Die menschliche Wahrnehmung ist ein komplexes System, das ständig von Informationen überflutet wird. In der heutigen Zeit, in der Nachrichten über verschiedene Medienkanäle und insbesondere über Smartphones allgegenwärtig sind, stellt diese Informationsflut eine besondere Herausforderung für unsere Psyche dar. Die ständige Verfügbarkeit von Nachrichten, verstärkt durch Newsticker und Push-Benachrichtigungen, führt dazu, dass wir uns kaum von den Geschehnissen in der Welt distanzieren können. Ereignisse wie die Corona-Pandemie, der Krieg in der Ukraine oder Demonstrationen im Iran werden live und in Echtzeit verfolgt, was zu einer ständigen Konfrontation mit Negativschlagzeilen führt.
Die Auswirkungen negativer Nachrichten auf unseren Körper
Der Konsum negativer Nachrichten löst im Körper eine Stressreaktion aus. Der Anstieg von Cortisol und Adrenalin versetzt uns in einen Zustand der Alarmbereitschaft, der uns auf Kampf oder Flucht vorbereiten soll. Da diese Reaktion jedoch ausbleibt, während wir vor dem Fernseher sitzen oder auf unser Smartphone starren, verpufft die mobilisierte Energie wirkungslos.
Unser Gehirn ist evolutionsbiologisch darauf ausgerichtet, nach Gefahren Ausschau zu halten. Negative Nachrichten werden daher stärker wahrgenommen und binden unsere Aufmerksamkeit stärker als positive Meldungen. Da wir negative Nachrichten unbewusst mit Gefahren assoziieren, geraten wir in einen Zustand von Dauerstress und suchen in der Folge nach weiteren Negativschlagzeilen. Dieses Verhalten, das als Doomscrolling bezeichnet wird, kann schnell zu einem Zwang werden, bei dem wir ständig nach Informationen suchen, die unsere negative Wahrnehmung bestätigen.
Die Rolle der Medien
Medien nutzen den Negativitätseffekt, um ihre Quoten, Reichweiten oder Abo-Zahlen zu erhöhen. Da es menschlich ist, eher auf negative Nachrichten zu reagieren, setzen sie vermehrt auf Negativschlagzeilen. Dies führt dazu, dass wir die Welt oft viel schlimmer wahrnehmen, als sie tatsächlich ist. Die ständige Präsenz von Nachrichten und die Möglichkeit, live bei Ereignissen dabei zu sein, verstärken diesen Effekt und tragen dazu bei, dass wir uns dauernd angespannt und in Sorge fühlen.
Psychische Belastungen und Vulnerabilität
Die dauerhafte Konfrontation mit Negativschlagzeilen kann bei entsprechender Disposition oder Vulnerabilität das Fundament für stärkere psychische Belastungen bilden, die im schlimmsten Fall in einer psychischen Störung enden können. Insbesondere Menschen mit bereits bestehenden Depressionen oder Angststörungen sind gefährdet, durch eine unachtsame Mediennutzung einen Rückfall zu erleiden.
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Ein Beispiel hierfür ist die Flugangst, die weit verbreiteter ist als die Angst vor dem Autofahren. Dies liegt daran, dass jedes Flugzeugunglück weltweit in den Nachrichten thematisiert wird, während Autounfälle, die um ein Vielfaches häufiger passieren, nur bei vielen Opfern oder einem immensen Sachschaden in den Medien Erwähnung finden.
Erlernte Hilflosigkeit und die Auswirkungen auf Heranwachsende
Negative Nachrichten zeigen oft Sachlagen auf, ohne konstruktive Lösungsvorschläge oder Perspektiven anzubieten. Dies kann dazu führen, dass wir uns hilflos fühlen und den Eindruck haben, nichts an der Situation ändern zu können. Insbesondere Heranwachsende, die sich in einer instabilen Phase ihres Lebens befinden, in der sich ihre Sicht auf die Welt erst entwickeln muss, sind gefährdet, durch die Masse an Negativschlagzeilen eine erlernte Hilflosigkeit zu entwickeln.
Bei Depressionen spricht man von einer kognitiven Triade, die die Sicht des Menschen auf sich selbst, auf die Welt und auf die Zukunft umfasst. Diese Sichtweisen befinden sich bei Kindern und Jugendlichen noch im Entwicklungsstadium und können durch die Medienlage negativ beeinflusst werden, was den Nährboden für psychische Störungen bereiten kann, die im weiteren Verlauf des Lebens auftreten können.
Der Negativitätseffekt: Eine evolutionäre Prägung
Dass negative Eindrücke stärker wirken als positive, ist kein rein subjektives Gefühl, sondern ein gut erforschtes Phänomen, das als "Negativitätsbias" oder "Negativitätsdominanz" bekannt ist. Dieses Phänomen hat seine Wurzeln in der Evolution und wird durch die Funktionsweise unseres Gehirns sowie kognitive Prozesse verstärkt.
