Migräne: Ursachen, Frequenz und Behandlung

Migräne ist eine weit verbreitete und oft stark beeinträchtigende Kopfschmerzerkrankung. Sie ist durch anfallsartige, meist einseitige Kopfschmerzen gekennzeichnet, die von Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Erbrechen und Licht- und Geräuschempfindlichkeit begleitet sein können. Die Ursachen und Auslöser von Migräne sind vielfältig und noch nicht vollständig verstanden.

Verbreitung der Migräne

Migräne ist eine der häufigsten Kopfschmerzformen. Einer repräsentativen Befragung des Robert Koch-Instituts zufolge erfüllen rund 15 Prozent der Frauen und sechs Prozent der Männer die kompletten Kriterien einer Migräne. Hinzu kommen 14 Prozent der Frauen und 12 Prozent der Männer, die wahrscheinlich betroffen sind. Migräne tritt vor allem im erwerbsfähigen Alter auf und betrifft in dieser Lebensphase Frauen bis zu dreimal häufiger als Männer.

Ursachen von Migräne

Migräne ist eine primäre Kopfschmerzerkrankung, tritt also nicht als Folge einer anderen Grunderkrankung auf. Verantwortlich für Migräne ist eine Funktionsstörung des Gehirns. Betroffen sind vor allem die Strukturen, die für die Schmerzentstehung und -verarbeitung zuständig sind. Außerdem ist bei Migränebetroffenen die Hirnrinde überempfindlich. Das bedeutet, dass äußere Reize verstärkt wahrgenommen werden.

Die Kopfschmerzforschung geht davon aus, dass das Gehirn eines Migränebetroffenen Reize früher und schneller verarbeitet, als es bei einem Menschen ohne Migräneveranlagung der Fall ist. In der jüngeren Zeit konnte nachgewiesen werden, dass spezifische Veränderungen im menschlichen Erbgut für diese besondere kognitive Veranlagung sorgen. Man suchte nach kleinsten Veränderungen im Erbgut, die mit der Veranlagung für Migräne im Zusammenhang stehen könnten. Verlässliche Studien sind in diesem Feld sehr aufwändig, da eine hohe Stichprobenzahl benötigt wird. Man kann es sich so vorstellen, dass das Nervensystem von Migränebetroffenen wegen der gesteigerten Reizverarbeitung ständig unter ‚Hochspannung‘ steht. Bei zu schneller oder zu lang anhaltender Reizverarbeitung kann es zu einem Zusammenbruch der Energieversorgung der Nerven kommen. Die Steuerung der Nervenfunktionen entgleist und schmerzauslösende Botenstoffe werden ungehindert freigesetzt - die hämmernden Migränekopfschmerzen stellen sich ein.

Es gibt viele Faktoren, die eine Migräneattacke auslösen können. Insbesondere zu viel Kaffee kann Kopfschmerzen auslösen, plötzlicher Verzicht darauf allerdings auch. Migräneattacken treten zudem häufig am Wochenende oder im Urlaub auf, wenn sich der Körper nach anhaltendem Stress langsam entspannt. Auch Östrogen kann zu einer Migräneattacke führen. Mit diesem Hormon lässt sich auch die deutlich höhere Erkrankungsrate bei weiblichen Personen erklären.

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Weitere mögliche Auslöser sind:

  • Genetische Faktoren: Das Risiko, an Migräne zu erkranken, ist erhöht, wenn Verwandte ebenfalls betroffen sind.
  • Umweltbedingte Faktoren: Sinnesüberreizungen, bestimmte Lebensmittel wie Rotwein, Hunger, Stress oder Schlafmangel, Kopfverletzungen und Nackenschmerzen können ebenfalls zu einer Migräne mit oder ohne Aura führen.

Symptome der Migräne

Ein typisches Symptom für eine Migräne ist ein pulsierender, pochender oder stechender Schmerz, der von Betroffenen als moderat bis schwer empfunden wird. Er breitet sich anfallsartig von einer Kopfhälfte beginnend auf die andere aus. Anders als gewöhnliche Kopfschmerzen tritt eine Migräne anfallartig auf und kann bis zu drei Tagen anhalten.

