Kryonik: Der Traum vom ewigen Leben durch das Einfrieren des Gehirns

Die Kryonik, die Tiefkühlkonservierung von Organismen, Organen und ganzen Lebewesen, insbesondere die des Gehirns, ist ein faszinierendes und zugleich kontrovers diskutiertes Thema. Befürworter sehen darin eine Möglichkeit, den Tod zu überwinden und in einer fernen Zukunft wiederbelebt zu werden, während Kritiker die Methode als unwissenschaftlich und ethisch bedenklich ablehnen.

Was ist Kryonik?

Kryonik (oder Kryostase, vom griechischen Wort für Kälte) bezeichnet die Kryokonservierung und Langzeitlagerung von Menschen, die nach heutigem Stand der Medizin als „verstorben“ gelten, bei extrem niedrigen Temperaturen (meist unter Verwendung von Flüssigstickstoff bei circa -196°C). Kryokonservierung ist der Oberbegriff für die Konservierung von biologischem Material - das können Zellen, Gewebe, Organe oder ganze Körper sein - bei extrem niedrigen Temperaturen.

Im Kern geht es darum, den Körper oder das Gehirn einer verstorbenen Person so zu konservieren, dass der Zerfall der Zellen verhindert oder zumindest stark verlangsamt wird. Die Hoffnung ist, dass zukünftige Technologien die Schäden reparieren und die Person wiederbeleben können.

Der Ablauf der Kryokonservierung

Der Prozess der Kryokonservierung beginnt idealerweise kurz nach dem Eintritt des Todes. Ein Team von Spezialisten führt folgende Schritte durch:

  • Kühlung: Der Körper wird mit Eis gekühlt, um den Stoffwechsel zu verlangsamen. Das Team rückt mit 60 Kilogramm Eis an.
  • Medikamentengabe: Dem „Patienten“ werden Medikamente gespritzt, mit denen Zellmembranen geschützt werden und die Blutgerinnung verhindert wird.
  • Blutersatz: Das Blut wird aus dem Körper gepumpt und durch eine spezielle Schutzlösung („Kryoprotektivum“) ersetzt, um Zellschäden durch Eiskristalle zu vermeiden, die sich beim Einfrieren von Wasser bilden.
  • Vitrifikation: Um die zelluläre Vernichtung durch Kristallbildung zu verhindern, setzen sie auf die Methode der Vitrifikation (wörtlich: Verglasung). Anschließend wird der Körper über mehrere Tage und Wochen langsam auf die Zieltemperatur von in der Regel -196 Grad Celsius abgekühlt.
  • Lagerung: Der Körper wird kopfüber in speziellen Containern („Kryostat“) in einem Tank mit flüssigem Stickstoff gelagert. In Trockeneis (minus 78 Grad) wird er nach Detroit geflogen, wo das Herunterkühlen auf minus 196 Grad und die Lagerung erfolgt.

Wichtig: Bis heute gibt es noch keine nachweisbare Methode, diesen Prozess umzukehren und einen so konservierten Menschen wiederzubeleben.

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Die Hoffnung auf Wiederbelebung

Die Kryoniker gehen davon aus, dass zukünftige medizinische Fortschritte die Wiederbelebung ermöglichen werden. Sie hoffen, dass Technologien entwickelt werden, um:

  • Zellschäden zu reparieren: Die Schäden, die durch den Einfrierprozess und die lange Lagerung entstanden sind, müssen behoben werden.
  • Krankheiten zu heilen: Die ursprüngliche Todesursache muss behandelt werden können.
  • Alterung rückgängig zu machen: Das Altern soll rückgängig gemacht werden können.

Anbieter von Kryokonservierung

Die wichtigsten Anbieter im Bereich der Kryonik sind Alcor, das Cryonics Institute und Tomorrow Biostasis. Alcor und der Cryonics Institute können dabei als Wegbereiter der heutigen Kryonik-Bewegung betrachtet werden.

Die Kosten für eine Kryokonservierung variieren je nach Anbieter und Umfang der Leistung. Das Gehirn wird nach Angaben der Kryonik-Institute schon ab etwa 80.000 US-Dollar kryokonserviert - für 200.000 US-Dollar wird der ganze Körper eingefroren. Inklusive: der Transport zum Institut und eine "Wiederbelebungsgebühr". Das Cryonics Institute berechnet hingegen rund 30.000 US-Dollar Grundgebühr fürs Einfrieren, hier kommen aber weitere hohe Kosten für den Transport und die "Erste-Hilfe-Maßnahmen" nach dem Tod hinzu.

Kritik an der Kryonik

Die Kryonik ist mit erheblicher Kritik konfrontiert. Wissenschaftler bemängeln vor allem:

  • Mangelnde wissenschaftliche Grundlage: Es gibt keine Beweise dafür, dass eine Wiederbelebung nach Kryokonservierung möglich ist.
  • Zellschäden: Das Einfrieren und Auftauen von Gewebe verursacht erhebliche Schäden an den Zellen. Eiskristalle, deren Bildung kaum zu verhindern ist, würde Gewebe zerreißen, die toxischen Bestandteile des Frostschutzmittels würden den Körper vergiften.
  • Ethische Bedenken: Kritiker sehen in der Kryonik eine Geschäftemacherei mit der Hoffnung auf Unsterblichkeit und eine Kommerzialisierung des Todes.

