Eine neue Brille zu bekommen, ist ein aufregender Moment. Endlich klar sehen zu können, ist eine große Erwartung. Doch was passiert, wenn die neue Brille nicht sofort den gewünschten Effekt bringt? Viele Menschen erleben eine Eingewöhnungsphase, in der sich das Gehirn an die neuen Seheindrücke anpassen muss. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Anpassung an eine neue Brille, von den Ursachen für anfängliche Schwierigkeiten bis hin zu Tipps, wie man den Prozess beschleunigen kann.
Einführung
Der Moment, in dem man die neue Brille aufsetzt, kann zunächst überwältigend sein. Farben erscheinen klarer, Kontraste schärfer - und doch fühlt sich alles irgendwie ungewohnt an. Es ist wichtig zu verstehen, dass dieser Anpassungsprozess, auch Eingewöhnungsphase genannt, vorübergehend zu leichten Beschwerden führen kann. Typische Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel oder verschwommenes Sehen treten häufig auf, da das Gehirn die veränderten visuellen Reize erst verarbeiten muss.
Die Eingewöhnungsphase: Was passiert im Gehirn?
Die Ursache für die anfänglichen Schwierigkeiten liegt im Sehzentrum des Gehirns. Durch eine neue Brille entstehen viele neue Seheindrücke, die das Gehirn verarbeiten muss - das braucht Zeit. Insbesondere, wenn es für die Trägerin oder den Träger die erste Sehhilfe darstellt oder eine neue Sehstärke längst überfällig war, kann es länger dauern, bis es sich an die neue Sicht gewöhnt.
Das Gehirn ist ein äußerst wandlungsfähiges Organ. Es ermöglicht uns, zu lernen und uns an neue Umweltbedingungen anzupassen. Lange Zeit hielten Forscher das erwachsene Gehirn für eine ziemlich starre Angelegenheit. Doch längst ist klar: Unser Gehirn wird ständig umgebaut und an neue Erfordernisse angepasst. Beim Lernen wachsen auf Nervenzellen winzige Fortsätze, so genannte dendritische Dornen. Dort formen sich Kontakte zu anderen Neuronen. Das wichtigste Prinzip der Plastizität ist die Hebbsche Lernregel: „Neurone, die gemeinsam feuern, verdrahten sich untereinander.“
Veränderungen im visuellen Cortex und Thalamus
Verschließt man bei Mäusen für eine gewisse Zeit ein Auge und öffnet es dann wieder, verstärkt sich die Antwort des visuellen Cortex auf Lichtreize des offen gebliebenen Auges. Zusätzlich gebildete Synapsen sind vermutlich die Ursache. Das Dogma einer statischen Schaltstelle ist also nicht haltbar. Klar ist aber auch, dass irgendwelche Veränderungen stattfinden müssen, sonst wäre ein Lernprozess nicht möglich.
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Mögliche Ursachen für Probleme bei der Umstellung auf eine neue Brille
Nicht für jeden Menschen ist die Umstellung auf eine neue Brille einfach. Es ist jedoch wichtig, die Gründe für Probleme bei der Umstellung auf eine neue Brille abzuklären. Hier sind einige der häufigsten Ursachen:
- Falsche Sehstärke: Auch wenn es eher selten vorkommt, ist es nicht auszuschließen, dass die Sehstärke nicht perfekt auf die Brillenträgerin oder den Brillenträger abgestimmt ist. Denn unser Sehvermögen unterliegt Schwankungen durch Stress, Medikamente oder zu wenig Schlaf. In diesen Fällen sollte eine Messung besser zu einem anderen Zeitpunkt durchgeführt werden.
- Unzureichende Anpassung: Nicht nur die Dioptrien, auch das Brillengestell muss an seine Trägerin oder seinen Träger angepasst sein, da es sonst rutscht oder drückt. Auch wenn die Brille nicht gerade auf dem Kopf sitzt, stört dies die Zentrierung der Brillengläser: es entstehen Verzerrungen in der Sicht, da die Pupillen nicht durch den ermittelten Glasmittelpunkt sehen. Das kann nach einer Weile zu Kopfschmerzen oder müden Augen führen.
