MBD). Viele Forscher und Psychiater meinen das ernst. Kurioserweise bezieht sich die diagnostische Beschreibung aber gar nicht auf das Gehirn, das Nervensystem oder die Gene. Es geht darin schlicht um Verhaltensauffälligkeiten und die verschiedenen Umgebungen, in denen sich ein Mensch befinden kann. Und um das, was als normales oder abnormales Verhalten gilt. Auch nachdem man viele Jahrzehnte geforscht und viele Hypothesen ausprobiert hat, bleibt es dabei: Manche Kinder, Jugendliche und jetzt auch immer mehr Erwachsene fallen dadurch auf, dass sie in bestimmten Situationen weniger Aufmerksamkeit haben beziehungsweise sich aktiver/impulsiver Verhalten als andere Kinder. Mit anderen Worten: Gesellschaftliche Akteure - darunter Ärzte, Eltern, Lehrer, Psychologen - legen erst fest, was sie als unangemessenes Verhalten ansehen. Danach suchen Forscher mit Millionenbudget biologische Entsprechungen, finden sie aber nicht. Darum begehen sie mit der Übertragung der sozialen Norm in den Bereich von Biologie und Neurowissenschaften einen Fehler: einen naturalistischen Fehlschluss; sie verwechseln Kultur und Natur. Ebenso könnte man fragen: Was ist denn die biologische Entsprechung von Diebstahl? Salopp gesagt interessiert es die Natur aber doch gar nicht, wie unsere Gesellschaft ihr Strafrecht ausformuliert. Ebenso wenig interessiert die Flutwelle eine Demonstration. Es handelt sich schlicht um unterschiedliche Sphären.
Aufrechterhaltung der Normalität: Die Rolle der Psychiatrie
Neben der Polizei und - zumindest traditionell - der Kirche gibt es eine dritte gesellschaftliche Institution für die Aufrechterhaltung der Normalität: die Psychiatrie (“Es geht um die Anpassung des Individuums an die vorherrschende Normalität”). Wenn man also ADHS bloß als Folge einer Gehirnstörung darstellt, entfernt man das Thema aus dem Bereich von Moral und Gesellschaftspolitik. Das mag entschuldigend wirken, verhindert leider aber nicht die Ausgrenzung der Betroffenen. Vor allem lokalisiert es die Problemursache im Individuum. Sieht man ADHS hingegen als eine Beschreibung von Verhaltensnormen, die sich nachweislich auch alle paar Jahre beziehungsweise Jahrzehnte ändern, dann ist nicht nur das Kind Adressat von Kritik. Auch derjenige, der die Norm setzt, hier also der Psychiater beziehungsweise seine übergeordnete Vereinigung, muss sich für die Grenzziehung verantworten.
Der Einschulungseffekt: Ein kurioser Befund
Ein besonders interessanter Aspekt ist der sogenannte Einschulungseffekt. In einer Schulklasse haben die jüngsten Kinder die höchste Wahrscheinlichkeit für eine ADHS-Diagnose. Dies ergibt keinen Sinn, wenn man ADHS als reine Gehirnstörung betrachtet.
Dank den Autorinnen und Autoren des Versorgungsatlas des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung in Berlin kann den Effekt jetzt auch anhand einer Grafik verdeutlichen, in der die echten Daten deutscher Schülerinnen und Schüler dargestellt sind: Der Versorgungsatlas 15/11 beschäftigte sich mit der Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Alter bei der Einschulung und ADHS-Diagnosen gibt. Um die Abbildung zu verstehen, muss man wissen, dass die Kinder jünger sind, je weiter man nach links geht (x-Achse ist der Geburtsmonat). Alle Kinder, die bis zum 30. Juni ein vorgegebenes Alter erreicht haben, kommen in eine Klasse. Wer später geboren, also jünger (und demnach in der Grafik weiter links) ist, wird erst nächstes Jahr eingeschult. Man sieht nun jeweils einen großen Zacken, wenn man sich diesem Stichtag nähert: Die Wahrscheinlichkeit für eine ADHS-Diagnose (y-Achse) nimmt bis zum 30. Juni zu und fällt dann rapide ab. Die kurz danach geborenen Kinder werden im nächsten Jahr die Ältesten in ihrer Klasse sein. Auch dort, wo das Datum in den letzten Jahren gewechselt wurde, konnte man das bestätigen. International ist der Effekt inzwischen mit Daten von über 15 Millionen Schülerinnen und Schülern in 13 Ländern belegt. Die Wissenschaftler schreiben deutlich, dass dieser Befund nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist: “Insgesamt zeigen 17 der 19 Studien, dass die jüngsten Kinder eines Schuljahres …
ADHS: Krankheit, Normvariante oder natürliche Spielart?