In der gefährlichen Umgebung unserer Vorfahren war es überlebenswichtig, Bedrohungen frühzeitig zu erkennen. Gefahren wie Raubtiere oder giftige Pflanzen konnten unmittelbar lebensbedrohliche Konsequenzen haben, während positive Ereignisse weniger entscheidend für das Überleben waren. Unser Gehirn hat sich daher darauf spezialisiert, Negatives stärker wahrzunehmen und langfristiger abzuspeichern.
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Neurobiologische Aspekte
Unser Gehirn verarbeitet negative und positive Informationen unterschiedlich. Die Amygdala, das Emotionszentrum unseres Gehirns, spielt eine Schlüsselrolle in der Verarbeitung von Emotionen, insbesondere Angst und Bedrohung. Negative Erlebnisse aktivieren die Amygdala stärker und intensiver als positive, wodurch das Ereignis prioritär abgespeichert wird. Gleichzeitig interagiert die Amygdala mit dem Hippocampus, dem Gedächtniszentrum, um sicherzustellen, dass wir uns negative Erlebnisse besser merken.
Kognitive Mechanismen
Studien zeigen, dass Verluste psychologisch etwa doppelt so stark empfunden werden wie gleich große Gewinne ("Verlustaversion"). Zudem neigen Menschen dazu, über negative Erlebnisse länger nachzudenken und sie zu analysieren ("Rumination").
Soziale und kulturelle Einflüsse
In vielen Kulturen liegt ein starker Fokus darauf, Fehler zu vermeiden oder Probleme zu lösen, was dazu führt, dass Negatives mehr Aufmerksamkeit bekommt.
Was passiert im Körper, wenn wir denken?
Jeder Gedanke löst im Gehirn eine biochemische Reaktion aus. Botenstoffe wie Neurotransmitter, Neuropeptide und Hormone werden ausgeschüttet. Bei negativen Gedanken werden beispielsweise Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol, Cytokine und Histamine ausgeschüttet, während bei positiven Gedanken Serotonin, Oxytocin, Dopamin, Endorphine und Vasopressin freigesetzt werden. Diese Botenstoffe führen zu negativen oder positiven Emotionen, die wir auch auf der Körperebene wahrnehmen, beispielsweise als Kloß im Hals, als Druck im Magen oder als verspannte Schultern.
Neuroplastizität: Die Fähigkeit des Gehirns zur Veränderung
Unser Gehirn ist lebenslang veränderungs- und lernfähig. Neue Schaltkreise werden gebildet, wenn wir Neues lernen, eine neue berufliche Herausforderung haben, uns sportlich betätigen oder meditieren. Alte Schaltkreise werden abgebaut, wenn wir sie nicht mehr nutzen, beispielsweise wenn wir einen alten Glaubenssatz, der uns blockiert hat, durch eine neue Überzeugung ersetzen.
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Wie können wir den Fokus auf Negatives durchbrechen?
Es gibt verschiedene Strategien, um den Fokus auf Negatives zu durchbrechen und Positives bewusster abzuspeichern:
- Positives intensiver erleben: Bewusst innehalten, um schöne Momente länger zu genießen. Achtsamkeit üben, um den Moment bewusst ohne Bewertung wahrzunehmen.
- Mentaltraining: Entscheiden, wie wir denken und unsere Gedanken in eine positive Richtung lenken.
- Exposition: Sich den Dingen aussetzen, vor denen wir uns zu schützen versuchen.
- Gedanken umpolen: Versuchen, alles Positive (und Neutrale) in unserem Leben bewusster wahrzunehmen und so die Aufmerksamkeit weg vom Negativen zu lenken. Ein Tagebuch führen und jeden Abend aufschreiben, was gut lief und wofür wir dankbar sind.
- Realitätscheck: Erwartungen aufschreiben, bevor wir uns einer Situation aussetzen, die schiefgehen könnte. Im Anschluss vergleichen, was wirklich passiert ist.
- Musterunterbrechung: Schnelles Stoppen der Angst mittels einer passenden Musterunterbrechung.
- Neuronale Neuvernetzung: Mentaltraining, um neuronale Neuvernetzung zu erreichen. Zehn Sätze aufschreiben, wie man sich ein sorgenfreies Leben konkret vorstellt und diese täglich für einige Minuten vergegenwärtigen.
Die Bedeutung realistischen Denkens
Es ist wichtig zu verstehen, dass die Welt nicht schwarz-weiß ist und übertriebener Optimismus nicht die Lösung ist. Sorgen, Ängste und Bedenken können auch Teil unserer Intuition sein. Das Ziel ist nicht, ab sofort jeden Tag zu 100 Prozent optimistisch zu sein und keinen einzigen negativen Gedanken mehr zuzulassen. Vielmehr geht es darum, ein realistisches, unvoreingenommenes Denken zu entwickeln, das uns hilft, die Welt differenzierter wahrzunehmen und konstruktiver mit negativen Erfahrungen umzugehen.