Einführung
Vom Moment unserer Geburt an wird unser Gehirn mit einer enormen Menge an Informationen über uns selbst und unsere Umwelt bombardiert. Wie schaffen wir es, all das, was wir gelernt und erlebt haben, zu behalten? Die Antwort liegt nicht nur in unserer Fähigkeit, uns zu erinnern, sondern auch in unserer Fähigkeit zu vergessen. Das Vergessen ist keine Fehlfunktion, sondern eine wesentliche Funktion des Gehirns, die es uns ermöglicht, uns an veränderte Bedingungen anzupassen, wichtige Informationen zu speichern und Unwichtiges zu löschen.
Die Bedeutung von Erinnerung und Vergessen
Erinnerungen sind wichtig - sowohl für das Individuum als auch für unsere Gesellschaft. Vor allem in Deutschland wird der Erinnerungskultur ein hoher Stellenwert zugeschrieben. Erinnerungen prägen den Menschen, deshalb ist die Persönlichkeit eines Menschen immer individuell - selbst wenn das Gedächtnis zum Beispiel aufgrund einer Demenzerkrankung nachlässt. Bestimmte Informationen sind trotzdem gespeichert. Auch wenn man sich nicht mehr an seinen Namen erinnern kann, bleiben Erinnerungen vorhanden, die unbewusst abrufbar sind.
Allerdings ist die Fähigkeit zu vergessen ebenso wichtig. Ohne die Fähigkeit zu vergessen, wären wir nicht mehr handlungsfähig. Das Vergessen ermöglicht es uns, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren und uns nicht von irrelevanten Informationen überwältigen zu lassen.
Die verschiedenen Arten von Gedächtnis
Menschen können verschiedene Arten von Erinnerungen unterschiedlich lange behalten. Zudem nutzen Männer und Frauen unterschiedliche Hirnareale, um sich zu erinnern. Um zu verstehen, wie wir uns an Dinge erinnern, ist es enorm hilfreich sich anzusehen, wie wir Dinge vergessen.
Es gibt verschiedene Arten von Gedächtnis, die Informationen unterschiedlich lange speichern:
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- Ultrakurzzeitgedächtnis: Behält Wahrnehmungen nur für etwa zwei Sekunden. Diese Informationen werden dann verworfen oder gelangen ins Kurzzeitgedächtnis.
- Kurzzeitgedächtnis (Arbeitsgedächtnis): Speichert Informationen für bis zu 20 Minuten, während sie verarbeitet werden. Danach werden sie gelöscht, um Platz für Neues zu schaffen.
- Langzeitgedächtnis: Hier werden Informationen langfristig gespeichert. Es gibt verschiedene Arten von Langzeitgedächtnis:
- Deklaratives Gedächtnis: Beinhaltet bewusste Erinnerungen an Fakten und Ereignisse.
- Prozedurales Gedächtnis: Speichert unbewusste Erinnerungen an automatisierte Handlungsabläufe, wie z.B. Fahrradfahren.
- Perzeptuelles Gedächtnis: Hilft uns, Personen wiederzuerkennen, die wir lange nicht mehr gesehen haben.
- Semantisches Gedächtnis: Speichert alle Informationen, die wir im Laufe unseres Lebens erworben haben, wie z.B. Fremdsprachen und Wissensinhalte.
- Episodisches Gedächtnis: Bewahrt unsere autobiographischen Erlebnisse, sowohl gute als auch schlechte.
