Der Zusammenhang zwischen Gehirn, Gedächtnis und Augenbewegungen

Viele schwere Schicksale wurden Dr. Lena Dentz, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, schon anvertraut. Sie ist zertifizierte Traumatherapeutin für EMDR. Die Methode wurde in den 1980er-Jahren von Dr. Francine Shapiro in den USA entdeckt. Dabei folgt der Patient beziehungsweise die Patientin den Fingern des Therapeuten mit den Augen in schnellen Bewegungen von links nach rechts. Das wird auch bilaterale Stimulation genannt. Diese Stimulation unterstützt das Gehirn, die eigenen Selbstheilungskräfte zu aktivieren und die belastenden Erinnerungen zu verarbeiten.

Traumatherapie und EMDR

Dr. Lena Dentz betreute vier Jahre Polizisten, Feuerwehrleute und Soldaten, die zur Behandlung von Traumata zu ihr kamen. In ihren Sprechstunden sieht sie oft Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden oder die in ihrer Kindheit und Jugend körperlichen Missbrauch erlebt haben. Auch Frauen, die vergewaltigt oder überfallen wurden, Frauen, die Fluchterlebnisse verarbeiten müssen, und Frauen, die Opfer von Verkehrsunfällen geworden sind, finden den Weg zu ihr.

Die Auswirkungen der Traumata von Patientinnen zeigen sich im Alltag oft dadurch, dass die Betroffenen unter verschiedensten Ängsten leiden. Sie begeben sich beispielsweise nicht mehr unter Menschen oder haben Angst, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Sie werden leicht wütend oder sind grundsätzlich in einem Zustand erhöhter Alarmbereitschaft. Dieser sogenannte Hyperarousal, eine Übererregbarkeit des Nervensystems, war in Zeiten erhöhten Risikos von Nutzen, um schnell auf Gefahren reagieren zu können. Wenn sich der Körper aber ohne entsprechenden Auslöser dauernd in einem "Notfallprogramm" befindet, dann führt das zu einem starken Leidensdruck.

EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) ist eine Methode, bei der es um die Verarbeitung eines Erlebnisses durch Augenbewegungen geht. Tatsächlich sind die Augenbewegungen der Patientinnen mit den Augenbewegungen im REM-Schlaf vergleichbar - der Phase des Schlafes, in der die Geschehnisse des Tages verarbeitet werden. In der Therapie sind jedoch die Augen geöffnet. Die Bewegung wird parallel mit Inhalten verknüpft. Zunächst wird geprüft, ob die Patientin in der richtigen Verfassung für eine EMDR-Therapie ist. Gegebenenfalls versucht man, sie zunächst an besonders schöne Erlebnisse zu erinnern, die ebenfalls durch die Methode verstärkt werden können.

Beispiel für eine EMDR-Therapie

Vorstellbar wäre, dass beispielsweise eine Beifahrerin einen Unfall miterlebte, bei dem sie selbst oder ein Angehöriger verletzt wurde. Seither kann sie nicht mehr Auto fahren, vielleicht nicht einmal mehr bei anderen mitfahren, und bekommt immer wieder belastende Erinnerungen. In einer EMDR-Therapie würde nach einer Anamnese- und Stabilisierungsphase die Patientin angeleitet werden, mit einer der belastenden Situationen in der Traumaerfahrung in Kontakt zu gehen, während gleichzeitig die bilaterale Stimulation durchgeführt wird. Eine der belastenden Situationen könnte beispielsweise der Augenblick vor dem Aufprall sein beim Blick in das Licht des Gegenverkehrs. Möglicherweise resultiert daraus eine Angst, die immer dann auftritt, wenn die Patientin helles Licht sieht.

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Eine EMDR-Sitzung wird oft mit einer Zugreise verglichen: Die Betroffenen fahren noch einmal an dem Geschehen vorbei - aber aus sicherer Distanz und in Begleitung der Behandler. Im weiteren Verlauf der Sitzungen verblassen die belastenden Erinnerungen Stück für Stück und die Symptome des Traumas werden aufgelöst.

