Die Frage, warum ein Mensch einem Fremden Gutes tut, selbst ohne offensichtlichen Vorteil, beschäftigt zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen. Philosophen, Psychologen, Verhaltensökonomen, Evolutionswissenschaftler und Hirnforscher untersuchen das Phänomen des Altruismus. Dieser Artikel beleuchtet wissenschaftliche Erkenntnisse über das Gehirn von Menschen, die als "Gutmenschen" bezeichnet werden, und räumt mit einigen gängigen Vorurteilen auf.
Die Komplexität des menschlichen Gehirns
Das menschliche Gehirn ist ein komplexes Netzwerk aus etwa 86 Milliarden Nervenzellen, von denen jede einzelne bis zu 10.000 Verbindungen mit anderen Nervenzellen eingehen kann. Dieses Netzwerk, das über 100 Billionen Verbindungen umfasst, ist ein Kommunikationssystem, das schneller und komplexer arbeitet als jedes bisher gebaute Computernetzwerk. Trotz dieser Komplexität wird Subjektivität in politischen Debatten oft als unangebracht betrachtet.
Altruismus unter der Lupe: Studien und Ergebnisse
Eine Studie des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften aus dem Jahr 2016 untersuchte unterschiedliche Motive für prosoziales Verhalten. Dabei wurden Versuchspersonen über eine Internet-Plattform beobachtet, wie sie einfache Verhaltensentscheidungen trafen, beispielsweise das Teilen eines Geldbetrags - mit echtem Geld. Auch computergestützte Spiele, in denen Studienteilnehmer unter Zeitdruck komplexe Aufgaben lösen mussten und gelegentlich die Möglichkeit hatten, anderen Spielern zu helfen, kamen zum Einsatz.
Die Ergebnisse dieser Studie widerlegen zwei gängige Vorurteile:
- "Gutmenschen" sind naiv: Verhaltens- und Intelligenztests deuten darauf hin, dass großzügige und hilfsbereite Menschen tendenziell intelligenter sind. Dies bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass Intelligenz Altruismus verursacht. Auch kluge Menschen können geizig und egozentrisch sein.
- Selbstüberschätzung: Probanden, die sich in Fragebögen selbst als ausgesprochen kooperativ, fair und altruistisch bezeichneten, verhielten sich in Labortests oft anders. Dies deutet darauf hin, dass die Situation, in der eine Person handelt, eine wichtige Rolle spielt.
Der Einfluss der Situation auf altruistisches Verhalten
Menschen neigen dazu, Verletzten oder Hilfsbedürftigen weniger zu helfen, wenn viele andere potentielle Helfer anwesend sind. Es ist wichtig zu betonen, dass diese Erkenntnisse unter Laborbedingungen entstanden sind. Die DKMS (Deutsche Knochenmarkspenderdatei) hat seit über 25 Jahren Praxiserfahrung mit Altruisten, die Zeit, Geld oder sogar Stammzellen spenden.
Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben
Wandel in der Spendermotivation
In den Anfangsjahren der DKMS spendeten die Menschen hauptsächlich Geld, um die eigene Registrierung zu finanzieren. Oft waren sie persönlich betroffen und der ganze Ort half einem konkreten Blutkrebspatienten. Durch die steigende Bekanntheit der DKMS spenden heute immer mehr Menschen auch ohne persönlichen Bezug zu der Krankheit Geld. Sie möchten Teil von etwas Großem sein und mit ihrer Unterstützung etwas bewegen.
Eine weitere Entwicklung ist, dass sich Spender immer mehr in die Arbeit der Organisation einbringen möchten.
Die Rolle von Metaphern in der politischen Debatte
Metaphern funktionieren blitzschnell und unbewusst. Sie wischen am prüfenden Verstand vorbei und gehen ohne großen Denkaufwand direkt ins Blut. Dies kann Vorteile, aber auch Risiken bergen. Weil sie unwillkürlich Assoziationen wachrufen und Emotionen auslösen, können Sprachbilder das rationale Urteil unterlaufen, Stimmungen drehen, Tabus niederreißen und das Handeln diktieren.
Ein Beispiel für die unterschwellige Aktivierung vernichtender Emotionen durch Sprache ist die antisemitische Hetze im Dritten Reich. Die metaphorische Diffamierung eines ganzen Volkes, die gezielte Entwertung der Juden zu Ratten, Parasiten, Ungeziefer, Schmutz, Abschaum und Dreck, setzte einen perfiden Mechanismus in Gang.
