Einführung
Die Medizin des Mittelalters ist ein faszinierendes Feld, das von antiken Theorien und Praktiken geprägt ist. Ein zentrales Konzept war die Humoralpathologie, die auf der Vorstellung von vier Körpersäften basierte: Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle. Diese Säfte wurden mit bestimmten Eigenschaften wie warm, kalt, trocken und feucht in Verbindung gebracht und sollten im Gleichgewicht sein, um Gesundheit zu gewährleisten. Das Gehirn wurde dabei dem Element Wasser zugeordnet und galt als kalt und feucht. Dieser Artikel beleuchtet die mittelalterliche Medizin unter besonderer Berücksichtigung der Rolle des Gehirns und der vorherrschenden Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit.
Die Wurzeln der mittelalterlichen Medizin in der Antike
Die mittelalterliche Medizin schöpfte maßgeblich aus dem Erbe der griechischen und römischen Kultur. Die Lehren von Hippokrates (* um 460 v. Chr. in Kos, † um 370 v. Chr. in Larissa) und Galen (129 - ca. 210 n. Chr.) waren von zentraler Bedeutung. Hippokrates gilt als Begründer der westlichen Medizintradition und postulierte die Säftelehre, die Galen weiterentwickelte. Galen, der als bedeutendster Mediziner des Römischen Altertums gilt, fasste das medizinische Wissen seiner Zeit in einem logisch durchdachten System zusammen, das bis ins 18. Jahrhundert hinein maßgeblich blieb.
Hippokrates und das Corpus Hippocraticum
Hippokrates vollzog den Schritt von einer "learning-by-doing"-Medizin zu einer schreibenden Wissenschaft. Das Corpus Hippocraticum, eine Sammlung von Schriften verschiedenster Art, die zwischen ca. 400 v. Chr. und 100 n. Chr. verfasst wurden, ist ein wichtiges Zeugnis dafür. Darin wird die Krankheit als ein aus natürlichen Ursachen entstandener und rational erklärbarer Prozess betrachtet, dem der Arzt mit natürlichen Mitteln begegnen kann. Die Therapie basiert auf der Annahme, dass die Natur selbst über eine starke Heilkraft verfügt und zur Selbstheilung tendiert.
Galen und die Säfte- und Qualitätenlehre
Galen gab der bereits im Corpus Hippocraticum formulierten Säftelehre die Form, auf der die Medizin bis in die Neuzeit hinein basierte. Der Organismus setzt sich aus festen und flüssigen Bestandteilen zusammen. Letztere bestehen aus den vier Säften Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. Ihnen sind jeweils ein Hauptorgan (Herz, Gehirn, Leber, Milz) und zwei Qualitäten zugeordnet: Blut ist warm und feucht, Schleim kalt und feucht, gelbe Galle warm und trocken und schwarze Galle kalt und trocken. Die Qualitäten sind die eigentlich wirkenden Kräfte, während die Säfte mehr als Vermittler dienen. Die Wirkungen der Qualitäten und Säfte sind aber nicht allein auf den Körper beschränkt. So korrespondieren die vier Qualitätenpaare (warm-feucht, warm-trocken, kalt-feucht, kalt-trocken) mit den vier Elementen Luft (warm-feucht), Feuer (warm-trocken), Wasser (kalt-feucht) und Erde (kalt-trocken), ebenso die Säfte, die außerdem noch mit den Tages- und Jahreszeiten, den Lebensaltern und den Himmelsrichtungen verbunden sind. Da von Natur aus in jedem Menschen ein Saft im Übergewicht vorhanden ist, bestimmt dieser dessen Temperament. Der Mensch ist gesund, wenn sich die Qualitäten und Säfte in einer ausgewogenen Mischung befinden. Ändert sich die Funktion der einzelnen Körperbestandteile durch eine Wandlung ihrer Beschaffenheit, wird man krank. Überwiegt eine Qualität, erkrankt das "Gewebe". Galen versteht darunter z. B. Knochen, Sehnen, Muskeln und Nerven. Auch die Organe können erkranken, indem sie z. B. ihre Lage oder Größe verändern. Eine weitere Kategorie bilden die Krankheiten der Säfte, meist eine gestörte Mischung durch das deutliche Übergewicht eines Saftes.
Die Rolle des Gehirns in der mittelalterlichen Medizin
Das Gehirn wurde in der mittelalterlichen Medizin als der Sitz des Schleims betrachtet und mit den Eigenschaften kalt und feucht assoziiert. Es galt als eines der vier Kardinalorgane und spielte eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts der Körpersäfte. Störungen im Gehirn wurden mit einer Vielzahl von Krankheiten in Verbindung gebracht, darunter psychische Erkrankungen, Kopfschmerzen und neurologische Störungen.
Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben
Gehirn und Temperament
Die mittelalterliche Medizin ging davon aus, dass das vorherrschende Temperament eines Menschen durch den dominanten Körpersaft bestimmt wird. Menschen mit einem Überschuss an Schleim galten als Phlegmatiker, die als ruhig, gelassen und wenig emotional beschrieben wurden. Ein Ungleichgewicht der Säfte im Gehirn konnte demnach zu Veränderungen des Temperaments und der Persönlichkeit führen.
Behandlung von Gehirnerkrankungen
Die Behandlung von Gehirnerkrankungen im Mittelalter basierte auf der Wiederherstellung des Gleichgewichts der Körpersäfte. Dies konnte durch eine Vielzahl von Maßnahmen erreicht werden, darunter:
- Diätetik: Die Lehre von der richtigen Lebensführung und Ernährung spielte eine große Rolle. Es galt, in allem Maß zu halten und die Ernährung an Alter, Geschlecht, "Temperament" und Lebensführung anzupassen.
- Phlebotomie (Aderlass): Durch das Ableiten von Blut sollte der Überschuss eines bestimmten Saftes reduziert werden.
- Medikamente: Es wurden Medikamente verabreicht, die die entgegengesetzten Eigenschaften zu dem überschüssigen Saft besaßen. Bei einem Überschuss an Schleim im Gehirn wurden beispielsweise warme und trockene Mittel eingesetzt.
- Bäder: Bäder mit bestimmten Zusätzen sollten ebenfalls dazu beitragen, das Gleichgewicht der Säfte wiederherzustellen.
Medizinische Praktiken und Heilkundige im Mittelalter
Die medizinische Landschaft des Mittelalters war vielfältig und umfasste verschiedene Arten von Heilkundigen.
- Gelehrte Ärzte: Diese Ärzte waren an Klöstern und Universitäten ausgebildet und stützten sich auf die antiken Schriften von Hippokrates, Dioskurides und Galen.
- Volksheilkundige: Auf dem Land praktizierten sogenannte "weise Frauen" und Mönche eine auf empirischem und kräuterkundlichem Wissen basierende Heilkunde, die oft mit magischen und religiösen Vorstellungen verquickt war.
- Barbiere, Bader, Starstecher und Steinschneider: Diese Heilkundigen waren eher dazwischen anzusiedeln und übten handwerkliche Tätigkeiten im medizinischen Bereich aus.
Die Rolle der Klöster
Die Klöster spielten eine wichtige Rolle bei der Bewahrung und Weitergabe medizinischen Wissens. Sie waren Aufbewahrungsorte der antiken Fachliteratur und betrieben oft eigene Heilpflanzengärten.
Laienmedizin
Neben der "offiziellen" Medizin gab es auch eine weit verbreitete Laienmedizin, die auf traditionellem Wissen und Erfahrung beruhte. Viele Menschen griffen im Rahmen von Selbstbehandlung zunächst auf das eigene, auch durch praktische Tradierung angeeignete medizinische Wissen sowie auf die Kenntnisse von Freunden und Bekannten zurück.
Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.
Herausforderungen und Wandel in der mittelalterlichen Medizin
Die Medizin des Mittelalters war nicht ohne Herausforderungen. Seuchen wie die Pest und der "Englische Schweiß" stellten die Gesellschaft vor große Probleme. Die Miasmentheorie, die besagte, dass üble Gerüche die Säfte verstörten und ein Ungleichgewicht hervorriefen, war weit verbreitet. Dennoch gab es auch alternative Theorien, die beispielsweise die Übertragung von Krankheiten durch Kontakt vorschlugen.
Die Wiederentdeckung der griechischen Schriften Galens
Eines der bedeutendsten Ereignisse für die Medizin des 16. Jahrhunderts war die Wiederentdeckung der griechischen Schriften Galens. Im frühen Mittelalter war Galen in Westeuropa nahezu unbekannt gewesen; das in seinen Schriften vermittelte medizinische Wissen war wie viele andere Bereiche des antiken Wissens mit dem Untergang des weströmischen Reiches verloren gegangen und nur im byzantinischen Reich sowie der arabischen Welt erhalten und weiterentwickelt worden. Es waren die Ärzte der italienischen Stadt Salerno und der nordafrikanische Mönch Constantinus Africanus, der Kontakte nach Salerno hatte, die die Werke des antiken Mediziners in Europa bekannt machen.
Kritik und neue Ideen
Mit Paracelsus kamen zunehmend auch neue Ideen in die Medizin Eingang. Er kritisierte die traditionelle Humoralpathologie und entwickelte eigene Theorien, die auf der Alchemie und der Naturphilosophie basierten.
Das Ende der mittelalterlichen Medizin
Die Humoralpathologie hatte als Krankheitskonzept Bestand bis ins 19. Jahrhundert. Erst mit dem Aufkommen der modernen Medizin und der Entdeckung von Bakterien und Viren wurde sie allmählich durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse abgelöst.
Lesen Sie auch: Tinnitus und Gehirnaktivität: Ein detaillierter Einblick
tags: #gehirn #kalt #und #feucht #mittelalter