Wirkung der EMDR-Therapie

Durch die Verbindung von Augenbewegung und Kognition verbessert sich die Situation für die Patientinnen. Das dauert natürlich mitunter viele Sitzungen. Wenn man merkt, es wird zu schwer für eine Patientin - sie folgt dem Finger nicht mehr oder verschwindet in ihrem Trauma -, dann versucht man, sie zurückzuholen und einen Gegenwartsbezug herzustellen. Im Idealfall schwächen sich die Symptome ab, mit denen die Patientinnen gekommen sind: Sie bewältigen den Alltag besser, können wieder schlafen und lernen, mit den alten traumatischen Erinnerungen und Gedanken umzugehen und eine neue, angemessenere Perspektive auf das Geschehen zu entwickeln.

Die Rolle der Augenbewegungen bei EMDR

Ein Spezifikum des Eye Movement Desensitization and Reprocessing (EMDR) besteht in den gelenkten, rhythmischen Augenbewegungen. Dass sie traumatisierten Patienten helfen, ihre Traumata zu überwinden, wurde mehrfach empirisch nachgewiesen. Trotzdem ist immer noch unklar, welche Wirkung die Augenbewegungen genau entfalten. Die beiden Psychologen Fiona Jeffries und Paul Davis von der University of Surrey (Großbritannien) haben verschiedene Studien ausgewertet, die sich mit der Wirkung von EMDR befasst haben. Sie kamen zum Ergebnis, dass die Augenbewegungen ein essenzieller Bestandteil der Therapie sind.

Die Augenbewegungen tragen möglicherweise zu einer bilateralen Stimulierung des Gehirns bei, sodass die beiden Gehirnhälften besser synchronisiert werden. Dies verbessert den Zugang zum episodischen Gedächtnis und zu traumatischen Erinnerungen. Darüber hinaus werden Bilder des Traumas im räumlich-visuellen Speicher abgeschwächt. Da die Augenbewegungen eine visuelle und räumliche Komponente enthalten, wird das Arbeitsgedächtnis stärker beansprucht und ist weniger auf die traumatischen Erinnerungen konzentriert.

Der Einfluss der Augenbewegungen auf verschiedene Gedächtnissysteme im Gehirn bewirkt, dass die Angst, die traumatische Erinnerungen hervorrufen, reduziert wird, dass der Zugang zu traumatischen Erinnerungen und ihre Verarbeitung erleichtert werden und dass Missempfindungen im Zusammenhang mit dem Trauma abgebaut werden.

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Visuelle Informationsverarbeitung im Gehirn

Die visuelle Informationsverarbeitung im Gehirn ist ein komplexer Prozess, der mit der Analyse von Lichtreizen auf der Retina beginnt und in höheren kortikalen Arealen zur Erkennung von Objekten und zur Steuerung von Handlungen führt.

Verarbeitung von visuellen Reizen

Visuelle Reize werden nicht einfach passiv empfangen, sondern lösen auch Verhaltensreaktionen aus. Um die genetische Grundlage dieser Verbindung zu erforschen, brauchte die Forschungsgruppe um Roska eine einfache und gut messbare Art von Reaktion. Gefunden wurde sie in einem Verhaltensmuster namens „horizontaler optokinetischer Reflex.“ Das erleben wir zum Beispiel, wenn wir aus dem Zugfenster schauen und die Landschaft rasch an uns vorbeiziehen lassen. Bei einem menschlichen genetischen Defekt namens „kongenitaler (angeborener) Nystagmus“ ist dieser Reflex gestört. Die Betroffenen können die horizontale Bewegung ihrer Augen nicht kontrollieren, die dann in keiner Richtung Informationen aufnehmen. Das Problem wurde mit Defekten an einem Gen namens FRMD7 in Verbindung gebracht.

Die Wissenschafter fanden heraus, dass das Protein FRMD7 speziell in sogenannten Starburst-Amakrinzellen gebildet wird, benannt nach ihrer sternförmig sich ausbreitenden Form. Sie verbinden die Netzhaut mit bestimmten Nervenzellen, den richtungssensitiven Ganglienzellen. Mithilfe präziser Untersuchungen zu Genetik und Funktion konnte die Laborgruppe zeigen, wie Mutationen von FRMD7 bei Mäusen die Struktur der Verbindungen zwischen diesen beiden Arten von Zellen stören können. Dies unterbricht den Reflex, der das Auge entlang der horizontalen Achse leitet, lässt jedoch die vertikale Aktivität und Informationsverarbeitung unangetastet. Wie Roska betont, zeigt dies unter anderem, dass bei der jeder Sinneswahrnehmung zugrundeliegenden Informationsverarbeitung und der Abwicklung von Verhaltensreaktionen spezialisierte Zelltypen ganz bestimmte Aufgaben übernehmen.