Der Bayreuther Mediziner Nagel erinnert das alles an den Ablasshandel im Mittelalter. Dieser habe die Uninformiertheit und die grundlegende Angst der Menschen vor dem ewigen Schmoren in der Hölle ausgenutzt, um diese zur Kasse zu bitten. „Genauso tut das die Kryonik heute auch. Das hat an Aktualität offensichtlich nichts verloren, an Verwerflichkeit auch nicht.“ Auch Reproduktionsmediziner Schlatt findet die Kryonik aus ethischer Sicht bedenklich. „Das ist eine unfassbar ekelige Geschäftemacherei mit Hoffnung auf etwas, was es nie geben wird.“

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Hirnfrost: Ein harmloses Phänomen

An warmen Sommertagen geht nichts über ein großes Eis oder eine Limonade mit Eiswürfeln. Doch kaum stellt sich das schöne Gefühl der Erfrischung ein, kommt ein unschönes hinterher: der Kältekopfschmerz, auch Hirnfrost genannt. Diesen nur ein paar Sekunden anhaltenden, aber unangenehm stechenden Schmerz im Kopf kennen viele Menschen. Die gute Nachricht vorweg: Auch wenn das Gefühl sehr unangenehm ist, bedenklich ist es nicht. Bei dem Kältekopfschmerz handelt es sich um eine normale Reaktion des menschlichen Körpers.

Der Kältekopfschmerz wird durch eine plötzlich eintretende Kälte im Mundraum ausgelöst und ist ein natürlicher Schutzmechanismus des Körpers. Die Kälte trifft auf den Gaumen und den Rachenraum, wo sich besonders empfindliche Nervenendigungen befinden.

Der eigentliche Schmerz entsteht durch die Reaktion der Blutgefäße. Nehmen wir Eis oder sehr kalte Getränke zu uns, übertragen diese den Kältereiz auf die Blutgefäße des Rachens und des Gaumens. In diesem Moment ziehen sich unsere Blutgefäße automatisch zusammen, um einen Verlust der Körpertemperatur zu verhindern. Gleichzeitig wird Blut ins Gehirn gepumpt, um die Kälte auszugleichen. Es entsteht ein schneller Blutfluss, wodurch sich der Druck in den Blutgefäßen erhöht.

Parkinson und Gang-Freezing

Einschränkungen der Mobilität sind eine häufige Begleiterscheinung des Alterns. Besonders relevant sind diese bei der Parkinsonkrankheit in Form des sogenannten Gang-Freezings, bei dem Betroffene eine Gangblockade entwickeln und „wie eingefroren“ stehen bleiben. Tübinger Forschende der Neurologischen Universitätsklinik und des Instituts für Neuromodulation und Neurotechnologie konnten nun erstmals mittels Messung von Nervenzellaktivität aus tiefen Hirnstimulationselektroden zeigen, was bei Patienten mit Parkinson während des Gang-Freezings im Gehirn passiert.

Die Studie um Prof. Dr. Daniel Weiß, Dr. Philipp Klocke und Prof. Dr. Alireza Gharabaghi konnte mit dieser neuen Methode zeigen, dass die Gangblockaden - anders als das willkürliche Stoppen beim Gehen - spezifische Fehlaktivierungen des sogenannten Nucleus subthalamicus zeigten. Dieser Nervenkern in der Tiefe des Gehirns spielt eine entscheidende Rolle bei der Bewegungskontrolle und erklärt die Fehlsteuerung der Beinmuskulatur in Folge der fehlerhaften Hirnaktivierung.

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Kryokonservierung in der Medizin

In der Medizin wird Kryonik für das Einfrieren von Keimzellen verwendet. Seit 2021 übernimmt die Krankenkasse die Kosten für Menschen mit einer bevorstehenden Chemotherapie, da diese unfruchtbar machen kann. Spermazellen werden langsam eingefroren („Slow Freeze“), wohingegen Eizellen aufgrund ihrer komplexen Zellstrukturen schockgefroren werden, auch Vitrifikation genannt. Dadurch verringert man die Entstehung von Eiskristallen. Bei Organen ist das Einfrieren schwerer, denn sie bestehen aus unterschiedlichen Zellen mit jeweils anderen Gefriereigenschaften. Besonders in der Organ-Spende wäre das erfolgreiche Einfrieren ein Durchbruch, da Organe über einen längeren Zeitraum funktionsfähig wären.

Digitalisierung des Gehirns als Alternative?

Seit einigen Jahren wird nun ein ganz neuer Ansatz erforscht: Statt einen Körper wiederzubeleben, wollen Wissenschaftler versuchen, den menschlichen Geist auf ein digitales Medium zu übertragen. Der “mind upload“, so die Idee, würde das menschliche Wesen vom biologischen Körper lösen und tatsächlich unsterblich machen.

Scan der Feinstruktur des GehirnsWeil aber auch das technisch noch nicht möglich ist, müsste auch hierfür das Gehirn konserviert werden. Das Start-up Netcome hat dafür eine Technik entwickelt, bei der die Verbindungen zwischen den einzelnen Gehirnzellen, den Neuronen, bis ins kleinste Detail erhalten bleiben.

Die Netcome-Wissenschaftler wollen die Feinstruktur des Gehirns eines Tages einscannen lassen - um die darin enthaltenen Informationen zu digitalisieren. Sie stützen sich dabei auf eine Hypothese des amerikanischen Hirnforschers Hyunjune Sebastian Seung. Demnach sind die individuellen Verbindungen zwischen den Nervenzellen das Abbild unserer Erinnerungen und unserer Persönlichkeit. Also von dem, was uns als Individuum ausmacht. Seung hält es für möglich, dass man Erinnerungen eines Tages aus der Struktur eines Gehirns herauslesen kann.

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