Gehirn auf Heilung programmieren: Wissenschaftliche Studien und innovative Therapieansätze

Das menschliche Gehirn ist ein faszinierendes Organ mit einer unglaublichen Fähigkeit zur Anpassung und Selbstheilung. Wissenschaftliche Studien belegen zunehmend, dass wir unser Gehirn aktiv auf Heilung programmieren können, um körperliche und psychische Beschwerden zu lindern oder sogar zu überwinden. Dieser Artikel beleuchtet verschiedene Forschungsansätze und Therapieformen, die auf diesem Prinzip basieren, und zeigt, wie wir die Kraft unserer Gedanken und Vorstellungen nutzen können, um unser Wohlbefinden zu verbessern.

Neuroplastizität: Die Grundlage der Selbstheilung

Ein Schlüsselkonzept in diesem Zusammenhang ist die Neuroplastizität, die Fähigkeit des Gehirns, sich lebenslang zu verändern und anzupassen. Dies bedeutet, dass neue Verbindungen zwischen Nervenzellen (Synapsen) gebildet und alte Verbindungen umstrukturiert werden können. Dieser Prozess ermöglicht es uns, neue Fähigkeiten zu erlernen, uns an veränderte Umweltbedingungen anzupassen und uns von Verletzungen oder Krankheiten zu erholen.

"Was zusammen feuert, wird zusammen verdrahtet!" Dieser Satz des kanadischen Neuropsychologen Donald Hebb beschreibt, wie synaptische Verbindungen zwischen Neuronen gestärkt werden, wenn diese gleichzeitig aktiv sind. Durch Wiederholung und emotionalen Kontext erschaffen wir neuronale Verknüpfungen, die unsere Handlungen und Erfahrungen prägen.

Neuroplastizität bei neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen

Die neuroplastische Eigenschaft unseres Gehirns wird bereits erfolgreich bei neurologischen Erkrankungen wie Schlaganfall, Multipler Sklerose, Epilepsie und Parkinson eingesetzt. Auch bei psychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) oder Ängsten wird diese erstaunliche Fähigkeit des Gehirns mit Erfolg eingesetzt. Weitere Bereiche sind Lern- und Entwicklungsstörungen wie Autismus oder ADHS sowie altersbedingte Erkrankungen wie Alzheimer. Studien konnten auch Erfolge bei chronischen Schmerzen nachweisen sowie bei Suchtthemen oder bei Hör- bzw. Sehverlustproblemen.

Neuroplastizität im Alter

Auch im höheren Alter ist das Gehirn noch formbar. Eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) und aus Jena zeigte, dass Menschen über 60, die drei Monate lang Jonglieren trainierten, einen vergrößerten Hippocampus entwickelten. Dies belegt, dass sich die anatomische Struktur des erwachsenen Gehirns selbst im Alter noch signifikant verändern kann.

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Innovative Therapieansätze zur Programmierung des Gehirns

Aufbauend auf den Erkenntnissen der Neuroplastizität wurden verschiedene innovative Therapieansätze entwickelt, die darauf abzielen, das Gehirn gezielt auf Heilung zu programmieren.

CAAR-T-Zellen-Therapie bei Autoimmunerkrankungen des Gehirns

Forschende des DZNE und der Charité - Universitätsmedizin Berlin haben einen Ansatz entwickelt, um die häufigste autoimmune Gehirn-Entzündung, die NMDA-Rezeptor-Enzephalitis, präziser als bisher zu behandeln. Sie programmieren dafür weiße Blutkörperchen so um, dass sie krankmachende Zellen im Körper ausschalten. Dieses Verfahren, bei dem sogenannte CAAR-T-Zellen eingesetzt werden, hat sich in Laborstudien bewährt und soll in klinischen Studien am Menschen getestet werden.

Bei der NMDA-Rezeptor-Enzephalitis richtet sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper und greift das Gehirn an. Die CAAR-T-Zellen sollen Patientinnen und Patienten injiziert werden und mit hoher Präzision jene Zellen abtöten, die die problematischen Antikörper herstellen. Im Mausmodell hat dieses neuartige Verfahren bereits seine Wirksamkeit bewiesen.

Computergestütztes Gehirntraining bei Schizophrenie

In den USA hat die Neurowissenschaftlerin Sophia Vinogradov eine computergestützte Therapie entwickelt, die darauf abzielt, die geistigen Defizite von Menschen mit Schizophrenie zu verbessern. Die Patienten absolvieren dabei spezielle Trainingsprogramme am Computer, die gezielt auf die gestörten Nervenstrukturen im Gehirn einwirken.

