Die Gehirnentwicklung in den ersten sieben Lebensjahren ist ein komplexer und faszinierender Prozess, der die Grundlage für das zukünftige Lernen, Verhalten und die Persönlichkeit eines Kindes legt. In dieser Zeit durchläuft das Gehirn enorme Veränderungen in Bezug auf Größe, Struktur und Funktion. Verschiedene Bewusstseinsstufen prägen das Erleben und Verhalten des Kindes in den einzelnen Altersphasen.
Grundlagen der Gehirnentwicklung
Das menschliche Gehirn ist ein komplexes Organ, das aus etwa 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen) besteht, die über 100 Billionen Synapsen (Kontaktstellen) miteinander kommunizieren. Diese Neuronen sind für die Übertragung von Informationen im Gehirn verantwortlich. Die Kommunikation erfolgt durch den Austausch von Neurotransmittern.
Die Entwicklung des Gehirns beginnt bereits in der dritten Schwangerschaftswoche und ist bis zum Ende der achten Woche fast vollständig angelegt. Zu diesem Zeitpunkt werden die Weichen für die spätere Struktur und Funktion des Gehirns gestellt.
Gehirnentwicklung im Mutterleib
Schon ab der Hälfte der Schwangerschaft kann der Fötus Laute und Geräusche wahrnehmen und verarbeiten. Stress oder Krankheit der Mutter können das ungeborene Kind beeinflussen. Auch zu wenig Platz im Bauch oder eine Fehllage kann eine Rolle spielen.
Gehirnentwicklung nach der Geburt
Nach der Geburt setzt sich die Gehirnentwicklung rasant fort. Ein Neugeborenes hat zwar die gleiche Anzahl an Nervenzellen wie ein Erwachsener, aber diese sind noch klein und wenig vernetzt. In den ersten drei Lebensjahren nimmt die Zahl der Synapsen rasant zu.
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Mit zwei Jahren entspricht die Menge der Synapsen derjenigen von Erwachsenen, mit drei Jahren hat ein Kind bereits doppelt so viele. Bis zum Jugendalter wird rund die Hälfte der Synapsen wieder abgebaut, bis die für Erwachsene typische Anzahl von 100 Billionen erreicht wird. Darunter sind Synapsen, die sich im Laufe der Kindheit als nicht relevant „erwiesen“ haben. Dafür werden die benötigten Bahnen zwischen Neuronen intensiviert.
Bewusstseinsstufen und kognitive Entwicklung
Die Gehirnaktivität lässt sich anhand von Gehirnwellen messen, die in unterschiedlichen Frequenzen auftreten. Diese Frequenzen korrelieren mit verschiedenen Bewusstseinszuständen und kognitiven Fähigkeiten.
Delta-Wellen (0,5-4 Hz): Geburt bis 2 Jahre
Von der Geburt bis zum Alter von zwei Jahren funktioniert das menschliche Gehirn hauptsächlich auf den niedrigsten Frequenzen, von 0,5 bis 4 Zyklen pro Sekunde (Hertz), den sogenannten Delta-Wellen.
Theta-Wellen (4-8 Hz): 2 bis 7 Jahre
Zwischen dem zweiten und siebten Lebensjahr öffnet sich das Tor zur Theta-Welt. In diesem Frequenzbereich von 4-8 Hz leben Kinder in einer magischen Realität, wo alles möglich scheint. Sie glauben fest an den Weihnachtsmann, führen intensive Gespräche mit imaginären Freunden und sind völlig überzeugt davon, dass ein liebevolles „Wir pusten den Schmerz weg“ wirklich Wunder bewirkt. Kinder im Thetazustand scheinen wie in Trance zu sein und sind eher nach innen gerichtet.
Die Ichbezogenheit der Dreijährigen führt dazu, dass sie unbekümmert ihre Gedanken äußern und Geschichte erzählten. Sie können noch nicht zwischen Fantasie und Realität unterscheiden und haben noch gar kein Schuldbewusstsein bei Fehlverhalten. Wenn der Dreijährige einem anderen Kind die Schaufel auf den Kopf gehauen hat, sagt er unbekümmert: „Das war ich nicht!“. Die Dreijährigen sind ganz auf sich selbst bezogen. Wünsche anderer stehen eher hinten an. Zuerst möchten sie ihre eigenen Bedürfnisse erfüllt haben und dies meist sofort. Sie wirken durch dieses Verhalten sehr selbstbewusst, es ist aber nichts weiter als die ausgeprägte Ichbezogenheit.