Angesichts der Häufigkeit (5% bei Kindern und 2.5% bei Erwachsenen) und der Tatsache, dass ADHS für die Betroffenen auch positive Aspekte haben kann, ist diese Frage berechtigt. Einige Forschende betrachten ADHS daher als Normvariante oder als natürliche Spielart menschlichen Seins. Überwiegen die negativen Aspekte und besteht hoher Leidensdruck, sollte das ADHS als Krankheit aufgefasst und behandelt werden. Bei leichter Betroffenen reicht oft eine Psychoedukation (Information und Beratung über das Wesen der Erkrankung) aus. Die medikamentöse Behandlung, z.B. mit Methylphenidat (Ritalin®), kann die Symptome sehr wirkungsvoll lindern und hat sich in einer kontrollierten Vergleichsstudie als deutlich wirkungsvoller als eine rein psychotherapeutische Behandlung erwiesen.
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Die Diagnose ADHS des Erwachsenen ist keine „Modediagnose“! Sie wird anhand international anerkannter und klar definierter Diagnosekriterien (ICD-10) gestellt. Wir orientieren uns dabei auch an der einschlägigen interdisziplinären, evidenz- und konsensbasierten S3-Leitlinie ADHS (AWMF-Registernummer 028-045). Die Diagnosestellung ist komplex und erfordert große Sorgfalt. Andere neurologische, internistische und psychiatrische Erkrankungen müssen ausgeschlossen (oder als Begleiterkrankungen identifiziert) werden. Bei der sorgfältigen Anamneseerhebung müssen auch Angaben aus der Kindheit und dem Jugendalter berücksichtigt werden, da sich das ADHS des Erwachsenen zumeist aus einem ADHS des Kindes- oder Jugendalters entwickelt. Die Diagnosestellung beinhaltet auch psychologische Tests (die vielfach auch im Internet zur „Selbstdiagnose“ angeboten werden). Diese Ankreuztests geben oft wichtige Anhaltspunkte, reichen jedoch alleine keinesfalls zu einer korrekten Diagnosestellung aus!
Hochsensibilität vs. ADHS: Eine differenzierte Betrachtung
Die Abgrenzung von ADHS zu anderen Phänomenen, insbesondere zur Hochsensibilität, ist von großer Bedeutung. Hochsensibilität (auch als Highly Sensitive Person, HSP, bezeichnet) ist keine formale Diagnose, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal, bei dem das Nervensystem auf Reize besonders fein reagiert. Dies betrifft oft alle Sinneskanäle: Auditive Eindrücke, Visuelle Reize und Emotionale Schwingungen. Wer hochsensibel ist, erlebt also eine verstärkte Wahrnehmung von Umwelt und Mitmenschen. Das kann sich positiv in tiefem Einfühlungsvermögen zeigen, bedeutet aber auch schnellere Überladung mit Eindrücken.
Neurobiologische Wurzeln von ADHS
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine anerkannte Entwicklungsstörung, die auf neurobiologischen Unterschieden beruht. Betroffene kämpfen nicht nur mit Konzentrationsproblemen, sondern häufig auch mit starker Impulsivität und einer verminderten Fähigkeit, unwichtige Reize auszublenden. Das Gehirn von Menschen mit ADHS ist oft in einer Art „Dauerempfang“: Alle Sinneswahrnehmungen dringen gleich stark durch, ohne dass sie gut priorisiert werden. Während andere vielleicht das Ticken einer Uhr ausblenden, bleibt es für ADHS-Betroffene permanent präsent.
