Beziehungsgestaltung mit Menschen mit Demenz: Methoden und Ansätze für eine würdevolle Pflege

Gerade bei Menschen mit Demenz, die sich häufig nicht mehr verbal ausdrücken können, gewinnt die zwischenmenschliche Ebene an Bedeutung. Ob im Pflegeheim, in der Klinik oder zu Hause - immer dann, wenn Worte nicht mehr ausreichen, brauchen wir andere Wege, um in Kontakt zu treten. Wege, die auf Vertrauen, Nähe und Wertschätzung basieren. Ziel ist es, den Patienten mehr emotionale Stabilität und Zufriedenheit zu verschaffen.

Beziehungspflege als professioneller Auftrag

Die Pflege von Menschen mit Demenz erfordert eine besondere Haltung. Wer sich nicht mehr in Raum, Zeit oder Sprache zurechtfindet, braucht Orientierung auf andere Weise - durch Blickkontakt, Berührung, durch Rituale oder kleine gemeinsame Erlebnisse. Beziehung ist dabei nicht nur ein Gefühl, sondern ein pflegerischer Auftrag.

Der Nationale Expertenstandard „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz“ konkretisiert diesen Anspruch: Pflegefachpersonen sollen durch gezielte Begegnungen das Personsein erhalten und fördern. Es geht darum, dass sich Menschen mit Demenz gehört, verstanden und verbunden fühlen - selbst dann, wenn sie sich nicht mehr mitteilen können.

Elena Nuñez, Bereichsleitung Pflege an den kbo-Lech-Mangfall-Kliniken, bringt ihre Erfahrung so auf den Punkt:

„Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, dass echte Beziehungsgestaltung in der psychiatrischen Akutversorgung vor allem mit Haltung zu tun hat - nicht nur mit Handlung. Es geht nicht darum, Patienten ‚gut zu behandeln‘, sondern darum, authentisch, transparent und verlässlich zu sein. Besonders in Krisensituationen zählt jede nonverbale Geste, jedes Zuhören, jedes aufrichtige Interesse.“

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Auch Clara Schumacher, Gesundheits- und Krankenpflegerin und Pflegedienstleitung am kbo-Zentrum für Altersmedizin und Entwicklungsstörungen in Haar, unterstreicht die Bedeutung der nonverbalen Kommunikation:

„Ich bin seit über zehn Jahren im Zentrum für Altersmedizin und Entwicklungsstörungen tätig. In dieser Zeit habe ich eine Vielzahl von Beziehungsgestaltung erlebt. Eine sehr wichtige Erkenntnis für mich ist und war: Beziehung findet auf verschiedenen Wegen statt. Sie muss nicht immer verbal geäußert werden, die Mimik und Gestik spielt hier eine ganz wichtige Rolle. Und Beziehung muss nicht durch große Sätze, Worte oder Handlungen gekennzeichnet sein - auch ganz kleine Handlungen können eine Beziehung aufbauen - und das ist in der Betreuung von Menschen mit Demenz ganz wichtig.“

Die Demenz beeinträchtigt die kognitiven Fähigkeiten und kann teilweise schwere Beeinträchtigungen des Gedächtnisses hervorrufen. Die emotionale Wahrnehmung bleibt aber dennoch erhalten. Eine Demenzerkrankung ruft auch häufig Angst, Paranoia und Wahnvorstellungen hervor. Für Außenstehende sind diese heftigen Empfindungen oft nicht nachzuvollziehen. In solchen Momenten ist es umso wichtiger, dass der Patient Beziehungen zu anderen Menschen hat.

Expertenstandard Beziehungsgestaltung

Das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege, kurz DNQP, hat den Expertenstandard Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz erstellt. Er soll Pflegekräften Empfehlungen und Anleitungen geben, die die Beziehungsgestaltung mit Demenzpatienten erleichtern. Die Expertenstandards des DNQP sollen die Grundlage für eine kontinuierlich verbesserte Qualität der Pflege in Deutschland bilden. Ein wichtiger Punkt dieses Expertenstandards ist, dass eine personenzentrierte Pflege von Demenzpatienten gefordert wird.