Die Retina und ihre Funktionen

Die Retina ist der Ausgangspunkt der visuellen Informationsverarbeitung. Hier befinden sich die Photorezeptoren (Stäbchen und Zapfen), die Licht in neuronale Signale umwandeln. Die Retina enthält etwa 1,5 Millionen Ganglienzellen, deren Axone den Sehnerv (Nervus opticus) bilden. Die Ganglienzellen sind für die Verarbeitung von Helligkeit, Farbe und Kontrast zuständig.

Es gibt verschiedene Arten von Ganglienzellen, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Einige Ganglienzellen sind besonders empfindlich für Helligkeitsunterschiede, andere für Farben. Wieder andere Ganglienzellen sind für die Detektion von Bewegungen zuständig. Die Informationen der Ganglienzellen werden über den Sehnerv zum Gehirn weitergeleitet.

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Der visuelle Kortex

Der visuelle Kortex ist der Teil des Gehirns, der für die Verarbeitung visueller Informationen zuständig ist. Er befindet sich im Okzipitallappen, dem hinteren Teil des Gehirns. Der visuelle Kortex ist in verschiedene Areale unterteilt, die jeweils unterschiedliche Aspekte der visuellen Information verarbeiten.

  • V1 (primärer visueller Kortex): V1 ist das erste Areal im visuellen Kortex, das Informationen von der Retina erhält. Hier werden grundlegende Merkmale wie Orientierung, räumliche Frequenz und Farbe verarbeitet. Im primären visuellen Cortex V1 sind viele Nervenzellen, so genannte komplexe Zellen, auf richtungsspezifische Reize spezialisiert. Und zwar auf ganz bestimmte: Nur wenn der Reiz ihrer bevorzugten Richtung entspricht - zum Beispiel von rechts oben nach links unten, feuern diese Nervenzellen in voller Stärke. Bei anders gerichteten Reizen reagieren sie nicht. Alle möglichen Richtungen von einem bis 360 Grad sind durch solche Neurone repräsentiert.

  • V2 (sekundärer visueller Kortex): V2 erhält Informationen von V1 und verarbeitet komplexere Merkmale wie Form und Textur.

  • V3, V4, V5: Diese Areale verarbeiten noch komplexere visuelle Informationen wie Bewegung, Farbe und Objektidentität.

Die Informationen werden von V1 über V2 zu den höheren Arealen V3, V4 und V5 weitergeleitet. In diesen Arealen werden die Informationen immer abstrakter und komplexer verarbeitet. Am Ende dieses Prozesses steht die Erkennung von Objekten und die Steuerung von Handlungen.

Die Rolle der Augenbewegungen

Die Augenbewegungen spielen eine wichtige Rolle bei der visuellen Informationsverarbeitung. Durch die Augenbewegungen können wir unseren Blick auf interessante Objekte richten und diese genauer betrachten. Außerdem helfen uns die Augenbewegungen, die Stabilität der visuellen Welt aufrechtzuerhalten.

Das visuelle System analysiert Bewegung auf zwei Arten: Man spricht von retinaler Bewegung, wenn dasselbe Objekt nacheinander benachbarte Rezeptoren auf der Netzhaut erregt. Beim Augenbewegungssystem bleibt das Objekt auf der Retina an der gleichen Stelle, während die Augen oder der ganze Kopf ihm folgen. In diesem Fall werden beide Bewegungen - die eigene und die des Objekts - gegeneinander verrechnet, wozu auch die Kommandos an die sechs Augenmuskeln mit einbezogen werden.

Es gibt verschiedene Arten von Augenbewegungen:

  • Sakkaden: Sakkaden sind schnelle, ruckartige Augenbewegungen, die dazu dienen, den Blick von einem Objekt zum anderen zu richten.
  • Folgebewegungen: Folgebewegungen sind langsame, gleichmäßige Augenbewegungen, die dazu dienen, ein bewegtes Objekt zu verfolgen.
  • Vergenzbewegungen: Vergenzbewegungen sind Augenbewegungen, die dazu dienen, die Augen auf ein Objekt in der Nähe oder Ferne zu richten.

Die Augenbewegungen werden von verschiedenen Arealen im Gehirn gesteuert, darunter der frontale Augenfeld (FEF), der superiore Colliculus (SC) und der parietale Kortex.