Wie das Gehirn vergisst
Göttinger Forscher haben aufgedeckt, wie ein Protein im Gehirn Synapsen schwächt, um das Vergessen von Erinnerungen zu fördern. Die Ergebnisse der Studie veröffentlichten sie in einer Fachzeitschrift. Göttingen. Erlebnisse aus der Erinnerung löschen: Für Forscher ist dies eher eine Fähigkeit des menschlichen Gehirns denn eine Fehlfunktion. Ein Team aus Göttingen hat nun entdeckt, wie das Gehirn vergisst. Die Forscher des European Neuroscience Institute Göttingen (ENI-G) unter der Leitung von Dr. Camin Dean haben ein molekulares Detail gefunden, welches das Vergessen fördert. "Das Calcium-Sensor-Protein Synaptotagmin-3 (Syt3) bindet Neurotransmitter-Rezeptoren und entfernt sie aktiv aus post-synaptischen Membranen", erklären die Forscher. Durch diesen Vorgang werden Verbindungen im Gehirn geschwächt und das Vergessen wird gefördert. Dem Gehirn ermöglicht dies, sich veränderten Bedingungen anzupassen. Außerdem können wichtige Informationen abgespeichert und Unwichtiges so gelöscht werden.
„Unsere Forschung ist eng mit der Erforschung krankhafter Prozesse bei neuropsychiatrischen und neurodegenerativen Störungen verbunden“, sagt Dean. „Die Alzheimer-Krankheit beispielsweise ist durch anomales Entfernen von Neurotransmitter-Rezeptoren aus der Zellmembran gekennzeichnet.“ Eine besondere Rolle spielt das Vergessen auch bei Autismus und Posttraumatischer Belastungsstörung. Obwohl die Fähigkeit zur Erinnerung oft als der wichtigste Aspekt des Gedächtnisses angesehen werde, könnten Schwächen beim Vergessen schwerwiegende Folgen haben. „Die gezielte Steuerung von Protein Syt3 könnte ein nützliches Werkzeug zur Behandlung solcher Störungen sein“, sagt Dean, „und speziell dazu beitragen, das abnormal starke und dauerhafte emotionale Gedächtnis im Zusammenhang mit früheren Traumata zu beseitigen.“
Amnesie: Wenn das Gedächtnis versagt
Um zu verstehen, wie wir uns an Dinge erinnern, ist es enorm hilfreich sich anzusehen, wie wir Dinge vergessen. Aus diesem Grund erforschen Neurowissenschaftler Amnesie - den Verlust von Erinnerungen oder der Fähigkeit, Neues zu lernen. Es gibt zwei Hauptformen der Amnesie:
- Retrograde Amnesie: Betroffene können sich nicht mehr an Ereignisse erinnern, die vor dem Trauma stattfanden.
- Anterograde Amnesie: Betroffene können keine neuen Erinnerungen mehr bilden.
Die berühmteste Fallstudie zur anterograden Amnesie betraf Henry Molaison, der sich 1953 aufgrund schwerer epileptischer Anfälle einen Teil seines Gehirns entfernen ließ. Obwohl sich Molaison danach an vorherige Ereignisse erinnern konnte, konnte er keine neuen Erinnerungen mehr in seinem deklarativen Langzeitgedächtnis speichern. Indem Forscher Menschen wie Molaison und Tiere mit unterschiedlichen Arten von Hirnschäden untersuchen, können sie nachvollziehen, wie verschiedene Arten von Erinnerungen im Gehirn entstehen. Außerdem gibt es im Gehirn keinen einzelnen Ort, an dem alle Erinnerungen gespeichert werden. Verschiedene Bereiche bilden und speichern verschiedene Arten von Erinnerungen, und bei jeder davon können unterschiedliche Prozesse am Werk sein. Emotionale Reaktionen wie Angst hängen beispielsweise eng mit jener Hirnregion zusammen, die als Amygdala bezeichnet wird. Erinnerungen an erlernte Fähigkeiten werden wiederum mit dem Striatum assoziiert. Der Hippocampus spielt eine entscheidende Rolle beim Entstehen, Speichern und Abrufen deklarativer Erinnerungen.
Neuronale Grundlagen des Gedächtnisses
Seit den 1940ern vermuten Wissenschaftler, dass Erinnerungen in Neuronengruppen gespeichert werden, die man auch als Zellverbände bezeichnet. Diese vernetzten Zellen feuern gemeinsam in Reaktion auf einen Stimulus, beispielsweise das Gesicht eines Freundes oder der Geruch von frisch gebackenem Brot. Je öfter die Neuronen gemeinsam feuern, desto stärker wird ihre Verbindung zueinander. Wenn die Zellen dann in Zukunft von einem Stimulus getriggert werden, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass der gesamte Zellverband reagiert. Die kollektive Aktivität der Nerven transkribiert dann das, was wir als Erinnerung erleben.