Der Expertenstandard fordert, dass die Beziehungsgestaltung von Akzeptanz, Vertrauen und Respekt geprägt sein sollte. Unterschiede zwischen Patient und Pflegekraft sollen außer Acht gelassen und hingenommen werden. Das stellt oftmals ein Problem da, da es vielen Menschen schwerfällt, mit den Auswirkungen der Demenz umzugehen. Das kann sich zum einen in Pflegeeinrichtungen zeigen, in denen Menschen mit Demenz und ohne Demenz zusammenleben. Zum anderen können solche Schwierigkeiten auch im sozialen Umfeld des Demenzpatienten auftreten. Etwa wenn langjährige Freunde sich abwenden, weil sie mit den Auswirkungen der Demenz nicht zurechtkommen. Sie fühlen sich nicht mehr als vollwertiges und gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft. Dabei stehen dann aber die Erwartungen unserer heutigen Gesellschaft im Vordergrund und nicht die Bedürfnisse und Wünsche des Patienten. Der Demenzpatient fühlt sich dadurch verstanden und angenommen. Diese Kompetenz sollen Pflegekräfte dann auch an andere Personen vermitteln.

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Der Expertenstandard richtet sich mit einet Anleitung an Pflegekräfte, die sie bei der Beziehungsgestaltung unterstützen soll. Demenzkranke verlieren nach und nach die Fähigkeit, sich zu orientieren, Informationen zu verstehen und einzuschätzen. Mit anderen Worten: Sie verstehen sich selbst und ihre Umwelt nicht mehr. Nach den Vorgaben des Expertenstandards sollen Sie ihm in dieser Situation Sicherheit und Halt bieten. Dies gelingt Ihnen am besten, wenn Sie erkennen, welche Unterstützung Ihr demenzerkrankter Patient benötigt.

Phasen der Demenz und entsprechende Kommunikation

Je nachdem, wie weit die Demenz schon fortgeschritten ist, muss die Kommunikation ganz unterschiedlich aussehen. Zu Beginn einer dementiellen Erkrankung - in einem leichten oder frühen Stadium der Demenz - ist die Wahrnehmung des Betroffenen zunächst nur wenig verändert. Die Person vergisst eventuell Namen, verlegt Gegenstände, kann sich nicht mehr an Dinge aus der Vergangenheit erinnern oder hat Schwierigkeiten, komplexe Aufgaben wie Terminabsprachen zu bewältigen.

  • Phase 1: Leichte Demenz: Das Erinnerungsvermögen ist nur punktuell beeinträchtigt. Der oberste Grundsatz lautet: Achten Sie die Selbstbestimmung. Nehmen Sie die Person unbedingt ernst und respektieren Sie die Selbstbestimmung. Fördern Sie eigenständige Aktivität und bleiben Sie tolerant. HinweisSie sind rechtlich dazu verpflichtet, die Selbstbestimmung Ihrer Patienten zu wahren. Äußert ein Patient, dass er etwas nicht tuen möchte, müssen Sie dies akzeptieren. Bei der Kommunikation mit Menschen mit leichter Demenz ist es wichtig, den Betroffenen mehr Zeit zum „Re-Agieren“ oder antworten zu lassen. Seien Sie stets zugewandt und sprechen Sie in einfachen, kurzen Sätzen. Hilfreich ist es, wenn Sie langsam und deutlich sprechen und Ihr Gesagtes mit Gesten unterstützen.

