Der Aufbau und die Funktion des Gehirns: Cerebrum, Diencephalon und Cerebellum

Das Gehirn, auch Encephalon genannt, ist ein faszinierendes und komplexes Organ, welches den zentralen Teil des Nervensystems bildet. Geschützt innerhalb des knöchernen Schädels, steuert es über ein Netzwerk von Nervenzellen und Nervenbahnen nahezu alle lebenswichtigen Körperfunktionen. Es ermöglicht uns zu denken, zu fühlen, zu lernen und uns zu bewegen. Das Gehirn verarbeitet Sinneseindrücke, koordiniert Körperfunktionen und speichert Informationen. Im Folgenden werden wir uns näher mit dem Aufbau des Gehirns und den Funktionen seiner einzelnen Bestandteile beschäftigen.

Allgemeine Informationen zum Gehirn

Das menschliche Gehirn wiegt durchschnittlich etwa 1.400 Gramm, was etwa 2 bis 3 % des gesamten Körpergewichts ausmacht. Es enthält circa 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), die durch etwa 100 Billionen Synapsen miteinander verbunden sind. Diese Nervenzellen sind in ein stützendes Gewebe aus Gliazellen eingebettet, die etwa 50 % der Hirnmasse ausmachen und wichtige Funktionen für den Stoffwechsel und die Versorgung des Gehirns haben.

Das Gehirn benötigt etwa 20 % der gesamten Energie, obwohl es nur 2 % des Körpergewichts ausmacht. Es wird über die rechte und linke innere Halsschlagader (Arteria carotis interna) und die Arteria vertebralis mit Blut versorgt. Diese Arterien bilden einen Gefäßring, den Circulus arteriosus cerebri (Circulus Willisii), der eine kontinuierliche Blutversorgung des Gehirns sicherstellt, auch bei Schwankungen in der Blutzufuhr.

Das Gehirn ist von drei Hirnhäuten (Meningen) umgeben: der Dura mater (harte Hirnhaut), der Arachnoidea (Spinngewebshaut) und der Pia mater (innere Hirnhaut). Zwischen der Arachnoidea und der Pia mater befindet sich der Subarachnoidalraum, der mit Liquor cerebrospinalis (Hirn-Rückenmarksflüssigkeit) gefüllt ist. Der Liquor schützt das Gehirn vor Stößen und versorgt es mit Nährstoffen.

Die Hauptabschnitte des Gehirns

Das menschliche Gehirn lässt sich in fünf Hauptabschnitte gliedern:

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  1. Großhirn (Telencephalon)
  2. Zwischenhirn (Diencephalon)
  3. Mittelhirn (Mesencephalon)
  4. Kleinhirn (Cerebellum)
  5. Nachhirn (Myelencephalon oder Medulla oblongata)

Im Folgenden werden wir uns auf den Aufbau und die Funktion des Großhirns (Cerebrum), des Zwischenhirns (Diencephalon) und des Kleinhirns (Cerebellum) konzentrieren.

Großhirn (Telencephalon)

Das Großhirn ist der größte und am weitesten entwickelte Teil des Gehirns. Es macht etwa 80 % der gesamten Hirnmasse aus und ist für höhere Hirnfunktionen wie Lernen, Denken, Erinnern, Sprache und Bewusstsein verantwortlich. Es ist in zwei Hälften (Hemisphären) unterteilt, die durch den Balken (Corpus callosum) miteinander verbunden sind. Die Großhirnrinde (Cortex cerebri) bedeckt die gesamte Oberfläche des Großhirns und enthält fast drei Viertel aller Nervenzellen des Gehirns.

Aufbau des Großhirns

Die Großhirnrinde ist stark gefaltet, wodurch ihre Oberfläche vergrößert wird. Die Falten werden Gyri (Hirnwindungen) genannt, die durch Sulci (Furchen) voneinander getrennt sind. Diese Struktur ermöglicht es, eine große Anzahl von Nervenzellen auf kleinem Raum unterzubringen.

