Die Tiefe Hirnstimulation (THS) ist ein etabliertes Verfahren zur Behandlung verschiedener neurologischer und psychiatrischer Erkrankungen. Dieser Artikel beleuchtet die Kostenübernahme durch die Krankenkasse, die Anwendungsbereiche, den Ablauf der Behandlung und die neuesten Entwicklungen.
Einführung in die Tiefe Hirnstimulation
Die Tiefe Hirnstimulation (THS) ist eine Behandlungsmethode, bei der Elektroden in bestimmte Hirnregionen implantiert werden, um deren Aktivität durch elektrische Impulse zu beeinflussen. Sie wird eingesetzt, wenn andere Therapieformen nicht ausreichend wirksam sind.
Anwendungsbereiche der Tiefen Hirnstimulation
Die THS findet vor allem Anwendung bei:
- Bewegungsstörungen: Morbus Parkinson, essentieller Tremor, Dystonie.
- Psychiatrischen Erkrankungen: Zwangserkrankungen, Tourette-Syndrom, therapieresistente Depressionen.
- Weitere Forschungsbereiche: Alzheimer-Demenz, auditorische Halluzinationen.
Tiefe Hirnstimulation bei Bewegungsstörungen
Bei Bewegungsstörungen wie Morbus Parkinson, essentiellem Tremor und Dystonie wird die THS eingesetzt, wenn die medikamentöse Behandlung nicht mehr ausreichend wirkt oder unerträgliche Nebenwirkungen verursacht. Die THS kann die Beweglichkeit verbessern und die Lebensqualität der Patienten deutlich steigern.
Tiefe Hirnstimulation bei psychiatrischen Erkrankungen
Die THS kann auch bei bestimmten psychiatrischen Erkrankungen wie Zwangsstörungen, dem Tourette-Syndrom und therapieresistenten Depressionen in Betracht gezogen werden. Mehrere Studien haben die Möglichkeiten der THS zur Behandlung von streng selektierten Patienten und Patientinnen mit diesen Erkrankungen belegt.
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Forschung zu weiteren Anwendungsbereichen
Aktuell wird die Anwendung der THS auch zur Behandlung der Alzheimer-Demenz und bei auditorischen Halluzinationen (Stimmenhören) erforscht. Diese Studien sollen zeigen, ob die THS auch in diesen Bereichen eine wirksame Therapieoption darstellen kann.
Voraussetzungen für die Tiefe Hirnstimulation
Die THS ist in der Regel eine Therapie der letzten Wahl, wenn konservative Behandlungsmethoden ausgeschöpft sind. Bei Bewegungsstörungen bedeutet dies, dass die Patienten nicht mehr auf Medikamente ansprechen, unvorhersehbare Wirkungen oder starke Nebenwirkungen haben. Bei psychiatrischen Erkrankungen müssen sowohl medikamentöse als auch psychotherapeutische Behandlungen ausgeschöpft sein.
Kostenübernahme durch die Krankenkasse
Gesetzliche Krankenkassen
Für die Bewegungsstörungen Parkinson-Krankheit, essentieller Tremor und Dystonie erfolgt in der Regel eine Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen. Bei psychiatrischen Erkrankungen wird die Krankenkasse vorab kontaktiert, um die Kostenübernahme zu klären.
Private Krankenkassen
Die Kostenübernahme durch private Krankenkassen hängt vom jeweiligen Tarif ab. In der Regel umfasst der private Krankenversicherungsschutz etwa 50 Sitzungen Psychotherapie im Jahr. Es ist ratsam, die Kostenübernahme vorab mit der Versicherung abzuklären.