Überschneidungen und Unterschiede zwischen Hochsensibilität und ADHS
Bei beiden Phänomenen spielt die Verarbeitung von Reizen eine zentrale Rolle. Hochsensible haben feiner eingestellte Sinneskanäle; ADHS-Betroffene filtern Reize nur schwer. Das Ergebnis sieht auf den ersten Blick gleich aus: eine schnelle Überforderung in lauten, unstrukturierten oder emotional aufgeladenen Situationen. Sowohl Hochsensible als auch Menschen mit ADHS können sich dann zurückziehen oder gereizt reagieren, weil das System überlastet ist. Sowohl Hochsensible als auch manche ADHS-Betroffene gelten als emotional empfindsam. Im Fall von Hochsensibilität liegt das an der Tiefenwahrnehmung von Gefühlen; im Fall von ADHS kann es an einer raschen Reizverarbeitung und impulsgesteuerten Gefühlslage liegen. Ergebnis: Beide Gruppen neigen zu intensiven Stimmungsausschlägen.
Hochsensibilität beruht primär auf einer erhöhten sensorischen und emotionalen Empfänglichkeit. Menschen, die hochsensibel sind, geraten in Stress, weil sie zu viele subtile Reize aufnehmen - sie haben jedoch nicht zwingend Schwierigkeiten damit, Aufgaben zu planen oder Impulse zu kontrollieren. ADHS hingegen legt den Fokus stärker auf Defizite in der Selbstregulation. Wer ADHS hat, verfällt eher in Prokrastination oder impulsive Handlungen, weil es dem Gehirn an Strukturierungs- und Steuerungsfähigkeit mangelt. Während Hochsensible also „zu viel spüren“, filtern ADHS-Betroffene Reize nur unzureichend und kommen mit Planungs- und Organisationsanforderungen schlechter zurecht.
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Wann ist eine ADHS-Diagnostik trotz Hochsensibilität sinnvoll?
Viele Menschen nehmen an, sie seien „bloß hochsensibel“, weil sie sich leicht überfordert fühlen und sehr emotional reagieren. Doch wenn sie über Jahre hinweg feststellen, dass sie strukturell Probleme mit Organisation, Zeiteinteilung und Selbstdisziplin haben, kann das auf ADHS hindeuten. Eine gründliche Diagnostik klärt, ob neurobiologische Faktoren die Reizüberlastung verschärfen. Eine klare ADHS-Diagnose eröffnet die Option auf medikamentöse Begleitung, Coaching oder Verhaltenstherapie, was die alltägliche Funktionsfähigkeit stark verbessern kann. Viele Betroffene erleben eine große Erleichterung, wenn sie verstehen, dass ihr „Chaos“ oder ihre ständige Abgelenktheit eine neurobiologische Ursache hat.
Hochsensible Persönlichkeit (HSP): Stand der Forschung
Seit den 1990er Jahren untersucht eine US-amerikanische Psychotherapeutin, wie hochsensible Menschen Reize intensiver wahrnehmen. Fühlen Sie sich oft schneller erschöpft als andere? Nehmen Sie Stimmungen in einem Raum wahr, noch bevor ein Wort gesprochen wurde? Das Thema Hochsensibilität ist in aller Munde, doch oft verschwimmen Fakten und Mythen.
Was verbirgt sich hinter dem Begriff Hochsensibilität und HSP?
Wenn wir über Hochsensibilität sprechen, meinen wir weit mehr, als nur „nah am Wasser gebaut“ zu sein. Es handelt sich um ein grundlegendes Temperamentsmerkmal, das beschreibt, wie intensiv ein Mensch physische und emotionale Reize wahrnimmt und verarbeitet. HSP ist dabei die gängige Abkürzung für Highly Sensitive Person (oder im Plural HSPs), ein Begriff, der sich international durchgesetzt hat. Hochsensible Menschen verfügen über ein Nervensystem, das feiner justiert ist. Man kann es sich wie einen Filter vorstellen, der bei den meisten Menschen unwichtige Hintergrundinformationen ausblendet, bei Hochsensiblen jedoch sehr durchlässig ist.
