Gehirnmerkmale von Soziopathen: Studien und Erkenntnisse

Einführung

Das Verständnis der neurobiologischen Grundlagen von Soziopathie und Psychopathie ist ein komplexes und vielschichtiges Feld. Es ist wichtig zu betonen, dass Gewalt, Mord und Totschlag nicht allein durch neurobiologische Faktoren erklärt werden können. Geisteswissenschaften, Philosophie, Sozialwissenschaften und Psychologie spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle. Hirnforschung und Kriminologie müssen sich gegenseitig ergänzen, um ein umfassendes Bild zu erhalten. Ebenso ist es ein Irrtum zu glauben, dass Gewalt, Schuld und Reue ausschließlich vom Gehirn determiniert werden und die Willensfreiheit eine Illusion ist.

Neurobiologische Ursachenforschung zu Gewalt kann jedoch wichtige Beiträge leisten, indem sie zusätzliche Determinanten zu den bekannten sozialen und genetischen Faktoren hinzufügt. Es ist wichtig zu beachten, dass wissenschaftliche Daten in der Regel nur nach, selten oder nie während der Tat verfügbar sind.

Das Milgram-Experiment und seine Implikationen

Das Milgram-Experiment, bei dem Versuchspersonen vermeintlich schmerzhafte Elektroschocks an andere Personen verabreichen, wirft grundlegende Fragen über Gehorsam, Autorität und Gewaltbereitschaft auf. Die Ergebnisse zeigen, dass ein erheblicher Teil der Versuchspersonen bereit war, tödliche Elektroschocks zu verabreichen, wenn sie von einer Autoritätsperson dazu aufgefordert wurden.

Interessanterweise fand das Milgram-Experiment keine signifikanten Unterschiede zwischen Männern und Frauen in Bezug auf die Bereitschaft, Elektroschocks zu verabreichen. Beide Geschlechter töteten gleichermaßen aus Motiven wie Unterwürfigkeit, Autoritätsglaube und Gehorsam. Dies stellt die Vorstellung in Frage, dass Gewalt primär ein männliches Phänomen ist, das durch hohe Androgenspiegel verursacht wird.

Neurobiologische Untersuchungen der Versuchspersonen zeigten deutliche Unterschiede in der Hirnaktivität zwischen denjenigen, die Schuldgefühle und Gewissensbisse empfanden, und denjenigen, die lediglich der Aufforderung des Versuchsleiters folgten. Schuld und Reue aktivierten eine Hirnregion im sogenannten medialen Präfrontalkortex (mPFC). Bei psychopathischen Gewalttätern ist diese Region oft nicht aktiviert oder geschädigt.

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Psychopathie: Ein Überblick

Der Begriff "Psychopathie" ist mit Vorsicht zu genießen, da er früher als Sammelbegriff für verschiedene Verhaltensstörungen verwendet wurde. In den Verhaltens- und Neurowissenschaften bezieht er sich jedoch auf ein relativ eindeutiges Profil von Verhaltensweisen und Hirnreaktionen, in dessen Zentrum das Fehlen emotionaler, antizipatorischer Angst steht.

Psychopathen zeigen keinerlei emotionale Angst vor den negativen Konsequenzen ihres Handelns, obwohl sie kognitiv die Folgen für sich selbst und ihre Opfer verstehen. Sie lernen schlecht aus negativen emotionalen Erfahrungen, sind draufgängerisch, werden oft als kaltblütig wahrgenommen und ertragen Langeweile schlecht.

Es ist wichtig zu beachten, dass Psychopathen nicht zwangsläufig zu Verbrechern werden. Ob jemand mit psychopathischen Zügen zum Verbrecher oder zur erfolgreichen Führungskraft wird, hängt von Faktoren wie Elternhaus, frühen Erfahrungen, Intelligenz, ökonomischer Ausstattung, Schulbildung und der Fähigkeit ab, das autonome System zu aktivieren.

Neurobiologische Merkmale von Psychopathen

Studien haben gezeigt, dass das Gehirn von Psychopathen einige Besonderheiten aufweist. So fanden Hirnforscher eine Reduktion der grauen Substanz in einigen Arealen des limbischen und paralimbischen Systems, wie dem bilateralen Parahippocampus, der Amygdala und dem orbitofrontalen Kortex. Diese Gebiete spielen eine Rolle bei Empathie, sozialer Verantwortung und Gewissen, Fähigkeiten, die Psychopathen fehlen.