Ablehnung der Kostenübernahme und Klage
In bestimmten Fällen kann die Krankenkasse die Kostenübernahme für die THS ablehnen. Dies kann beispielsweise der Fall sein, wenn alternative Standardtherapien zur Verfügung stehen und diese eine deutliche Besserung der Symptomatik bewirken. Ein Beispiel hierfür ist ein Urteil des Sozialgerichts Reutlingen vom 11.06.2025 (S 1 KR 1661/24), in dem die Klage eines Patienten auf Kostenübernahme einer THS abgelehnt wurde, da die Elektrokrampftherapie (EKT) eine wirksame Standardbehandlung darstellte.
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Ablauf der Behandlung
Multidisziplinäre Entscheidung
Die Entscheidung für eine THS wird immer von einem multidisziplinären Team getroffen, bestehend aus Neurologen, Neurochirurgen, Neuropsychologen und Psychiatern. In einer wöchentlichen THS-Konferenz werden alle Patienten ausführlich besprochen, um die Eignung für die Operation zu beurteilen.
Implantation der Elektroden
Die Elektroden werden millimetergenau in ein bestimmtes Hirnareal implantiert. Hierfür wird ein stereotaktischer Rahmen am Kopf des Patienten fixiert, der als Referenzsystem dient. Vor der Operation werden ein MRT und ein CT angefertigt, um die 3D-Koordinaten des Zielareals und des Bohrlochs festzulegen.
Teststimulation
Nach der Implantation der Messelektroden wird die elektrische Aktivität im Gehirn Millimeter für Millimeter gemessen. Anhand der gemessenen Werte erfolgt eine Teststimulation, um die Schwelle für eine gute Wirkung sowie die Schwelle für Nebenwirkungen festzulegen. Der Punkt mit der niedrigsten Schwelle für eine gute Wirkung und der höchsten Schwelle für Nebenwirkungen ist der optimale Zielpunkt für die finale Elektrode.
Anästhesieform
Der Eingriff erfolgt in der Regel in Analgosedierung, wobei der Patient beruhigt, aber ansprechbar ist. Dies ermöglicht die Teststimulation während der Operation. Es ist aber auch möglich, die komplette Operation in Vollnarkose durchzuführen.
Implantation des Impulsgenerators
In einer zweiten Operation wird der Impulsgenerator (Schrittmacher) unter Vollnarkose unterhalb des Schlüsselbeins implantiert. Der Impulsgenerator wird mit einem dünnen Kabel, das unter der Haut vorgeschoben wird, an die im Gehirn liegenden Elektroden angeschlossen.
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Programmierung und Nachsorge
Nach der Implantation werden die optimalen Einstellungen des Impulsgenerators mittels Funkübertragung von außen programmiert. Die Patienten erhalten eine intensive Nachbetreuung zur Anpassung der THS und der begleitenden medikamentösen Therapie.
Risiken und Nebenwirkungen
Operationsrisiken
Wie bei jedem neurochirurgischen Eingriff bestehen auch bei der THS Risiken wie Blutungen im Gehirn oder Infektionen. Das Risiko für Komplikationen mit bleibenden Ausfällen liegt jedoch unter 1%. Moderne Bildgebungstechniken minimieren das Risiko von Gefäßverletzungen.
Nebenwirkungen der Stimulation
Die Nebenwirkungen der Stimulation hängen vom stimulierten Hirnareal ab. Bei der Parkinson-Erkrankung kann es zu Persönlichkeitsveränderungen kommen, beim essentiellen Tremor zu Sprach- und Gangstörungen. Diese Nebenwirkungen sind jedoch reversibel und können durch Anpassung der Stimulationsparameter reduziert oder beseitigt werden.
Technische Neuerungen
Direktionale Elektroden
Seit 2015 gibt es direktionale Elektroden, die eine gezieltere Stimulation in eine bestimmte Richtung ermöglichen. Dadurch können Nebenwirkungen wie Sprachstörungen reduziert werden.
MRT-Tauglichkeit
Es gibt Fortschritte bei der MRT-Tauglichkeit der THS-Systeme. Einige Schrittmachertypen sind MRT-fähig, müssen aber vor und nach der Untersuchung umprogrammiert werden.