  • Phase 2: Mittelschwere Demenz: Der Patient kann sich Neues immer schlechter merken. Er lässt sich leicht ablenken und kann sich nur noch über kurze Phasen hinweg konzentrieren. Alltagsaktivitäten kann er nicht mehr ohne Hilfe ausführen. Die Einsichtsfähigkeit (auch in die Erkrankung) lässt nach. Er verkennt häufig optische und akustische Umgebungsreize. Unterstreichen Sie Ihre Worte immer durch Gestik und Mimik. Dies kann leichter und länger verstanden werden als Sprache. Akzeptieren Sie Verhaltensauffälligkeiten. Behalten Sie einen möglichst gleichförmigen Tagesablauf bei. TippBleiben Sie gelassen. Im Stadium einer mittelschweren Demenz haben Betroffene oft auffällige Denk- und Gedächtnislücken. Sie benötigen verstärkt Hilfe bei alltäglichen Aktivitäten. Die Demenzerkrankten bemerken den Abbau ihrer Fähigkeiten auch selber und versuchen die Auswirkungen zu bewältigen. Häufig tritt dann ein „Fassadenverhalten“ auf, indem z.B. Missgeschicke überspielt, Fehler abgestritten und schwere Vorwürfe an die Umgebung gemacht werden. Ab diesem Krankheitsstadium ist es sehr wichtig, auf die jeweils aktuelle Gefühlslage Ihres Angehörigen einzugehen. Also mit Empathie zu reagieren und zu vermitteln, dass das Gefühl gerechtfertigt ist. Regt sich Ihr Angehöriger beispielsweise über ein plötzlich auftretendes lautes Geräusch auf, können Sie bestätigen „Oh, das war aber laut!“. Es wird Situationen geben, in denen Ihnen das nicht gelingt. Versuchen Sie dann, eine Pause in der Kommunikation einzulegen. Manchmal hilft es einfach am besten, nicht weiter mit den Erkrankten zu diskutieren und zu argumentieren, sondern sich selbst zu beruhigen. Um dann mit „besseren Nerven“ und aufgefrischter Geduld noch einmal die Situation anzugehen. Versuchen Sie mit Biographiearbeit das Identitätsempfinden Ihres Angehörigen möglichst lange zu erhalten: Zeigen Sie Ihrem Angehörigen beispielsweise Fotos aus einem Abschnitt seines Lebens, wie der Schulzeit, dem Studium und frühen Arbeitsleben oder der Hochzeit, den kleinen Kindern. Wichtig: In diesem Stadium spiegeln Erkrankte oft die Körpersprache Ihres Gegenübers. Wut, Frust und Unruhe aber ebenso gute Laune wirken ansteckend.

  • Phase 3: Schwere Demenz: Der Patient hat kaum Erinnerungen, auch nicht an ganz frühe Lebensphasen. Das Sprachvermögen erlischt bis auf das Wiederholen einzelner Worte und Phrasen. Er versteht zunächst noch Körpersprache, später reduziert sich dieses Verständnis auf die Mimik. Die demenzerkrankte Person kann durch ihre verminderte Mobilität nicht mehr gezielt nach Reizen suchen oder Unangenehmes ausblenden. Daher ist es notwendig, dass Sie Reizüberflutung vermeiden und gezielt Sinnesanregungen anbieten. TippVermeiden Sie Reizüberflutung. Der Patient kann die verschiedenen Reize nicht zuordnen oder ausblenden. Im letzten Stadium einer dementiellen Erkrankung geht vielen Betroffenen die Fähigkeit verloren, verbal zu kommunizieren. Eine nonverbale und emotionale Kommunikation zur Verständigung wird dann immer wichtiger. Für die Kommunikation mit Menschen mit schwerer Demenz eignet sich die Methode der basalen Stimulation besonders gut. Handeln Sie bitte gerade in diesem Krankheitsstadium nach dem Motto „Weniger ist mehr“. Viele der Betroffenen genießen auch ein schweigendes Beisammensitzen. Hand in Hand. Das muss auch nicht lange Zeit in Anspruch nehmen. Wichtig ist das Erleben „Ich bin nicht allein“, zum Beispiel für drei bis fünf Minuten. Berührungen werden in diesem Stadium besonders wichtig für viele Betroffene. Versuchen Sie Ihrem Angehörigen Zuneigung und Wertschätzung zu vermitteln.

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Der Expertenstandard enthält ein 4-Phasenmodell, das die Vorgehensweise für seine Implementierung abbildet. Ganz zu Beginn des Prozesses sollten Sie sich Zeit für die Vorbereitung nehmen. Um den Expertenstandard umsetzen zu können, sollten Sie Ihre Mitarbeiter schulen und ihnen den Inhalt näherbringen. Nachdem das gesamte Pflegepersonal in die Implementierung miteinbezogen wurde, geht es an die Konkretisierung. Sie setzen sich mit dem Expertenstandard auseinander und arbeiten heraus, welche Prozesse in Ihrer Pflegeeinrichtung angepasst werden müssen. Mit Hilfe eines Audit-Instruments überprüfen Sie, ob die Kriterien umgesetzt wurden. Die Vorbereitungsphase und die Implementierung der vier Phasen sollen circa 6 Monate in Anspruch nehmen. Während der vier Phasen wird dann eine Projektverlaufsdokumentation erhoben. Sie notieren, welche Maßnahmen Sie einleiten, um die Kriterien des Expertenstandards umzusetzen.