Die Kognitionsforschung kann mittlerweile anhand neurologischer Untersuchungen erklären, wie dieser Mechanismus zuschlagen konnte: Jedes Mal, wenn wir mit etwas Ekelerregendem konfrontiert sind, springt die Inselrinde, das Ekelzentrum unseres Gehirns, an und startet das volle Programm körperlicher Ekelreaktionen. Dieses Reaktionsbündel wird nicht nur durch reale Umstände, sondern auch durch Metaphern ausgelöst.
Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.
Ekelmetaphern liefern uns gleich zwei Gefühle frei Haus: Wir reagieren auf alles, womit sie verknüpft sind, mit körperlichem Widerwillen und wir fühlen uns dabei auch noch moralisch überlegen. Was Ekel erregt, ist nicht menschlich, muss und darf vernichtet werden.
Die aktuelle Metapher von der Migrantenflut (Wörter wie Dammbruch, Menschenstrom, Ausländerwelle und Überflutung) ist ebenfalls ein Beispiel für hochmanipulative Kampfbegriffe, weil sie die Merkmale einer unausweichlichen, zerstörerischen Naturkatastrophe auf die Wahrnehmung eines politischen Geschehens und die Bewertung einer Menschengruppe übertragen.
Forscher bestätigen, dass es Regionen im Gehirn des Senders und im Gehirn des Empfängers gibt, die die emotionale Information auf die gleiche Art und Weise encodieren - wie beim Mitgefühl.
Emotionalität in der Politik und Gesellschaft
"Wutbürger" und "Gutmenschen" sind beliebte Etiketten, um Menschen zu diskreditieren, während gleichzeitig seit Jahren der Ruf nach emotionaler Intelligenz erklingt, ohne dass eine gesellschaftliche Übereinkunft darüber besteht, wie diese konkret aussieht.
Gefühle haben mit Involviert-Sein zu tun. Seit der Zeit der Aufklärung wird die Rolle der Rationalität in der Philosophie stark betont. Der Mensch ist geprägt von Gefühlen. Die Neurobiologien haben gezeigt, dass der Mensch auch in seinem evolutionären Erbe kein reines Vernunftwesen ist.
Lesen Sie auch: Tinnitus und Gehirnaktivität: Ein detaillierter Einblick
In kleinen Gemeinschaften und Familien geht es oft gefühlsintensiv und ungehemmt zu. Traditionelle Zurückhaltung beim Gefühlsausdruck geht in Japan eine Koalition ein mit dieser Intensität im Innenbereich. Die alten, traditionellen Papierwände führten zu der sozialen Disziplinierung, bitte nicht laut sein, und darum Zurückhaltung im Gefühlsausdruck. Aber im geschützten Innenraum gedieh die Intensität der Gefühle umso mehr.
Romantische Liebe ist in gewissem Sinne eine kulturelle Erfindung. Rund ums 18. Jahrhundert, als Menschen anfingen, Miteinander unter dieser Überschrift zu deuten, veränderte sich die Gefühlslage auch die Benennungen von Gefühlen.
Liebesfilme transportieren Muster, die uns bei eigenen Erfahrungen helfen, diese Erfahrungen zu deuten. Das Kribbeln im Bauch, das man nie mehr vergisst, deuten wir als Symptom von Verliebtheit, ein Gefühl, dass jeder vielleicht etwas anders spürt, aber über das es eine gemeinsame Verständigung gibt.
Studien von Professor Silke Anders von der Universitätsklinik Lübeck zeigen, dass es Muster gibt, die ganz spezifisch sind für bestimmte Emotionen. Die einzige Hirnregion, die Amygdala, der Mandelkern, ist relativ konsistent aktiviert, wenn man einen furchtsamen Gesichtsausdruck sieht oder selber Furcht empfindet.
Wir können keine Gedanken lesen. Um erfolgreich zu kooperieren, ist es wichtig, unser Gegenüber zu verstehen, seine Gefühle und Absichten zu erkennen und richtig zu interpretieren. Liebende können die Emotionen des Partners besser widerspiegeln als Fremde. Emotionale Informationen gelangen von einem Gehirn in das andere Hirn. Im Gehirn des Empfängers, also des Partners, zeichnete sich ein umso ähnlicheres neuronales Aktivitätsmuster ab, je sicherer er sich war, dass er das Gefühl seiner Partnerin richtig erkannt hatte.
Autoritärer Nationalradikalismus und Diskriminierung
Hass und Wut sind Emotionen, die zunehmend von politischen Bewegungen und Parteien gegen die offene Gesellschaft und die liberale Demokratie eingesetzt werden. Es entwickelt sich ein Autoritärer Nationalradikalismus. Menschen geraten allein aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit und unabhängig von ihrem individuellen Verhalten in die Abwertung, in die Diskriminierung und zum Teil in die Gewalt hinein.