Jede Großhirnhemisphäre ist in vier Lappen unterteilt:

  • Stirnlappen (Frontallappen): Dieser Lappen ist für höhere kognitive Funktionen wie Planung, Entscheidungsfindung, Problemlösung, willkürliche Bewegungen und Sprache (motorisches Sprachzentrum) zuständig. Er beherbergt den primären motorischen Kortex.
  • Scheitellappen (Parietallappen): Der Parietallappen verarbeitet sensorische Informationen wie Berührung, Temperatur, Schmerz und Druck. Er ist auch an räumlicher Wahrnehmung und Navigation beteiligt. Hier befindet sich der primäre somatosensorische Kortex.
  • Schläfenlappen (Temporallappen): Dieser Lappen ist wichtig für das Gedächtnis, das Hören, das Sprachverständnis (sensorisches Sprachzentrum) und die Verarbeitung von Emotionen. Er enthält den primären auditiven Kortex.
  • Hinterhauptslappen (Okzipitallappen): Der Okzipitallappen ist für die Verarbeitung visueller Informationen zuständig. Er enthält den primären visuellen Kortex.

Unterhalb der Großhirnrinde befindet sich das Großhirnmark, das aus den Nervenfasern (Axonen) der Nervenzellen besteht. Diese Nervenfasern verbinden die verschiedenen Bereiche der Großhirnrinde miteinander und mit anderen Teilen des Gehirns.

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Die arterielle Versorgung des Großhirns erfolgt durch die paarigen Arteriae carotides internae und die Arteriae cerebri.

Funktionen des Großhirns

Die verschiedenen Bereiche der Großhirnrinde übernehmen unterschiedliche Funktionen. So sind beispielsweise bestimmte Bereiche für die Verarbeitung von Sprache, die Erkennung von Gesichtern oder die Speicherung von Erinnerungen zuständig. Die linke Hemisphäre ist oft dominant für Sprache, Logik und analytisches Denken, während die rechte Hemisphäre eher für räumliches Denken, Kreativität und emotionale Verarbeitung zuständig ist. Allerdings arbeiten die beiden Hemisphären eng zusammen und tauschen Informationen über den Balken aus.

Das Großhirn ermöglicht uns, zielgerichtet zu handeln, Sinneseindrücke bewusst wahrzunehmen, zu lernen, zu denken und uns zu erinnern. Es ist der Sitz unseres Bewusstseins und unserer Persönlichkeit.

Zwischenhirn (Diencephalon)

Das Zwischenhirn liegt zwischen dem Großhirn und dem Mittelhirn und besteht aus mehreren wichtigen Strukturen, darunter der Thalamus, der Hypothalamus, die Epiphyse (Zirbeldrüse) und der Subthalamus.

Aufbau des Zwischenhirns

  • Thalamus: Der Thalamus ist eine zentrale Schaltstelle für sensorische Informationen. Er empfängt Informationen aus allen Sinnesorganen (außer dem Geruchssinn) und leitet sie an die entsprechenden Bereiche der Großhirnrinde weiter. Der Thalamus filtert und gewichtet die Informationen, bevor er sie an die Großhirnrinde sendet.
  • Hypothalamus: Der Hypothalamus ist ein wichtiges Kontrollzentrum für das autonome Nervensystem und das endokrine System. Er reguliert lebenswichtige Funktionen wie Körpertemperatur, Wasserhaushalt, Hunger, Durst, Schlaf-Wach-Rhythmus und sexuelles Verhalten. Der Hypothalamus steht in enger Verbindung mit der Hypophyse (Hirnanhangsdrüse), die Hormone produziert und freisetzt.
  • Epiphyse (Zirbeldrüse): Die Epiphyse produziert das Hormon Melatonin, das den Schlaf-Wach-Rhythmus reguliert.
  • Subthalamus: Der Subthalamus ist an der Steuerung von Bewegungen beteiligt.