Weitere Symptome können sein:

  • Übelkeit und Erbrechen
  • Lichtempfindlichkeit (Photophobie)
  • Geräuschempfindlichkeit (Phonophobie)
  • Geruchsempfindlichkeit (Osmophobie)
  • Schwindel
  • Sehstörungen
  • Sprachstörungen
  • Konzentrationsschwierigkeiten

Migräne mit Aura

Einer Migräneattacke kann eine sogenannte Aura vorausgehen. Als Aura wird ein Gesichtsfeldausfall bezeichnet. Betroffene beschreiben eine Aura häufig als eine kleine Sonne oder ein Regenbogen, der sich über das eigentliche Bild legt. Die Aura wird immer größer, bis sie nach kurzer Zeit in den eigentlichen Kopfschmerz übergeht oder auch von ihm abgelöst wird. Die Aura äußert sich durch neurologische Störungen, die zwischen 5 und 60 Minuten andauern können. Hierbei handelt es sich in den meisten Fällen um Sehstörungen, etwa Flimmern oder Lichtblitzen. Nach der Aura treten bei den meisten Menschen die migränetypischen Kopfschmerzen ein.

Bei einer Migräne mit Hirnstammaura ist die Migräne von mindestens zwei Aurasymptomen begleitet, die sich in ihrer Herkunft eindeutig dem Hirnstamm zuordnen lassen. Dazu gehören Schwindel, Tinnitus, Sprachstörungen, Hörminderungen, Doppelbilder oder Bewusstseinsstörungen. Die Aurasymptome sind vollständig reversibel, motorische oder retinale Symptome treten nicht auf.

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Eine Hemiplegische Migräne ist von motorischen Störungen einer Körperhälfte begleitet, die leicht oder unvollständig gelähmt ist. Diese Lähmung ist vollständig reversibel.

Bei der sogenannten Retinalen Migräne sind die Kopfschmerzen von einem langsam fortschreitenden Gesichtsfeldausfall auf einem Auge begleitet, der sich anschließend vollständig zurückbildet. Während eines Migräneanfalls kann es dazu kommen, dass Betroffene die Sehkraft auf einem oder beiden Augen für einige Minuten verlieren.

Phasen einer Migräneattacke

Eine Migräne kann in vier verschiedenen Phasen verlaufen - muss sie aber nicht.

  1. Prodomalphase: Eine Migräne kann sich bereits Tage, bevor die eigentlichen Kopfschmerzen beginnen, durch die sogenannte Prodomalphase ankündigen. Betroffene sind dann vielleicht gereizt, gähnen häufig oder haben Lust auf Süßes. Manche sind müde, wieder andere extrem aufgedreht.
  2. Auraphase: Bei etwa 20 Prozent der Betroffenen kommt es zu einer Auraphase. In ihr entwickeln sich neurologische, also nervliche, Reize und Ausfallerscheinungen. Diese entwickeln sich in der Regel langsam und bilden sich danach wieder zurück.
  3. Kopfschmerzphase: In der Kopfschmerzphase treten dann die migränetypischen Symptome auf.
  4. Nach- oder Erholungsphase: Die Nach- oder Erholungsphase folgt nach dem Abklingen der Kopfschmerzphase. In ihr können die entgegengesetzten Symptome wie in der Vorphase auftreten.

Chronische Migräne

Eine chronische Migräne liegt vor, wenn ein Kopfschmerz besonders häufig auftritt. Der Definition der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft zufolge ist dies der Fall, wenn Betroffene über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten an mindestens 15 Tagen pro Monat Kopfschmerzen haben.

