Die Universitätsklinik Tübingen hat sich als ein herausragendes Zentrum für neurologische Forschung und Patientenversorgung etabliert. Im Fokus stehen insbesondere neurodegenerative Erkrankungen, Bewegungsstörungen und neurovaskuläre Erkrankungen. Verantwortlich für diese Schwerpunkte sind mehrere renommierte Experten, die wir im Folgenden vorstellen werden.
Prof. Dr. Thomas Gasser: Pionier in der Parkinson-Forschung
Prof. Dr. med. Thomas Gasser ist seit 2002 Ärztlicher Direktor der Abteilung Neurologie mit Schwerpunkt Neurodegenerative Erkrankungen am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung und der Neurologischen Klinik der Universität Tübingen. Er ist ein anerkannter Neurologe und seine Forschungsschwerpunkte liegen in den genetischen und molekularen Grundlagen der Parkinson-Krankheit, Dystonien und anderer Bewegungsstörungen.
Engagement für die Parkinson Stiftung
Prof. Gassers Engagement für die Parkinson Stiftung wurzelt in seiner dreißigjährigen Erfahrung in der Behandlung von Parkinsonpatienten und der Erforschung der Parkinson-Krankheit. Er sieht, dass viel für die Patienten erreicht wurde, aber es ist ebenso klar, dass noch sehr viel mehr getan werden kann und muss. Hier kann die Parkinson Stiftung viel bewirken, daher möchte ich dazu beitragen.
Bedeutung der Parkinson Stiftung
Prof. Gasser betont die Wichtigkeit der Parkinson Stiftung, da Fortschritte in der Parkinsonforschung und ihre Umsetzung in bessere Behandlungen beschleunigt werden könnten, wenn mehr Ressourcen zur Verfügung stünden, wenn die Kräfte besser gebündelt wären und wenn die Kommunikation zwischen den beteiligten: den Patienten, Ärzten, Forschern verbessert wäre. Dazu kann die Parkinson Stiftung einen wichtigen Beitrag leisten.
Faszination an der Parkinson-Krankheit
Was Prof. Gasser persönlich an der Erforschung der Parkinson-Krankheit reizt, ist, dass die Parkinson-Krankheit erlaubt, grundlagenwissenschaftliche Erkenntnisse aus der Genetik und der Molekularbiologie für die Behandlung von Patienten einzusetzen und umzusetzen. Was wir in der Grundlagenforschung lernen ist etwas, was den an Parkinson Erkrankten in zunehmendem Maße zu Gute kommt. Die Kombination aus grundlagenwissenschaftlicher und klinischer Arbeit hat mich immer interessiert.
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Wichtigster Beitrag zur Erforschung
Einer seiner wichtigsten Beiträge zur Erforschung der Parkinson-Krankheit war die Identifizierung von Gen-Mutationen, die zu Parkinson führen können. Wir haben das Erbgut von Familien untersucht und Gen-Mutationen identifiziert, die zu Parkinson führen können. In etwa fünf Prozent der Fälle entsteht die Krankheit durch einen ererbten genetischen Defekt. Dazu gehört auch die Gen-Mutation LRRK2, der bislang häufigste erbliche Auslöser. Heute werden auf der Basis dieser Entdeckung von vielen Forschern aber auch von Pharmafirmen neue Therapien entwickelt, von denen man sich verspricht, dass sie eines Tages nicht nur die Symptome lindern, sondern den Krankheitsverlauf selbst verlangsamen oder stoppen können.
Zukünftige Änderungen in der Behandlung
Prof. Gasser sieht die Zukunft der Parkinson-Behandlung in einer personalisierten Therapie. Unsere Arbeit richtet sich im Wesentlichen darauf, dass wir auf Basis unserer genetischen Untersuchungen versuchen, für die Patienten eine personalisierte Therapie zu entwickeln. Wir wollen also über die reine Symptombehandlung hinauskommen und wirklich eine ursachenbezogene Therapie anwenden. Da sehr wahrscheinlich jeder Patient seine eigene spezifische Ursachenkombination hat, werden wir wohl nicht ein einzelnes Medikament einsetzen, sondern einen individuell zusammengestellten "Medikamenten-Cocktail". Möglicherweise könnte es uns damit in den kommenden Jahren erstmals gelingen, eine Therapie zu entwickeln, die tatsächlich den Krankheitsverlauf relevant verlangsamt.