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Gegen Ende des vierten Lebensjahres erreicht das Kind die zweite Stufe des Selbsterkennens: Es weiß jetzt, dass die anderen andere Gedanken im Kopf haben als das Kind selbst. Somit konzentriert es sich nun auf seine Gedanken und Gefühle. Es vergleicht sein Können und Wissen mit dem der anderen. Was können die und was kann ich? Warum verhalten die sich anders als ich? Die Regeln sind einigermaßen vertraut, auch wenn es diese manchmal noch vergisst. Es ist bestrebt, alles richtig zu machen und fordert ständig das Lob der Erwachsenen ein, denn es ist stolz auf seine Leistungen und sein Wissen.
Das Selbstwertgefühl des vierjährigen Kindes kommt jetzt immer wieder in Kollision mit seinem Bestreben, alles richtig zu machen. Da das Regelverstehen noch nicht ganz stabil ist und Verbote auch mal missachtet werden, gelingt ihm die gute Absicht nicht immer. Im konkreten Fall registriert es seinen Fehler erst nach der verbotenen Handlung oder wird von den Erwachsenen darauf hingewiesen. Das Kind gerät durch die Erkenntnis des falschen Handelns oder durch die Kritik der Erwachsenen aus dem Gleichgewicht. Sein Selbstwertgefühl rutscht in den Keller. Zur Wiederherstellung des Gleichgewichts verändert es unbewusst die Realität und erzählt spontan eine Geschichte, in der es selbst keine Rolle spielt. Zu diesem Zeitpunkt kann es noch nicht unterscheiden zwischen absichtlicher Täuschung und Verzerrung der Wirklichkeit durch bloßes Wunschdenken.
Erst mit 6 Jahren kann das Kind zwei unterschiedliche Sichtweisen gegeneinander abwägen und sich in die Sichtweise des anderen hineinversetzen. Es versteht jetzt auch den Sinn der Regeln. Es erkennt, dass Regeln zum besseren Miteinander notwendig sind. Das vor-logische Denken geht nun über ins durchgängig logische Denken. Ein 6jähriger bemüht sich, gute Umgangsformen zu zeigen.
Alpha-Wellen (8-13 Hz): 7 bis 12 Jahre
Die Alpha-Phase dominiert von etwa sieben bis zwölf Jahren. Mit diesen Wellen von 8-13 Hz erreicht das Kind eine neue Entwicklungsstufe: Zum ersten Mal kann es bewusst zwischen Fantasie und Realität unterscheiden. Wie ein geschickter Künstler kann es vormittags konzentriert Mathematik lernen und nachmittags völlig in ein Rollenspiel eintauchen.
Vielen 7-Jährigen ist es wichtig Dinge gewissenhaft zu erledigen. Wenn Ihr Kind jetzt zum Beispiel Angst davor hat, zu spät zur Schule zu kommen, etwas zu verlieren oder die Hausaufgaben nicht richtig sind, dann ist das kein Grund zur Sorge, sondern eine völlig normale Entwicklung Ihres Kindes in diesem Alter. 7-Jährige können also richtig kleine Neurotiker sein. Alles richtig machen. Mit dem besseren Verständnis für Regeln, Zeit, Richtung und Entfernung begreifen Kinder jetzt die Wichtigkeit bestimmter Aufgaben. Dadurch steigt auch der Druck alles richtig machen zu wollen. Kinder in diesem Alter möchten am liebsten immer Erster sein, nie zu spät kommen, wenn möglich perfekt und auf jeden Fall besser als andere Kinder sein. Die unbeschwerte Kindheit kann nun von echten Kindersorgen überschattet werden. Auch die Angst vor Krankheiten kann jetzt ein Thema werden. Wenn Eltern bemerken, dass ihre Kinder sich Sorgen machen, denken sie vielleicht, dass der Druck in der Schule zu hoch sein könnte. Es ist aber tatsächlich so, dass Kinder sich besser entwickeln, wenn höhere Erwartungen an sie gestellt werden. Es ist also völlig o.k., wenn die Erwartungen jetzt ein wenig angehoben werden - ob mehr Disziplin im Hobby oder auch bei kleinen Arbeiten im Haushalt - an neuen Herausforderungen können Kinder wachsen und lernen Dinge erfolgreich zu bewältigen. Sie werden sehen, dass das Erreichen kleiner Ziele große Freude und neue Motivation bei Ihrem Kind auslösen kann. Selbstverständlich sollten die Aufgaben und Herausforderungen aber immer erreichbar und realistisch sein. Kinder brauchen Sicherheit. Wenn Kinder sich in diesem Alter viele Sorgen machen und auch Ängste durchleben, ist ein sicheres und geregeltes Umfeld von großer Bedeutung.