- Neue Brillenart: Menschen, die sich auf die Nutzung von Mehrstärkengläsern einstellen müssen, haben besonders häufig Probleme, denn hier muss sich das Gehirn gleich an mehrere Sehzonen anpassen. Jeweils eine Zone ist für die Sicht in der Nähe oder Ferne und gegebenenfalls für den Übergang zuständig. Das erfordert eine veränderte Kopf- und Augenbewegung, da der Blick für die Fernsicht gehoben und für die Nahsicht gesenkt werden muss. Beim seitlichen Blick sollte der Kopf mitbewegt werden, da sonst Unschärfen entstehen.
- Falscher Anwendungszweck: Verschiedene Brillenarten sind auch für unterschiedliche Zwecke gedacht. Wer eine Lesebrille nutzt, sieht damit auch nur Objekte in einem Abstand von 30 bis 40 cm scharf. Demgegenüber wird eine Arbeitsplatzbrille für eine Entfernung von 50 bis 80 cm eingesetzt. Wer versucht, sich daran zu gewöhnen, mit der jeweiligen Brille auch andere Distanzen scharf wahrzunehmen, wird vermutlich scheitern. Vielmehr können Kopfschmerzen die Folge sein. Übrigens: Auch die Brille des Partners oder der Partnerin sollte nicht dauerhaft verwendet werden. Viele Menschen nutzen gerne leichthin die Brille einer anderen Person.
- Exakte Brillenwerte: Um nicht unter Kopfschmerzen oder Schwindel zu leiden, müssen die Dioptrien exakt erfasst werden.
- Große Unterschiede in den Gläserstärken zwischen rechts und links: Vor allem beim räumlichen Sehen können starke Unterschiede in den Gläserstärken zu Problemen führen. Objekte erscheinen für das einzelne Auge verschieden groß. In diesem Fall muss ein Glas abgeschwächt werden oder es müssen statt einer Brille Kontaktlinsen getragen werden.
- Zentrierung der Brillengläser: Jedes Brillenglas hat einen Mittelpunkt, der genau vor der Pupillenmitte platziert werden muss. Wird dies bei der Anpassung nicht berücksichtigt, treten optische Verzerrungen auf. Das Tragen der Brille wird als unangenehm empfunden und ist für die Augen anstrengend. „Besonders leicht treten solcherlei Probleme bei Gleitsichtgläsern auf. Hier ist die genaue Zentrierung vor den Augen noch wichtiger“, weiß Raquel Socías.
- Hornhautverkrümmung: Liegt eine Hornhautverkrümmung vor, ist das Gehirn daran gewöhnt, die dadurch entstehende Verzerrung auszugleichen. Übernimmt die Brille nun diese Aufgabe, kann es dazukommen, dass das Gehirn weiterhin versucht, diesen Sehfehler auszugleichen, sodass Bildverzerrungen, schiefe Böden oder Tische gesehen werden. Hat sich das Gehirn an die Sehhilfe angepasst, sehen Brillenträgerinnen und Brillenträger scharf und diese Phänomene verschwinden von selbst.
Der richtige Zeitpunkt für den Sehtest
Patientinnen und Patienten sollten den Sehtest zur Ermittlung der korrekten Werte machen lassen, wenn die Augen ausgeruht sind. Denn sehr ungünstig für einen Sehtest sind sowohl übermüdete Augen, eine schlechte psychische Verfassung, als auch überanstrengte Augen oder kein gutes körperliches Wohlbefinden, etwa wenn sich der Patient krank fühlt. Sehr wichtig ist es auch, eine ausreichend lange Kontaktlinsentragepause vor der Vermessung der Brillenstärke einzuhalten.