Rat an junge Ärzte und Wissenschaftler
Prof. Gasser rät jungen Ärzten und Wissenschaftlern, ihrem Herzen zu folgen und sich mit aller Kraft dafür einzusetzen was sie wirklich fasziniert und begeistert.
Prof. Dr. Ulf Ziemann: Innovationen in der Schlaganfallbehandlung
Prof. Dr. Ulf Ziemann ist Ärztlicher Direktor der Abteilung Neurologie mit Schwerpunkt neurovaskuläre Erkrankungen an der Klinik für Neurologie und Ko-Direktor am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH). Er widmet sich der Erforschung und Behandlung von Schlaganfällen und anderen neurovaskulären Erkrankungen.
Der TMS-Helm für Schlaganfallpatienten
Prof. Ziemann und sein Team entwickeln einen speziellen Helm für Schlaganfallpatientinnen und -patienten. Dieser Helm basiert auf der Transkraniellen Magnetstimulation (TMS). Unser Helm wird auf Grundlage der Transkraniellen Magnetstimulation, kurz TMS, arbeiten. Dabei werden durch TMS-Spulen kurze Magnetpulse induziert und Hirnaktivität stimuliert. Das soll die Hirnbereiche bei Patientinnen und Patienten reaktivieren, die durch einen Schlaganfall betroffen sind und nicht mehr richtig funktionieren. Wir beabsichtigen, mit einer TMS-Therapie die krankhaften Hirnnetzwerke in einen gesünderen Zustand zu verschieben und so Ausfallserscheinungen, wie etwa Hand- oder Armlähmungen, zu mildern.
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Fortschritte und nächste Schritte
Das Projekt ist bereits weit fortgeschritten. Wir konnten bereits mit klassischen TMS-Stimulatoren, die aus einer Spule bestehen, sehr gute Erfolge bei einzelnen Patientinnen und Patienten mit Lähmungen nach Schlaganfall erzielen. Unserer Vision - einem Stimulationshelm mit bis zu 24 TMS-Spulen - sind wir gerade eben einen großen Schritt nähergekommen. Im Augenblick richten wir den ersten Prototypen des Helms im Labor ein. Dieser besteht aus fünf Stimulationsspulen, die übereinandergestapelt sind. Jede dieser Spulen kann man einzeln entladen. Durch die Überlagerung der verschiedenen induzierten elektrischen Felder im Gehirn können wir nun räumlich sehr genau stimulieren. Wir müssen nicht mehr das Stimulationsgerät verschieben, um unterschiedliche Hirnbereiche zu erreichen. Das ist wichtig, weil höhere Hirnleistungen in räumlich ausgedehnten Hirnnetzwerken verarbeitet werden. Um krankhafte Netzwerke bestmöglich zu verändern, müssen wir sie nicht nur an einer Stelle, sondern an zwei bis drei Knotenpunkten anregen. Hierbei sind die genauen Stellen und die richtige Reihenfolge der Stimulation wichtig - und das erreichen wir am besten mit einem Helm, den man einfach aufsetzen kann. Der Prototyp zeigt, dass eine komplexe Netzwerkstimulation mit mehreren TMS-Spulen technologisch umsetzbar ist und funktioniert!
Personalisierte Hirnstimulation mit ConnectToBrain
Prof. Ziemanns Vision ist die Personalisierung der Hirnstimulation. Derzeit stimuliert man Patientinnen und Patienten mit einer TMS-Spule an einer Stelle des Gehirns und „blind“, d.h. ohne Kenntnis über die momentane Hirnaktivität und in der Hoffnung, dass schon das Richtige passiert. Unser Ziel mit ConnectToBrain ist eine komplexe Netzwerkstimulation an mehreren Stellen des Gehirns in Abhängigkeit von der aktuellen Hirnaktivität. Wir erwarten, dass diese Art der Therapie deutlich effektiver ist. Unser Ansatz ist damit in gewisser Weise revolutionär: Sollten wir erfolgreich sein, wird unser Vorgehen das der letzten 30 Jahre ablösen!