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Beta-Wellen (13-30 Hz): Ab 12 Jahre
Ab dem zwölften Lebensjahr gewinnen die Beta-Wellen (13-30 Hz) die Oberhand. Teenager beginnen, die Welt mit kritischen Augen zu sehen. Sie hinterfragen alles - von den Regeln der Eltern bis zu gesellschaftlichen Normen.
Gamma-Wellen (ab 30 Hz):
Die Gamma-Wellen ab 30 Hz sind nicht an bestimmte Altersphasen gebunden, sondern treten bei besonderen Geistesleistungen auf. Sie schalten sich ein, wenn du ein komplexes Problem löst oder ein intensives „Aha-Erlebnis“ hast - Momente höchster Konzentration und Kreativität.
Fördernde Faktoren für die Gehirnentwicklung
Verschiedene Faktoren können die Gehirnentwicklung positiv beeinflussen:
- Bewegung: Regelmäßige Bewegung, wenn möglich täglich 30 Minuten, kann die Gehirnentwicklung fördern. Bewegung und Gehirnentwicklung hängen nachweislich eng zusammen.
- Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten, Milch aber auch Fleisch sorgt für körperliche und geistige Fitness.
- Lesen: Fördern Sie das Lesen Ihres Kindes, denn das verbessert die Ausdrucks- und Schreibfähigkeit und hilft Ihrem Kind Wissen zu erlangen oder Geschichten zu erfahren.
- Musikinstrument: Sofern Interesse beim Kind besteht, ist jetzt auch die beste Zeit, um ein Musikinstrument zu erlernen. Das kann die mathematischen Fähigkeiten fördern.
- Spiele: Wer die Aufmerksamkeitsspanne erhöhen möchte, der sollte die Bildschirmzeit möglichst reduzieren und lieber mit dem Kind Brettspiele spielen, spezielle Konzentrationsübungen machen oder auch Entspannungsübungen oder Yoga ausprobieren.
Selbstwertgefühl und Lügen
Das Selbstwertgefühl ist eine zarte Pflanze, die Kinder mit aller Kraft zu schützen versuchen. Dazu gehört auch das kindliche Lügen. Dies ist den Kindern jedoch bis weit ins Grundschulalter hinein nicht bewusst. Schon früh in der Entwicklung ist das Selbstwertgefühl für das Baby spürbar, es hat jedoch noch kein Bewusstsein dafür. Es empfindet anfangs lediglich positive Gefühle bei eigenen Handlungen.
Wie alle Entwicklungsbereiche ist auch die Ausbildung des positiven Selbstwertgefühls abhängig von einer sicheren Bindung an die Eltern. Prinzipiell ruht das Selbstwertgefühl auf zwei starken Säulen: auf der einen Seite die sichere Bindung und die Liebe der Eltern und auf der anderen Seite die Erfahrung, dass eine geplante Aktion zum Erfolg geführt hat.
Bedeutung von Neurotransmittern
Die Entwicklung des Gehirns ist stark von verschiedenen Neurotransmittern abhängig. ADHS ist mit Dopaminmangel in Verbindung gebracht. Dieser ist meist genetisch bedingt - die Heritabilität von ADHS beträgt rund 75 % - und damit von der Zeugung an angelegt. Dopamin ist als neurotropher Faktor für die Gehirnentwicklung essenziell. Störungen des dopaminergen Systems, die von Zeugung an bestehen, können die Gehirnentwicklung unter anderem in Bezug auf Zellmigration, Zelldifferenzierung, Neuritenauswuchs, Spine-Entwicklung und Synaptogenese beeinträchtigen.