Struktur, Prozess und Ergebnis der Beziehungsgestaltung

Der Expertenstandard definiert Struktur-, Prozess- und Ergebniskriterien für die Beziehungsgestaltung:

  • Haltung und Kompetenz: Die Pflegefachkraft hat eine person-zentrierte Haltung entwickelt und verfügt über das Wissen, Menschen mit Demenz zu identifizieren und deren Unterstützungsbedarfe einzuschätzen. Die Einrichtung fördert eine personenzentrierte Haltung.
  • Planung und Durchführung: Die Pflegefachkraft plant individuell angepasste Maßnahmen unter Einbeziehung des Menschen mit Demenz, seiner Angehörigen und beteiligter Berufsgruppen. Die Einrichtung stellt sicher, dass die Pflege auf Basis eines personenzentrierten Konzepts gestaltet wird.
  • Anleitung, Schulung und Beratung: Die Pflegefachkraft informiert, leitet an oder berät den Menschen mit Demenz entsprechend seiner Fähigkeiten über beziehungsfördernde Angebote. Angehörige werden proaktiv über beziehungsfördernde Maßnahmen informiert, angeleitet, geschult und beraten.
  • Maßnahmen und Angebote: Die Pflegefachkraft gewährleistet und koordiniert das Angebot sowie die Durchführung von beziehungsfördernden Maßnahmen und unterstützt gegebenenfalls andere an der Pflege Beteiligte. Die Einrichtung schafft Rahmenbedingungen für personenzentrierte, beziehungsfördernde Angebote und sorgt für einen qualifikationsgemäßen Kenntnisstand aller an der Pflege Beteiligten.
  • Evaluation: Die Pflegefachkraft überprüft laufend die Wirksamkeit der beziehungsfördernden Maßnahmen.

Durch beziehungsfördernde- und gestaltende Maßnahmen soll dem Patienten zu neuen Beziehungen verholfen werden und bereits bestehende sollen beibehalten und intensiviert werden.

Methoden und Konzepte für die Beziehungsgestaltung

Verschiedene Methoden und Konzepte können in der Beziehungsgestaltung mit Menschen mit Demenz eingesetzt werden, die auf den Prinzipien der Akzeptanz und Wertschätzung basieren. Zu den wichtigsten gehören:

Validation

Die Gefühle von Demenzerkrankten anerkennen und akzeptieren steht im Fokus des Konzepts der Validation bei Demenzerkrankten. Die Pädagogin und Psychogerontologin Nicole Richard erweiterte die Methode und setzte die Schwerpunkte auf die noch vorhandenen Ressourcen und Fähigkeiten der Demenzerkrankten. Dies nennt sich die integrative Validation nach Nicole Richard. Die grundlegende Annahme der Methode der Validation: Dementiell erkrankte Menschen sind überaus feinfühlig und äußern ihre Gefühle sehr authentisch. Bei der Validation geht man auf diese aktuelle Gefühlslage des Betroffenen ein anstatt die Person zu korrigieren und ins „Hier und Jetzt“ zurückholen zu wollen. Versucht werden soll, die Perspektive des Demenzerkrankten einzunehmen und Verständnis für dessen aktuelle emotionale Lage aufzubringen.

Ziel dabei ist es, Stress zu reduzieren, Unruhe und Aggressionen bei Demenz entgegenzuwirken, den Einsatz von Beruhigungsmitteln zu vermeiden und die Kommunikations- und Wahrnehmungsfähigkeiten des dementiell Erkrankten zu erhalten. Das Selbstwertgefühl der Betroffenen soll durch Validation gesteigert werden - indem man vermittelt, dass Ihnen zugehört und auf Ihre Gefühle eingegangen wird. Ein schwieriges Gefühl anzuerkennen, kann die Last nehmen, die das negative Gefühl auslöst. Im besten Fall können Belastungen auf ein Minimum reduziert werden. Gut umgesetzt können die positiven Effekte der Validation in der Pflege von Demenzerkrankten erstaunlich sein: Stress wird abgebaut und es kehrt Freude zurück in die Kommunikation.