Das Konzept der Hochsensibilität
Den entscheidenden Durchbruch erzielte die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron in den 1990er Jahren. Sie prägte den Begriff der Highly Sensitive Mensch und veröffentlichte 1996 das wegweisende Buch „The Highly Sensitive Mensch“, das das Thema einem breiten Publikum zugänglich machte. Elaine Aron definierte Hochsensibilität als ein neutrales Merkmal, das bei etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung (und übrigens auch bei über 100 Tierarten) vorkommt.
Hochsensibilität: Erkrankung oder Persönlichkeitsmerkmal?
Es ist essenziell wichtig, eines klarzustellen: dass Hochsensibilität keine Krankheit ist. Sie finden sie in keinem medizinischen Diagnosemanual wie dem ICD-10 oder DSM-5. Vielmehr handelt es sich um ein Persönlichkeitsmerkmal oder einen Charakterzug (Traits). Es ist eine Variation der menschlichen Norm, ähnlich wie Linkshändigkeit oder eine bestimmte Augenfarbe. Eine Erkrankung liegt nur dann vor, wenn Leidensdruck entsteht, der Krankheitswert erreicht wird - etwa durch Depressionen oder Angststörungen, die als Folge einer chronischen Überforderung auftreten können, aber nicht identisch mit der Sensibilität selbst sind.
Sensory Processing Sensitivity (SPS) im Gehirn
Studien zeigen, dass die Gehirne von Hochsensiblen tatsächlich anders auf Reize reagieren. Es lässt sich eine höhere Gehirnaktivität in Bereichen nachweisen, die für Aufmerksamkeit, Empathie und die Verarbeitung von Sinnesreizen zuständig sind. Besonders die Inselrinde (Insula), die für die Wahrnehmung innerer Körperzustände und Emotionen wichtig ist, zeigt sich bei Hochsensiblen oft aktiver.
Gene und Umwelt
Der aktuelle Stand der Forschung geht davon aus, dass Hochsensibilität zu einem großen Teil genetisch bedingt ist. Zwillingsstudien legen nahe, dass die Erblichkeit bei etwa 40 bis 50 Prozent liegt. Das bedeutet: Das Merkmal ist angeboren. Allerdings ist die Genetik nicht alles. Die Epigenetik und die frühen Kindheitserfahrungen spielen eine entscheidende Rolle dabei, wie sich dieses Merkmal ausprägt.
Kritik am Thema Hochsensibilität
Trotz der Fortschritte ist das Thema Hochsensibilität in der akademischen Psychologie durchaus umstritten. Ein Kritikpunkt betrifft die Trennschärfe des Begriffs. Manche Wissenschaftler argumentieren, dass Hochsensibilität kaum von dem Persönlichkeitsmerkmal „Neurotizismus“ (emotionale Labilität) oder „Offenheit für Erfahrungen“ aus den Big-Five-Persönlichkeitsmodellen (Menschalities) zu unterscheiden sei.
Hochsensibilität vs. Autismus, ADHS und psychische Erkrankungen
Da hochsensible Menschen oft von Reizüberflutung berichten, liegt die Verwechslung mit anderen Phänomenen nahe. Besonders die Abgrenzung zu Autismus (insbesondere dem Asperger-Syndrom) und ADHS ist wichtig. Bei Autismus ist die Reizoffenheit oft ähnlich stark ausgeprägt (sensorische Überempfindlichkeit). Der Unterschied liegt jedoch oft in der sozialen Komponente: Während Autisten häufig Schwierigkeiten haben, soziale Signale und Emotionen anderer intuitiv zu erfassen, sind Hochsensible oft überdurchschnittlich empathisch und verfügen über eine hohe soziale Intelligenz.