Brain-Sensing-Technologie
Die Brain-Sensing-Technologie ermöglicht es, die elektrische Aktivität tief im Gehirn abzuleiten und die Stimulationseinstellung entsprechend anzupassen. Dies führt zu einer adaptiven oder Closed-Loop-Stimulation, bei der die Stromstärke automatisch an die Symptome angepasst wird.
Alltag mit einem THS-System
Nach der Implantation eines THS-Systems können Patienten in der Regel ihrem normalen Alltag nachgehen. Es gibt jedoch einige Einschränkungen:
- Fahrverbot: In Deutschland besteht nach einer Hirnoperation ein Fahrverbot von drei Monaten.
- Sicherheitsschleusen: Patienten sollten im Flughafen nicht durch die Sicherheitsschleuse gehen.
- Elektromagnetische Felder: Untersuchungen mit MRT oder Tiefenwärmebehandlungen sind nur unter Berücksichtigung besonderer Sicherheitskriterien möglich.
Alternative Behandlungsmethoden
Neben der THS gibt es weitere Behandlungsmethoden für neurologische und psychiatrische Erkrankungen. Eine davon ist die Transkranielle Magnetstimulation (TMS).
Transkranielle Magnetstimulation (TMS)
Die TMS ist ein nicht-invasives Verfahren, bei dem Magnetimpulse eingesetzt werden, um die Nervenzellen des Gehirns zu stimulieren. Sie wird zur Behandlung von Depressionen und anderen neurologischen Erkrankungen eingesetzt.
Wirkungsweise der TMS
Bei der TMS werden Magnetimpulse eingesetzt, die zu einer zuverlässig nachweisbaren elektrischen Aktivierung von Nervenzellen führen. Die Impulsserien führen zu einer anhaltenden Anregung oder Normalisierung der Nervenzellaktivität.
Anwendung der TMS
Die TMS wird zur Behandlung von Depressionen eingesetzt, insbesondere wenn Psychotherapie und Medikamente nicht ausreichen. Sie kann auch bei anderen Erkrankungen wie Migräne, chronischen Schmerzen und kognitiven Störungen eingesetzt werden.
Ablauf der TMS-Behandlung
Die TMS-Behandlung erfolgt in der Regel von Montag bis Freitag über einen Zeitraum von zwei bis vier Wochen. Eine reguläre Behandlungssitzung dauert etwa 30 Minuten. In wöchentlichen Therapiegesprächen wird die Wirkung der Behandlung überwacht und optimiert.
Kostenübernahme der TMS
Die TMS wird in der Regel nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen und ist eine individuelle Gesundheitsleistung (IGEL). Die meisten privaten Versicherungen übernehmen die Kosten, es ist jedoch ratsam, dies vorab mit dem Versicherer abzuklären.
Fallbeispiele und Erfahrungsberichte
Viele Patienten berichten von positiven Erfahrungen mit der THS und der TMS. Sie berichten von einer Verbesserung der Beweglichkeit, einer Reduktion von Schmerzen und einer Steigerung der Lebensqualität.
Tiefe Hirnstimulation
Ein Patient mit chronischer unipolarer Depression berichtete: „Nach drei Wochen ging es mir so gut wie seit langem nicht.“ Ein anderer Patient sagte: „Ich spüre eine Verbesserung: Stimmung - Angstgefühle - Panikattacken sind weniger.“
Transkranielle Magnetstimulation
Ein Patient mit Muskelschmerzen berichtete: „Ich merkte schon nach 4 Tagen einen immensen Rückgang meiner dauernd anhaltenden Muskelschmerzen und es stellte sich ein Lebensgefühl ein, was ich seit 10 Jahren nicht mehr hatte.“ Ein anderer Patient sagte: „Nach der Behandlung war ich nicht schmerzfrei, aber meine Lebensqualität ist enorm gestiegen.“