Weitere Studien haben gezeigt, dass Psychopathen im Vergleich zu anderen Gewaltverbrechern weniger graue Substanz im präfrontalen Kortex und in den Schläfenlappen aufweisen. Diese Areale sind an der Einschätzung von Ängsten anderer, dem Empfinden von Mitleid, Schuld- und Schamgefühlen beteiligt.

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Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass es kein einzelnes "Zentrum für Psychopathie" im Gehirn gibt. Vielmehr gehen Fachleute von einem Netzwerk aus verschiedenen Strukturen aus, das bei bestimmten Persönlichkeitsprofilen verändert ist.

Die Rolle von Lernen und Neuroplastizität

Obwohl Psychopathie als lebenslang stabil gilt und einen beträchtlichen genetischen Anteil hat, ist es wichtig, die Neuroplastizität des Gehirns zu berücksichtigen. Die Hirnregionen, die für die Steuerung der Angsterwartung und Angstantizipation verantwortlich sind, gehören zu den am besten untersuchten und besonders neuroplastischen Hirnregionen, die eng mit Lern- und Gedächtnisprozessen verbunden sind.

Die Amygdala und der Hippokampus sind wichtige "Lernmaschinen" unseres Gehirns. Die vordere Inselregion und ihre Verbindungen müssen bei jedem neuen negativen Gefühlszustand aktiv sein, um Angst bewusst zu empfinden. Die Wahrnehmung körperlicher Veränderungen ist durch Lernen modifizierbar und steuert auch ohne Mitwirkung des Bewusstseins unbewusst unser emotionales Verhalten.

Die Wirksamkeit von Lern-, Trainings- und Rehabilitationsmaßnahmen im Strafvollzug deutet darauf hin, dass psychopathisches Verhalten und Gewalt beeinflusst werden können, wenn die Hirnaktivitäten im Furchtsystem in sozialen Situationen verändert werden, die angepasste Sozialisation und Vermeidungsverhalten steuern.

Therapieansätze und Prävention

Bisherige Versuche, Psychopathie durch Psychopharmaka, Hirnstimulation oder klassische Psychotherapie zu behandeln, waren weitgehend erfolglos. Präventionsstudien haben jedoch gezeigt, dass die frühzeitige Auswahl von Risikogruppen mit niedriger Hautleitfähigkeit und Herzrate sowie intensiver sozialer Betreuung und Omega-3-reicher Ernährung die Kriminalitätsrate und die Wahrscheinlichkeit schwerer geistiger Erkrankungen dramatisch reduzieren kann.

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In therapeutischen Untersuchungen trainierten Schwerstverbrecher in Hochsicherheitsgefängnissen jene Hirnregionen, welche für Selbstregulation, Aggressionssteuerung und Angstentstehung verantwortlich sind, zu verstärken und/oder jene Regionen, die instrumentelle Aggression vermitteln, zu unterdrücken. Dies geschah mithilfe von Neurofeedback der Hirndurchblutung und Neurofeedback sogenannter frontaler langsamer Hirnpotentiale.

Soziopathie: Eine verwandte, aber unterschiedliche Störung

Soziopathie wird dem Krankheitsbild der dissozialen oder antisozialen Persönlichkeitsstörungen zugeordnet. Betroffene haben wenig Einfühlungsvermögen, missachten soziale Regeln und Verpflichtungen, sind nicht dazu in der Lage, längerfristige Beziehungen einzugehen und aufrechtzuerhalten, sind reizbar, werden schnell aggressiv, neigen zu Gewalt, haben kaum Schuldbewusstsein und lernen nicht aus Bestrafung.

Im Gegensatz zu Psychopathen sind Soziopathen jedoch zu Gefühlen fähig, aber nicht dazu in der Lage, diese zu kontrollieren. Sie sind oft impulsiver und weniger berechnend als Psychopathen.

Umgang mit soziopathischen Menschen

Der beste Umgang mit einem soziopathischen Menschen ist, ihm vollkommen aus dem Weg zu gehen. Wenn dies nicht möglich ist, ist es wichtig, sich nicht die gewünschten Gefühle liefern zu lassen und sich Zorn, Angst und Verwirrung nicht anmerken zu lassen. Denn das gießt Öl ins Feuer, während ein soziopathischer Mensch bei ausbleibenden Reaktionen rasch das Interesse verlieren kann.

In Sorgerechtsstreitigkeiten mit einem soziopathischen Elternteil ist es wichtig, sich klarzumachen, dass es in den seltensten Fällen wirklich um die Kinder geht, sondern um den Partner oder die Partnerin. Durch zur Schau gestelltes Desinteresse kann man dem ein Ende setzen.

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