Diagnose von Migräne

Für die Diagnose der Migräne werden die Kriterien der International Headache Society herangezogen, auf deren Grundlage sich mehr als 95 Prozent aller Migränebetroffenen korrekt diagnostizieren lassen. Die Diagnose basiert auf einem ausführlichen Gespräch, in dem die Ärztin oder der Arzt die Häufigkeit, Dauer, Art und Stärke der Kopfschmerzen und möglicher Begleitsymptome erfragt. Die Diagnosefindung kann erleichtert werden, indem Sie selbst ein Kopfschmerztagebuch führen. Im Zweifelsfall kann ein Arzt oder eine Ärztin feststellen, ob es sich wirklich um eine Aura handelt. Bei vermeintlichen Auren mit visuellen Störungen des Gesichtsfelds könnte es sich ebenfalls um eine Augenerkrankung oder Durchblutungsstörung der Augen und des Gehirns handeln, bei motorischen und Sprachstörungen wie bei einer retinalen Migräne könnte auch ein Schlaganfall vorliegen.

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Behandlung von Migräne

Die Behandlung von Migräne zielt darauf ab, die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Attacken zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Akutbehandlung

Bei einer akuten Migräne mit und ohne Aura sind Schmerzmittel hilfreich. Zur Selbstmedikation empfiehlt die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft die Kombination aus Acetylsalicylsäure (ASS), Paracetamol und Coffein als Mittel der ersten Wahl. Als Einzelmedikamente sind ASS, Ibuprofen, Naratriptan, Paracetamol oder Phenazon geeignet. Beim Umgang mit Schmerzmittel ist es besonders wichtig, die Dosis zu beachten und die Medikamente möglichst früh einzunehmen.

Spezifische Antimigränemittel sind die Ergotamine und Triptane. In der Therapie der akuten Migräneattacke sind die Triptane (5-HT1B/D-Agonisten) die Mittel der ersten Wahl. Die vielfältigen Darreichungsformen und Dosierungen der Triptane ermöglichen ein hohes Maß an individueller Therapie. Wichtig ist, dass die Migräne-Aura durch Triptane nicht beeinflusst werden kann. Der Einsatz der Triptane sollte daher erst nach abgelaufener Aura erfolgen.

Vorbeugung

Das Kennen und Meiden der Trigger kann dabei helfen, das persönliche Risiko für das Auftreten einer Migräneattacke zu reduzieren. Empfehlenswert sind auch Akupunktur und leichter Ausdauersport. Zur Vorbeugung besonders häufiger oder schmerzhafter Migräneattacken können Medikamente verschrieben werden. Um einer Migräne mit Aura vorzubeugen, können ebenfalls Medikamente verschrieben werden, darunter Antiepileptika, Betablocker und trizyklische Antidepressiva. Diese Medikamente und Schmerzmittel wie Triptane sollten bei einer Migräne mit oder ohne Aura jedoch nicht regelmäßig eingesetzt werden, da ein Zuviel an diesen Medikamenten langfristig zu einer chronischen Migräne mit täglichen Attacken führen kann.

Weitere Maßnahmen zur Vorbeugung:

  • Stress reduzieren: Entspannungstechniken wie Yoga, Qi Gong oder Meditationen können Stress reduzieren und das Risiko auf eine durch Stress ausgelöste Migräneepisode reduzieren.
  • Tagebuch führen: In einem Tagebuch können die Patientinnen und Patienten die Häufigkeit, Dauer, den Zeitpunkt und weitere Faktoren wie mögliche Auslöser und Behandlungsergebnisse protokollieren. Dies kann sie dabei unterstützen, ihre Migräneattacken langfristig besser zu kontrollieren und beispielsweise Auslöser für die Migräne zu vermeiden.
  • Technische Geräte: Inzwischen können auch Geräte, die am Handgelenk, der Stirn oder am Hinterkopf bestimmte Nerven stimulieren, Migräneanfälle lindern oder verhindern.

Naturheilkundliche Ansätze

Der Energiestoffwechsel, der bislang nur wenig Berücksichtigung fand, liefert jedoch einen durchaus geeigneten Ansatzpunkt für eine Therapie aus naturheilkundlicher Sicht. Dazu gehört z. B. das Ansprechen von Migräne auf die Gabe von Vitamin B2, Q10, L-Carnitin, Vitamin B3, Liponsäure, das Antikonvulsivum Topiramat, also Stoffe, die tatsächlich den mitochondrialen Energiestoffwechsel in der Zelle verbessern.