Typische Symptome während der Eingewöhnungszeit
Es ist völlig normal, dass beim Tragen einer neuen Brille in den ersten Tagen leichte Beschwerden auftreten können. Diese entstehen, weil sich deine Augen und dein Gehirn an die veränderten visuellen Reize anpassen müssen. Hier sind einige der häufigsten Beschwerden, die während der Eingewöhnungszeit auftreten können:
- Kopfschmerzen: Eines der häufigsten Symptome bei der Anpassung an eine neue Brille. Durch die veränderte Sehstärke oder den Wechsel zwischen unterschiedlichen Sehbereichen, wie es bei Gleitsichtbrillen der Fall ist, können Spannungskopfschmerzen auftreten. Diese verschwinden in der Regel nach einigen Tagen, sobald sich deine Augen an die neue Brille gewöhnt haben.
- Schwindel: Besonders bei Gleitsichtbrillen oder großen Änderungen der Sehstärke kann es anfangs zu leichtem Schwindelgefühl kommen.
- Augenmüdigkeit: Deine Augen arbeiten in den ersten Tagen intensiver, um die neuen optischen Bedingungen zu verarbeiten. Das kann zu einer vorübergehenden Müdigkeit führen, die jedoch schnell verschwindet, sobald sich deine Augen vollständig an die Brille angepasst haben.
- Verschwommenes Sehen: Es ist möglich, dass du anfangs in bestimmten Situationen oder Entfernungen verschwommen siehst, besonders wenn du eine neue Brille mit Mehrstärkengläsern trägst. Dein Gehirn muss lernen, die verschiedenen Sehbereiche optimal zu nutzen.
- Druckstellen durch den Rahmen: Manchmal sitzt eine neue Brille nicht sofort perfekt und kann an den Ohren oder auf der Nase unangenehme Druckstellen verursachen.
Tipps zur Beschleunigung der Eingewöhnung
Wenn du dich fragst, ob es lange dauert, sich an eine neue Brille zu gewöhnen, gibt es gute Nachrichten: Mit ein paar einfachen Tipps kannst du den Anpassungsprozess beschleunigen und Beschwerden minimieren. Hier sind einige hilfreiche Ratschläge, um deine Eingewöhnung so angenehm wie möglich zu gestalten:
- Brille konsequent tragen: Der wichtigste Tipp, um die Eingewöhnungszeit zu verkürzen, ist, die Brille regelmäßig zu tragen. Deine Augen und dein Gehirn brauchen kontinuierlichen Kontakt mit der neuen Sehhilfe, um sich daran zu gewöhnen. Vermeide es, die Brille nur sporadisch zu tragen, da dies den Anpassungsprozess verlängern kann. Besonders in den ersten Tagen ist es hilfreich, die Brille so oft wie möglich zu tragen, selbst wenn es sich anfangs ungewohnt anfühlt.
- Anpassung des Sitzes überprüfen: Eine schlecht sitzende Brille kann Druckstellen verursachen und die Sehleistung beeinträchtigen. Wenn du merkst, dass deine Brille drückt oder nicht richtig sitzt, lass sie unbedingt beim Optiker anpassen. Ein perfekt sitzender Rahmen sorgt nicht nur für mehr Komfort, sondern unterstützt auch die optimale Ausrichtung der Gläser auf deine Augen, was den Anpassungsprozess erleichtert.
- Langsam an die neue Brille herantasten: Wenn die Eingewöhnung besonders schwer fällt, kannst du versuchen, die Tragezeit schrittweise zu erhöhen. Beginne mit kurzen Tragezeiten und steigere diese langsam, bis du die Brille den ganzen Tag problemlos tragen kannst. Das gibt deinen Augen die Möglichkeit, sich Stück für Stück an die neuen Sehbedingungen anzupassen.
- Augen regelmäßig entspannen: Wenn du merkst, dass deine Augen während der Eingewöhnungszeit überlastet sind, gönn ihnen ab und zu eine Pause. Blinzle bewusst öfter, schließe die Augen für ein paar Minuten oder schaue zwischendurch in die Ferne, um die Augenmuskulatur zu entspannen.
Wann sollte man einen Arzt oder Optiker aufsuchen?