Funktionen des Zwischenhirns

Das Zwischenhirn spielt eine entscheidende Rolle bei der Regulation lebenswichtiger Körperfunktionen und der Verarbeitung von Sinnesinformationen. Der Thalamus dient als "Tor zum Bewusstsein", indem er sensorische Informationen filtert und an die Großhirnrinde weiterleitet. Der Hypothalamus sorgt für die Aufrechterhaltung der Homöostase, des inneren Gleichgewichts des Körpers.

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Kleinhirn (Cerebellum)

Das Kleinhirn (Cerebellum) liegt unterhalb des Großhirns und dorsal des Hirnstamms. Obwohl es nur etwa 10 % des Gehirnvolumens ausmacht, enthält es mehr als die Hälfte aller Neuronen im Gehirn.

Aufbau des Kleinhirns

Das Kleinhirn besteht aus zwei Hemisphären, die durch den Vermis (Kleinhirnwurm) miteinander verbunden sind. Die Oberfläche des Kleinhirns ist ebenfalls gefaltet, wodurch eine große Oberfläche entsteht. Das Kleinhirn lässt sich in drei Lappen unterteilen: den Lobus anterior, den Lobus posterior und den Lobus flocculonodularis.

Die äußere Schicht des Kleinhirns ist die Kleinhirnrinde (Cerebellumrinde), die aus grauer Substanz besteht und dicht mit Nervenzellen besiedelt ist. Unterhalb der Rinde befindet sich das Kleinhirnmark, das aus weißer Substanz besteht und die Nervenfasern enthält.

Das Kleinhirn erhält Informationen aus dem Großhirn, dem Rückenmark und den Gleichgewichtsorganen. Es sendet Signale an das Großhirn und den Hirnstamm, um Bewegungen zu koordinieren und das Gleichgewicht zu halten.

Funktionen des Kleinhirns

Das Kleinhirn spielt eine wichtige Rolle bei der Koordination von Bewegungen, der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts und dem Erlernen motorischer Fähigkeiten. Es stimmt Bewegungen fein ab, erhält die Muskelspannung und speichert erlernte Bewegungsabläufe. Das Kleinhirn ist besonders wichtig für die Ausführung von präzisen und flüssigen Bewegungen.

Im Einzelnen lassen sich folgende Funktionen des Kleinhirns hervorheben:

  • Koordination von Bewegungen: Das Kleinhirn empfängt Informationen über die geplante Bewegung aus dem Großhirn und vergleicht diese mit den tatsächlichen Bewegungen des Körpers. Es korrigiert Fehler und sorgt für eine reibungslose Ausführung der Bewegung.
  • Aufrechterhaltung des Gleichgewichts: Das Kleinhirn empfängt Informationen aus den Gleichgewichtsorganen im Innenohr und passt die Muskelaktivität an, um das Gleichgewicht zu halten.
  • Motorisches Lernen: Das Kleinhirn spielt eine wichtige Rolle beim Erlernen neuer motorischer Fähigkeiten, wie z.B. Fahrradfahren oder Klavierspielen. Es speichert die erlernten Bewegungsabläufe und ermöglicht es, diese automatisch auszuführen.
  • Kognitive Funktionen: Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass das Kleinhirn auch an kognitiven Funktionen wie Aufmerksamkeit, Sprache und räumlichem Denken beteiligt ist.

Die Bedeutung des Gehirns

Das Gehirn ist die Steuerzentrale unseres Körpers und unseres Geistes. Es ermöglicht uns, die Welt um uns herum wahrzunehmen, zu denken, zu fühlen, zu lernen und zu handeln. Es reguliert lebenswichtige Körperfunktionen und sorgt für unser Überleben. Ein gesundes und funktionierendes Gehirn ist daher von entscheidender Bedeutung für unsere Lebensqualität.

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