Bewegungswahrnehmung

Evolutionär betrachtet ist das Bewegungssehen eine unserer wichtigsten Fähigkeiten - die Menschen hätten sich kaum so erfolgreich auf der Erde verbreitet, wenn sie bewegte Objekte nicht wahrnehmen könnten. Prof. Dr.

Bewegung wird vom visuellen System auf zwei Arten analysiert: Bei retinaler Bewegung reizt das Objekt nacheinander benachbarte Rezeptoren der Retina, bei der Augenbewegung bleibt das Objekt an derselben Stelle der Retina, weil sich der Kopf des Betrachtenden mitbewegt. Die Verarbeitung erfolgt über die so genannte Wo-Bahn der visuellen Wahrnehmung, konkret geht es über den seitlichen Kniehöcker (CGL) und über die Areale V1 und V2 zum posterioren Parietalkortex. Im primären visuellen Cortex V1 sind viele Nervenzellen auf richtungsspezifische Reize spezialisiert, in anderen Bereichen der Wo-Bahn gibt es auch geschwindigkeitssensitive Nervenzellen. Viele räumliche Informationen werden auch erlernt, etwa dass nähere Gegenstände größer erscheinen als solche, die weiter weg sind.

Von der Retina gelangen die Impulse zum Corpus geniculatum laterale, wo sie die magnozelluläre Verarbeitungsbahn über die Areale V1 und V2 zum posterioren Parietalkortex weiterleitet. Die Weiterverarbeitung entlang der Wo-​Bahn erfolgt nun in MT und MST, wo richtungs- und geschwindigkeitssensitive Zellen die Mehrheit bilden. Im MT liegt ihre Zahl bei fast 100 Prozent. Neurone, die die gleiche Bewegungsrichtung bevorzugen, bilden hier Säulen. Sie reagieren stark auf kohärente und fließende Bewegung der Umgebung, wie zum Beispiel in einem schnellen Auto oder im Flugzeug. Das bedeutet auch: Wird die MT-​Region zerstört, verlieren die Betroffenen die Fähigkeit, Bewegungsrichtungen zu unterscheiden und bewegten Reizen kontinuierlich mit den Augen zu folgen. Der Neurobiologe Semir Zeki vom University College London beschrieb dazu den Fall der Patientin L.M., die „Schwierigkeiten hatte, sich eine Tasse Tee oder Kaffee einzugießen, weil die Flüssigkeit ihr wie gefroren erschien“. Diese Bewegungsblindheit, diese Akinetopsie, wie Zeki sie bezeichnete, machte es L.M. auch unmöglich, über eine Straße zu gehen: „Wenn ich das Auto erstmals anschaue, scheint es weit weg.

Um die komplexen Eindrücke, die das Auge liefert, richtig zu interpretieren, benötigt das Gehirn häufig auch den Input anderer sensorischer Systeme wie Hör- und Tastsinn. Schließlich ist es nicht immer ganz leicht zu entscheiden, ob sich ein Ding in der Umgebung oder der Mensch selbst bewegt. So verrechnet das Gehirn beispielsweise von vornherein die Augenbewegungen und die Bewegungsreize aus der Retina miteinander, um ein richtiges Wahrnehmungsergebnis zu erhalten. Dies nennt man das Reafferenzprinzip. Darüber hinaus spielen auch Erfahrung und Lernen eine Rolle: Wir wissen, dass wir uns offenbar selbst bewegen, wenn wir „wandernde“ Gebäude oder Bäume wahrnehmen, da diese sich normalerweise niemals vom Fleck rühren. Bei einem Zug ist die Zuordnung nicht so klar, weshalb oft eine Scheinbewegung empfunden wird, wenn die Waggons auf dem Nachbargleis losfahren. Das geschieht sehr langsam. Zu langsam für die Bewegungssensoren im Innenohr, und so muss sich das Gehirn allein auf visuelle Reize verlassen. Dabei entsteht oft das Gefühl, es wäre unser Zug, der abfährt.

Die Informationen zu Bewegung und Geschwindigkeit nutzt das Gehirn auch für die räumliche Wahrnehmung. Ein Beispiel dafür ist die so genannte Bewegungsparallaxe: Aus dem Seitenfenster eines fahrenden Zuges betrachtet bewegen sich Gegenstände in der Nähe viel schneller als solche, die weiter weg sind. Zum Horizont hin geht die wahrgenommene Bewegung gegen Null.