Osteopathie

Gerade die Osteopathie kann bei der Migräne vielversprechende therapeutische Ansätze bieten. Sie ist durch ihre manuelle Diagnostik in der Lage, Stress im Körper zu lokalisieren und, was in diesem Fall unerlässlich ist, auch dem Patienten selbst bewusst zu machen. Spasmen, Verspannungen, Gewebedysfunktionen sind ein Indikator für Stress und hier ist nicht nur der subjektive empfundene Stress gemeint, sondern auch der oxidative Stress auf Zellebene.

Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten

Beeinträchtigt die Migräne unsere kognitiven Fähigkeiten? Der Frage, ob Menschen mit Migräne, die demnach grundsätzlich über eine besondere Leistungsfähigkeit des Gehirns verfügen, während der Migräneattacken eine Beeinträchtigung der kognitiven Funktionen erfahren, sind in jüngerer Zeit einige Studien gewidmet worden. Die Antworten auf diese Fragen, denen sich die Forschung stellt, sind nicht zuletzt für die Betroffenen selbst von großem Interesse. Ein Blick in die neueste Forschungsliteratur zeigt aber, dass ganz eindeutige Ergebnisse hier bis heute (noch) nicht zutage gebracht werden konnten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass solche Forschungsfragen zu einem wesentlichen Teil die Selbstwahrnehmung und das individuelle Empfinden der Betroffenen berühren.

Eine umfangreiche Überblicksstudie aus dem Jahr 2019 wertet unterschiedliche Arbeiten aus, die auf mögliche kognitive Einschränkungen während der verschiedenen Phasen einer Migräneattacke eingehen. Laut den Autorinnen lässt sich feststellen, dass kognitive Symptome die herannahende Attacke anzukündigen scheinen. Demnach kommt es dann bei den Betroffenen häufig zu Sprach- und Lesestörungen sowie Konzentrationsschwäche. Überdies berichten sie von weiteren Belastungen wie etwa Niedergeschlagenheit und Angstzuständen. In der akuten Phase der Attacke lassen sich dann z.B. Sprachstörungen und Konzentrationsschwäche ausmachen: Die Patientinnen geben unter anderem eine Verlangsamung ihres Denkens, Orientierungsprobleme im Denken oder Retardierung von Denkprozessen an. Außerdem beschreiben sie, dass sie sich müde, abgeschlagen, kraftlos oder depressiv fühlen.

Bei der episodischen Migräne (≤14 Migränetage pro Monat) normalisiert sich in der Zeit zwischen den Attacken die Kognition der Betroffenen meist wieder. Im Fall der chronischen Migräne (≥15 Migränetage pro Monat) verkürzen sich oft die Erholungsphasen zwischen den Attacken. Bildgebende Verfahren zeigen, dass die Übererregbarkeit bestimmter Nervenareale zwischen den Attacken nicht ganz zurückgeht, in besonders schweren Fällen sogar bestehen bleibt. Zudem kann sich eine chronische Aktivierung des Trigeminus-Nervs einstellen, die zu einer permanent veränderten Schmerzverarbeitung führt.

Eine Studie von 2017 betrachtet den Zusammenhang kognitiver Beeinträchtigung mit der Dauer und Frequenz von Migräneattacken und stellt fest, dass die durch Chronizität erhöhte Häufigkeit der Attacken negative Auswirkungen auf die Kognition der Betroffenen mit sich bringt. Sie finden signifikante Defizite im Sprach- und Erinnerungsvermögen, bei der sogenannten „kognitiven Kontrolle“ von bewusstem und aufmerksamem Handeln sowie im Rechen- und Orientierungsvermögen.

Was die Nachhaltigkeit der kognitiven Einschränkungen durch die Migräne betrifft, sind sich die meisten einschlägigen Studien der letzten zehn Jahre einig: Sie sehen keine Anhaltspunkte für einen Zusammenhang zwischen lebenslanger Migräne und kognitiven Defiziten, die sich bei Betroffenen gegenüber nicht Betroffenen im Alter bemerkbar machten (je nach Studie werden Betroffene im Alter über 65 oder über 50 Jahre miteinbezogen).

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