Schon 2002 gab es etwa 20 Prozent, die sich den rechtspopulistischen Einstellungen zugewandt haben, also auf der Basis von Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und autoritärer Aggression. Dies war lange vor der AfD, Pegida und der Flüchtlingskrise.
Bezogen auf verschiedene Elemente gibt es durchaus einen Rückgang über die Zeit, etwa beim klassischen Antisemitismus. Bei der Islamfeindlichkeit gibt es durchaus einen Anstieg. Dies hängt alles auch mit gesellschaftlichen Entwicklungen zusammen, auch mit Krisenentwicklungen. Denken Sie an 9/11mit dem terroristischen Anschlag, dann kamen auch soziale Krisen dazu wie Hartz IV für bestimmte Bevölkerungsgruppen und später die Banken- und Finanzkrise.
Krisenwahrnehmungen machen sich bis in die Mitte der Gesellschaft bemerkbar. Vor allem jene soziale Gruppen, die sich selbst mit ihren Emotionen, mit ihren sozialen Lagen nicht wahrgenommen fühlen, etwa von der Politik, haben lange Zeit eine wutgetränkte Apathie aufgebaut. Wer nicht wahrgenommen wird ist ein Nichts.
Verletzte Gerechtigkeitsgefühle, die Angst vor der rapiden Globalisierung, die Durchdigitalisierung aller Lebensbereiche sind wichtige Faktoren, die Einfluss nehmen auf die Diskriminierung anderer Menschengruppen. Vor allem bei den über 60-Jährigen zeigten sich in der Studie negative Einstellungsmuster.
Die emotionalisierte Politisierung ist besorgniserregend, da Emotionen schlecht zu kontrollieren sind und negative Emotionen auch nicht einfach durch positivere zu ersetzen sind. Die Politik ist gefordert, Anerkennungsprozesse zu fördern, damit Menschen sich ernst genommen und nicht als Bürger 2. Klasse fühlen.
Nicht nur ein Teil der Migranten oder Flüchtlinge ist nicht in die Gesellschaft integriert, sondern auch ein Teil der ursprünglich Deutschen. Zugang zum Arbeitsmarkt, eine Stimme im politischen Austausch und stabile soziale Beziehungen sind wichtig für die Integration.
Willensfreiheit und Verantwortlichkeit
Die Frage, was der Mensch ist oder wer er ist, ist so alt wie die Philosophie. Die Frage, wie wir frei sein können, stellte sich insbesondere vor dem Hintergrund naturwissenschaftlicher Erkenntnisse.
Schon in Platons Dialog Phaidon wurde dieses Spannungsfeld thematisiert. Sokrates griff die Gedanken seines naturphilosophischen Lehrers Anaxagoras auf, der eine materialistische Sichtweise vertrat. Doch gerade auf dem Gebiet der Psychologie überzeugte ihn diese Lehre nicht.
Heute weiß man ungleich mehr über den Körper und Gehirnvorgänge. Wäre die Antwort, Sokrates war im Gefängnis, weil es in seinem motorischen Kortex solche-und-solche Aktivitäten gegeben hat, eine bessere?
Carl Vogt (1817-1895) war Professor für Zoologie und ein großer Kommunikator wissenschaftlichen Wissens. Er verglich Gehirn und Leber oder Nieren. Die Annahme einer Seele, die sich des Gehirnes wie eines Instrumentes bedient, mit dem sie arbeiten kann, wie es ihr gefällt, ist ein reiner Unsinn.
Gedanken sind materielle Vorgänge. Die Annahme einer Seele liefert keine Letzterklärung der psychischen Vorgänge und wirft neue Fragen auf.
Vogt nahm aktiv am Materialismusstreit des 19. Jahrhunderts teil. Der freie Wille existiert nicht und mit ihm nicht eine Verantwortlichkeit und eine Zurechnungsfähigkeit, wie sie die Moral und die Strafrechtspflege auferlegen wollen. Wir sind in keinem Augenblicke Herren über uns selbst, über unsere Vernunft, über unsere geistigen Kräfte, so wenig als wir Herren sind darüber, daß unsere Nieren eben absondern oder nicht absondern sollen. Der Organismus kann nicht sich selbst beherrschen, ihn beherrscht das Gesetz seiner materiellen Zusammensetzung.
Es gibt nur Naturvorgänge und die Natur genügt sich selbst; für eine Besonderheit des Menschen ist in dieser Welt kein Platz. Vogt zweifelte das Fundament von Moral und Strafrecht an.