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Damit aus einer Kurzzeiterinnerung eine Langzeiterinnerung wird, muss sie gestärkt werden, um langfristig gespeichert zu werden. Diese Konsolidierung wird vermutlich durch mehrere Prozesse erreicht. Bei der Langzeit-Potenzierung werden einzelne synaptische Verbindungen abgewandelt. Durch diese langfristige Veränderung der Verschaltungen zwischen den Synapsen können Erinnerungen stabilisiert werden. Wissenschaftler konnten sich die Details der Langzeit-Potenzierung durch Studien an Kalifornischen Seehasen erschließen.
Das Abrufen von Erinnerungen
Wenn wir eine Erinnerung abrufen, kommunizieren unterschiedliche Teile unseres Gehirns miteinander, darunter auch Regionen in der Großhirnrinde, die für die Informationsverarbeitung zuständig sind; Regionen, die unsere Sinneseindrücke verarbeiten; und der mediale Teil des Temporallappens, der bei der Koordination des Prozesses behilflich zu sein scheint.
Dennoch bleiben viele Geheimnisse des Gedächtnisses noch ungelüftet. Wie genau werden Erinnerungen innerhalb von neuronalen Gruppen kodiert? Wie weit sind jene Nervenzellen über das Gehirn verteilt, die eine bestimmte Erinnerung kodieren? Inwiefern entspricht unsere Hirnaktivität unserem Erleben von Erinnerungen? Aktuelle Forschungen haben beispielsweise gezeigt, dass manche Erinnerungen bei jedem Abrufen erneut konsolidiert werden müssen. Das würde bedeuten, dass der Akt des Erinnerns eine bestimmte Erinnerung zeitweise formbar machen würde - sie könnte dann je nach Bedarf gestärkt, geschwächt oder sonst wie verändert werden.
Die Vergessenskurve
Die Vergessenskurve von Prof. Ebbinghaus zeigt auf, dass man nach 20 Minuten nur noch 60 % eines aufgenommenen Textes abrufen kann. Nach 60 Minuten steigt die Vergessenskurve an, sodass die Abrufmenge bei 45 % liegt und nach 24 Stunden bei 34 %. Nach 6 Tagen kommt die Vergessenskurve auf 23 %. Konstant bleiben nur 15 % der erlernten Texte gespeichert. Um seine Gedächtnisleistung als Grundlage für die Vergessenskurve zu messen, lernte Prof. Ebbinghaus inhaltslose Sätze auswendig. Er prägte sie sich so lange ein, bis er sie korrekt wiedergeben konnte. Zu unterschiedlichen Zeiten wurde festgehalten, welchen Inhalt Prof. Ebbinghaus wiedergeben konnte.
Der Verlust von Erlerntem und somit der Verlauf der Vergessenskurve hängt von der Zusammensetzung des zu lernenden Stoffes zusammen. Gängige Wortzusammensetzungen haften besser im Gedächtnis als zufällig zusammengesetzte Silben. Kritiker von Ebbinghaus warfen ihm vor, dass als Grundlage für die von ihm aufgestellte Vergessenskurve nur zufällig zusammengesetzte Silben verwendet wurden. Trotzdem wird er als Pionier der um 1885 nur marginal etablierten Gedächtnisforschung bezeichnet. Eine Vielzahl von Forschern, darunter der Göttinger Psychologie Georg Elias, bestätigten die Ergebnisse von Prof. Ebbinghaus.