Stärken von sensiblen Menschen
Die Fähigkeit, auf feine Reize zu reagieren, ist eine Gabe. Hochsensible nehmen ihre Umwelt intensiver wahr. Sie sehen Farben leuchtender, schmecken Nuancen im Essen, die anderen entgehen, und werden von Musik oder Kunst tief berührt. Im sozialen Miteinander fungieren sie oft als „Seismografen“. Sie merken, wenn in einem Team die Stimmung kippt, lange bevor Konflikte eskalieren.
Umgang mit Hochsensibilität im Alltag
Der Umgang mit Hochsensibilität erfordert ein gutes Selbstmanagement, um die permanente Gefahr der Überreizung zu bannen. Da das Nervensystem schneller „voll“ ist, ist die wichtigste Strategie: Pausenmanagement. Hochsensible brauchen mehr Ruhe als andere, um die aufgenommenen Informationen zu verarbeiten.
Neurodiversität: ADHS und Hochsensibilität als Teil der Vielfalt
Der Begriff Neurodiversität wurde in den 1990er-Jahren von der australischen Soziologin Judy Singer geprägt. Er bezeichnet die Vielfalt neurologischer Funktionsweisen als Teil der menschlichen Diversität - analog zur Vielfalt von Geschlecht, Kultur oder Sexualität. Menschen mit ADHS können in stressigen Situationen besonders kreativ und schnell reagieren. Hochsensible Menschen hören diesen Satz oft, wenn sie Reize wie Geräusche, Licht oder emotionale Spannungen intensiver wahrnehmen. ADHS wird oft als eine Störung der Kindheit wahrgenommen, mit zappeligen Schüler*innen, Konzentrationsproblemen und impulsivem Verhalten.
"Streng dich mehr an": Eine Kritik, die ADHS-Betroffene oft hören
Menschen mit ADHS hören z.B. sehr oft, sie sollten nicht so sein, wie sie sind. Konkret gesagt, sie sollten anders denken, fühlen und handeln. Wie oft bekommen ADHS-Menschen von Kindesbeinen an zu hören, sie sollten besser aufpassen, sie sollten sich "benehmen", sich konzentrieren, sich nicht so aufregen sondern ruhig bleiben, etc. Das alles tut ziemlich weh, wenn man sich aus seiner Sicht doch schon bemüht. Wenn man sein Bestes gibt und gar nicht weiß, wie man es noch anders machen sollte.
Die Wahrheit ist: Menschen mit ADHS strengen sich wahnsinnig an
Als ADHS-Coach habe ich nun seit über 10 Jahren Erwachsenen ADHS-Klienten zugehört und es gibt ein Thema, das immer wieder auftaucht und unter dem sehr, sehr viele ADHS-Menschen ganz still und heimlich leiden. Über das sie nicht sprechen, weil auch nie jemand danach fragt. Es gibt einen Vorwurf, eine Aufforderung, die Kinder und Erwachsene mit ADHS immer und immer wieder zu hören bekommen: STRENG DICH MEHR AN."Streng dich mehr an. Wenn du dich mehr anstrengen würdest, dann könntest du es." In dieser Formulierung oder irgendeiner Abwandlung davon. Menschen mit ADHS sollten sich mehr anstrengen. Sie bräuchten mehr Selbstdisziplin. Sie bräuchten mehr Biss. Und wissen Sie was? An ganz, ganz vielen Stellen ist das sowohl ein unglaublich schmerzhafter Dolchstoß mitten ins Herz als auch eine riesige Farce. Ein Dolchstoß deshalb, weil ADHS-Menschen sich meistens sehr wohl anstrengen. Und eine Farce deshalb, weil es eben nicht einfach auf Knopfdruck geht.
Auswirkungen auf die neuromotorische Entwicklung
Abweichungen vom neuromotorischen Aufrichtungsprozess, bspw. verbunden sind. Lern- und Verhaltensstörungen können die Folgen sein.
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