Auch wenn es normal ist, dass es einige Zeit dauert, sich an eine neue Brille zu gewöhnen, gibt es Situationen, in denen es ratsam ist, einen Augenarzt oder Optiker aufzusuchen. Wenn nach der üblichen Eingewöhnungszeit von etwa zwei Wochen weiterhin Beschwerden bestehen oder sich die Symptome verschlimmern, könnte es sein, dass die Brille nicht optimal auf deine Bedürfnisse abgestimmt ist. Hier sind einige Anzeichen, bei denen du professionellen Rat einholen solltest:
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- Anhaltende Kopfschmerzen oder Schwindel: Wenn du nach mehreren Tagen des Tragens der Brille immer noch häufig unter Kopfschmerzen oder Schwindel leidest, könnte die Sehstärke der Gläser nicht optimal angepasst sein.
- Verschwommenes Sehen: Sollte das Sehen auch nach zwei Wochen noch unscharf sein oder du Schwierigkeiten haben, bestimmte Entfernungen klar zu erkennen, kann dies ein Hinweis auf eine falsche Zentrierung der Gläser sein.
- Unangenehme Druckstellen: Wenn die Brille unangenehm drückt und sich selbst nach mehreren Anpassungen beim Optiker keine Besserung zeigt, könnte es sein, dass der Rahmen nicht ideal für deine Gesichtsform geeignet ist. In diesem Fall kann ein Wechsel des Gestells Abhilfe schaffen.
- Doppelsehen: Solltest du während der Eingewöhnungsphase immer wieder doppelt sehen, ist es wichtig, dies umgehend überprüfen zu lassen. Doppelsehen kann darauf hinweisen, dass deine Augen Schwierigkeiten haben, sich an die neuen Gläser zu gewöhnen, oder dass die Gläser nicht korrekt ausgerichtet sind.
- Lang anhaltende Anpassungsprobleme bei Gleitsichtbrillen: Gleitsichtbrillen erfordern oft eine längere Eingewöhnungszeit. Wenn jedoch nach vier Wochen immer noch deutliche Schwierigkeiten beim Wechseln zwischen den Sehbereichen bestehen oder du dich unsicher fühlst, ist ein Besuch beim Optiker oder Augenarzt sinnvoll.
Alternative Lösungen: Augenlasern und Linsenimplantation
Die refraktive Augenchirurgie bietet effektive Lösungen an. „Eine ambulante Augenlaserbehandlung kann Kurzsichtigkeit bis zu -10 Dioptrien und Weitsichtigkeit bis zu +4 Dioptrien dauerhaft korrigieren. Auch Hornhautverkrümmungen bis zu 6 Dioptrien sind behandelbar“, erklärt Raquel Socías. Die Behandlung verläuft durch eine vorherige Betäubung der Augen mit speziellen Augentropfen in der Regel völlig schmerzfrei und dauert nicht länger als 20 Minuten. Das Lasern an sich dauert sogar nur wenige Sekunden. Die angewandte Lasertechnik korrigiert Fehlsichtigkeiten individuell und hochpräzise. Die Behandelten sehen meist schon am nächsten Tag mit ihren eigenen Augen scharf bzw. nach einer relativ kurzen Regenerationszeit der Augen.
Für Menschen mit Gleitsichtbrillen empfiehlt sich eine Linsenimplantation. Moderne Multifokallinsen ermöglichen gutes Sehen in Ferne, Nähe und Zwischenbereich und korrigieren Kurzsichtigkeit, Weitsichtigkeit und Hornhautverkrümmung, sollten diese bestehen, gleich mit.
Die Bedeutung von Geduld und Konsequenz
Die Eingewöhnungszeit für eine neue Brille hängt von verschiedenen Faktoren ab und kann von Person zu Person unterschiedlich lang sein. In der Regel dauert es jedoch nicht länger als ein paar Tage bis zwei Wochen, bis sich die Augen vollständig an die neue Sehhilfe gewöhnt haben. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um deine erste Brille oder um ein neues Modell handelt - eine kurze Phase der Anpassung ist vollkommen normal.
Es ist wichtig, diesen Prozess als positiven Schritt zu betrachten. Dein Körper und vor allem deine Augen brauchen etwas Zeit, um sich auf die neuen Gegebenheiten einzustellen. Mit Geduld und dem konsequenten Tragen deiner Brille gewöhnst du dich bald daran und genießt schließlich wieder den vollen Sehkomfort.
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