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Veränderung der Vergessenskurve durch „Mindmapping“
Die Wiedergabefähigkeit des Gedächtnisses hängt von der Art der aufgenommenen Textinhalte ab. Je nach Art verändert sich der Verlauf der Vergessenskurve. Sehr hilfreich in diesem Zusammenhang ist das sogenannte Mindmapping, das von dem Kreativitätsforscher Tony Buzan erfunden wurde. Die hier angewandte Notiz- und Merktechnik umfasst die Sammlung und Strukturierung von Ideen. Dadurch werden beide Gehirnhälften in Form eines Wechselspiels miteinander verbunden. Bei der Darstellung des Sachverhaltes wird auf Kernwörter, Farben und Bilder zurückgegriffen, um dadurch auch eine visuelle Unterstützung zu erhalten. Dadurch erhält die Vergessenskurve einen ganz anderen Verlauf. Mindmapping kann somit zur Vermittlung von Kernaussagen bei Verkaufspräsentationen, Bewerbungen etc. eingesetzt werden.
Beeinflussung der Vergessenskurve durch Gedächtnistraining
Im Gehirn sind Inhalte häufig miteinander verbunden. Wenn wir zum Beispiel einen bestimmten Begriff suchen, stellt das Gehirn eine Verbindung zu anderen Faktoren her. Dadurch können wir auf das „Gesuchte“ zurückgreifen. Jede Sekunde entstehen im Gehirn zahlreiche Verbindungen mit den entsprechenden Nervenzellen. Ungenutzte Verbindungen werden gleichzeitig unterbrochen - wir vergessen den Inhalt. Nur durch ständiges „Üben“ lässt sich verhindern, dass die im Gehirn gespeicherten Informationen verloren gehen. Dadurch bleiben die Nervenverbindungen dauerhaft bestehen. Verknüpfen und Üben ist der Kern, aus dem das Gedächtnistraining besteht und dadurch wird auch die Vergessenskurve positiv beeinflusst.
Das Gehirn verarbeitet die aufgenommenen Informationen sehr wirtschaftlich. Die Ergebnisse, auf die in der Zukunft zurückgegriffen werden muss, kommen in das Langzeitgedächtnis. Kognitive Forschung beschäftigt sich unter anderem damit, entsprechende Vorgehensweisen zu entwickeln, die Informationen ökonomisch in das Langzeitgedächtnis befördern und dort verankern. Eine dieser Methoden, die verstärkt auch im Unterricht eingesetzt wird, ist die intervallgesteuerte Wiederholung von wichtigen Daten. Dieses System arbeitet nach dem Grundsatz: Anhand der Häufigkeit der Wiederholung erkennt der Filtermechanismus die Wichtigkeit der Information und legt diese im Langzeitgedächtnis ab. Dies ist eine Möglichkeit, die Vergessenskurve zu beeinflussen. Im Alltag findet die Methode jedoch zu selten Anwendung. Denn viele vergessen, übernommene Informationen kontinuierlich zu wiederholen.
Möglichkeiten, das Gedächtnis zu stärken
Es gibt viele hilfreiche und natürliche Möglichkeiten die Gedächtnisleistung positiv zu beeinflussen:
- Um geistige Degeneration zu verhindern, sollte man sein Gedächtnis regelmäßig trainieren. Hierzu gehören kontinuierliches Lesen und Kopfrechnen. Am effektivsten gestaltet sich jedoch ein gezieltes Gehirntraining.
- Sauerstoff ist die Grundlage, damit unser Gehirn vernünftig arbeiten kann. Deshalb ist regelmäßiges „Lüften“ Grundvoraussetzung für eine gute Gedächtnisleistung.
- Um Sauerstoff längere Zeit im Gehirn zu binden, benötigt man den Blattfarbstoff Chlorophyll, der in Spinat, grünen Bohnen und Salat vorkommt.
- Um die Synapsen-Aktivität des Gehirns anzuregen, wird der Nervenbotenstoff Cholin, sowie B-Vitamine benötigt. Diese sind insbesondere in Nüssen enthalten.
- Um Müdigkeit und Konzentrationsstörungen sowie Kopfschmerzen zu vermeiden, benötigt der Körper genügend Wasserzufuhr.
- Um die Stressreaktivität im Gehirn zu reduzieren und das Erinnern zu erleichtern, ist die Zufuhr von größeren Mengen von DHEA (Dehydroepiandrosteron) förderlich. Diese Zufuhr kann durch den verstärkten Genuss von Kakao erreicht werden.