Die zweite wesentliche technologische Frage beschäftigt sich mit dem Zeitpunkt der Stimulation. Man kann sich unsere Hirnaktivität wie eine Kinderschaukel vorstellen: Je nachdem wann man sie anstößt, schwingt sie höher - oder bremst sie ab. Das gleiche gilt für unsere natürlichen Hirnschwingungen. Stimulieren wir eine bestimmte Phase der Oszillation, erreicht unser Impuls die größte Wirkung. Damit wir diesen perfekten Zeitpunkt nicht verpassen, müssen wir wissen, in welchem Zustand das zu stimulierende Gehirn sich gerade befindet. Dafür messen und werten wir die natürliche Hirnaktivität mithilfe der Elektroenzephalographie (EEG) in Echtzeit aus. Eine von uns entwickelte Software erlaubt es uns dann, auf die passende Millisekunde genau den Magnetpuls zu geben.
Bei beiden Entwicklungen arbeiten wir eng mit unseren Projektpartnern zusammen. Die Helmentwicklung wird im Wesentlichen von unserem Kooperationspartner, der Aalto Universität in Finnland, vorangetrieben. Die Software entwickeln Kolleginnen und Kollegen an der Universität Chieti-Pescara „Gabriele d’Annunzio“ in Italien. Hier in Tübingen bringen wir beides zur Anwendung an Probanden. Künftig wollen wir in die klinische Translation gehen und die innovative Technologie bei Schlaganfallbetroffenen einsetzen. Zeigen sich weitere Studien erfolgreich, werden wir versuchen, auch das Gedächtnisnetzwerk von Patientinnen und Patienten mit einer Alzheimer-Erkrankung zu behandeln. Wir gehen davon aus, dass praktisch alle Personen, bei denen Netzwerke im Gehirn gestört sind, von unserer Technologie profitieren können. Hierzu gehören häufige neurologische und psychiatrische Erkrankungen wie Parkinson, Epilepsien, Depressionen, Angststörungen, Schizophrenien und Suchterkrankungen.
Weitere wichtige Bereiche und Experten
Neben den bereits genannten Schwerpunkten gibt es in der Neurologie Tübingen weitere wichtige Bereiche, die von kompetenten Experten geleitet werden:
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- Neurorehabilitation / Neuroprothetik / Neurotechnologie: Prof. Dr. Martin Giese leitet diese Abteilung.
- Neuronale Dynamik und Magnetenzephalographie: Prof. Dr. Markus Siegel ist hierfür verantwortlich.
- Epilepsie: Die Klinik bietet umfassende Diagnostik und Therapie von Epilepsieerkrankungen an. Hierzu gehören auch genetische Untersuchungen zur Aufklärung der Ursachen. Wichtige Publikationen auf diesem Gebiet stammen u.a. von Dr. Ulrike Hedrich-Klimosch und Prof. Dr. Holger Lerche.
Kompetenznetz Parkinson (KNP)
Das Zentrum für Neurologie der Universitätsklinik Tübingen ist eines der führenden Zentren im Kompetenznetz Parkinson (KNP). Die Klinik bietet eine Spezial-Ambulanz für Patienten mit Parkinson-Syndromen und besitzt eine lange Tradition im Bereich der Parkinson-Forschung. Ferner wurden bildgebende Verfahren zur Differentialdiagnose der Parkinson-Syndrome und zur Frühdiagnose entwickelt. Auch Methoden für Langzeittremor-Ableitung werden eingesetzt. Versorgung von Patienten mit Bewegungsstörungen (u.a. TIEFE HIRNSTIMULATION: Dr. PARKINSON AMBULANZ/STUDIEN: Dr.
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