Beispiele für verbale Validation:

  • Ihr dementiell erkrankter Angehöriger räumt persönliche Gegenstände ständig hin und her und will nicht damit aufhören. Als verbale Validation sagen Sie in dieser Situation zum Beispiel: „Ordnung ist das halbe Leben“ oder „Du bist immer sehr ordentlich“.
  • Ihr Angehöriger möchte die längst verstorbene Mutter am Bahnhof abholen und wird aus Angst, den Termin zu verpassen, unruhig. Sie valideren „Du bist gerne pünktlich. Auf dich ist Verlass“ oder auch „Pünktlichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“.

Anstatt zu korrigieren und auf die Fehler hinzuweisen, erkennen Sie mit der Methode der Validation bei Demenzerkrankten die Gefühle der Situation an und bestätigen, dass diese gerechtfertigt sind und Sie zugehört haben. Dadurch vermitteln Sie Ihrem Gegenüber Wertschätzung und das Gefühl, verstanden worden zu sein. Sie tauchen in seine Welt ein und begeben sich auf die gleiche Ebene.

Personzentrierte Pflege nach Tom Kitwood

Die personzentrierte Pflege nach Tom Kitwood ist ein Kommunikationskonzept, welches ursprünglich für die professionelle Pflege und Kommunikation mit Demenzerkrankten konzipiert worden ist. Das zentrale Element der personzentrierten Pflege nach Kitwood: Sie stellt den Mensch in den Mittelpunkt und nicht die Krankheit. Erhalt und Förderung des Personseins ist der Kern bei dieser Art der Kommunikation. Wie bei der basalen Stimulation kann durch Körpersprache Sicherheit und Geborgenheit vermittelt werden. Das kann eine Umarmung, das Streicheln der Hand oder des Armes oder einfach ein verständnisvolles Nicken sein.

Die Bedürfnisse, die jeder Menschen braucht, um sich wahrgenommen, wertgeschätzt und als Person zu fühlen, können nach Tom Kitwood in einer Blumenform illustriert werden. Kern der Blüte ist das Bedürfnis nach Liebe, an welches sich die „Blütenblätter“ Trost, Bindung, Einbeziehung, Beschäftigung und Identität anknüpfen.

  • Liebe: Liebe ist für alle Menschen, aber besonders für Demenzerkrankte, ein elementares Bedürfnis. Demenzerkrankte sind meist sehr feinfühlig und brauchen viel Zuneigung. Zeigen Sie Ihren Angehörigen also Ihre Liebe und lassen Sie Nähe zu.
  • Einbeziehung: Beziehen Sie Ihren Angehörigen in alltägliche Aktivitäten mit ein. So kann sich dieser wahrgenommen und als Teil des Ganzen fühlen.
  • Beschäftigung: In vielen Fällen fühlen sich Demenzerkrankte bedeutungslos. Langeweile kann im schlechten Fall auch in Apathie münden. Dies können Angehörige verhindern, indem sie ihn mit einer Aktivität beschäftigen. Ein Puzzle ist beispielsweise eine schöne Beschäftigung, die gleichzeitig die Gehirnaktivität fördert - es muss aber individuell geschaut werden, ob dies auch für Ihren Angehörigen passt.
  • Identität: Identität meint, dass man weiß, wer man ist, was man erlebt hat und wo man herkommt. Dieses Wissen geht Demenzerkrankten im Laufe ihrer Erkrankung oft verloren. Fördern und erhalten Sie das Identitätsempfinden Ihres Angehörigen, indem Sie Erinnerungen pflegen und Biographiearbeit betreiben.
  • Trost: Oft haben Demenzerkrankte das Gefühl nicht verstanden zu werden. Sie fühlen sich verloren und brauchen jemanden, der Stärke und Geborgenheit vermittelt. Hören Sie Ihrem Angehörigen aktiv zu, lassen Sie seine Gefühle zu und zeigen Sie Mitgefühl.
  • Bindung: Wenn ein Demenzerkrankter im Laufe seiner Erkrankung mehrere Bindungen zu Menschen verloren hat - dadurch, dass er sie nicht mehr erkennt oder sie nicht besuchen kann - wird die Bindung zu den verbleibenden Menschen immer wichtiger. Von sich aus sind Demenzerkrankte - trotz starkem Bedürfnis - oft nicht mehr in der Lage eine Beziehung aufzubauen.