Die Konzentration auf bewegte Gegenstände kann aber auch zu unerwünschten Effekten führen: Wer lange auf einen Wasserfall oder Fluss blickt und danach auf ein anderes Objekt, dem scheint sich dieses in die entgegen gesetzte Richtung zu bewegen und dabei zu verflüssigen. Die Wasserfalltäuschung ist - analog zu Nachbildern - offenbar auf Ermüdung der Rezeptoren zurückzuführen, welche auf die Bewegungsrichtung des Wassers reagieren. Die Aktivität der entsprechenden Neurone fällt dann kurzfristig unter das Niveau, mit dem sie auch ungereizt feuern. Die benachbarten, für die Gegenrichtung spezialisierten Zellen bleiben unterdessen weiter bei ihrer Spontanaktivität, welche dann kurzfristig die Feuerrate der eigentlich zuständigen Zellen übersteigt. Dadurch entsteht der Eindruck einer gegenläufigen Bewegung. Der Effekt der Wasserfalltäuschung wurde bereits vor über 2300 Jahren von Aristoteles beschrieben.

Gedächtnis und Augenbewegungen

Studien, die das episodische Gedächtnis des Menschen untersuchen, haben zwei starke Prädiktoren für die Gedächtnisleistung identifiziert. Einer dieser Prädiktoren sind neuronale Oszillationen: Später erinnertes Material weißt im Vergleich zu später vergessenem Material während des Lernens eine Reduktion der niederfrequenten neuronalen Gehirnaktivität auf (z.B. im Alpha-/Beta-Bereich, etwa 10 - 20 Hz). Dieser Zusammenhang ist in der Literatur als Alpha/Beta Subsequent Memory Effekt (SME) bekannt. Ein weiterer Prädiktor ist die Frequenz der Augenbewegungen während des Lernens von visuellem Material: Eine höhere Anzahl von Augenbewegungen korreliert mit einer besseren Gedächtnisleistung.

Aktuelle Studien haben jedoch gezeigt, dass Augenbewegungen eng mit der Modulation niederfrequenter neuronaler Oszillationen verbunden sind. Dies wirft die Frage auf, ob und wie die beiden Gedächtniskorrelate während des Lernens kovariieren und gemeinsam die episodische Gedächtnisbildung beeinflussen.

Augenbewegungen als Indikator für Erinnerungen

Selbst wenn Sie nun ratlos die Achseln zucken, könnte es sein, dass Ihr Blick länger auf der richtigen Antwort ruht - falls Sie sich unbewusst doch daran erinnern. Diesen Effekt belegten die Psychologen Deborah Hannula und Charan Ranganath von der University of California in Davis.

Die Forscher zeigten ihren Studienteilnehmern zunächst Fotos von 54 verschiedenen Schauplätzen. Nach jeweils einer Sekunde erschien darauf ein bestimmtes Gesicht. Die Probanden sollten sich einprägen, welches Antlitz zum jeweiligen Hintergrund gehört. In der folgenden Testphase sahen die Probanden dann vor jedem Foto drei verschiedene Gesichter und sollten das richtige auswählen. Währenddessen registrierten die Wissenschaftler die Hirnaktivität der Testpersonen per funktioneller Kernspintomografie und zeichneten zusätzlich die Augenbewegungen auf.

Resultat: Selbst wenn die Probanden angaben, sich nicht an das korrekte Konterfei erinnern zu können oder gar das falsche auswählten, verbrachten sie oft mehr Zeit damit, das richtige Gesicht anzuschauen. Der Scanner offenbarte, dass sich in solchen Fällen schon beim Anblick des Hintergrundbildes der Hippocampus regte - eine Hirnregion, die am bewussten Erinnern beteiligt ist. Das Feuern des Hippocampus bewirke offenbar, dass die Erinnerung zumindest unterschwellig abgerufen werde, selbst wenn die Information zunächst nicht bewusst erreichbar sei, so die Wissenschaftler. Wenn die Testpersonen richtig antworteten, war zudem der präfrontale Kortex, der beim Entscheiden in Aktion tritt, besonders aktiv. Bewusstes Erinnern setze also offenbar voraus, dass Hippocampus und präfrontaler Kortex miteinandner Informationen austauschen.