In einem Experiment nahmen 32 Menschen mit chronischer Schizophrenie teil, die in zwei Gruppen aufgeteilt wurden. Beide Probandengruppen erhielten Medikamente und begleitende Psychotherapie. Die eine Gruppe absolvierte zusätzlich ein halbes Jahr lang fast täglich Vinogradovs einstündiges Training. Am Ende zeigte sich, dass die Probanden, die das Training absolviert hatten, soziale Probleme leichter lösen und zwischen Realität und Fantasie unterscheiden konnten. Die Messung der Hirnströme zeigte, dass die gestörten Gehirnregionen nach dem Training deutlich aktiver waren als zuvor.

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Hypnose und Selbsthypnose zur Veränderung des Unterbewusstseins

Hypnose ist ein natürlicher Prozess und eine Fähigkeit unseres Gehirns, die im therapeutischen Bereich genutzt werden kann, um das Unterbewusstsein zu beeinflussen. In einem hypnotischen Trance-Zustand fährt der vordere Teil des Gehirns, der für Selbstbeobachtung und Bewertung zuständig ist, herunter. Dadurch wird die Außenwahrnehmung reduziert und die innere Welt, einschließlich der Vorstellungskraft, wird wichtiger.

In diesem Zustand sind wir empfänglicher für neue Ideen und können uns Dinge besser vorstellen. Dies ermöglicht es uns, neue Erfahrungen zu machen und neue neuronale Verbindungen zu schaffen. Beispielsweise kann Hypnose eingesetzt werden, um Ängste zu überwinden, Schmerzen zu lindern oder Verhaltensmuster zu verändern.

Feldenkrais-Methode zur Verbesserung der Körperwahrnehmung

Die Feldenkrais-Methode ist ein Bewegungstraining, das sanft, aber nachhaltig gegen Schmerzen helfen kann und die Körperwahrnehmung verbessert. Der Begründer der Methode, Moshé Feldenkrais, erkannte, dass Körper und Geist untrennbar zusammengehören und dass das Gehirn durch bestimmte Bewegungsabläufe beeinflusst werden kann.

Die Feldenkrais-Methode basiert auf der Idee, Bewegungen in neue, ungewohnte Kontexte und Positionen zu bringen, um dem im Nervensystem abgespeicherten Bewegungsprogramm neue Impulse zu setzen. Dies kann dazu führen, alte Verhaltens- und Haltungsmuster nachhaltig zu verändern. Geübt wird dabei nicht nur die Bewegung selbst, sondern vor allem die Wahrnehmung der Bewegung.

Achtsamkeit und Meditation zur Förderung der Neuroplastizität

Achtsamkeit und Meditation sind weitere Methoden, die nachweislich die Neuroplastizität fördern und positive Auswirkungen auf das Gehirn haben. Studien haben gezeigt, dass Meditation die Aktivität des linken präfrontalen Kortex erhöht, einem Bereich des Frontalhirns, der für eine positive Grundstimmung, erhöhte Aufmerksamkeit und Emotionsregulation zuständig ist.

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MBCT (Mindfulness-Based Cognitive Therapy) ist eine therapeutische Methode, die Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie mit Achtsamkeitspraktiken kombiniert. Studien deuten darauf hin, dass diese Therapieform durch Förderung der Achtsamkeit neuronale Muster beeinflusst und somit zur Rückfallprävention bei Depressionen beiträgt.

Die Macht der Gedanken und Vorstellungen

Unsere Gedanken und Vorstellungen haben einen direkten Einfluss auf unser Gehirn und unseren Körper. Positive Gedanken und Vorstellungen können ein Gefühl des Wohlbefindens erzeugen, Stress reduzieren und die Selbstheilungskräfte aktivieren. Negative Gedanken und Vorstellungen hingegen können Stress verstärken, das Immunsystem schwächen und die Entstehung von Krankheiten begünstigen.

Es ist daher wichtig, sich der eigenen Gedanken bewusst zu werden und sich aktiv darum zu bemühen, positiven Gedanken Raum zu geben. Dies kann durch verschiedene Techniken wie Affirmationen, Visualisierungen oder Entspannungsübungen erreicht werden.

CRPS: Fehlprogrammierung im Gehirn

Das komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS), auch als Morbus Sudeck bekannt, ist durch eine „Enthemmung“ mehrerer sensorischer und motorischer Hirnareale gekennzeichnet. Eine Bochumer Arbeitsgruppe konnte nachweisen, dass bei einer einseitigen CRPS-Symptomatik die Erregbarkeit nicht nur in dem Hirnareal erhöht ist, das für die Verarbeitung des Tastsinns der betroffenen Hand zuständig ist. Auch das Hirnareal der gesunden Hand ist gleichzeitig „enthemmt“.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die beim CRPS auftretenden Veränderungen des zentralen Nervensystems sehr viel komplexer sind, als bisher vermutet. Eine beidseitige Veränderung des zentralen sensomotorischen Systems, die sich in einer einseitigen Symptomatik äußert, wirft Fragen auf - etwa ob es sich dabei um Ursache oder Wirkung der Erkrankung handelt.

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