Basale Stimulation

Eine basale Stimulation bei Demenz - oder auch multisensorische Stimulation - hat das Ziel, die Fähigkeiten von dementiell erkrankten Menschen in den Bereichen Kommunikation, Wahrnehmung und Bewegung zu fördern und sie zu aktivieren. Im Gegensatz zur Validation und der personzentrierten Pflege setzt sie hauptsächlich auf die nonverbale Kommunikation. Über die Stimulation von visuellen (Sehen), akustischen (Hören), gustatorischen (Riechen und Schmecken) und taktilen (Fühlen) Reizen kann die Aufmerksamkeit angeregt und eine Verbindung aufgebaut werden. Sinnvoll ist die basale Stimulation besonders für Menschen mit mittelschwerer und schwerer Demenz, die nicht mehr oder nur schwer in der Lage sind, verbal zu kommunizieren und sich zu verständigen.

Ziele der basalen Stimulation sind, Demenzerkrankte durch unterschiedliche Aktivierungen zu erreichen und in Kommunikation zu treten, auch wenn ein verbaler Austausch nicht mehr so gut möglich ist. Eine basale Stimulation in der Pflege von Demenzerkrankten soll dabei helfen, das Vertrauen und die Selbstwahrnehmung zu stärken und gleichzeitig Anspannungen und Ängste abzubauen. Eine basale Stimulation bei Demenzerkrankten lässt sich sehr gut in den Alltag integrieren - zum Beispiel bei der täglichen Körperpflege.

Weitere Aspekte der Beziehungsgestaltung

Biografiearbeit

Ein essenzieller Bestandteil der beziehungsorientierten Pflege ist die sogenannte Biografiearbeit - ein Thema, das bereits in der Pflegeausbildung vermittelt wird. Michael Hangl, Pflegepädagoge und Lehrer an der kbo-Berufsfachschule für Pflege in Haar, erklärt:

„Bei der Biografiearbeit beschäftigt man sich mit der Lebensgeschichte einer Person. Dadurch ist es möglich, einen Menschen ganzheitlich zu betrachten, ihn in den Mittelpunkt zu stellen und nicht nur den Fokus auf die Krankheitsgeschichte und die zu behandelnden Symptome zu richten.“

Für Pflegefachpersonen bedeutet das, individuelle Interessen, Prägungen oder Vorlieben der Patientinnen und Patienten kennenzulernen und darüber Anknüpfungspunkte zu erhalten, um eine echte Beziehung herstellen zu können.

„Es ist meines Erachtens sehr wichtig, das Thema bereits im Rahmen der Ausbildung intensiv zu behandeln, da Biographiearbeit einen zentralen Grundstein der gesamten pflegerischen Arbeit jetziger und auch zukünftiger Pflegepersonen darstellt, um individualisierte, patientenorientierte und qualitativ hochwertige Pflege leisten zu können“, erklärt Michael Hangl weiter.

Ein Beispiel aus der Praxis: Eine Patientin reagierte abwehrend auf eine bestimmte Pflegesituation. Erst durch Informationen aus ihrer Biografie wurde klar, dass sie ein früheres traumatisches Erlebnis mit genau dieser Situation verband. Mit diesem Wissen konnte das Team empathisch und lösungsorientiert reagieren.

Solche sogenannten Verstehenshypothesen helfen dabei, Verhalten nicht vorschnell zu deuten, sondern aus dem individuellen Erleben heraus zu verstehen. Besonders bei der Biografiearbeit und der Entwicklung von Verstehenshypothesen ist die Einbindung des gesamten multiprofessionellen Teams entscheidend, um den bestmöglichen Effekt bei der Beziehungsgestaltung erreichen zu können.

Nicht-medikamentöse Therapieansätze

Die S3-Leitlinie Demenzen (2025) gibt zahlreiche evidenzbasierte Empfehlungen für nicht-medikamentöse Interventionen, insbesondere bei Verhaltenssymptomen und zur Förderung der Lebensqualität. Doch deren Umsetzung erfordert in der Praxis mehr als bloße Anwendung von Methoden. Entscheidend für den Therapieerfolg ist die Beziehungsgestaltung zwischen Betroffenen und Pflegepersonen.