Augenpositionen und Gedächtnis

Bewegen sich die Augen nach links oben, erinnern wir uns in dieser Augenposition an Bilder. Wenn Sie sich an ein schönes Erlebnis erinnern und Sie sind eher ein visueller Typ, dann werden Sie sich an Bilder zu diesem Ereignis erinnern, z.B. an einen schönen Strand, an einen tollen Sonnenuntergang oder an einen Bergsee. Es entstehen also Bilder, vor Ihrem inneren Auge. Wenn Sie sich etwas vorstellen möchten, wie vielleicht etwas sein wird, z.B. wie es an dem gebuchten Urlaubsort aussehen wird, wie Sie dort vielleicht am Strand entlanglaufen oder wie Sie auf einer Berghütte sitzen werden, dann schauen die Augen nach rechts oben, die linke Gehirnhälfte wird aktiviert. Erinnern Sie sich an ein Geräusch, an Wörter, an eine Geschichte, an Töne, dann schauen die Augen waagerecht zur linken Seite und Sie bekommen einen Zugang zu Ihrem auditiven Kanal. Schauen die Augen nun nach unten, dann bekommen Sie einen Zugang zu Ihren Gefühlen.

Das räumliche Gedächtnis und Augenbewegungen

Das räumliche Gedächtnis und die Hirnregion zur Steuerung der Augenbewegungen sind eng aneinander gekoppelt. Das haben Wissenschaftler aus den Niederlanden in einer Studie gezeigt. Bilder in der Erinnerung beeinflussten die Augenbewegungen von Probanden dabei genauso, als wenn sie diese direkt sahen.

Die räumliche Orientierung eines Menschen ist eng mit den Bewegungen der Augen verbunden: Verändert sich das vor einem Betrachter liegende räumliche Bild auch nur geringfügig, lenkt dieser sofort seinen Blick auf den Ort der Veränderung. Dieser Mechanismus funktioniert auch, wenn sich das räumliche Bild nur im so genannten Arbeitsgedächtnis befindet, fanden die holländischen Forscher heraus. Dieser Arbeitsspeicher des Gehirns enthält das jeweils aktuell benötigte Wissen - darunter die Informationen zur räumlichen Orientierung.

Die Wissenschaftler setzten für ihre Experimente acht Freiwillige vor einen Bildschirm, auf dem an wechselnden Orten ein kleiner Punkt erschien, dessen Position sie sich merken sollten. Anschließend blendeten sie den Punkt wieder aus und zeigten nach einer kleinen Pause für drei hundertstel Sekunden einen entweder nach oben oder nach unten weisenden Bogen. Welchen Weg der Blick der Probanden dabei nahm, hing davon ab, wo auf dem Bildschirm der Punkt zuvor zu sehen war. Daraus schließen die Forscher, dass das noch im Arbeitsgedächtnis befindliche Bild die Augenbewegungen direkt beeinflusste.

Lernstrategien und Augenbewegungen

Aufgrund dieses Wissens der Augenbewegungen, lassen sich auch verschiedene Lernstrategien entwickeln, z.B. Dazu ist es sinnvoll, Lernwörter auf eine Karte zu schreiben und das Kind schaut das Wort in der Augenposition an, in der es sich am besten an Bilder erinnern kann. Lassen Sie Ihr Kind an frühere Ereignisse denken und stellen Sie Fragen dazu. Beobachten Sie die Augen, wenn es die Erinnerungen abruft. Halten Sie die Karte mit dem Wort innerhalb des Gesichtsfeldes Ihres Kindes und zwar, dass das Kind nach oben links schauen muss. Das ist der Bereich für erinnerte Bilder. Ihr Kind soll sich das Wort anschauen, wie es aussieht. Nehmen Sie anschließend die Karte weg, Ihr Kind soll weiterhin in die gleiche Richtung schauen und sich das Bild von dem Wort innerlich vorstellen und sich ein Bild machen. Ist ihr Kind noch unsicher, zeigen Sie ihm noch einmal die Karte mit dem Wort und zwar solange, bis es ein klares inneres Bild hat. Lassen Sie das Wort auch buchstabieren, von vorne und auch von hinten. Ihr Kind soll anschließend das Wort, das es geschrieben hat, mit dem Bild, das entsteht, wenn es nach links oben schaut, vergleichen. Eine tolle Möglichkeit sich Wörter und Buchstaben im Gehirn einzuprägen, um in der Rechtschreibung besser zu werden. Probieren Sie es aus.

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