Es ist bis heute nicht klar, was so ein “Ding Wille” überhaupt sein soll. Wir hätten nie Kontrolle über uns selbst, ebenso wenig wie über die Funktion unserer Nieren.
Traditionell unterschied man zwischen dem autonomen und willkürlichen Nervensystem. Als “autonom” dachte man insbesondere die grundlegenden Lebensfunktionen, als “willkürlich” vor allem unser Verhalten. Doch diese Grenze ist in Wirklichkeit weniger deutlich. Zum Beispiel atmen wir meistens unbewusst, insbesondere im Schlaf. Und das ist auch gut so. Trotzdem können wir unseren Atem auch bewusst steuern. Und das hat wiederum einen Einfluss auf den Herzschlag. Diesen Zusammenhang nutzt man bei Entspannungsübungen.
Beim Biofeedback geht es gerade darum, durch bewusste Übungen bestimmte Körperfunktionen zu kontrollieren.
Man spricht nicht ohne Grund davon, dass uns die Kultur zur “zweiten Natur” wurde.
Dass wir Menschen einander unter bestimmten Bedingungen aber im Normalfall für unser Verhalten verantwortlich machen, wird man nicht durch das Studium von Ameisenvölkern erklären können - und meiner Ansicht nach auch nicht durch Versuche mit dem Hirnscanner. Bei Recht und Moral handelt es sich um eine sozial-kulturelle Praxis, die sich zur Aufrechterhaltung einer bestimmten Gesellschaftsform durchgesetzt hat. Diese basiert nicht auf der Annahme irgendeines metaphysischen Willens.
Das Recht mach uns für unser Verhalten verantwortlich, sofern es unserer Kontrolle unterliegt. Ein grundlegender Bestandteil unserer Sozialisation ist beispielsweise das Erlernen der Kontrolle unserer Blasen- und Darmfunktion; sogar Haustiere können das lernen. Im Kindergarten oder auf dem Schulhof haben wir gelernt, was passiert, wenn wir beispielsweise Petra oder Peter das Spielzeug wegnehmen, weil es uns gefällt. Mal wird sich das Kind direkt wehren, mal wird uns eine erwachsene Betreuungsperson zurechtweisen.
Vielmehr ist derjenige für sein Tun - und manchmal auch für sein Unterlassen - verantwortlich, der richtig und falsch voneinander unterscheiden und nach dieser Einsicht handeln kann. Philosophischer ausgedrückt geht es um eine minimale Rationalität und ein bestimmtes Maß bewusster Kontrolle.
Sogar ein Carl Vogt oder in jüngerer Zeit Gerhard Roth (1942-2023), der ganz ähnliche Thesen vertrat, hatte diese Regeln verinnerlicht und hielt sich daran; sonst wäre er nicht im Rahmen genau dieser gesellschaftlichen Ordnung zum Professor ernannt worden. Dass manche Wissenschaftler unsinnige Thesen vertreten, ist auch ein Teil unserer Gesellschaft. Ob sie das nur tun, um Aufmerksamkeit zu erzielen, darüber müssen wir spekulieren.
Digitale Medien: Segen und Fluch
Digitale Medien sind Teil unserer Kultur. Sie erhöhen unsere Produktivität, erleichtern das Leben und sind ein großer Unterhaltungsfaktor. Unsere moderne Welt, von der Versorgung mit Nahrungsmitteln über Mobilität und Verwaltung bis zur Medizin, würde ohne digitale Informationsverarbeitung zusammenbrechen. Es kann also nicht darum gehen, sie zu bekämpfen oder sie gar abzuschaffen.
Digitale Medien haben ein hohes Suchtpotenzial und schaden langfristig dem Körper (Stress, Schlaflosigkeit, Übergewicht - mit allen Folgeerscheinungen) und vor allem dem Geist. Das Gehirn schrumpft, weil es nicht mehr ausgelastet ist, der Stress zerstört Nervenzellen, und nachwachsende Zellen überleben nicht, weil sie nicht gebraucht werden. Die digitale Demenz zeichnet sich im Wesentlichen durch die zunehmende Unfähigkeit aus, die geistigen Leistungen in vollem Umfang zu nutzen und zu kontrollieren.
Wer nichts lernt und sich nicht geistig fordert, hat keine besonders große Fallhöhe zu späterer Demenz. Wir sollten es so halten wie schon die alten Griechen: Alles mit Maß, nichts im Übermaß!
tags: #gehirn #eines #gutmenschen