- Um dem Gehirn längerfristige Energie zu verabreichen, ist das Essen von komplexen Kohlenhydraten sehr hilfreich. Hierzu eignen sich beispielsweise Haferflocken.
Wenn man diese einfachen Ratschläge befolgt, lässt sich die eigene Vergessenskurve maßgeblich verbessern.
Intentional Forgetting in Organisationen
Ein schlechtes Gedächtnis wird landläufig noch immer als etwas Negatives angesehen. Nur ein fittes Gedächtnis ist ein gutes Gedächtnis. Das Vergessen dagegen gilt als Schwäche oder Alterserscheinung, in seiner radikalsten Form gar als unheilbare Krankheit. Längst aber haben Hirnforscher damit begonnen, sich für eine besondere Fähigkeit des menschlichen Gehirns zu interessieren: die Kunst, Dinge vergessen zu können. Diese Fähigkeit wollen Wirtschaftsinformatiker und Psychologen der Universität Münster sich im Rahmen eines interdisziplinären Tandemprojekts zum Vorbild nehmen und auf die Informationssysteme von modernen Organisationen, vor allem Fabriken und Verwaltungen, übertragen.
"Die Fähigkeit, vergessen zu können, ist eine ganz wichtige Grundfunktion des menschlichen Gedächtnisses", unterstreicht der geschäftsführender Direktor des Instituts für Psychologie, Prof. "Ohne sie wären Menschen sehr schnell nicht mehr handlungsfähig." Um im digitalen Zeitalter nicht von der Informationsflut erschlagen zu werden, sei das absichtliche Vergessen sowohl für den Einzelnen wie für ganze Organisationen entscheidend wichtig, weil sie sonst die Mitarbeiter in Unternehmen unter Stress setzt. "Aus Angst, etwas Wichtiges zu vergessen, verlieren sie dann den Blick auf die wirklich wichtigen Informationen", erklärt der Psychologe.
Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 7, 16.
Lernen und Vergessen auf zellulärer Ebene
Wissenschaftler beginnen zu verstehen, was im Gehirn passiert, wenn es lernt oder vergisst. Sicher ist, dass Veränderungen der Kontakte zwischen Nervenzellen dabei eine große Rolle spielen. Doch können solche Strukturänderungen auch das bekannte Phänomen erklären, dass es deutlich leichter ist, etwas Vergessenes wiederzuerlernen als etwas ganz neu zu lernen? Forscher am Max-Planck-Institut für Neurobiologie haben nun gezeigt, dass viele der bei einem Lernvorgang gewachsenen Zellkontakte wohl nur inaktiviert, aber nicht abgebaut werden, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Die Reaktivierung dieser "Kontakte auf Vorrat" ermöglicht das schnellere Wiedererlernen vergessener Gedächtnisinhalte.
Die Rolle von Emotionen im Gedächtnis
Unser Gedächtnis fischt emotionale Erfahrungen - sowohl rauschhaftes Wohlgefühl als auch tiefe Trauer - gezielt aus der Informationsflut. So erklärt Schacter, warum sich die TV-Sendungen vom 11. September so tief ins Bewusstsein eingegraben haben: „Traumatische Erlebnisse wie die World-Trade-Center-Katastrophe, aber auch Krieg und Zerstörung, Autounfälle oder Vergewaltigung schädigen unser Gedächtnis nachhaltig.“ Trauma-Opfer, welche die Verwüstung direkt erlebt haben, quälen Albträume, Schlaflosigkeit oder Konzentrationsstörungen. Kriegsveteranen leiden oft ein Leben lang unter den Schreckensbildern.
Selbst bei Menschen, welche die Katastrophe nur indirekt im Fernsehen verfolgt haben, werden die Gefühle vom 11. September wie auf Knopfdruck reaktiviert. Wann immer wir die Türme auf dem Bildschirm einstürzen sehen oder neue Berichte über Biowaffen-Anschläge lesen, wird die Ursprungsangst wieder belebt. Dass wir Tragödien so gut memorieren, hat sich nach Ansicht von Forschern in den Jahrmillionen der Menschheitsgeschichte als besondere Fähigkeit herausgebildet. „Erinnerungen an traumatische Erlebnisse haben Tieren und Menschen in der Urzeit einen evolutionären Vorteil verschafft“, bemerkt der Psychologe Daniel Schacter.
