Bluthochdruck, auch arterielle Hypertonie genannt, ist eine weitverbreitete Erkrankung, die nicht nur das Herz-Kreislauf-System beeinträchtigt, sondern auch erhebliche Auswirkungen auf das Gehirn haben kann. Aktuelle Forschungsergebnisse unterstreichen die Bedeutung der Blutdruckkontrolle zur Vorbeugung von kognitiven Beeinträchtigungen und Demenz im späteren Leben.
Hypertonie als Risikofaktor für Demenz
Das Gehirn ist neben den Nieren eines der Organe, die durch chronisch hohen Blutdruck am stärksten geschädigt werden können. Es ist seit langem bekannt, dass arterielle Hypertonie ein Hauptrisikofaktor für Schlaganfälle ist. Neuere Studien zeigen jedoch auch einen Zusammenhang zwischen Hypertonie und einem erhöhten Demenzrisiko.
Prospektive Beobachtungsstudien, die Patienten über Jahrzehnte begleiten, verdeutlichen diesen Zusammenhang. Die ARIC-Studie ("Atherosclerosis Risk in Communities") beispielsweise, die fast 16.000 Menschen aus vier US-Regionen seit den späten 1980er Jahren medizinisch untersucht, ergab, dass Personen mit normalem Blutdruck im mittleren Lebensalter seltener an Demenz erkrankten. Die Inzidenz von Demenz war bei Personen mit anhaltend hohem Blutdruck im mittleren Lebensalter deutlich höher. Interessanterweise zeigten Personen, die im mittleren Lebensalter einen normalen Blutdruck hatten, im Alter jedoch einen zu niedrigen Blutdruck entwickelten, ebenfalls ein erhöhtes Demenzrisiko.
Die SPRINT-Studie: Intensive Blutdrucksenkung und ihre Auswirkungen auf das Gehirn
Die SPRINT-Studie ("Systolic Blood Pressure Intervention Trial") untersuchte die Auswirkungen einer intensiven Blutdrucksenkung auf das Gehirn. Teilnehmer über 50 Jahre mit erhöhtem systolischen Blutdruck erhielten Medikamente zur Blutdrucksenkung. Eine Gruppe strebte einen Zielwert von unter 120/80 mm Hg an, während die andere Gruppe einen Zielwert von 140/90 mm Hg anstrebte.
Die ersten Ergebnisse der SPRINT-MIND-Studie zeigten, dass eine intensive Blutdrucksenkung nicht zu einem Anstieg der Demenzerkrankungen führte. Im Gegenteil, das Erkrankungsrisiko war tendenziell vermindert. Eine weitere Analyse der SPRINT-MIND-Studie ergab jedoch überraschende Ergebnisse:
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- Verminderung von Schäden an der weißen Hirnsubstanz: Eine intensive Blutdrucksenkung reduzierte die Zunahme von Läsionen der weißen Hirnsubstanz (WML), die als Manifestation einer zerebralen Mikroangiopathie gelten.
- Beschleunigte Hirnatrophie: Paradoxerweise führte die intensive Blutdrucksenkung zu einer Beschleunigung der Hirnatrophie, also der Abnahme der Gesamthirnmasse im Alter.
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Auswirkungen einer intensiven Blutdrucksenkung auf das Gehirn komplex sind und weitere Forschung erfordern.
Blutdruck im mittleren Lebensalter als entscheidender Faktor
Eine Langzeitstudie in Lancet Neurology untersuchte den Einfluss von Blutdruckwerten im Alter von 36 bis 53 Jahren auf die spätere Ausdehnung von "White Matter Lesions" (WML) in der Magnetresonanztomografie, einem frühen Hinweis auf kognitive Störungen. Die Ergebnisse zeigten, dass ein erhöhter Blutdruck im Alter von 53 Jahren und ein stärkerer Anstieg im Alter zwischen 43 und 53 Jahren mit einer größeren Ausdehnung der WML im Alter zwischen 69 und 71 Jahren assoziiert waren. Dies deutet darauf hin, dass die Grundlage für Demenzerkrankungen im höheren Alter bereits 15 bis 25 Jahre früher gelegt wird.
Auch die Hirnatrophie schien von früheren Blutdruckwerten beeinflusst zu werden. Ein erhöhter Blutdruck im Alter von 43 Jahren und ein Anstieg im Alter von 36 bis 43 Jahren war mit einem kleineren Hirnvolumen im Alter zwischen 69 und 71 Jahren assoziiert.
Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung der Blutdruckkontrolle im mittleren Lebensalter zur Vorbeugung von Demenz im späteren Leben.
Weitere Faktoren, die die Gehirn Alterung beeinflussen
Eine Studie der Berliner Humboldt-Universität untersuchte die Gehirne von mehr als 56.000 Menschen und berechnete das sogenannte biologische Hirnalter. Dabei stellte sich heraus, dass der Unterschied zwischen Kalender- und Hirnalter mehrere Jahre betragen kann. Entscheidend sind nicht nur die Gene, sondern auch Blutdruck, Stoffwechsel, Lebensstil und soziale Faktoren.
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Die Studie identifizierte 59 Genregionen, die das biologische Altern des Gehirns mitbestimmen, darunter bekannte Alzheimer-Gene. Allerdings erklären die Erbanlagen allein nur etwa ein Viertel der Unterschiede.
Weitere Faktoren, die eine beschleunigte Gehirn-Alterung begünstigen, sind:
- Hoher Blutdruck (Hypertonie)
- Typ-2-Diabetes
- Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum
- Psychische Belastung oder depressive Verstimmung
- Sozioökonomische Belastung, etwa geringes Einkommen
Neurovaskuläre Kompression (NVC) als Ursache von Bluthochdruck
Der Begriff "neurovaskuläre Kompression" (NVC) bezeichnet pathologische Kontakte zwischen nervösen Strukturen und Blutgefäßen. Eine Untergruppe sind Kontakte zwischen pulsierenden Arterien und Hirnnerven, z. B. am Hirnstamm in der Nähe der Wurzeleintrittszone (REZ) der Hirnnerven IX und X. Die neurochirurgische mikrovaskuläre Dekompression (MVD) kann diese sekundäre Form des Bluthochdrucks lindern, indem der Kontakt zwischen der betroffenen Arterie und dem Hirnstamm bzw. der Stelle beeinflusst und so Bluthochdruck auslösen könnte.
Bluthochdruck bei Jugendlichen und seine Auswirkungen auf die kognitive Leistungsfähigkeit
Eine finnische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Jugendliche mit erhöhtem Blutdruck insbesondere bei Aufgaben, die Aufmerksamkeit und Lernfähigkeit betreffen, schlechter abschneiden. Interessanterweise zeigten Mädchen mit höherem Blutdruck einen negativen Zusammenhang mit einem breiteren Spektrum kognitiver Funktionen als Jungen. Umgekehrt beobachteten die Forscher*innen bei Jungen mit höherer Arteriensteifigkeit eine bessere Aufmerksamkeit und ein besseres Arbeitsgedächtnis.
Diese Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung der Vorbeugung von Bluthochdruck und Arteriensteifigkeit zur Förderung der kognitiven und Gehirngesundheit bei jungen Menschen.
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Renale Denervation (RD) bei therapierefraktärer Hypertonie
Die renale Denervation (RD) galt einige Jahre lang als vielversprechende Behandlung für Patienten mit therapierefraktärer Hypertonie. Allerdings zeigten Studien methodische Schwächen und kleine Patientenzahlen. Eine Studie aus dem Jahr 2014 ergab keine signifikanten Unterschiede zwischen renaler Denervation und Scheindenervation hinsichtlich der Blutdrucksenkung.
Leptin und Bluthochdruck bei Adipositas
Forschende haben herausgefunden, dass bei einer hochkalorischen Ernährung die Dichte der Blutgefäße im Hypothalamus, ein wichtiger Bereich in unserem Gehirn, zunimmt (Hypervaskularisierung). Leptin, ein Hormon, das vom Fettgewebe produziert wird und an der Steuerung von Hunger- und Sättigungsgefühl beteiligt ist, spielt eine wichtige Rolle bei diesem Prozess. Studien haben gezeigt, dass Leptin für die Verdichtung der Gefäße im Hypothalamus hauptverantwortlich ist und dieser Prozess über die Astrozyten vermittelt wird.
Prävention von Demenz durch Blutdruckkontrolle
Eine Metaanalyse von Studien ergab, dass die Blutdruckkontrolle die Wahrscheinlichkeit für Demenz und kognitive Beeinträchtigungen signifikant senkt. Die Autoren betonten jedoch, dass noch zu klären sei, welcher Wert optimal für eine Demenzprävention wäre und wie sich eine antihypertensive Therapie auf längere Sicht auswirkt.
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