Die S3-Leitlinie betont, dass nicht-medikamentöse Maßnahmen häufig die erste Wahl bei herausfordernden Verhaltenssymptomen (BPSD) und zur Förderung von Wohlbefinden darstellen sollten.

  • Musiktherapie: wirkt stimmungsstabilisierend, angstlösend und kann agitiertes Verhalten deutlich reduzieren. Studien zeigen, dass vor allem biografisch bedeutsame Musik Erinnerungen weckt und emotionale Zugänge eröffnet - selbst bei fortgeschrittener Demenz. Der Einsatz kann sowohl rezeptiv (Musikhören) als auch aktiv (Singen, Trommeln, Tanzen) erfolgen.
  • Bewegungstherapie: unterstützt nicht nur die körperliche Fitness, sondern wirkt sich nachweislich positiv auf depressive Symptome, Schlafstörungen und allgemeines Wohlbefinden aus.
  • Kognitive Aktivierung: zielt darauf, spezifische kognitive Fähigkeiten wie Gedächtnis, Orientierung oder Problemlösen durch strukturierte Übungen zu trainieren. Sie eignet sich besonders in frühen Demenzstadien.
  • Multimodale Ansätze: die z. B. Musik-, Bewegungs- und Aromatherapie kombinieren, gelten als besonders effektiv zur Behandlung von BPSD.
  • Schlafförderung: Schlechter Schlaf verstärkt Verwirrtheit, Reizbarkeit und depressive Symptome. Die Leitlinie empfiehlt Lichttherapie, schlafhygienische Maßnahmen, tagesstrukturierende Aktivitäten sowie die Vermeidung schlafstörender Reize.

Kleine Interventionen mit großer Wirkung

Beziehungsfördernde Maßnahmen müssen nicht aufwendig sein. Vielmehr kommt es auf Alltagstauglichkeit und Menschlichkeit an. Einige bewährte Interventionen, die in verschiedenen kbo-Pflegeeinrichtungen Anwendung finden:

All diese und viele weitere Angebote haben eines gemeinsam: Sie stellen den Menschen in den Mittelpunkt, nicht das Defizit.

Dazu sagt Elena Nuñez: „Echte Beziehungspflege beginnt, wenn ich mich als Mensch einbringe, nicht nur als professionelle Rolle. Wenn ich Patientinnen und Patienten nicht nur als Diagnosen sehe, sondern als individuelle Menschen mit Geschichten, Bedürfnissen, Stärken und Ängsten.“

Herausforderungen und Perspektiven

Dennoch zeigt sich in der täglichen Praxis häufig ein Spannungsfeld zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Pflegekräfte, Betreuungskräfte wie pflegende Angehörige arbeiten häufig unter hohem Zeitdruck und mit personellen Engpässen. Die Komplexität der Demenzversorgung erfordert jedoch gerade Zeit, Geduld und Präsenz. Eine beziehungsorientierte Haltung lässt sich nicht in Checklisten abbilden oder in wenigen Minuten pro Schicht realisieren. Das stellt alle Beteiligten gleichermaßen vor große Herausforderungen.

Umso wichtiger sind multiprofessionelle Teams, klare Verantwortlichkeiten, regelmäßige Fallbesprechungen und die kontinuierliche Schulung des Personals. Nicht-medikamentöse Therapie und Begleitung bei Menschen mit Demenz gelingt dann, wenn wissenschaftlich fundierte Empfehlungen mit praktischer Erfahrung und Beziehungsqualität zusammenwirken.

Impulse für die Zukunft der Demenzpflege

Das Wissen über wirksame beziehungsfördernde Maßnahmen wächst stetig. Wichtig ist, dass es geteilt und weiterentwickelt wird - im Austausch unter Fachkräften, im Gespräch mit Angehörigen und im offenen Blick für das, was im Alltag funktioniert.

Die hier vorgestellten Beispiele zeigen Möglichkeiten auf, wie sich professionelle Beziehungsgestaltung mit Menschen mit Demenz praktisch gestalten lässt.

Solche Pflegebeziehungen verbessern nicht nur die Lebensqualität von Menschen mit Demenz, sondern können sich auch positiv auf die Arbeitszufriedenheit der Teams auswirken.

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