Emotionen, belegen wissenschaftliche Erkenntnisse, spielen eine Schlüsselrolle beim Speichern und Abrufen von Erinnerungen. Über Augen, Ohren und Nase dringen Informationen direkt in den hochsensiblen Gefühlsfilter des Gehirns. Die Abermillionen Nervenzellen des Emotionszentrums, des Mandelkerns, messen in Sekundenschnelle den Gefühlsgehalt des Erlebten. Je mehr uns ein Ereignis aufregt, umso leichter speichert es das Gehirn. Hat der Körper bei einer Gipfeltour auf die Zugspitze Glückshormone (Endorphine) ausgeschüttet, koppelt das Gedächtnis entsprechend viele Glückspunkte an diese Erinnerung. Dann legt es sie im biografischen Gedächtnis - bei Rechtshändern die rechte Gehirnhälfte - ab.
Wut, Angst und Trauergefühle, die den Körper mit Stresshormonen überfluten, merkt sich unser Gedächtnis im Besonderen. Jede Erinnerung an vergangene Situationen aktiviert automatisch die daran gekoppelten Emotionen. Anders bei neutralem Fakten- und Weltwissen wie dem Pincode fürs Handy, Telefonnummern, Fremdsprachen oder Hauptstädten der Erde. Diese von Emotionen freien Infopakete speichert das Gehirn bei Rechtshändern in der linken Hemisphäre.
Gedächtnis im Alter
Das Älterwerden bringt eine Reihe von Risiken mit sich - unter anderem Alzheimer, Parkinson, Schlaganfälle, altersbedingte Depressionen und Schmerz. Doch es sind bei weitem nicht alle Menschen betroffen. Beim Alzheimer beklagt man ein schlechteres Gedächtnis. Das wirkliche Problem ist hier aber ein anderes. Forschungsergebnisse meines Teams weisen darauf hin, das in dem sogenannten episodischen Gedächtnis Bilder unserer persönlichen Vergangenheit vorkommen, wobei ich selber als Erlebender in meinem eigenen Bild erscheine. Das heißt, ich bin mein eigener Doppelgänger. Unsere persönliche Identität wird im Wesentlichen dadurch bestimmt, dass ich mich im Bild meiner eigenen Vergangenheit auf mich selbst beziehen kann. Dadurch erhalte und stabilisiere ich meine Identität. Das eigentlich Tragische beim Alzheimer-Patienten besteht nun darin, dass diese Möglichkeit zum Selbstbezug nicht mehr gegeben ist.
Tipps für ein gesundes Gedächtnis
Die Erkenntnisse der Hirnforschung können Antworten auf die Frage geben: Wie lade und wie nutze ich dieses Gedächtnis am besten? Geistige Aktivität ist die beste Prävention für Gedächtnisprobleme. Ich sage: Lerne jeden Tag ein Gedicht auswendig. Im Prinzip ja. Doch es geht in jedem Fall um die Eigenaktivität des Einzelnen. Besser noch, wenn es dabei eine emotionale Tönung gibt. Wir dürfen aber nicht glauben, dass das alles ohne Anstrengung möglich ist. Für Jung wie Alt gilt: Wir müssen uns konzentrieren, damit unser Gedächtnis richtig funktionieren kann. Wenn ich den Reichtum des Lebens genießen will, muss ich dem Gehirn eine Chance geben. Auch wenn man älter ist, sollte man versuchen, immer neue Erfahrungen in das Gehirn einzuspeichern. Wenn ich aber jeden Tag immer das gleiche mache, dann verliere ich die Zeit. Wenn nichts passiert, speichert man auch nichts mehr ein. Jeder Tag sollte vielmehr als eine Einheit inszeniert werden.